Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn

       zurück

       DDR verbietet Russen-Zeitschrift
       

DER NEUESTE "SPUTNIK"-SCHOCK

Bis vor kurzem war "Sputnik" jenes schockierende Fluggerät, mit dem die Russen damals "unseren Freunden", den Amerikanern, im Weltraum zuvorgekommen sind. Jetzt wissen wir neuerdings außer- dem, daß es eine russische Zeitschrift ist, die auch in deutscher Sprache erscheint. Und von dieser Zeitschrift wissen wir, daß die DDR-Führung sie ihrem Volk seit neuestem vorenthält. Mehr wissen wir nicht, aber das reicht auch. Was diese Zeitschrift eigentlich so zu bieten hat, das brauchen wir schon gar nicht mehr zu wis- sen. Daß die DDR-Behörden den "Sputnik" nicht mehr ausliefern, das ge- nügt, um diese Zeitschrift für enorm wichtig und richtig zu hal- ten meint jedenfalls wie ein Mann unsere freie ausgelieferte Presse. Lesen müssen die Zeitschrift ja nicht wir, sondern die D D R l e r, oder? Wer hätte sich das träumen lassen: Die westdeutschen Meinungsver- treter - die "Bild"-Zeitung allen voran - empören sich darüber, daß DDRler nicht aus Moskau mit "Propagandamaterial" beliefert werden. So hieß das jedenfalls bis vor kurzem. Bis dahin war näm- lich jedermann sonnenklar, daß "unsere Brüder und Schwestern" in der DDR überhaupt keine eigene freie Meinung haben dürfen, son- dern aus Rußland immerzu mit trostloser kommunistischer Propa- ganda indoktriniert und manipuliert werden. Jede Äußerung eines DDRlers, die nicht ins Weltbild der freien bundesrepublikanischen Journalisten gepaßt hat, wurde umstandslos als Produkt sowjeti- scher Infiltration und Bevormundung entlarvt. Und die Führung dieses "Satellitenstaates" hat nach hiesiger Auffassung sowieso keine eigene Meinung gehabt und durfte sie nicht haben. Jetzt stellt sich raus, daß die hiesige Propaganda von einem "monolithischen Staatenblock", in dem die Russen immerzu jede ei- gene Regung in anderen Ländern unterdrücken, so gar nicht stimmt - und schon ist es auch wieder nicht recht. Jetzt ist es empö- rend, daß die DDR-Führungsmannschaft offensichtlich nicht wider- spruchslos nachvollzieht, was in Moskau vorgemacht und vorgedacht wird. Jetzt brauchen DDR-Bürger unbedingt russische Lektüre, und zwar nicht bloß die "Prawda" und all die anderen russischen Zeit- schriften, die ja nach wie vor erscheinen, sondern unbedingt das eine Blatt. Und Honecker braucht unbedingt mehr Respekt vor der Botschaft aus der Moskauer Zentrale. Da sitzt nämlich jetzt ein Mann, der dem Westen gefällt, weil er bei sich und an seinem Sy- stem viel Kritik übt und zuläßt und von einem Umbau und Offenheit redet. Und das gefällt hierzulande - nein, nicht für hier, son- dern für drüben! - so sehr, daß bundesdeutsche Bürger selber gar nicht so genau zu wissen brauchen, was der Mann eigentlich kriti- siert und bessern will bei sich. Da reicht die Behauptung, Gor- batschow würde jetzt genau das sagen, was westliche Begutachter immer schon behauptet haben: nämlich, daß das System drüben bank- rott ist. Dafür sollen aber DDR-Bürger, die bundesdeutsche Medien ja sowieso am liebsten gleich mitbetreuen und gegen ihren Staat aufbringen, um so mehr die Freiheit haben, jedes Wort dieser Kri- tik lesen zu dürfen. Daß die bei ihrer Lektüre auf den naheliegenden Gedanken kommen könnten, der Mann im Kreml meine mit seinen Plänen doch wohl das sozialistische System und das könne so "verrottet" eben nicht sein, wenn es gerade seine Reform auf die Tagesordnung gesetzt hat, wird hierzulande großzügig übergangen: Die Brüder und Schwe- stern sollen sich ja nicht kundig machen, wenn sie über sowjeti- sche Verhältnisse lesen und nachdenken - daß sie es mit dem west- lichen Feindbild halten, gilt als die größte Selbstverständlich- keit und muß von ihnen mit gutem westlichen Recht erwartet wer- den! E i n e Aussage die DDR-Bürgern bei ihrer , Meinungsbildung feh- len soll, konnte man übrigens hier doch erfahren, wenn man wollte. Die hat nämlich den westdeutschen