Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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POST AUS DER DDR
Im Herbst '89, als die deutsche Nation den Einstieg in ihr neues
imperialistisches Zeitalter feierte und Hundertausende Trabis
samt Insassen mitfeiern durften, haben wir bundesweit 5 Flugblät-
ter "Gegen den deutschen Wahn" verteilt. Viele dieser Flugblätter
haben den Weg in die DDR gefunden und dort ein stärkeres Leser-
briefecho ausgelöst - anders als im westdeutschen Heimatland des
Meinungspluralismus, wo abweichende Argumente mit konsequenter
Nicht-Befassung geahndet werden. Wir dokumentieren im folgenden
Ablehnung und Zustimmung und versuchen zu erklären, weshalb
n i c h t e i n e e i n z i g e k o m m u n i s t i s c h e
Zuschrift darunter war.
I. Das Menschenrecht auf Erbitterung schlägt zurück
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"(...) weiß ich nicht, wie gut Du die DDR kennst. Du kannst ja
mal versuchen, hier 10-15 Jahre zu leben; dann merkst Du, daß
hier nichts funktioniert. Aber das blieb Dir ja zum Glück er-
spart." (S.L., Ilmenau)
"(...) betrachte ich als Beleidigung der Menschen, die um ihre
Freiheit gewaltlos kämpfen. Wir wurden von dem damaligen SED-Re-
gime betrogen, und diesen Betrug wollen Sie auch noch rechtferti-
gen. Dies ist für mich ein Grund mehr, solchen Gruppen, wie Sie
eine sind, das Existenzrecht abzusprechen. Ich werde alles tun,
daß derartige Initiativen in keiner Weise mehr aus dem erwirt-
schafteten Nationaleinkommen unseres Staates unterstützt werden.
(... )
Es sollte mich nicht wundern, wenn Sie oder zumindest einige Ih-
rer Mitglieder der RAF sehr nahe stehen. Sie hätten ja in den
vergangenen 40 Jahren in die DDR umsiedeln können, um die Errun-
genschaften dieses Systems zu genießen. Aber dazu reichte Ihr Mut
nicht. Die garantierten demokratischen Freiheiten, welche selbst
Ihre diffamierende politische Arbeit zulassen, waren dann doch
wohl sicherer für Sie.
Wer die Vorzüge einer Gesellschaft in Anspruch nimmt und dann in
politisch unreifer und vor allem undemokratischer Weise gegen die
eigene Regierung ankämpft, steht nicht auf dem Boden der Glaub-
würdigkeit." (U.M., Görlitz)
"Das was Ihr 'Lumpen'(...) in Eurem Pamphlet Nr. 4 schreibt, ist
ein Schlag ins Gesicht eines jeden ehrlichen DDR-Bürgers. Wie
könnt Ihr Euch anmaßen zu beurteilen, ob wir durch Amtsmißbrauch
und Korruption von einem zuerst personenkultbesessenen Stalini-
sten und danach von einem machtgierigen Triumvirat ausgebeutet
wurden. Gehalten wie in einem KZ, den sicheren Tod an der Mauer
vor Augen, wenn man das gelobte Land verlassen wollte.
Sicher haben diese Leute vom Schlage Schalck-Golodkowski Ge-
schäfte mit dem Kapital gemacht. Aber zu behaupten, dies wäre aus
reiner Bevölkerungsliebe geschehen, ist die Schizophrenie in Per-
son. Ihr Linken, besonders die SEW, die Hure der SED, ließ sich
aushalten mit mehr als 50 Mill. DM von den Bürgern der DDR. (...
)
Besser wäre gewesen, Ihr wäret schon vor 10 Jahren übergesiedelt
und hättet diesen Staat zu einem attraktiven und leuchtenden Bei-
spiel mitgestaltet. Kommt her, arbeitet hier und lebt hier und
versteckt Euch nicht dahinter, daß Ihr in der BRD etwas verändern
wollt. Auf baldige Übersiedlung..." (A.S., Mittenwalde)
"Werte Herausgeber des Flugblatts 'DDR kaputt und jetzt?' (...)
Ihr glaubt zu wissen, was die Menschen in unserem Lande bewegt.
Ich muß euch sagen, daß Ihr keine Ahnung habt von den wirklichen
Ereignissen im Land. Ich will nicht viel reden, ich lade einen
von Euch ein, bei uns zu wohnen und zu arbeiten. Mit allen Vor-
und Nachteilen. (...) hätten ein kleines Zimmer frei. Kommt zu
uns und lebt mit uns, aber nicht nur zwei Wochen wie im Urlaub.
So wie wir es seit vielen Jahren machen. Dann reden wir weiter.
(...) Ich arbeite als Gärtnerin. Auch in meinem Betrieb benötigen
wir Arbeitskräfte. Also nur Mut. Ich erwarte, daß Ihr zu Eurem
Flugblatt steht." (A.N., Markkleeberg)
"Ich sehe in Eurer Argumentation die Saat für solche Terroran-
schläge, wie sie an Herrhausen passiert sind. Und ich habe auch
eine Lösung für Euch alle! Ihr so Unzufriedenen, kommt doch
rüber! Es zwingt Euch ja keiner, in diesem Sumpf zu wohnen. (Ich
denke dabei an die Worte vom faulenden, parasitären Kapitalis-
mus.) Aber von Euch kommt keiner, weil Ihr selbst Euch an den Ge-
gebenheiten der Gesellschaft labt und auch um Eurer Kampfziele
willen dies nicht aufgeben wollt. Keiner könnte vielleicht auch
nur drei Monate das Rennen nach allen Waren bei den schönen bil-
ligen Mieten ertragen. Oder gibt es dafür andere Gründe?" (F.W.,
Zwickau)
"Es wird höchste Zeit, daß wir für Euch keine 40 Mill. Mark mehr
jährlich zahlen." "Wie wäre es, wenn Ihr ein halbes Jahr unter
unseren Bedingungen in der DDR leben müßtet. Ihr würdet Euch um-
gucken." (H.W., Karl-Marx-Stadt)
"Beiliegende '10 Fragen an unsere neuen Mitbürger aus der DDR'
bekam ich während einer Besuchsreise (...) von jungen Leuten in
die Hand gedrückt. (...) fragte ich eine der Verteil-Personen, ob
sie schon mal in der DDR war. Sie verneinte diese Frage! Darauf-
hin sagte ich Ihr, dann habe sie auch kein Recht, solche Blätter
mit diesem Inhalt zu verteilen. Reaktion: ein ratloser Blick!
