Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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Gehen wir doch mal nach drüben, in
DIE DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK
Daß die Zustände in der DDR ziemlich unerträglich sind, weiß bei
uns jeder ganz genau. Und dazu muß man sich gar nicht erst drüben
umgeschaut haben, das erfährt man hierzulände schon aus dem
Grundgesetz, täglich aus der "Bild"zeitung und aus Bonn. Aber was
ist denn in der DDR eigentlich so anders, so viel schlimmer als
hier?
Weder sehr Reiche noch sehr Arme
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Man hat seine Arbeit, seine Ferien, seine Familie, spart sich et-
was Besseres zusammen und geht dann in Rente. Daß man für einen
VEB arbeitet statt für eine AG oder GmbH, für den Staatshaushalt
statt für eine Firmenbilanz und Stoltenberg - der Unterschied ist
ja nun für Arbeiter nicht so übermäßig bedeutsam. Die Millionäre
und Milliardäre, die Flicks und Brauchitsch, die es in der DDR
nicht gibt, warum sollten die ausgerechnet Arbeitern fehlen? Daß
die happigen Unterschiede in Sachen Bankkonto, das Nebeneinander
von stinkreich und bettelarm im sozialistischen Deutschland ent-
fallen, das mögen ja Bessergestellte geschmäcklerisch als graue
kleinbürgerliche Spießergesellschaft abtun - Leute, die in ihrem
Leben nie über Lohnstufe... hinauskommen und periodisch am Mo-
natsende ihr Konto überziehen, sollten sich das Geschwätz über
die "Chancen", die man in der DDR nicht hat, sparen und sich bes-
ser überlegen, warum aus ihren immerzu nichts wird.
Aber - insgesamt sollen die Leute drüben doch ärmer sein, lebens-
standardmäßig und so. Das kommt ganz drauf an. Alles, was man
braucht, Lebensmittel, Kleider, Wohnung usw. ist nämlich spott-
billig, weshalb westdeutsche Arbeiter, wenn sie drüben auf Mon-
tage sind, am Wochenende ihr Auto vollpacken und ihre Familie mit
Mitbringseln aus dem sozialistischen Armenhaus eindecken. Bei den
Sachen, die über das Lebensnotwendige hinausgehen, da muß man un-
ter Umständen sehr viel mehr Geld hinlegen; manchmal sind sie
auch gar nicht zu haben. Geschäftstüchtige Marktstrategen, die
mit Billigausgaben von ehemaligen Luxusgütern auch noch den be-
schränkten Geldbeutel der kleinen Leute für sich erschließen, die
gibt's im Sozialismus nun mal nicht. Statt dessen einen Plan mit
seinen Prioritäten. Und der legt in erster Linie Wert darauf, daß
alle Leute ihr Auskommen h a b e n, daß sich niemand um das Le-
bensnotwendige Sorgen machen muß. Da gibt es denn das für west-
deutsche Arbeiter ziemlich unbekannte Phänomen, daß die Leute an-
sehnliche Sparguthaben ansammeln, weil es soviel Angebote, die
einem das Geld aus der Tasche ziehen, gar nicht gibt. Und auf der
anderen Seite sind Arbeiter, die sich einen Hausbau oder eine Wo-
chenenddatscha leisten, keine Seltenheit. Und das, ohne befürch-
ten zu müssen, bei der nächsten Zinssteigerung oder Entlassungs-
welle hoffnungslos ruiniert zu sein.
Eines übersieht nämlich das mitleidige Getue mit dem mickrigen
Lebensstandard hinter der Mauer hartnäckig: Der glorreiche Durch-
schnitt westdeutschen Reichtums ist eben ein Durchschnitt, unter
dem eine beträchtliche Anzahl von Leuten auskommen muß. Der
"Arbeiter- und Bauern-Staat" drüben hat dagegen das Versprechen
wahrgemacht, daß jeder ein Recht auf Arbeit, das heißt ein Ein-
kommen haben soll, von dem man leben kann, ohne ständig rechnen
oder befürchten zu müssen, daß man ohne eines dasteht. Und so ein
Dasein, in dem Existenzsorgen, Sozialfälle, Fürsorge, Obdachlose
und Arbeitslose einfach nicht vorkommen, sollte so schrecklich
sein? Bloß weil es das Gegenstück, protziger öffentlicher Reich-
tum, Großverdiener und Luxusgeschöpfe nicht gibt?