Beschwerdeführern so- fort eingeleuchtet. Die verbotene Botschaft: "Kein Hitler ohne Stalin" -------------------------------------------------- Klar, verbreitet ist diese Auffassung in unseren Geschichtsbü- chern schon. Gemeinhin wird Stalin als "totalitärer" Bruder Hit- lers in einer "schlimmen Zeit" gesehen, die den deutschen Fa- schismus reichlich entschuldigt. Entsprechend hat erst vor kurzem die Republik der Auffassung des Historikers Ernst Nolte respekt- volles Interesse entgegengebracht, Hitlers "asiatische Tat" sei eine verständliche Reaktion auf die bolschewistische Bedrohung gewesen. Die antikommunistische Richtung hat im Westen schon im- mer furchtbar eingeleuchtet. Richtig ist sie deswegen noch lange nicht und wird es auch nicht dadurch, daß die Russen jetzt selber unbedingt ihre Vergangenheit meinen bewältigen zu müssen und die Frage aufwerfen, ob nicht Stalin mit schuld an Hitlers Umtrieben war. Ein bemerkenswert verdrehter Gedanke: Schließlich hat Hitler doch nie ein Hehl dar- aus gemacht, daß er die deutsche Nation stärken wollte, daß er der staatsmännischen Auffassung war, der "Raum" im Osten stehe dem deutschen Volk, d.h. dem Deutschen Reich zu und der Krieg - gerade auch gegen die Sowjetunion - sei das richtige Mittel, die- sem Interesse Geltung zu verschaffen. Hitler hat außerdem auch noch - übrigens genau wie bundesdeutsche Ost- und Weltpolitiker heute - in der Sowjetunion den kommunistischen Systemfeind ausge- macht, der ausgerottet werden muß, und darin war er sich auch mit seinen damaligen Gegnern von Frankreich bis zu den USA einig. Und wenn Stalin, der ja durchaus mit Hitlers Angriff auf Rußland rechnete, mit diesem Hauptfeind einen zeitweiligen Pakt geschlos- sen hat, so mögen dabei alle möglichen politischen Berechnungen eine Rolle gespielt haben. Bloß: Hitlers Absichten erst in die W e l t und in S c h w u n g gebracht hat dieser Vertrag si- cher nicht. Schließlich war der Pakt Teil der nationalsozialisti- schen Expansionspolitik, aber doch nicht ihr G r u n d und A u s g a n g s p u n k t. Und um die SU für einen Nicht-An- griffspakt zu gewinnen, war ja wohl die - keineswegs geheimgehal- tene - Kriegsabsicht Deutschlands die V o r a u s s e t z u n g. Aber das interessiert hiesige Begutachter sowieso nicht. Die tun immerzu so, als ob alle Welt damals den Auftrag und die Absicht gehabt hätte, Hitler - und damit die Katastrophe der deutschen Kriegsniederlage - zu verhindern, und entdecken dann ausgerechnet bei dem erbittersten Gegner des Faschismus lauter Verwandtschaft mit Hitler und nichts als hinterhältige Berechnung. So denken bundesdeutsche Vergangenheitsbewältiger, die selbstver- ständlich hierzulande jedem Mitmacher heimliche Widerstandsquali- täten zuschreiben und Lübke, Carstens, Weizsäcker u.a. zugutehal- ten, ohne Mitmachen hätten sie ja nie und nimmer Karriere machen können... Wenn jetzt die Russen meinen, sie müßten kritisch die Frage aufwerfen, ob Stalin nicht den bedingungslosen Kampf gegen Hitler versäumt habe, dann paßt das also hierzulande wunderbar ins Geschichtsbild. Denn demzufolge hätte ja keineswegs die So- wjetunion siegen sollen, sondern der deutsche Imperialismus bei- zeiten in die vernünftigen Bahnen gelenkt werden müssen, in denen er sich heute erfolgreich zwischen Südafrika und Libyen bewegt. Stalin hätte es dieser Logik zufolge verpaßt, sich und sein Sy- stem übergeordneten deutschen Rechten auf Vorherrschaft zu unter- stellen - was Hitler in der Tat überflüssig gemacht hätte. Nach derselben Methode werden im übrigen England und Frankreich heftig dafür kritisiert, mit dem für Deutschland eigentlich so erfreuli- chen Münchner Abkommen von 1938 nicht zugleich einen dauerhaften Modus vivendi mit dem Reich gefunden zu haben, den man sich ein bißchen wie die Vorherrschaft der Bundesrepublik in der Europäi- schen Gemeinschaft vorstellen darf. Was in Westdeutschland der sowjetischen Selbstkritik abgelauscht wird, taugt als Botschaft in der