Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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Der Satz des Jahres 1989
"WIR SIND DAS VOLK!"
Eine furchtbare Dummheit. Denn:
1. Mit der Parole "Wir sind das Volk!" ist in der DDR demon-
striert worden.
Was war da gemeint? Offensichtlich handelte es sich um den Ver-
such, die Herrschaften des Staatsapparates daran zu erinnern, daß
sie so gut wie alles i m N a m e n d e s V o l k e s ab-
wickeln. Und mit dieser Erinnerung wollte die B e r u f u n g s-
i n s t a n z klarstellen, daß sie nicht mehr übergangen werden
kann.
Das sieht sehr machtvoll aus, ist es aber nicht. Machtvoll ist
dieser Protest nur darin, daß er die Zustimmung und den Gehorsam
gegenüber der SED aufkündigt. Man gesteht der alten Staatspartei
nicht mehr die Befähigung und das Recht zu, dem Volke vorzustehen
und es zu regieren.
Bescheiden ist dieser Protest aber auch. Mit der Absage an die
SED verbindet er das Versprechen, "das Volk" sein und bleiben zu
wollen - unter der Bedingung, daß eine künftige Führung ihre Sa-
che so gut macht, daß man ihr trauen kann.
2. Eine Liste von Forderungen, ohne deren Erfüllung nichts mehr
läuft, ist das nicht. Und es ist auch nicht verwunderlich, daß
d a s V o l k sie immer nicht nachreicht. Denn dazu hätten die
Demonstranten sich auf die I n t e r e s s e n besinnen müssen,
die sie haben und die durch die Taten ihrer alten Regierung
v e r l e t z t worden sind. Und wer sich darüber Rechenschaft
ablegt, argumentiert als Arbeiter, Lehrer, Wissenschaftler, als
Konsument im HO-Laden oder sonstwas - aber nicht in der Rolle des
Volkes.
"Volk" ist man nämlich auch in der DDR nur u n t e r
A b s e h u n g v o n allen gesellschaftlichen Betätigungen, in
denen sich entscheidet, was man vom Leben hat und welche Interes-
sen und Bedürfnisse zu kurz kommen. Der einzige Gehalt, der dem
Ehrentitel "Volk" eigen ist, besteht im V e r h ä l t n i s,
das man z u m S t a a t eingeht. Als U n t e r t a n einer
p o l i t i s c h e n G e w a l t spricht der, dem einfällt,
sich a l s Volk zu Wort zu melden. Und w a s er in dieser Ei-
genschaft zu besprechen hat, steht auch fest, auch wenn er sich
noch so kritisch vorkommt. Seine in der Form wilde Meinungsäuße-
rung beschränkt sich ihrem Inhalt nach auf einen Beitrag zur
Frage: "Wie gehört gescheit Staat gemacht?" Offensiver Unterta-
nengeist befaßt sich da mit seinen Vorlieben, die Ausgestaltung
der Herrschaft betreffend.
3. Daß sich die demonstrierte Sorge um korrekte Handhabung der
Staatsmacht auch "aufrechter Gang" nennt, ist ein Witz. Ausge-
rechnet das Einnehmen einer Haltung, die jedes eigene Interesse
auf die Seite räumt zugunsten des e i n e n Anliegens, die
I n t a k t h e i t d e s S t a a t e s zu begutachten, ver-
stehen diese Bürger als ihre charakterliche Genesung. Die Obrig-
keit n i c h t daran zu messen, ob und wie sie einem zusetzt,
welche Beschränkungen und Leistungen sie wem aufherrscht - diese
Entscheidung wird zum Inbegriff der M ü n d i g k e i t. Die
besteht also darin, daß man die Führung daran mißt, ob sie sich
a l s F ü h r u n g bewährt.
Insofern vertritt der "aufrechte Gang" freilich schon ein Inter-
esse, mit dem er sich ans Prüfen macht. Der E r f o l g d e r
N a t i o n wird zum Maßstab der Kritik, und genügen muß diesem
Maßstab das P e r s o n a l d e r M a c h t. Jeder Gedanke
daran, daß der Erfolg der Nation gar nicht das Gelingen der eige-
nen Sache sein kann - wozu wäre dann wohl Herrschaft nötig? -,
ist getilgt. Übrig bleibt der Wille zur Suche nach einer Regie-
rung, die es v e r d i e n t, daß man ihr dient. Und das ist
das Gegenteil von der gar nicht schwer zu beantwortenden Frage,
ob sich Unterwerfung l o h n t.