Keine Arbeitshetze und Arbeitslosigkeit,
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statt dessen Planerfüllung und sozialistischer Wettbewerb
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Die andere Seite, die die Bewohner der Westzone gerne übersehen,
wenn sie über die Verhältnisse in der DDR herziehen, ist die Ar-
beit. Die Leistung, die man bringen muß und die mehr als das
halbe Leben ist, weil so ziemlich das ganze davon bestimmt ist.
Westdeutsche Arbeiter, die drüben Aufträge zu erledigen haben,
sind immer sehr erstaunt, wie gemächlich es in den Fabriken zu-
geht. Solche technischen Errungenschaften wie ein minutiös ausge-
klügelter Arbeitstakt und bis ins letzte durchrationalisierte Ar-
beitsplätze sind in den DDR-Fabriken keine Selbstverständlichkei-
ten. Da wird zum Teil noch an Geräten gearbeitet, die hierzulande
als vorsintflutlich gelten. Oder es gibt auch mal nichts zu tun,
weil Zulieferungen ausgeblieben sind. Statt so etwas unbesehen
als Beleg für die Überlegenheit der Marktwirtschaft zu nehmen,
sollte man lieber mal zwei Sachen unterscheiden. Das Eine: Drüben
werden die Arbeiter nicht mit einem technischen Fortschritt trak-
tiert, der jede Arbeitsminute auslastet und jede Vereinfachung
der Arbeit dazu benützt, Löhne und Leute überflüssig zu machen
und auf die Straße zu setzen. Das hat zwar die Folge, daß auf der
einen Seite der Ausstoß der Produktion nicht so sprunghaft ge-
steigert und der Markt mit Waren überschwemmt wird. Aber auf der
anderen Seite heißt es eben auch, daß der Verschleiß in der Ar-
beit längst nicht so ausfällt, daß das Arbeitsleben ständig Inva-
lide, Kaputtgemachte oder eben auch Arbeitslose ausmustert. Man
kann es sich in der Arbeit vielmehr so einrichten, daß man auch
nachher am Feierabend oder als Rentner - seine sieben Sinne noch
soweit beisammen hat, um das Leben genießen zu können.
Wenn hierzulande immer auf die Spruchbänder, Plakate und Appelle
verwiesen wird, mit denen die Arbeiter drüben dazu aufgefordert
werden, sich für die Planerfüllung, sparsamen Materialverbrauch,
für ein Übersoll oder für ganz viel Qualität extra zum x-ten Par-
teitag stark zu machen, dann soll man dem entnehmen, daß drüben
eine unglaubliche Ausbeutung stattfindet. Dabei beweisen diese
Veranstaltungen geradezu das Gegenteil. Da wird nämlich gar nicht
einfach durch ein paar technische Änderungen am Produktionsprozeß
vermehrt Leistung abverlangt, da werden nicht einfach Überstunden
oder Sonderschichten angesetzt, die man dann ohne Widerspruch zu
erledigen hat. Das ganze Theater, was für ein paar Stunden Mehr-
arbeit veranstaltet wird oder um die Arbeiter anzumachen, sich
Verbesserungen für ihre Fabrik auszudenken, beweist, daß die Par-
tei gar nicht selbstverständlich Leistung auf Kommando abverlan-
gen kann. Wo niemand fürchten muß, seinen Arbeitsplatz zu verlie-
ren, wo gerade die Störungen im Arbeitsablauf dafür sorgen; daß
die VEBs bei ihrer Planerfüllung sehr darauf angewiesen sind, daß
sich ihre Belegschaften nach solchen "Pausen" auch mal wieder ex-
tra reinhängen, um das Soll doch noch zu erfüllen, da genießen
Arbeiter ein paar bescheidene Freiheiten, ihren Einsatz zu kalku-
lieren. Sie können sich durchaus aussuchen, bei welcher
"Initiative" sie mitmachen, für welche in Aussicht gestellte Prä-
mie sie sich anstrengen oder auch nicht. Und weil die Betriebe
ihre Mannschaften immer wieder für von oben erwünschte Sonderein-
sätze mobilisieren, sichern sie sich umgekehrt deren Einsatzbe-
reitschaft durch Hilfsleistungen, wie sie hierzulande völlig un-
bekannt sind. Daß jeder VEB seiner Belegschaft Sozialeinrichtun-
gen, Kinderkrippen, Sportanlagen und Kulturveranstaltungen bie-
tet, ist ohnehin selbstverständlich. Man kann aber auch mit Un-
terstützung für Wohnungsbau oder -renovierung rechnen oder nach
Feierabend die Werkstätten für eigene Reparatur- oder Bastelar-
beiten benützen. Soweit "volkseigen" ist die Produktion drüben
schon. DDRler, die rübergemacht haben, wundern sich, dann immer
sehr darüber, daß man hierzulande noch für die kleinste Dienst-
leistung, für jede ausgeliehene Gerätschaft Geld hinlegen muß.