(...)
Der Inhalt des Blattes soll doch den Eindruck vermitteln: die
(bis dahin bekannte) DDR ist gegenüber Westdeutschland immer noch
das 'geringere Übel' - also DDR-Bürger: bleibt, wo ihr seid! Sie
werden verstehen - hoffe ich -, daß uns als Betroffenen diese
Einsicht nach allen Enthüllungen der letzten Wochen (täglich
gibt's neue) nicht mal mehr ein mildes Lächeln entlockt, sondern
den Zorn ins Gesicht treibt!
Sie sitzen offensichtlich wie die Linken der DDR immer noch der
Illusion eines machbaren Sozialismus auf und verkennen dabei
doch, daß der einfache Mensch ganz anders denkt - jedenfalls zei-
gen das die Polarisierungen auf unseren Demos.
Wahrscheinlich haben die Intellektuellen seit Marx noch nicht be-
griffen, daß sie in jedem System nie die volle Härte der jeweili-
gen Schattenseiten zu spüren bekamen, sondern mehr oder weniger
gut ihr Leben führen konnten. (...)
Wenn Sie, wie in diesem Blatt zu lesen, die DDR immer noch für
das kleinere Übel oder den 'besseren Teil' Deutschlands halten,
dann sollten Sie und Ihre Mitstreiter schon lange hierher überge-
siedelt sein. Was hält Sie noch in der BRD?"
Kommt doch mal nach drüben!
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Umziehen sollen wir also; erst einmal aus eigener Erfahrung ken-
nenlernen, wie scheußlich das Leben drüben war und noch ist; und
zwar bevor wir uns mit einem Flugblatt in die Lage und die Gedan-
ken deutscher Bürger in Ost und West einmischen und kritische
Töne dagegen laut werden lassen; besser noch: statt dessen. Wir
haben's vernommen. Wir vermissen eine solche Ermunterung freilich
gegenüber denjenigen Westdeutschen, die schon seit jeher und
jetzt mehr denn je haargenau wissen wollen, was einem DDR-Bürger
fehlt, nottut und guttäte. Oder haben sich Willy Brandt und Hans
Jochen Vogel erst einmal in Leipzig-Süd eingehaust und jahrelang
nach einem Trabi angestanden, bevor sie ihre Sozialdemokratie als
Heilmittel aller Gebrechen des SED-Staats empfehlen: Haben die
Dresdner-Bank-Chefs jahrelang die Bespitzelung durch den Stasi
erduldet, um dann auf die großartige Lösung zu verfallen, daß
Dresden und Leipzig natürlich eine Filiale ihres Ladens brauchen:
Warum werden Theo Waigel von der CSU und Edzard Reuter von Daim-
ler Benz nicht mit dem Vorwurf der Ahnungslosigkeit mangels
selbsterlittener Erfahrung konfrontiert, wenn sie sich mit fi-
nanzstarken Joint ventures in die Lage und mit massiver Wahlpro-
paganda in die Bewußtseinslage von DDR-Bürgern einmischen?
Es muß wohl daran liegen, daß von Politikern und Kapitalisten oh-
nehin niemand erwartet, sie würden die Welt jemals ernstlich mit
den Augen ihrer Wahlbürger und Lohnabhängigen betrachten, auf den
Begriff bringen und auf deren Interessen beziehen, wo sie doch
nach politischer Macht und wirtschaftlichem Kommando über Land
und Leute streben. Das wäre ja auch wirklich sachfremd. Solche
Figuren sind unterwegs, um über das drüben ansässige Volk -
ebenso wie über das hiesige - zu entscheiden, was m i t ihm an-
zustellen ist. Ihr Job ist es, mit der Gewalt, die sie per
Staatsmacht wollen oder in Geldform besitzen, Lebenslagen für die
Masse der Leute zu schaffen; nie und nimmer ist es ihre Angele-
genheit, die geschaffenen Lebenslagen vom Standpunkt derer, die
sich darin einrichten müssen, zu erklären, geschweige denn zu
kritisieren, gar noch in der Absicht, daß die Betroffenen da lie-
ber selber mal was in die Hand nehmen, statt immer bloß tief be-
troffen zu sein.
Eine solche Beratung darüber, was die Zerstörung des "real-
sozialistischen" Systems in der DDR, der Erfolg der westdeutschen
Staatsmacht an dieser Front, die Herrichtung des Ostens zur
kapitalistischen Geschäftssphäre, der neue gesamtdeutsche Na-
tionalismus und ähnliche Schönheiten für die Leute bedeuten, die
damit klarkommen müssen, ob sie wollen oder nicht: Das war, wir
geben es zu, der Zweck und Inhalt unserer Flugblätter. Einen an-
deren Standpunkt haben wir sowieso nicht als den der Klärung,
welche politischen Zwecke und ökonomischen Interessen die Lage
beherrschen, was die beherrschten Leute davon haben, was sie dar-
aus machen und welche Fehler sie vermeiden sollten.
Dieses Angebot ist von vielen Adressaten nicht bloß ignoriert,
sondern entschlossen zurückgewiesen worden. Es läßt sich ja auch
sehr viel leichter ablehnen als Regierungserklärungen die nichts
erklären, sondern politische Fakten schaffen -, Investitionsent-
scheidungen und andere Eingriffe von oben herab. Denn die entfal-
ten auch dann ihre Wirkung, wenn das betroffene Völkchen sich da-
mit gar nicht oder nur im Namen verfälschender Ideologien abfin-
den mag. Es kommt aber noch eins hinzu: Wo machtvolle Interessen
regierend, bestimmend, diktierend, mit ihren verlogenen Sprachre-
gelungen - und auch durchaus ohne langjährige Lebenserfahrung
"vor Ort" - Einzug halten, nimmt sich das "revolutionäre" Volk
der DDR erst gar nicht die Freiheit zur Prüfung und Ablehnung
heraus. Die Freiheit, "Bevormundung" zu entdecken und zurückzu-
weisen, sieht sich viel eher durch Argumente herausgefordert, die
verkehrte Auffassungen zurechtrücken wollen. Denn damit werden
die DDR-Bürger ja glatt angeredet als welche, die selber etwas
machen sollen und durchaus vieles falsch machen können, was sie
besser korrigieren sollten. Gegen diese Zumutung wehren sich un-
sere beleidigten Briefeschreiber nach allen Regeln des morali-
schen Denkens.
