Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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Das fanatische Bemühen nicht weniger DDR-Bürger, ihren Staat zu
verlassen und in die BRD zu gelangen, wird von den Bonner Groß-
deutschland-Politikem zynisch b e n u t z t: als Rechtstitel
dafür, den feindlichen Kommunisten drüben in ihr Regierungshand-
werk zu pfuschen und auf die Auflösung ihrer Staaten hinzuwirken
- "mit friedlichen Mitteln", wie immer betont wird, weil das An-
liegen selbst alles andere als friedlich ist. Die Verrücktheit,
für einen "Neubeginn" im "Goldenen Westen" das gesamte bisherige
Leben dranzugeben, wird durch die Bonner Regierungspropaganda
nicht bloß benutzt, sondern auch nach Kräften g e f ö r d e r t;
das gibt es sonst nirgends auf der Welt, daß ein ganzes Staats-
volk ständig mit dem "großherzigen Angebot" eines feindlichen
Nachbarns belämmert wird, jedem "Rübergemachten" ohne weiteres
einen Paß auszustellen.
Bleibt dennoch die Frage, warum dieses "Angebot" v e r-
f ä n g t:
WARUM WOLLEN SO VIELE DDR-BÜRGER 'RÜBER?
Wegen der demokratischen Meinungsfreiheit hierzulande?
Nun, so erfahren in den gültigen politischen Sprachregelungen
sind DDR-Aussiedler und Flüchtlinge allemal, daß sie wissen, wie-
viel Wert hierzulande auf dieses "Argument" gelegt wird; entspre-
chend leicht geht es ihnen über die Lippen. Ob es deswegen aber
auch schon stimmt? Die Probe darauf kann - bis zu einem gewissen
Grade - jeder selbst vornehmen: Wem ist die eigene Meinung denn
schon so viel wert, daß er für die bloße Erlaubnis, sie zu äu-
ßern, allerhand Unannehmlichkeiten auf sich nehmen würde? Wer
macht sich überhaupt die Mühe, sich eine so kritische Meinung zu-
zulegen, daß sie allem widerspricht, was offiziell als
"vernünftig" gilt? Das hierzulande übliche Spotten, Meckern und
Jammern ist auch drüben nicht verboten! Und umgekehrt: Wer seine
Urteile über verkehrte und schädliche herrschende Zwecke in sei-
nem Staat ernst und wichtig nimmt, wird der sich unter einer Mei-
nungsfreiheit wohlfühlen, die kritische Urteile nur erlaubt, wenn
sie sich als folgenloses privates Gemecker bekennen? Denn wo die
Ablehnung "vernünftiger" Einrichtungen, wie gut begründet sie
auch immer sein mag, praktischen Einfluß gewinnen will, hört ge-
rade im Reich der demokratischen Meinungsfreiheit die Toleranz
sehr schnell auf, und die strafrechtliche Würdigung setzt ein.
Kommen DDR-Bürger dann vielleicht wegen dem g r ö ß e r e n
W o h l s t a n d so gerne rüber?
Die bundesdeutsche Kaffee-Industrie und die Bananen-Importeure
sehen das sicher so. Denn ihre Handelsartikel sind drüben be-
gehrt, aber arg knapp. Wer das reichliche Angebot westdeutscher
Kaufhäuser für einen guten Grund hält, unbedingt aus der DDR raus
zu wollen, dürfte allerdings mit ziemlicher Sicherheit eine Klei-
nigkeit übersehen haben: den gar nicht knappen P r e i s der
reichlich vorhandenen Güter. Gerade die schönsten Sachen werden
ja bekanntlich genau deswegen in begrenzter Reichlichkeit in den
Warenhäusern angeboten, weil ein hoher Preis sie vor einem allzu
allgemeinen Zugriff "schützt". über dieses Grundgesetz der freien
Marktwirtschaft mag mancher DDR-Bürger sich täuschen; die hierzu-
lande üblichen Mieten halten die drüben sowieso für eine kommuni-
stische Propagandalüge, bis sie selbst in die Verlegenheit kom-
men, sie zahlen zu müssen. Aber ob wirklich ein I r r t u m et-
liche zehntausend DDR-Bewohner herübertreibt?
