Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn


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       Der nationale  Fanatismus in  der DDR, die Abwehrversuche der SED
       und der westdeutsche Gegenschlag:
       

EIN MUSTERFALL DEMOKRATISCHER VOLKSVERHETZUNG

Das Ehrenmal der sowjetischen Roten Armee in Berlin-Treptow ist neulich mit Parolen wie "Russen raus", "Hitler lebt" und "Ein ei- nig deutsches Vaterland" beschmiert worden. Dagegen hat die noch regierende SED eine Demonstration organisiert, zu der - auch nach westlichen Berichten - eine Viertelmillion Teilnehmer kamen. Damit war für die westdeutsche Hetzpresse, "Bild" allen voran, die Sache klar. Es d a r f einfach nicht wahr sein, daß die SED so viele Leute hinter sich bringt; deswegen k a n n diese Sache auch gar nicht in Ordnung sein. Daraus folgt: Die Schmierereien müssen eine Machenschaft der SED selber sein; eine Machenschaft, d a m i t sie dagegen protestieren kann und dafür wieder einige Gefolgschaft hinter sich kriegt. Das ist nichts als ein purer Verdacht. Aber der Verdacht sitzt. Warum? Erstens, weil Demokraten selber immer so denken und handeln, so daß dem demokratischen Publikum Verdächtigungen dieser Sorte im- mer geläufig sind. Man erinnere sich an das berühmte "Celler Loch", als der niedersächsische Verfassungsschutz einen Spreng- stoffanschlag inszeniert hat, um irgendwelche Anarchisten dafür haftbar zu machen. Man erinnere sich an die Methoden nicht bloß des seligen CDU-Ministerpräsidenten Barschel, seine Konkurrenten durch Verleumdungen fertigzumachen. Man braucht auch nur zu be- trachten, wie die etablierten Demokraten die neue Rechtspartei der Republikaner als "Argument" gegeneinander einsetzen: Jede Seite wirft der anderen vor, sie würde die "Reps" durch viel Ge- rede erst großmachen, um sich als bessere Alternative zu den Schönhubers in Szene zu setzen. So funktioniert die T e c h- n i k d e s V e r d ä c h t i g e n s, mit der demokratische Kämpfer einander fertigmachen. Sie kommt ohne Argumente aus und ist durch Argumente auch gar nicht zu entkräften. Ob man einer üblen Nachrede glaubt oder nicht, das entscheidet ein demokrati- sches Publikum nicht aus Einsicht, sondern nach seinen Sympathien. Und da ist zweitens klar, daß die SED überhaupt keine Sympathie verdient. Der Beschluß steht fest, sie aus jeder Beteiligung an der Macht in der DDR abzuschießen, damit der ganze Staat drüben zum willigen Anhängsel der BRD wird. Dieser Beschluß gebietet es, Bösartigkeiten gegen diese Partei zu erfinden und zu glauben. Deswegen braucht der Verdacht gegen die SED, sie wäre eigentlich der Urheber der antisowjetischen Schmierereien in Treptow, bloß ausgesprochen zu werden, und schon hat er seinen Dienst getan. So einfach hat es die demokratische Hetze. * Der Fall selbst, das "Russen raus" und "Deutschland einig Vaterland", spricht eindeutig für sich selbst. Da haben sich Leute den gesamtdeutschen Wiedervereinigungsstandpunkt zu eigen gemacht und haben konsequent weitergedacht. Nämlich bis zu dem letzten harten Hindernis für dieses nationalistische Großpro- gramm: den Sicherheitsinteressen der Sowjetmacht. Da hat sogar der sonst so wunderbar nachgiebige Gorbatschow ein "Njet" gesagt und deutlich gemacht, daß er bei innereuropäischen Grenzverände- rungen ungemütlich werden könnte. Deswegen müssen die echten Fans der Wiedervereinigung doch auf die Idee kommen, daß schon mal wieder die russischen "Besatzer" die Hauptübeltäter sind. Und na- türlich liegt da auch die Erinnerung an Hitler nahe, der sich seinerzeit auch schon nicht gescheut hat, Großdeutschlands "Lebensrecht" bis dicht vor Moskau und bis nach Stalingrad "vorwärtszuverteidigen". So denken, hüben wie drüben, nicht (bloß) die "Ewiggestrigen", sondern Leute, die die Zeichen der gegenwärtigen Zeit erkannt und sich zu Herzen genommen haben. Sie verstoßen freilich gegen die eine Rücksicht, die die bundes- deutschen Wiedervereinigungspolitiker sich (noch) auferlegen. Denn die politischen Profis in Bonn wissen, wie sie mit den so- wjetischen Sicherheitsinteressen umgehen müssen, und daß da Vor- sicht geboten ist. Denn ihnen ist klar, wie brisant ihr Groß- deutschlandplan ist, wie nahe sie damit nämlich an den Kriegsfall herankommen. Deswegen dämpfen sie den großdeutschen Natio- nalfanatismus, den sie zuerst einmal kräftig entfachen, auch im- mer wieder auf ein diplomatisch brauchbares Maß herunter. * Dieselben Nationalfanatiker, die für die westdeutsche Wiederver- einigungspolitik die Rolle von bedingt nützlichen Idioten spie- len, sind für die SED eine echte Gefahr. Denn die ganze staatli- che Selbständigkeit ihrer DDR und damit alles, wofür diese Partei überhaupt noch irgendwie einstehen will, hängt letztlich an den strategischen Sicherheitsinteressen der Sowjetmacht und daran, daß der neue gesamtdeutsche Nationalismus wenigstens diese Inter- essen nicht in Frage stellt. Die SED fürchtet mit Recht die Hauptgefahr für ihr DDR-Rettungsprogramm davon, daß die Volks- stimmung in Anti-Sowjetismus und Russenhaß umschlägt - wovon all die schwarz-rot-goldenen Sachsen und Ostberliner ja auch wirklich nicht mehr weit weg sind. Deswegen ihre Anti-Demonstration. Sie appelliert an den "guten alten" antifaschistischen DDR-Patriotis- mus. Und natürlich ist diese Demonstration auch auf Wahlstimmenfang berechnet; und sehr wenig darauf, die Leute über die Lage und über die Verrücktheit großdeutscher Sehnsüchte aufzuklären. Aber wer will der SED denn das zum Vorwurf machen? Demokraten etwa, die überhaupt nichts tun und sagen, ohne auf die Wählerstimmen zu spekulieren, und die immer gleich alles in Meinungs-Prozente um- rechnen? Genau diese d e m o k r a t i s c h e Tour hat die SED jetzt doch bloß übernommen. Und sie hat neulich noch Applaus für ihren Beschluß gekriegt, nicht mehr wie bisher zu regieren, son- dern - nach westlichen Begriffen: stinknormal - um Wählerstimmen und sonst nichts zu kämpfen. Aber jetzt zeigt sich eben, wie die Forderung gemeint war und ist, die SED müßte sich gefälligst zum bürgerlich-demokratischen Wahlverein reformieren. Das hat nie geheißen, daß diese Partei mit ihrem Willen, die DDR als eigenen Staat zu retten, auch einen bürgerlich-demokratischen Wahlerfolg haben dürfte. Gemeint war immer bloß, daß sie mit ihrem DDR-patriotischen Restprogramm ab- dankt. Die Freiheit von DDR-Bürgern, frei, gleich und geheim die nach westdeutschen Begriffen f a l s c h e Partei zu wählen, war mit dem Ruf nach freien Wahlen nie beabsichtigt. So richtig frei sind Wahlen nur, wenn die SED darin untergeht. Deswegen wird ihr gar nicht zugebilligt, was von ihr verlangt wurde und auch erfüllt worden ist, nämlich Politik zur Stimmungsmache unter freien Wählern zu betreiben. S o kommt der DDR-Wahlkampf in die Gänge. Denn was man der SED übelnimmt und am liebsten verbieten möchte, das betreiben die bundesdeutschen Parteien mitten in der DDR um so dreister und nachdrücklicher: Jede Sauerei, jede Verdächtigung, jede Verleum- dung ist gerecht und geboten, wenn sie die SED beim DDR-Wahlvolk Stimmen kostet. Da ist ein Feldzug im Gange, neben dem das angeb- liche Meinungs-"Monopol" der SED in der DDR-Öffentlichkeit abso- lut matt aussieht. Und keine politische Partei in Bonn, übrigens am allerwenigsten die SPD, möchte bei diesem Feldzug hinter der "Bild-Zeitung" zurückstehen. Und das im Januar 1990. Im Mai wird drüben, im Dezember hüben ge- wählt. D a s Wahlkampfjahr kann ja noch heiter werden. zurück