Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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DDR-Flüchtlinge kritisieren ihr System:
JE WENIGER AHNUNG, DESTO SCHÄRFER DIE KRITIK
DDR-Flüchtlinge können's nicht oft genug vor den laufenden Kame-
ras aufsagen und die westdeutsche Öffentlichkeit nimmt's zufrie-
den zur Kenntnis: Das System drüben ist unmenschlich, einfach
nicht mehr auszuhalten. Der Beweis dafür sind sie selber: Wenn
Tausende dem eigenen Staat den Rücken kehren, dann muß es wohl
wahr sein, was man immer schon gewußt hat.
Was allerdings am System drüben so unerträglich ist, daß es einen
schier magisch ins andere zieht; wie dieses System funktioniert,
in dem es anscheinend keiner der Flüchtlinge auch nur einen Tag
länger ausgehalten hätte; was die immer wieder beschworenen Miß-
stände, vor denen die Ex-DDR-ler davongelaufen sind, mit der Or-
ganisation der Gesellschaft drüben zu tun haben: All das ist den
ebenso erregten wie abgeklärten Schilderungen der Rübermacher
nicht zu entnehmen. Dafür steht um so sicherer fest, daß drüben
jeder beklagte Mißstand eine Systemfrage ist und deshalb nicht
beseitigt werden kann.
Dabei gilt der Grundsatz, daß die Systemkritik der DDR-Flücht-
linge, die sie im Westfernsehen und in der Bildzeitung zum besten
geben, in dem Maße niederschmetternder ist, je inhaltsloser sie
vorgetragen wird:
"Ich kann Ihnen überhaupt nicht sagen, wie schlimm es da drüben
ist. Das kann keiner verstehen, der nicht dort gelebt hat. Wenn
mich meine neuen Kollegen fragen, wie es in meinem alten Betrieb
ausgesehen hat, dann kann ich sie bloß mit großen Augen an-
schauen. Das müssen Sie einfach selbst erlebt haben."
Alles klar, die Botschaft kommt an. Unsäglich ist sie, die DDR.
Einzelne Mißstände zu benennen wäre für das Gesamturteil, das
rauskommen soll, viel zu matt und würden das Bild, auf das es an-
kommt, nur verwässern: Alles, einfach alles ist drüben unerträg-
lich. Das ist enorm glaubwürdig. Und zwar einfach deshalb, weil
diese Sorte Systemkritik, wie sie in den letzten Wochen allent-
halben zu hören war, einen entscheidenden Vorteil hat: Sie deckt
sich mit dem, was wir hier immer schon gesagt haben, und es wäre
eher schädlich, irgendeine Ahnung davon zu haben, warum es drüben
so ist, wie es ist.
Auf dem Hintergrund einer solchen grundsätzlichen Absage kriegen
die Beschwerden über den Mangel an passendem Wohnraum, über
Wartezeiten auf Neuwagen und dergleichen erst ihr richtiges Ge-
wicht. H i e r z u l a n d e wäre völlig klar, daß Mißstände
aller Art nie die freiheitlich-demokratische Verfassung in Verruf
bringen können und daß die bekannten Härten des täglichen Lebens
nichts mit dem marktwirtschaftlichen System zu tun haben. F ü r
d r ü b e n dagegen gilt genauso selbstverständlich, daß jede
Unzufriedenheit und jede Stammtischmeckerei gleich ein Todesur-
teil für's System hergibt. Deswegen fällt der Fluchtgrund, den
die Leute angeben, am Ende mit der G e l e g e n h e i t zur
Flucht zusammen. Wenn "mutige, junge Menschen" auf Züge aufsprin-
gen aus dem einzigen Grund, weil sie gerade vorbeikommen, dann
spricht das unbesehen für sich, nämlich dafür, daß das System
drüben "überlebt" ist.
Es wird nicht besser, wenn sich der eine oder andere Rübermacher
tatsächlich einmal p o l i t i s c h äußert:
"Drüben kann man jahrelang vergeblich darauf warten, daß ein ver-
antwortlicher Politiker einmal auf die Straße zu den Leuten geht
und mit ihnen darüber redet, was gemacht werden soll. Das ist
doch kein Sozialismus!"
"Die Politiker bei uns haben alle Privilegien. Eigene Häuser am
See, große Autos, Dienstpersonal..."
"Man erfährt als Arbeiter in der DDR nie, was die da oben mit den
Westdevisen anstellen, die sie doch in Hülle und Fülle haben..."
Das ist scharf. Da sind Idealisten der Einheit von Volk und
Staat, wie sie drüben propagiert wird, enttäuscht. Aber wie alle
Enttäuschten werden sie an ihrem Maßstab nicht irre und tun so,
als hätten sie gehört, daß Kohl und Vogel nichts lieber tun als
sich dem Druck der Straße zu beugen. Statt gleich wieder aus der
BRD weiterzureisen, wollen sie erfahren haben, daß die Politiker
West ihre politischen Programme ganz ohne Auto und Dienstpersonal
bei den Massen abholen und daß der Finanzminister bei der Mensch-
heit in den Betrieben, Büros und Seminaren darüber Rechenschaft
ablegt, wie er die an Land gezogenen Devisen möglichst volksnah
zu verwenden gedenkt. Aber im Ernst: Mit dieser Geisteshaltung
werden die Flüchtlinge, die drüben die Privilegienwirtschaft
nicht leiden können, in der ordentlichen bundesdeutschen Klassen-
gesellschaft nie so etwas wie Privilegien entdecken können. Wahr-
scheinlich halten sie eher hierzulande die größten Unterschiede
für normal.
Egal, was DDR-ler hier zum besten geben, wie haarsträubend ihre
Kritik an drüben ist: Je dümmer ihre Argumente, desto mehr spre-
chen sie für hier. Um diese Gleichung zu genießen, braucht der
aufgeklärte Zeitgenosse weder etwas über die Verhältnisse im re-
alen Sozialismus noch über die freiheitlich-demokratische Grund-
ordnung zu wissen. Fernsehen, Bild und Spiegel sind sich einig:
Drüben pfui, hüben hui. Und darauf kommt's ja schließlich nur an.
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