DDR aber überhaupt nicht. Wie hierzulande jeder lernt, daß Hitler eine große Tragödie war und eher der Oberrusse verantwortlich ist als das verführte deutsche Volk von Mitmachern, und daß die Bundesrepublik mit ihrer bewäl- tigten Vergangenheit in Ordnung ist, so lernen nämlich DDRler im- merzu, daß ihr Staat sich durch den damaligen antifaschistischen Kampf der guten Deutschen an der Seite der Sowjetunion auszeich- net, und deshalb über jede Kritik erhaben ist. Für diese natio- nale Traditionspflege hat die DDR auf jeden Fall mehr 'Fakten' und Widerstandskämpfer aufzubieten als die Bundesrepublik, die sich zugutehält, mit ihrer Gründung Hitler sowieso überwunden zu haben. Nein, hierzulande darf niemand so einfach darauf herumrei- ten, wer alles ein alter Nazi ist; aber drüben soll unbedingt, so meinen dieselben Leute, das Geschichtsbild in Umlauf kommen, der antifaschistische Kampf gegen Hitler, auf den die DDR so stolz ist, sei eigentlich gar kein richtiger gewesen, sondern... Die DDR soll also, nach dem Willen der freien Meinungsanwälte hierzulande, ihr nationales Geschichtsbild mir nichts, dir nichts über den Haufen werfen: Als wäre es nicht gerade bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigern geläufig, wie empfindlich Staaten auf diesem Feld über ihr gutes Bild wachen. Und außer dem schönen hi- storischen Schein, mit dem sich Politiker so gerne bei ihren all- täglichen unschönen Beschlüssen schmücken, hängt ja sowieso nichts von der Antwort auf die heiße Frage ab, ob Hitler durch Stalin eher befördert oder eher bekämpft worden ist. Aber so darf man das als guter bundesdeutscher Bürger natürlich nicht sehen. Man soll es vielmehr für eine ziemlich lebensentscheidende Frage halten, wie sich DDR-Bürger mit ihrer staatlichen Vergangenheit befassen: Der Respekt vor ihrem Staatswesen soll nämlich leiden - und bei Honecker sollen sie möglichst immerzu Stalin, und bei Stalin immerzu Hitler denken. Wenn die Staatsführung drüben das etwas anders sieht, ist man sich hier von der "Frankfurter Allge- meinen" bis zur "Frankfurter Rundschau" einig: "Typisch Osten". Deswegen kann man auch getrost wieder vergessen, was die Zensur drüben eigentlich gestört hat. Um richtig oder falsch geht es ja gar nicht. Aus dem Vorfall könnte man also auch noch etwas ganz anderes lernen, nämlich worin Der Unterschied zwischen Unterdrückung und Meinungsfreiheit ----------------------------------------------------------- drüben bzw. hüben besteht. In der DDR ist die sowjetische Zeit- schrift "Sputnik" verboten worden, weil sie das antifaschistische Selbstverständnis, das sich diese Nation eigens in ihre Verfas- sung geschrieben hat, beleidigt: "Geradeheraus: In unserem antifaschistischen, sozialistischen deutschen Staat ist die 'Entschuldigung', die Reinwaschung Hit- lers, des Faschismus und seiner Verbrechen, ist deren 'Erklärung' mit irgendwelchen Erfindungen - eben der Gleichstellung Hitlers mit Stalin - unzulässig. Solche Darstellungen stehen in Wider- spruch zur Verfassung der DDR. Zu ihrer Präambel, in der es heißt: 'In Fortsetzung der revolutionären Traditionen der deut- schen Arbeiterklasse und gestützt auf die Befreiung vom Faschis- mus, hat das Volk der Deutschen Demokratischen Republik in Über- einstimmung mit den Prozessen der geschichtlichen Entwicklung un- serer Epoche sein Recht auf sozialökonomische, staatliche und na- tionale Selbstbestimmung verwirklicht und gestaltet die entwic- kelte sozialistische Gesellschaft'." (Neues Deutschland, 25.11.88) Die Kritik am "Sputnik" wird nicht am Inhalt dieses Blatts ge- führt, sondern entlang des Maßstabs, den die DDR als verbindliche Staatsmoral in die Präambel ihrer Verfassung aufgenommen hat. Daß es einen antifaschistischen Kampf deutscher und sowjetischer Kom- munisten gab, ist eine T a t s a c h e gegenüber den kontrafak- tischen Behauptungen des "Sputnik" - allerdings ist damit nichts darüber gesagt, was das für ein Kampf war, ob er richtig konzi- piert