Das Recht aufs Meckern
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Wir sollen also "nach drüben". Und wozu: Damit uns dort wegen
schlechter Erfahrungen mit dem "Realen Sozialismus" das Herumkri-
tisieren am bundesdeutschen Kapitalismus, an der bürgerlichen De-
mokratie und am West-Drang der DDR-Bürger vergeht. Und was ist,
wenn unsere Einwände ganz wohnortunabhängig ihre Gültigkeit ha-
ben? Wenn für uns beim Kritisieren das Argument zählt und nicht
die schlechten Erlebnisse dessen, der seine Einwände anmeldet:
Dann um so schlimmer für unsere Kritik!
Unsere Flugblattgegner machen uns hier folgende grundsätzliche
Rechnung auf: Ihre eigene Absage an die SED-Herrschaft ist allein
deswegen über jedes Argument erhaben und unwidersprechlich, weil
sie sich pur auf die eigenen bitteren Erfahrungen beruft. Die
sind authentisch, also glaubwürdig; und deswegen auf dieses
'deswegen' kommt es an - brauchen sie sich nicht die Frage gefal-
len zu lassen, was daraus wirklich folgt und ob sie sich in ihrem
Verständnis der Lage, der sie ihre scheußlichen Erlebnisse ver-
danken, nicht vielleicht doch täuschen. Denn - so die still-
schweigende Voraussetzung - wenn es einem Beschwerdeführer
schlecht geht und seine Kritik nichts als das ausdrückt, dann und
nur dann ist er ganz ohne Frage im Recht.
So ist es in der Tat - wenn man den kleinen Bedeutungswandel mit-
macht und die Frage, ob ein Kritiker recht hat, von vornherein in
die etwas andere Frage übersetzt, mit welchem Recht da einer kri-
tisiert. Damit ist ein Prüfungsverfahren eröffnet, das sich auf
Argumente erst gar nicht einläßt, sondern statt dessen herausbe-
kommen will, ob sich der Beschwerdeführer sein gutes Recht aufs
Meckern auch ehrlich verdient hat. Verdienen läßt sich so etwas
durch eindeutig unverdientes individuelles Unglück. Wird das an-
erkannt, so geht die Beschwerde moralisch in Ordnung, und keiner
darf mehr etwas dazu, geschweige denn dagegen sagen.
Das beleidigte Rechtsbewußtsein der anderen Deutschen
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Nach diesem Muster melden sich demokratische Bürger zu Wort und
DDR-Bürger auch. Sie wissen sich im Vergleich zu jedem Westler
pauschal zum Jammern berechtigt, weil sie ja drüben leben und
alle guten Deutschen sich sowieso einig sind, daß das allein
schon den Tatbestand eines unverdienten Unglücks erfüllt. Sie
sind als Kronzeugen gegen die alte DDR gefragt und beliebt, und
zwar gerade so, daß sie gar nicht die DDR kritisieren, sondern
ihr Leben in diesem Staat beklagen, der ein Unrechtsstaat ist,
weil er sie nicht unter die im Westen herrschenden Lebensbedin-
gungen gesetzt hat.
In diesem Sinn verfügt jeder DDRler bei Bedarf über eine jammer-
volle Lebensgeschichte, gegen die kein Westler anstinken kann -
und Neger, die nach derselben moralischen Logik mit ihrer authen-
tisch erlebten Hungerheimat die allgemein anerkannten ostdeut-
schen Leidensgeschichten blamieren könnten, kommen erstens man-
gels Gelegenheit nicht dazwischen, und zweitens hätten sie auch
nicht das gute deutsche Recht, sich mit Bundesbürgern zu verglei-
chen und als zu kurz gekommener Volksteil vorzustellen.
Denn darin liegt die Eigentümlichkeit des innerdeutschen Be-
schwerderechts, das DDRler sich nicht nehmen lassen: Es besitzt
ausnahmsweise eine praktische politische Bedeutung. Nicht von
sich aus; das geht gar nicht; denn wenn es bei einer Kritik nicht
darum geht, ob sie richtig ist und die Sache trifft, dann folgt
aus ihr auch keine Veränderung der Sache; und wenn es statt des-
sen nur darum geht, ob der Kritiker ein Recht zum Meckern hat,
dann ist die Entscheidung dieser Frage auch schon die ganze prak-
tische Konsequenz. Die Anerkennung eines individuellen Rechts auf
eine schlechte Meinung über das eigene schwere Schicksal ist ein
für allemal nicht der Auftakt dazu, sachdienliche Hinweise in-
haltlich zu würdigen und solche Schicksale abzuschaffen; sie
b e e n d e t die Ermittlungen in der Frage, ob genau dieses In-
dividuum hat meckern dürfen, und hat ihm und seiner Beschwerde
eben damit schon die ihm zustehende Gerechtigkeit widerfahren
lassen. Der F a l l ist damit abgeschlossen. P r a k t i s c h
folgt daraus gar nichts weiter, außer daß der so glänzend be-
diente Meckerer jetzt aber auch mal wieder die Schnauze halten
darf.