Nun gibt es sicher eine Minderheit darunter, für die der Traum
vom größeren Wohlstand nicht unbedingt eine Illusion ist, die
sich vielmehr wirklich was ausrechnen können, wenn sie sich in
den Westen absetzen. Das gilt nicht einmal bloß für intellektu-
elle Dissidenten - Dichter, Sänger, Philosophen deren tiefempfun-
denes seelisches Leiden unter der Knute realsozialistischer
Kunstfeinde sich hierzulande allemal gut vermarkten läßt; je ver-
rückter und reaktionärer, desto besser. Auch Ärzte mögen kalku-
lieren, daß eine freie Praxis im Dienste des sozialstaatlichen
Gesundheitswesens der BRD dickere Autos und Sparkonten garantiert
als der Dienst in einer sozialistischen Poliklinik. Aber worauf
sollte ein normaler "Werktätiger" - wie "Arbeitnehmer" drüben
heißen - die Hoffnung gründen, ihm müßte es im "Reich der Frei-
heit" materiell besser gehen? Für so einen besteht der ganze Un-
terschied zwischen Ost und West in Sachen W o h l e r g e h e n,
objektiv betrachtet, in den Grundsätzen und Verfahrensweisen,
nach denen seine Hoffnung darauf und sein Bemühen darum
z u s c h a n d e n wird:
- Der "realsozialistische" Staat der DDR empfiehlt sich seinen
Bürgern als der allzuständige Organisator aller Produktions-
"Schlachten" und Versorgungs-"Siege", plant eine immer bessere
und umfassendere Bedürfnisbefriedigung - und nimmt dafür seine
Leute in die Pflicht, "erst einmal" i h m einen immer größeren
Reichtum zu erarbeiten. Dessen "Ausschüttung" auf die Häupter der
nationalen "Betriebsfamilie" läßt allerdings auf sich warten. Die
Akkumlation staatlich verfügbarer Gelder w i d e r s t r e i-
t e t einem fröhlichen Wohlstand derer, die dafür schaffen und
zahlen.
- Der "marktwirtschaftliche" Staat der BRD überläßt die Beliefe-
rung der Märkte und das Geldverdienen den Unternehmern, die sich
um die Mehrung ihres - bzw. des bei ihnen investierten - Privat-
eigentums kümmern. Er empfiehlt sich als Helfer beim Geschäftema-
chen und Garant der K o n k u r r e n z, der alle seine Bürger
sich stellen müssen - die einen mit ihrem Geld, die vielen ande-
ren mit ihrer Arbeitskraft. Das Ergebnis entspricht den Voraus-
setzungen: Geld wird verdient durch viel Leistung und wenig Lohn.
S o begutachten DDR-Bürger, die unbedingt in den "goldenen We-
sten" wollen, die Sachlage offenbar nicht. Was ihnen in die Augen
sticht, das muß der U n t e r s c h i e d in den Verfahrenswei-
sen wirtschaftlicher Menschenbenutzung sein. Wo dieses Mittel
"Plan" heißt, sehen sie sich einer Staatsgewalt gegenüber, bei
der sie sich keine Chancen mehr ausrechnen. Wo das Mittel
"G e l d" heißt, sehen sie eine Welt von C h a n c e n - eine
ganze gesellschaftliche Klasse steht hierzulande dafür ein, daß
man mit Geld tatsächlich r e i c h werden kann. Es g i b t
ihn: den p r i v a t e n W e g z u m G l ü c k.
Zwar beruht der Erfolg dieses Weges völlig dar auf, daß die lohn-
arbeitende Mehrheit dieser Gesellschaft ihr Leben lang dem Geld
hinterherläuft, ohne genug davon zu verdienen. Und ein rüberge-
machter "Werktätiger" aus der DDR gehört ganz sicher zur großen
Masse derer, für die das Privateigentum, das glücklich und zu-
frieden macht, ein lebenslängliches I d e a l bleibt. Aber das
zu durchschauen; zu merken, daß die demokratische Staatsgewalt
mit dem kapitalistischen G e l d den Mißerfolg der normalen
"Arbeitnehmer" noch viel perfekter garantiert als die volksdemo-
kratische drüben mit ihrem realsozialistischen "P l a n": Das
wäre ja geradezu - K o m m u n i s m u s.
Und dazu sind die Bürger der DDR offenbar nicht erzogen worden.
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