Sicher, das alles ist auch nicht gerade eine besonders zweckmä-
ßige Organisation der Arbeit; eine, die auch den Arbeitstag ver-
kürzen würde. Und das liegt an den merkwürdigen Planungsmethoden,
die in der DDR angewandt werden. Es wird nämlich gar nicht ein-
fach geplant, was und wieviel produziert werden soll und wie mög-
lichst produktiv gearbeitet werden muß. Die Kapitalisten, west-
deutsch: Unternehmer, hat man zwar abgeschafft, sich aber auf
merkwürdige Weise auch wieder zum Vorbild genommen: Aus deren
Wirtschaften hat man sich ein paar Rezepte zurechtgelegt, die die
Produktion "stimulieren" sollen. Die Arbeitskollektive werden
dazu angehalten, Überschüsse in Geld zu erwirtschaften und die
Produktionsmittel als Kosten zu betrachten, an denen gespart wer-
den muß. Und das soll, nach Auffassung der Planungsfachleute, der
direkte (Um-)weg dazu sein, daß möglichst viel, möglichst quali-
tätsvoll und möglichst produktiv produziert wird. In der Praxis
führt das zu Rechnungen, nach denen es sich z.B. gar nicht immer
lohnt, sich um fortschrittliche Techniken zu kümmern, sondern die
Maschinen ausgenützt werden, solange es nur irgend geht. Oder das
Zeug wird produziert, mit dem ein Betrieb am bequemsten Gewinn
machen kann, und anderes, das ebenso benötigt wird, fehlt dann
eben. Was alles kein Beweis dafür ist, daß Planungen Ding der Un-
möglichkeit ist - es wird ja gar nicht nach den dafür einzig
tauglichen Gesichtspunkten geplant, nämlich danach, was gebraucht
wird und wie man es am zweckmäßigsten herstellt.
Kein Kohl, sondern ein Honecker.
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Kein Dauerwahlkampf, dafür mehr Fähnchenschwenken
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Aber - wie hierzulande behauptet wird - so eigentlich unerträg-
lich sind die Zustände in der DDR schließlich deswegen, weil der
Staat, einen nirgendwo in Ruhe läßt. Sicher, daß sich jeder am
politischen Leben "beteiligt", daran ist der SED sehr gelegen.