Anders im deutsch-deutschen Systemvergleich von unten. Bei ihrer
eigenen Obrigkeit und in ihrer einstigen Öffentlichkeit haben la-
mentierende DDR-Bürger das nicht gefunden, worauf sie sich ein
moralisches Recht erworben haben, nämlich G e h ö r - wohlwol-
lend und folgenlos, wie das diesem Ding so eigen ist -; das hat
ihr Rechtsbewußtsein verbittert. Nebenan, in der BRD, sind sie
demgegenüber nicht bloß auf öffentliches Verständnis gestoßen,
sondern auf eine praktische politische Tat, nämlich eine macht-
volle offizielle Einladung, die subjektiv so unerträglich gewor-
denen Lebensverhältnisse per Übersiedlung gegen ganz andere aus-
zutauschen. Diese Einladung ist zwar überhaupt nicht deswegen er-
folgt, weil den DDRlern so bitteres Leid geschieht, sondern weil
die BRD da einen Hoheitsanspruch hat und nie aufgegeben hat. Ihre
Wiedervereinigungspolitik hat aber, aus der Froschperspektive be-
trachtet, jede Beschwerde eines DDRlers machtvoll ins Recht ge-
setzt und Bonner "Obhut" als praktische Konsequenz nach sich ge-
zogen. Dem beleidigten Rechtsbewußtsein wurde so eine wirkliche
Wahlfreiheit eröffnet. Je zugänglicher das westliche Sonderange-
bot, um so kompromißloser sind DDR-Bürger in der Verurteilung ih-
rer Lebensbedingungen geworden. Je leichter es ging, um so mehr
haben sie das von der BRD geschaffene Recht genutzt. Zum Dank da-
für pochen sie auch um so mehr darauf, wie überlebensnotwendig
dieses Recht für sie sei und wie gründlich sie es verdient haben.
Das ist der Beitrag dieser Leute zur deutschen Politik. Sie bean-
spruchen überhaupt keinerlei eigene Zuständigkeit für die Rege-
lung ihrer ökonomischen und politischen Belange, sondem melden
als authentisch zu kurz gekommene D e u t s c h e ihr Recht an,
in Zukunft genau wie die im Westen r e g i e r t z u
w e r d e n. Sie finden gar nichts dabei, daß ihre "revolutionär
errungene" Freiheit vom alten Regime gleich schon wieder eine
ganze Welt von Zwängen und Sachzwängen zum Inhalt hat - genau so
war's gemeint: Der SED nicht mehr als Untertan zur Verfügung ste-
hen, statt dessen neuen Herren, und denen sofort! Sie laufen,
geistig und praktisch, zu der Bonner Obrigkeit und zu kapitali-
stischen Arbeitgebern über, die sowieso ihre Hand auf sie legen,
und verstehen ausgerechnet das als die Verwirklichung ihres
wohlerworbenen exklusiven Beschwerderechts und als ihre Befrei-
ungstat.
Üble Nachrede gegen subversive Argumente
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Und dann sagen BRD-Marxisten ihnen die Meinung! Quatschen sie an
als Leute, die gescheiter daran täten, sich selber vernünftig um
ihre gesellschaftlichen Lebensbedingungen zu kümmern, statt sie
erst als "Realen Sozialismus" erbittert zu erdulden, dann als de-
mokratischen Kapitalismus erfreut entgegenzunehmen und sich nach
wie vor den Preis fürs Zurechtkommen von anderen und nach Maßgbe
fremder Interessen diktieren zu lassen. Da kriegen sie es sogar
schriftlich, daß ihr gutes deutsches Recht auf Systemvergleich
und Übersiedlung nichts gar so Großartiges ist, weil ihr Recht
nur darin besteht, die eine Abhängigkeit gegen die andere auszu-
tauschen. Sie müssen lesen, daß ein paar Kommunisten in West-
deutschland die zweifellos beschissenen Lebensbedingungen in der
DDR überhaupt nicht für einen guten Grund halten, die Bundesrepu-
blik als bestes Angebot, das für Deutsche zu haben ist, dankbar
zu begrüßen und sich fortan bloß noch um erfolgreiche Anpassung
an die neue Herrschaft zu bemühen. Sie werden nicht gefeiert,
sondern kritisiert, weil sich ihr "revolutionärer" Freiheitsdurst
darin austobt, demonstrativ aufzustehen, den von anderen entmach-
teten alten Herren einen Tritt zu geben und neue, erfolgreiche
Herren um die Übernahme des Kommandos zu ersuchen!
Ein deutscher Mensch, der seine moralischen Rechte und sonst gar
nichts kennt, muß das als Beleidigung nehmen. So einer hört aus
jeder Kritik, sei es an seiner Sicht der Dinge, sei es am Ziel
seiner privaten Wünsche, einem Leben in der BRD, einen Anschlag
auf sein, wohlerworbenen Rechte heraus; und das auch noch durch
Leute, die - seinem Weltbild zufolge - dieses Recht längst haben
und in vollen Zügen genießen und sogar zur Kritik mißbrauchen,
obwohl sie mit ihrem Leben in der BRD doch schon gar kein Recht
auf Unzufriedenheit mehr haben. Der DDRler merkt, auch wenn er
keinen ganzen Satz zur Kenntnis nimmt, die Absicht, ihm den Ge-
danken aufzudrängen, es gäbe auf der Welt womöglich noch andere
Täuschungen als die, die er von seiner alten SED her kennt und
denen er sein Recht auf radikale Parteilichkeit für die BRD ent-
nommen hat. Schon am Tenor, ja an der bloßen gedruckten Existenz
unserer Polemik wird manchem gleich klar, daß es uns nicht um den
Nachweis eines subjektiven Rechts auf Unzufriedenheit geht und um
etwas ganz anderes als menschliches Verständnis für Leute, die es
auch nicht leicht haben. Der moralisch denkende Bürger vernimmt
die Zumutung auch an ihn höchstpersönlich, von der Beschwerdeform
des Denkens, dem Jammern, abzulassen; und an der Form ahnt er den
subversiven Inhalt: die Welt nicht vom Standpunkt des Regiert-
Werden-Wollens, des Sich-Einsortierens ins gegebene Herrschafts-
verhältnis zu betrachten. Natürlich ist das ein Anschlag auf sein
Freiheitsbewußtsein - ist so etwas überhaupt erlaubt? Und hat er
d a f ü r, schon praktisch oder zumindest ideell, die Herrschaft
gewechselt, damit ihm jetzt schon wieder, wenn auch bloß auf ei-
nem Zettel, sein Menschenrecht auf wohlwollendes Gehör bestritten
wird?