und geführt worden ist und wieso sich ein Staatswesen aus- gerechnet für Kämpfe interessiert, die es selber gegen den Impe- rialismus heute keinesfalls führen will. Der traditionsgeile Hin- weis auf den kommunistischen Widerstand gegen Hitler reicht ge- rade aus, die größten Frechheiten des "Sputnik" z u r ü c k- z u w e i s e n - was aber hilflos ist im Streit um eine Beurteilung der Politik Stalins: "'Es stellte sich heraus, daß Stalin im Grunde genommen eine Ma- rionette Hitlers war'. So etwas kannte man, mit Verlaub gesagt, bislang nur von gewissenlosen Reinwäschern des Faschismus im We- sten." (ebenda) Es fällt freilich auf, daß die DDR bei ihrer empörten moralischen Zurückweisung der antikommunistischen Lügen des "Sputnik" bemüht ist, ihrem Staatsvolk bei der Traditionspflege auch einige histo- rische Sachverhalte mitzuteilen - eine Mühe, die im Westen durch- aus unüblich ist. Jedenfalls hat man in der Bundesrepublik noch nichts davon gehört, daß einer als verfassungsfeindlich einge- stuften Schrift die Ehre widerfahren wäre, in einer regierungs- amtlichen Zeitung besprochen und mit Fakten konfrontiert zu wer- den - hier tut's immer der Verweis auf die Rechtsordnung. Der Parteichef der SED ist immerhin noch zu dem Konter an die Adresse der verlogenen Freunde einer Selbstkritik der Geschichte der kommunistischen Partei fähig: "Wer sich an früheren Fehlern der KPD weiden möchte, meinte Honecker weiter, sei daran erinnert, daß die deutsche Geschichte tatsächlich verheerende Fehlentwicklungen, verhängnisvolle Unter- lassungen, katastrophale Irrtümer und Schlimmeres' kenne, wofür die Kommunisten aber keineswegs verantwortlich seien. Wäre es nach ihnen gegangen, wären schon vor 70 Jahren die Machtgrundla- gen des Imperialismus nicht erhalten geblieben, hätte es keinen Faschismus, kein KZ-System, keine Judenpogrome, keinen Holocaust gegeben, dann wäre von deutschem Boden auch kein Zweiter Welt- krieg ausgegangen." (Süddeutsche Zeitung, 31.12.88) In der BRD ist die sowjetische Zeitschrift zwar erlaubt, aber so gut wie nicht erhältlich, weil einem desinteressierten Publikum nur ein paar Exemplare angeboten werden. Die Meinungsfreiheit im Westen ist so frei, über das gegnerische System immer nur das Eine zu denken, so daß keiner den "Sputnik" lesen muß, um sich über die Stalin-Diskussion in der Sowjetunion zu informieren. Hauptsache ist, daß drüben etwas schlecht gemacht wird, was dann gleich gegen das ganze - immer schon für "bankrott" erachtete - System sprechen soll. Die deutschsprachige Ausgabe der "Prawda" stellt demnächst ihr Erscheinen ein - einem deutschen Leser reicht an Nachrichten aus dem "Reich des Bösen ", was ihm deut- sche Korrespondenten an Mängeln aus Moskau servieren. Auf den im Sinne der Staatsführung falschen Gedanken, feindliche Blätter zu studieren und vielleicht auch noch deren Ansichten zu teilen, kommt der freie Meinungsbürger gar nicht erst. Und die freie Presse hat es noch zu keinem abweichenden Gedanken über die BRD und deren nationales Selbstverständnis gebracht - Kritik hebt sie sich für ihre Hetze gegen drüben auf: "Denn Geschichte hatte da nie in erster Linie die Aufgabe, her- auszufinden und zu zeigen, wie es nach dem Ranke-Wort - 'eigentlich gewesen' ist. Sie sollte vielmehr die Postamente für ein verbindliches Bild von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bereitstellen." (Süddeutsche Zeitung, 17./18.12.88) Für "unsere" Geschichte sind dagegen solche "Postamente" nicht verbindlich bereitzustellen - sie ist für jeden sowieso verbind- lich. Das sagen einem ja schon die Machthaber, die sich auf diese Tour über jede mögliche Kritik an deutscher Vergangenheit, Gegen- wart und Plänen für die Zukunft prinzipiell hinwegsetzen. Was noch lange nicht heißt, daß nicht jede oppositionelle Äußerung auf Staatsfeindlichkeit hin geprüft, observiert, registriert und juristisch verfolgt wird, wenn sie gegen die Verfassung und an- dere Staatsgrundsätze verstößt. zurück