4. Mit diesem Verfahren sind aufrechte Teile des Volkes schon
recht weit gekommen. Sie haben erkannt, daß ihre alte Regierung
nichts, aber auch gar nichts taugt. Ihren Staat vor diesen Sub-
jekten im Namen des Volkes zu retten, ist ihnen einige Anstren-
gungen wert. Sie überantworten seit neuestem die Volksschädlinge
im Staatsdienst der Volkspolizei - einer Instanz, die bis vor
kurzem noch als Unterdrückungsmaschinerie des Volkes galt. So än-
dern sich die Zeiten. Ein Volk, das sich i d e n t i s c h
wähnt mit seinem Staat, gewinnt Geschmack an der Ausübung von
Macht und berauscht sich daran, verfolgen und bestrafen zu dür-
fen. Es vergißt endgültig den Bezug auf sich selbst und alles,
wozu es in seinem kurzen Leben noch kommen kann. Das ist die er-
ste Bedeutung der furchtbaren Abstraktion "V o l k": Sich wie
der Staat aufführen zu dürfen, unter dessen Macht man schweigend
so unsäglich gelitten haben will, wird zum Inhalt eines neuen En-
gagements. "Wir sind das Volk!" rufen die neuen Basis-Stalini-
sten. Man mag sie gar nicht danach fragen, was sie und ihre Kin-
der und sonstwer davon haben.
5. "Der aufrechte Gang" kennt auch noch andere Wege. Er weiß sich
frei, und als Volk wähnt er sich berechtigt, sich seinen Partner
Staat ganz unabhängig zu wählen. Die Rede ist nicht von freien
Wahlen, sondern von einer Entscheidung, die ein größeres Maß an
Freiheit offenbart. Die Wahl, um die es geht, hat nichts mehr mit
der kleinlichen Berechnung zu tun, ein "kleineres Übel" zur Herr-
schaft über sich als Volk zu bestellen. Ein a n d e r e r Staat
erhält den Zuschlag des gnädigen Volkes. Ihm weiß es sich verbun-
den. Und die Ohnmacht seiner alten Herren angesichts dieser
Entscheidung beweist nur des Volkes Freiheit. Es schwenkt die
Fahne der neuen Herren in der Gewißheit, daß die - Ehre hin, Kor-
ruption her - eines auf alle Fälle bewiesen haben: Aufs Staat-Ma-
chen verstehen sie sich. Die zweite Bedeutung der furchtbaren Ab-
straktion "V o l k" ist praktisch geworden: Vertrauen ist eine
Sache der Willkür; und wenn ein Nationalist will, dann läßt er
auf seinen Staat nichts kommen. Er hält zu ihm; wenn es sein muß,
noch bevor er zu ihm gehört.
6. Solchem Volk ist der Dank gewiß. Des Vaterlandes, das ab so-
fort in ihm seine unwidersprechliche Berufungsinstanz entdeckt.
In seinem Namen vollziehen sich nun alle Taten der frei gekürten
Obrigkeit. Das geht in Ordnung, weil die Berufungsinstanz "Volk"
höchstselbst die Erlaubnis dazu erteilt hat. Diese Lizenz hat es
in sich. Der DDR hat man sie versagt, um sie den anderen auszu-
stellen. Die verdienen sie, und für das Volk ist die Frage nach
den Kosten, weil nie angestanden, auch unter keinen Umständen
fällig. Die dritte Bedeutung der furchtbaren Abstraktion
"V o l k" bricht sich Bahn. Völker sind nicht berechnend,
sondern treu. Sie stellen keine Bedingungen. Sie wechseln
höchstens unter Ausnahmebedingungen das Lager und suchen nach
neuen Gelegenheiten zur Treue.
7. Dennoch ist den Bürgern der DDR nicht jegliche Einsicht abzu-
sprechen. Sie sind ausgiebig als Arbeiter und Bauern zitiert wor-
den. Und sie haben gemerkt, daß sie nur als Volk gemeint waren.
Schade ist nur, daß sie sich deswegen gleich auf den Beruf
"V o l k" verlegt haben.
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