Die konsequente Antwort des beleidigten DDR-Bürgers ist die mora-
lische Vernichtung: kein Existenzrecht für Leute, die ihm so kom-
men! Das gehört unterstrichen. Also: Streichung von der Empfän-
gerliste "realsozialistischer" Geldspenden - was kümmert es, daß
die SED und ihre westdeutschen Partner sich seit Jahrzehnten an
unserer Kritik ihres Ladens, stören und unsere Kritik an den bun-
desdeutschen Verhältnissen bekämpfen, lustigerweise auch mit dem
"Argument", uns ginge es gar nicht schlecht genug, daß wir so
grundsätzlich kritisieren dürften. Die demokratischen Segnungen
des Flugblätter-Schreiben- und -Verteilen-Dürfens gehören uns
entzogen, was sich mit der empfohlenen Übersiedlung von selbst
erledigen dürfte - heute zwar nicht mehr; aber für die alten
Praktiken des Stasi wüßte so mancher jetzt eine passende Verwen-
dung. Im Namen von Marx gehören wir in denselben Topf wie die
SED, die ja sowieso unten durch ist; dumme Phrasen aus der
"realsozialistischen" Staatsideologie, die man bei uns nie gele-
sen, von der SED aber noch im Kopf hat, sind der Beweis. Viel-
leicht ist SED aber noch nicht einmal schlimm genug?! Der Mord an
Bankier Herrhausen erinnert den aufgeweckten DDRler an das, was
in der BRD als die schlimmste kriminelle Vereinigung gilt: MG ab
in ein und denselben Topf mit der RAF! Nur keine Skrupel beim
Gleichsetzen und Übel-Nachreden - es dient ja einer guten Sache.
Der Stasi im Kopf
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Diese DDR-Bürger sind reif für die Demokratie. Ihr gesamtes Den-
ken ist Antikritik; nicht in dem matten Sinn, daß es kein Gemec-
ker hören will oder bestimmte Gegenstände der Kritik entzieht,
sondern per Prinzip: Wer das Glück hat, unter westdeutschen Her-
ren zu leben, braucht sich sein Lebtag über gar nichts mehr zu
beschweren. Sortiert wird die politische Welt nach gut und böse;
daß ein Honecker viel mehr Übereinstimmungen mit einem Kohl auf-
weist und ein Schalck-Golodkowski viel mehr mit einem Strauß zu
tun hat (und hatte) als mit einem Kommunisten, oder daß der Stasi
seine gleichgesinnten und gleichgearteten Kollegen nicht in der
MG hat, sondern im westdeutschen Verfassungsschutz, dem das sorg-
fältige Ausspionieren solcher linken Vereine schon nicht mehr ge-
nügt - das geht solche Denunziationskünstler gar nichts an.
Einen politischen Willen haben diese guten Deutschen auch. Er ist
fest darauf gerichtet, die Regelung aller ökonomischen und poli-
tischen Dinge denen zu überlassen, die sowieso die Gewalt und das
Geld dazu erstens haben und zweitens erfolgreich einsetzen. Den
Vorschlag, die Sache andersherum zu sehen und zu handhaben, ver-
stehen sie sehr wohl - als Beleidigung ihres Rechts auf Anpassung
an die Unterordnungsverhältnisse, die sie als die vergleichsweise
angenehmeren ausgemacht haben. Opposition halten sie für über-
flüssig, wo sie erlaubt ist, und für unzulässig, weil sie doch
erlaubt ist; im Namen der Freiheit stehen sie mit Verbotsanträgen
bereit.
Und da sage noch einer, die DDR hätte zur Zeit keinen funktionie-
renden Stasi...
II. Demokratischer und proletarischer Moralismus
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bestehen auf Abrechnung statt Kritik
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"Ihr habt wohlweislich verschwiegen, daß die hiesigen Kommunisten
stets Bescheidenheit, Einfachheit gepredigt haben und ihre prole-
tarische Herkunft nur gar zu gerne herausstellten. Auch darauf
war und ist die ganze Gesetzgebung ausgerichtet. Niemand soll und
darf reich werden. Wer es dennoch schafft, hat dies um das Opfer
von 97% Steuern getan. Besonders schwer wurden Leute bestraft,
die spekulierten und ohne direkte Arbeit (sofern es diese Defini-
tion überhaupt gibt) Geld verdienen. Und nun ist diese Schizo-
phrenie herausgekommen. Diese Scheinkommunisten haben das Volk
jahrzehntelang belogen, nicht nur deren Besitz ist das Vergehen,
sondern vor allem deren Lüge. Wort und Tat stimmten nicht über-
ein. Man denke nur an den Westbesuch von Harry Tisch und seine
Worte, als der Flüchtlingsstrom über Ungarn losging... usw. Diese
Lügen hat der Sicherheitsapparat gedeckt und sein Ziel war nicht
die Sicherheit des Volkes, sondern die Sicherheit der Bonzen.
Dabei sollte mit einbezogen werden, wie sehr sich das Volk dabei
um alles mühen mußte. 19 Jahre Wartezeit auf ein Auto, Wartezei-
ten für Tiefkühltruhen, Wohnungen, Möbel, Gasherde, ... eigent-
lich für alles - oft genannt: Bilanz. Jeder Parteibonze ab Kreis-
ebene hat diese Dinge umgangen, und viele haben sich dazu noch
auf Staatskosten große Anwesen errichtet.
Mir ist nicht bekannt, daß Eure Politiker proletarische Manier
und Bescheidenheit predigen. Mir ist auch nicht bekannt, daß Eure
Politiker grundsätzlich andere Rechte haben als das Volk. Das ist
der FEINE UNTERSCHIED!" (F.W., Zwickau)
"Sie haben bisher folgendes nicht begriffen:
Hier hat sich nicht irgendein Kapitalist, sondern die Führung ei-
ner Arbeiter- und Bauernpartei bewußt vom Volk isoliert. Das ge-
schah nicht nur durch Einzug in Wandlitz (dem Volk wurden gleich-
zeitig 11 qm Wohnraum pro Person zugestanden), sondern auch durch
das Verschließen der Augen und Ohren vor allen Mißständen und
Problemen.
Anstatt Probleme aufzugreifen und zu lösen, wurden sie weggelo-
gen. Anstatt die Wirtschaft wissenschaftlich zu leiten, konnte
sich Herr Mittag erlauben, nach seinem fragwürdigen Ermessen her-
umzurühren. Er konnte es ja nicht besser, da er auf jede reale
Information bewußt verzichtete.
