Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn

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       Westdeutscher Einspruch gegen Festnahmen in der DDR
       

FREIHEIT IST IMMER DIE FREIHEIT DER AUFWEICHUNG

Wie alljährlich zum Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hielt die DDR die Kundgebung "Für Sozialismus und Frieden", wobei sie heuer eine Gruppe Oppositioneller, die diese Kundgebung zu einer Demo gegen die Politik der SED ausnut- zen wollten, daran mit Polizeigewalt hinderte, an die 50 von ih- nen festnahm und Ermittlungsverfahren gegen sie einleitete. Worum ging es da: Laut CDU/CSU-Bundestagsfraktion ging es darum, "daß die DDR nach wie vor ein menschenrechtsfeindliches Regime be- treibt" (Lintner, Fraktionssprecher); laut SPD-Chef Vogel um "einen Mangel an Gelassenheit" (Frankfurter Rundschau, 20.1.); nach gleichlautender Stellungnahme von Westberliner CDU und AL um einen Verstoß gegen das "Vermächtnis von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.1.). Kurz: in der Sichtweise aller Demokraten hat die DDR sich erstens furchtbar blamiert und zweitens wieder einmal bewiesen, daß "wir" uns un- möglich mit ihr abfinden können. Da nützt es den realsozialisti- schen Chefs wenig, daß sie mit ihrer sauberen Kundgebung nur eine erzbürgerliche Erfindung kopiert haben: Opfer fremder oder frühe- rer Herrschaft zu Märtyrern der eigenen "Sache" zu ernennen und mit ihrem Gedenken den eigenen Staat als gerechte Sache zu fei- ern; dieses Staatsverherrlichungsverfahren ist keine Ostberliner Erfindung, sondern erfreut sich seit jeher im Westen größter Be- liebtheit, und das nicht nur am 20. Juli, bei KZ-Gedenkfeiern oder in Bitburg. Weiterhin erwächst der DDR keine Entlastung aus dem Umstand, daß auch bei uns keine Einladungen an die Opposition ergehen, wenn die Massen zu einer Demonstration der Einheit von Volk und Führung gerufen werden - z.B. zu einer öffentlichen Re- krutenvereidigiing. Wenn nämlich hierzulande trotz polizeilicher Vorfeldkontrollen einige Trillerpfeifen und verkehrte Transpa- rente an den Ort der Feierlichkeit vordringen und daraufhin mit Polizeiknüppeln traktiert sowie gerichtlich verfolgt werden, dann verteidigen Polizei und Justiz die Demonstrationsfreiheit, wäh- rend der Stasi ein einziger Verstoß gegen dieses Grundmenschen- recht ist. Und wo die DDR sich als waschechter Rechtsstaat auf- führt - für jede Handlung, die den Regierenden nicht paßt, gibt es längst mindestens einen Paragraphen, der sie unter Strafe stellt und ggf. zur Anwendung gebracht wird -, da entlarvt sie sich in Demokratenaugen als Unrechtsstaat, dem es nicht zusteht, seine Opposition zu kriminalisieren. Drüben eine andere Obrigkeit zu fordern, ist eben nach hiesigem Recht schlechthin rechtens. Das steht schon in unserem Grundgesetz, läßt sich aber in diesem Falle auch so ausdrücken, daß regierende Christen, die über drei Geheimdienste, ein perfektes Demonstrationsstrafrecht etc. pp. verfügen, den SED-Kommunisten den Satz von Rosa Luxemburg entge- genschmettern: "Die Freiheit ist immer die Freiheit des Anders- denkenden". M.a.W.: Kommunisten, raus aus der DDR. Wenn die "Frankfurter Rundschau" feststellt: "Im September konnten Gruppen, die unter dem Dach der evangeli- schen Kirche arbeiten, mit eigensinnigen Parolen am Olof-Palme- Friedensmarsch in der DDR teilnehmen... Doch der Olof-Palme-Marsch fand unmittelbar vor dem Besuch von Erich Honecker in der Bundesrepublik statt, und Honecker konnte sich mit dem Marsch in Bonn auch noch rühmen" (19.1.) - dann ist diesem Kommentar der ganze Ärger darüber zu entnehmen, daß es immer noch in der politischen Kalkulation der DDR steht, wie weit sie auf das westdeutsche Bedürfnis nach Systemopposition im Osten eingeht. Gewohnt pfäffisch in diesem Zusammenhang der SPD-Vogel! Er vermißt bei der SED die demokratische "Gelassen- heit" gegenüber Demonstranten und tut so, als wüßte er besser als die Regierenden in Ost-Berlin, welche staatliche Kontrolle über "Andersdenkende" ihnen frommt, nämlich keine. Hingegen beansprucht die SPD ein Kontrollrecht über den DDR-Staatsschutz und begründet das mit dem gemeinsamen Papier von SPD und SED namens "Der Streit der Weltanschauungen und die gemeinsame Sicherheit". Das ganze demokratische Spektrum von schwarz bis grün beruft sich auf Gorbatschow und Glasnost, um unser bundes- deutsches Recht auf Aufweichung (zumindest!) des staatlichen Um- gangs der DDR mit ihren Untertanen geltendzumachen und behauptet, daß die DDR-Regierenden "im Vergleich zum jungen Generalsekretär der KPdSU allmählich ins Greisenalter kommen" (Frankfurter Rund- schau, 19.1.). Das "Meinungsmonopol", der SED, "und das heißt bei der SED natürlich hier zugleich ihr Machtmonopol; (dies.) sind nach bundesdeutschem Beschluß der Schnee von gestern, die drüben haben es nur noch nicht eingesehen. Oder wie Kanzler Kohl hier sagt: Vor der Geschichte hat die deutsche Teilung keinen Bestand, auch wenn wir momentan noch nicht über alle nötigen Mittel verfü- gen, sie zu beenden. * Theoretisches PS für Freunde von Rosa Luxemburg: Mit ihrem Satz "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" hat sie sich dafür verwandt, daß Einwände angehört und bedacht werden. Dieses Anliegen geht in Ordnung. Aber als Urteil über die politi- sche Freiheit ist der Satz verkehrt. Wer eine Meinung und erst recht wer einen Einwand hat, der sagt das auch. Dazu braucht er keinen Staat. Wenn aber ein Staat das freie Meinen erlaubt, dann erklärt er seine Zuständigkeit auch noch für das Denken seiner Bürger: daß sie ihre Meinung vertre- ten, hängt von ihm ab. Es liegt in der Konsequenz dieser Zustän- digkeit, daß er die Erlaubnis nur gewährt, damit - und solange - die Meinungen politisch konform ausfallen. Der Zweck der demokra- tischen Meinungsfreiheit ist die freiwillig konforme Meinung, und in der BRD ist er ziemlich vollkommen realisiert. Wem das Wesen freiwilliger Selbstgleichschaltung so gut gefällt, daß er es nach Osten exportiert haben möchte, der soll gefälligst aufhören, diesen Imperialismus mit toten Kommunisten zu schmüc- ken. Wer aber einen Einwand gegen diesen Freiheitsladen hat, der soll zusehen, daß er ihn durchsetzt, statt sich mit der Parole "Freiheit" in ihn einzuordnen. zurück