Das organisiert sie regelrecht, so daß man, um an irgendwelche
Vergünstigungen heranzukommen, oder wegen der Karriere schon in
irgendeiner "gesellschaftlichen Organisation" drin sein muß. Dann
bekommt man aber eben auch über die Gewerkschaft seinen Platz im
Erholungsheim und über die FDJ Studienplatz und Stipendium. Ein
paar Bekenntnisse zum Sozialismus müssen dafür natürlich abgelegt
werden, und ein bißchen Heuchelei wird wohl auch dabei sein. Bloß
- ähnliche Veranstaltungen bringt doch auch hierzulande jeder
über sich, wenn sie angesetzt sind. Wenn ein hohes Tier aus Bonn
auftaucht, dann wird doch auch Spalier gestanden und geklatscht,
egal, was man persönlich von dem hält. Wann das Schleimen vor dem
Vorgesetzten angebracht ist, Heuchelei gegenüber bedeutenden Per-
sönlichkeiten oder devoter Umgang mit Behörden, weiß doch auch
jeder. Der Unterschied ist doch nur der, daß es die Politik hier
nicht nötig hat, ihr Volk immer eigens zu Jubelveranstaltungen
antreten zu lassen, weil sie es auch ohne das im Griff hat. Im
übrigen kommen die Herren aus Bonn selber immer mehr auf den Ge-
schmack und inszenieren sich Parteitage oder Zustimmungsdemon-
strationen nach genau den Geschmackskriterien, die im Osten immer
so gänsehauterzeugend sein sollen. Wenn drüben die Partei ihr
Volk regelmäßig zu massenhaften Feiern antreten läßt, dann hat
das da zur Schau gestellte "innige Verhältnis von Führung und
Volk" natürlich seine erlogenen, gezwungenen Seiten. Wo aber die
Regierenden so scharf darauf sind, sich immer wieder zu versi-
chern, d a ß die Leute auch für ihren Staat sind, d a ß sie
dessen Leistungen zu würdigen wissen, da zeigen sie auch, wie
a b h ä n g i g ihre Politik davon ist, wie sehr und mit welcher
Begeisterung die Leute mitmachen. Umgekehrt legt die Partei ja
auch immer größten Wert auf Beweise, daß sich der Einsatz für den
Staat l o h n t. Zu den Staatsaktionen, über die man per Fern-
sehen unterrichtet wird, gehören drüber immer wieder solche, bei
denen Erich Honecker die soundsovielte neue Wohnung besichtigt.
Und wenn die Leute, die einziehen, sich freuen und "ihrem Erich"
begeistert die Hand schütteln, ist das sicher nicht erlogen und
gekünstelt. Wenn mit großem Getöse der neue Fünfahrplan verkün-
det, also den Leuten zu schaffen haben, dann wird gleichzeitig
auch immer herausgestellt, was sie sich an Verbesserungen zu er-
warten haben.
Die Partei will sich also auch immer r e c h t f e r t i g e n;
sie will beweisen, daß ihre Politik ihrem Volk nützt und sein Le-
ben angenehmer macht. So etwas haben demokratische Politiker nie
und nimmer nötig; unter ihrer weisen Führung werden Millionen Ar-
beitslose produziert; und wenn sie denen ihr herzliches Beileid
bezeugen, verfällt keiner der so aufgeklärten westlichen Staats-
bürger auf den Verdacht der Heuchelei. Das ist eben der Unter-
schied, ob eine Regierung ihr Volk als Manövriermasse einer
"freien Marktwirtschaft" organisiert - dann hat es eben auch die
entsprechenden- Kosten zu tragen, und für die erklärt sich eine
demokratische Regierung nie zuständig, es herrscht ja schließlich
Freiheit! Oder ob eine Regierung die Reichtumsproduktion unter
ihr Kommando nimmt und das Volk für einen Plan einspannt, mit dem
für alles Lebensnotwendige und einiges mehr gesorgt sein soll.
Eine solche Regierung hat sich dafür verantwortlich gemacht, wie
das tägliche Leben geregelt ist, was ihr Volk leisten muß und
sich leisten kann. Wenn die Seite in der DDR nicht so übermäßig
ausfällt, wenn die Partei immerzu extra Kampagnen zur Leistungs-
steigerung anleiert und ihre sozialistischen Feiertage als An-
sporn an die Massen abwickelt, damit die am nächsten Tag in der
Fabrik mehr zulangen, dann sind das noch lange keine Argumente
dafür, daß man es doch hierzulande viel besser getroffen hat. Für
Arbeiter lohnt sich eine freie Marktwirtschaft schließlich auch
nicht übermäßig. Die "Brüder und Schwestern" drüben können auf
eines jedenfalls ganz gut verzichten: auf das herablassende Mit-
leid, daß sie nicht auch von Bonn aus regiert werden.
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