Die Menschheitsgeschichte lehrt, daß eine Gesellschaftsordnung
von der anderen abgelöst wird, wenn sie nicht mehr progressiv
ist. Der Sozialismus war dazu bestimmt, den Kapitalismus abzulö-
sen. Dazu war es wohl auch Zeit. Es war die verdammte Pflicht und
Schuldigkeit einer marxistischen Parteiführung wie der unseren
(und auch aller anderen sog. sozialistischen Staaten), in der
Praxis nachzuweisen, was die Idee wert ist. Mit ihrem verantwor-
tungslosen Verhalten haben sie sich zu Verbrechern an der Mensch-
heit gemacht! Aber die DDR-Bevölkerung ist natürlich so edel
nicht gesinnt, daß sie nur diesen Fakt der Anklage gelten ließe.
Denn sie hat 30 Jahre lang diesen Widerspruch ertragen müssen
zwischen Theorie und Praxis. In letzter Zeit wurde die Ähnlich-
keit zu den Praktiken der Hitlerclique immer größer, was die Un-
terdrückung Andersdenkender betraf. Ich kann das beurteilen, denn
ich habe noch Erinnerungen an diese Zeit.
Es geht natürlich bei der Verfolgung dieser Leute auch darum, daß
sie sich auf Gesellschaftskosten bereichert haben. Jeder Dieb
wird hier verfolgt für weitaus geringere Beute. Und gerade sie
behaupteten, daß sie andere Ideale hätten als ihre kapitalisti-
schen Kollegen. Es ist eben nicht dasselbe, wenn zwei das gleiche
tun. Schon allein aus diesem Grunde haben Sie völlig Unrecht mit
Ihrem Vergleich und ihren Schlußfolgerungen. (...)
Mit den Mitteln, die die Lumpen unter den SED-Mitgliedern für ih-
ren privaten Sozialismus verbraucht haben, hätte man das Gesund-
heits- und Sozialwesen der Stadt Dresden auf einen menschenwürdi-
gen Stand bringen können. Sozialismus für 800000, nicht für 195
Menschen!" (W.K., Dresden)
Ein reichlich armseliges Leben hat die SED ihren Volksmassen ein-
gerichtet. Zu richtiger Empörung reicht dieser Befund aber erst
hin, wenn das Volk seine Herren außerdem beim Heucheln ertappt.
Diese Sicht der Dinge ist verkehrt, und zwar in den beiden Vari-
anten, in denen diese Empörung uns als Reaktion auf unser Flug-
blatt "Die SED - lauter Lumpen?" präsentiert worden ist.
Demokratischer Untertanengeist...
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Der Schreiber aus Zwickau, der uns wegen Verschweigens gleich mit
in Haftung nimmt für das Verbrechen der SED gegen die Ehrlich-
keit, stellt sich seinen ganzen Brief lang konsequent auf den
Standpunkt, Regierungstätigkeit ginge dann in Ordnung, wenn die
Herrschaften "Wort und Tat" zur Übereinstimmung brächten. Das
DDR-Steuergesetz erklärt er sich aus dem realsozialistischen Pro-
letkult und tut so, als hätte er sich damit anfreunden können,
wenn die alte Führungsgarde selber konsequent nach ihren Beschei-
denheitsphrasen gelebt hätte. Umgekehrt möchte er den bundesdeut-
schen Herren ihr offensives Repräsentationsgehabe nicht zum Vor-
wurf machen, weil sie sich damit im Rahmen der allgemein gelten-
den Gesetze bewegen und auch gar nichts anderes versprechen.
So erspart man es sich auf alle Fälle, ein eigenes Interesse an
bestimmten staatlichen Taten oder gegen sie zu vertreten und zu
begründen, dagegenstehende politische Vorhaben zu erklären und zu
kritisieren; quasi selbstlos blamiert oder billigt man das Tun
von Machthabern an dem edlen moralischen Kriterium der Ehrlich-
keit. So wird der Inhalt staatlicher Politik gegen Einwände und
begründete Gegnerschaft geradezu immunisiert, die Moralität der
Macher als einziges Argument für oder gegen ihre Werke in Kraft
gesetzt.
Deutlicher läßt sich die Methode des demokratischen Untertanen-
geistes kaum vorführen; und zwar in seinen beiden Aspekten. Auf
der einen Seite ist die Unterwürfigkeit - bzw. der Anspruch auf
die der anderen - komplett, wenn dem Publikum nichts als die Tu-
genden seiner Herren zur Beurteilung vorgegeben werden; daß die
alle gesellschaftlichen Lebensverhältnisse so regeln, wie sie es
beschließen, gilt ja als Selbstverständlichkeit, mit der die Be-
troffenen sich gar nicht erst zu befassen haben. Auf der anderen
Seite ist der bescheidene Anspruch, nur nach Heuchelei Ausschau
zu halten und gnadenlos dagegen zu schimpfen, selber nicht ehr-
lich. Denn das ist doch auch jedem aufgeklärten Beobachter der
politischen Szene klar - und wenn DDRler sich darin noch täu-
schen, so wird der Wahlkampf ihnen einen anschaulichen Nachhil-
feunterricht erteilen -, daß die Übereinstimmung zwischen morali-
schen Worten und der Lebensführung von Politikern allemal ein ge-
pflegter Schein ist, den die Öffentlichkeit kaputtmacht oder gel-
ten läßt je nach dem, mit welcher Figur und welcher Partei sie
aus ganz anderen Gründen als solchen moralischen Abwägungen und
Fahndungsergebnissen s y m p a t h i s i e r t. Gerade weil de-
mokratische Politik mit ihren freien Wahlen und Wahlkämpfen dar-
auf beruht, daß alle Beteiligten sich für die Repräsentanten
statt für die Sache interessieren und nach ihrem moralischen Ge-
schmack politische Ermächtigungen anstellen, ist das moralische
Erscheinungsbild der Konkurrenten um Regierungsämter eine berech-
nend eingesetzte W a f f e und wird von den Wählern ebenso un-
ehrlich honoriert oder nicht. Unser Leserbriefschreiber jeden-
falls hat seine Abneigung gegen Honeckers Arbeiterparadies nicht
erst, seit "diese Schizophrenie herausggekommen" ist - nur, was
er dagegen hat, ob eventuell bessere Gründe als die 97% Gewinn-
steuer, verrät er nicht, weil er sich ja nur darüber entsetzt
gibt, daß die realsozialistischen Bescheidenheitsapostel privatim
Hallodris waren. Er sympathisiert mit bundesdeutschen Zuständen,
und das nun gewiß nicht, weil in der hierzulande herrschenden
Klasse Reichtum und Angeberei einwandfrei gleich groß sind, oder
weil in unserer kapitalistischen Demokratie nirgends die Heuche-
lei zu entdecken wäre, Profitmacherei und Regierungstätigkeit
seien redlicher Dienst am Volkswillen - aber mehr als den Schwin-
del vom "feinen Unterschied" teilt er als Grund seiner Vorliebe
nicht mit. Das ist jedenfalls Heuchelei der feineren, demokrati-
schen Art. Und damit hat der Mann aus Zwickau die Zeichen der
Zeit gut erkannt: Das ist die neue Staatsmoral, die den plump-
verlogenen Proletkult von gestern ablöst.
...wünscht saubere Klärung der Schuldfrage
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Der Maßstab der Ehrlichkeit, an dem die Zuschrift aus Dresden die
alte SED-Führung mißt und aburteilt, ist ein Produkt der alten
realsozialistischen Parteiideologie. Er soll nämlich ausdrücklich
nur für sozialistische Politiker gelten, für die jedenfalls viel
strenger als für "ihre kapitalistischen Kollegen"; und zwar des-
wegen, weil es bei sozialistischer Politik eben nicht bloß um die
formelle Tugend der Übereinstimmung von "Theorie und Praxis"
ginge, sondern um die Verwirklichung eines idealen Projekts, ei-
nes epochemachenden Menschheitsfortschritts. An dieser hohen Auf-
gabe hätte sich die Parteiführung aus Egoismus versündigt, und
zwar mit ihrem "privaten Sozialismus" ebenso wie mit ihrem Weglü-
gen von Problemen und Nicht-Wahrhaben-Wollen von fundamtentaler
Unkenntnis.
So konstruiert sich ein enttäuschter, aber ungebrochener Anhänger
parteischulmäßiger Sozialismusideale wenigstens eine Erklärung
dafür, daß trotz Parteiherrschaft über 30 Jahre hinweg aus der
Realisierung des fälligen Menschheitsfortschritts weniger als
nichts, nämlich eine abgrundtiefe Enttäuschung der Massen gewor-
den ist: Er identifiziert Schuldige. Der Glaube an ein antisozia-
listisches Verbrechertum an der Parteispitze, an Hochverrat der
Oberen am Sozialismus, rettet hier den Glauben an die
"Bestimmung" des Sozialismus, "den Kapitalismus abzulösen". Und
deswegen stört sich der Verfasser dieser Zuschrift an den Hinwei-
sen in unserem Flugblatt, wie n o r m a l - gemessen an den Ge-
pflogenheiten eines modernen nationalen und internationalen
Staatslebens - die Herrschaft der Honeckers und Mittags war. Er
scheint diesen Hinweisen ganz richtig unsere Auffassung entnommen
zu haben, daß der "Reale Sozialismus" der vergangenen 40 Jahre
unmöglich ein einziger Widerstreit zwischen Ideal und Egoismus,
geschichtlicher Mission und Verbrechertum gewesen sein kann -
zumal sich die Millionen Parteimitglieder und die durch
"Widersprüche zwischen Theorie und Praxis" verärgerten Massen
dann ja wirklich fragen lassen müßten, warum sie ihr Gesundheits-
und Sozialwesen und den Menschheitsfortsschritt überhaupt so ge-
duldig einer Clique überlassen haben, die ja auch erst einmal ir-
gendwie an die Parteispitze hat gelangen müssen. Tatsächlich ha-
ben Parteimitglieder und Massen die "Verwirklichung des Rechts
auf Arbeit", die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik",
das alte und jedes "Neue Ökonomische System der Planung und Lei-
tung" usw. doch zu Recht für die Realisierung des Programms ge-
halten, für das die SED und die anderen "realsozialistischen"
Staatsparteien im Osten angetreten sind; von der
"Friedenspolitik" ganz zu schweigen. Die Praxis hat sich von der
"Idee" ja nie so weit entfernt, daß die materiellen Ergebnisse
nicht einiges hätten zu denken geben können über die notwendigen
Widersprüche der "Idee" eines sozialistischen Lohnsystems, einer
gerechten und sozialen Ware-Preis-Relation, einer Planung mit dem
Mittel einer im Geld vergegenständlichten Kommandogewalt usw. Und
wer das "Gesetz vom Gegensatz zwischen Akkumulation und Konsum-
tion" für eine Erkenntnis der sozialistischen Wissenschaft hält,
dürfte sich über Mängel im Dresdner Gesundheitswesen eigentlich
nicht übermäßig wundern und alles auf die Datschas von ganzen 195
herrschenden Egoisten schieben - lange genug ist das ja auch
nicht passiert.
Doch das wäre ja glatt eine K r i t i k an den edelmütigen,
aber grundverkehrten Vorstellungen zur Verbesserung der kapitali-
stischen Welt, die die Parteidoktrin der "realen Sozialisten"
ausgemacht haben. Und dagegen verwahrt sich die Dresdner Zu-
schrift, indem sie auf der Fiktion einer moralischen Scheidelinie
zwischen intakten Idealen und unentschuldbaren Verstößen - dar-
auf, daß sie "bewußt" passierten, wird Wert gelegt! - in der
schnöden Wirklichkeit des "Realen Sozialismus" besteht. Die Rech-
nung soll dadurch zugunsten der sozialistischen I d e e aufge-
hen, daß alles Unschöne aufs Verbrecherkonto der Honecker-Clique
abgebucht wird. Das konnten die "Realen Sozialisten" übrigens
schon unter Ulbricht und Honecker sehr gut: Schuldige suchen und
finden, wenn gerade mal wieder die Verpflichtung der Betriebe auf
"wirtschaftliche Rechnungsführung" überaus konsequent und logisch
zu materiellen Versorgungsmängeln der ärgerlichen Sorte geführt
hatten...
Zur Tradition des "Realen Sozialismus" gehört ebenso der Trost,
auf den die moralisierende Wirklichkeitskritik im Prinzip hinaus-
läuft: Wenn bloß die Führungsspitze kriminell war, dann gehört
sie ausgetauscht, damit der Sozialismus wieder eine Zukunft hat.
Mit der Kriminalisierung der jeweils abgesägten Genossen beweist
diese Partei sich seit jeher praktisch ihren Standpunkt, daß an
ihr ansonsten alles in Ordnung ist: Das, und nicht so sehr der
Stasi, ist das institutionalisierte ideologische Kritikverbot
dieser Partei.
Das Kommunismusverbot ist dieses Verfahren damit zugleich auch.
Denn es gebietet und reproduziert jenes V e r t r a u e n s-
v e r h ä l t n i s zwischen Führung und Basis, dessen not-
wendige praktische Konsequenzen periodisch den ebenfalls
traditionsreichen Vorwurf wachrufen, die Führung hätte sich mal
wieder "bewußt vom Volk isoliert". Auf alle Fälle wird so
sichergestellt, daß die mitmachenden Massen die Einrichtung und
Verwaltung von Produktion und sonstigen gesellschaftlichen Leben
konsequent nicht als ihre Sache betrachten, für deren Abwicklung
sie Funktionäre im wirklichen Wortsinn bestellen, sondern
M a c h t h a b e r n in die Hände legen. Das macht
das"realsozialistische" Gemeinwesen denn auch dem bürgerlichen
Staat so grundsätzlich ähnlich.
Und deswegen braucht sich jetzt auch kein enttäuschter Anhänger
des alten Sozialismus zu wundern, wenn das an Unterordnung ge-
wöhnte Volk die dazugehörige Tugend, sein politisches Vertrauen
so flott ganz anderen Figuren schenkt, sobald ihm diese Auswahl
freigestellt wird.
III. Verkehrte Sorgen um die Heimat DDR - patriotische Einwände
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gegen den neuen gesamtdeutschen Nationalismus -
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schiefe Diagnosen zur "Wende" des Volkes
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"Die sofortige oder wie auch immer Wiedervereinigung wird ja nun
zunehmend zur 'Gretchenfrage' für alle politischen Kräfte unseres
Landes. Und vielleicht auch die wahlentscheidende.
Wir glauben aber, daß die 40 Jahre Versuchsgesellschaft etwas ge-
bracht haben. Auch halten wir die sofortige Zusammenschließung
schon aufgrund vieler extremer Strukturgegensätze für
'Selbstmord' der Kommunen." (H.G., Halle)
"Was können speziell wir ostdeutsche Marxisten gegen eine dro-
hende Wiedervereinigung auf der Grundlage der derzeitigen Macht-
verhältnisse tun? Möglicherweise ist eine derartige Strategie
derzeit auch noch nicht in allen Belangen möglich." (E.B., Dres-
den)
"Nun hat sich alles geändert! Ihre Bedenken, daß wir von der BRD
aufgefressen werden, die habe ich auch! Wenn nicht gleich, dann
in ein paar Jahren.
Wer die wirtschaftliche Macht hat, ist der Stärkere, ob wir wol-
len oder nicht. Denn der Sozialismus ist am Ende! Und die heute
nach der Einheit Deutschlands schreien, werden die ersten Ar-
beitslosen sein und in der Gosse landen. Das Gift von Herrn
Schönhuber wirkt schon in einem Teil unserer Jugend, die nicht
wissen, was sie tun." (W.W., Dresden)
"Am Anfang lief alles gut, nur merke ich jetzt, daß die Situation
einer Veränderung da war, aber kein grobes Konzept zur Realisie-
rung eines gerechteren Staates da war und die Leute auch nicht
die gleichen Ziele haben, bzw. sich von einer 'guten' Ideologie
Werte einreden lassen, die nicht das Allgemeinwohl zum Ziel hat.
Viele schreien auch so laut und unkontrolliert, wie es die taten
gegen die sie auf die Straße gingen. Meinungsfreiheit sieht jetzt
so aus, daß nur die Meinung der Wiedervereiniger gilt und alle
anderen am Reden gehindert werden... Viele merken auch nicht, daß
sie von einer Bevormundung in die andere stolpern. Die, die jetzt
am lautesten schreien, werden als erste ins Dunkel fallen und
dann kommt ein starker Führer und dann geht's richtig los.
Ich habe das beklemmende Gefühl, daß wir alle überrannt wurden,
weil auch die Fähigkeit zur detaillierten Analyse der Ereignisse
fehlt.
Alle rennen nach Bananen und Billigrecordern, weil ja auch immer
gepredigt wurde 'Befriedigung der materiellen Bedürfnisse...',
die nicht realisiert werden konnte. Eingesperrtsein führt bei
vielen zum Reisefieber, und wenn man vom guten Onkel noch was ge-
schenkt bekommt nichts wie hin.
Die, die am lautesten jammern sie sind betrogen worden, saßen in
den Ecken der Fabriken und haben gegammelt, sind mit dem Arsch an
der Wand langgeglitten und haben abgeschöpft, was abzuschöpfen
war. Jetzt natürlich genauso. Es standen zwei Wege zum Entscheid:
ein paar Jahre mit einem Apfel und 'nem Ei zu leben, aber Pro-
bleme der Umwelt und Politik aus eigener Kraft zu lösen, oder
eben das ausländische Kapital. Wer will schon das erste, viel-
leicht 1 %. Also mit dem Kapital kommt die Politik. T.-St.-Scher-
ben: Geld regiert die Welt. Deshalb denke ich, daß die weitere
Zukunft unseres Landes schon lange von denen da oben festgelegt
ist. Ein paar machen sich noch heiß: Erneuerung oder nicht, ver-
suchen Skandale und Privilegien aufzudecken, da sitzen die Neuen
schon in noch größeren Häusern, mit noch mehr Geld." (S.N., Karl-
Marx-Stadt)
"Die gegenwärtige Entwicklung in unserem Land macht mir große
Sorgen. Immer lauter werden Rufe nach Wiedervereinigung. Auch
sind bei uns neofaschistische Tendenzen immer deutlicher zu er-
kennen. Ich sehe langsam ernsthaft die Gefahr, daß die Wende oder
Erneuerung in die falsche Richtung läuft. Momentan ist es doch
so, daß viele DDR-Bürger für ein Kilo Bananen ihre Gesinnung ver-
raten. (...)
Ich werde auch weiterhin mitarbeiten, eine sozialistische Alter-
native zur BRD zu schaffen." (D.S., Frankfurt/Oder)
"Beobachte ich die Freude, die gewisse Euphorie der Zeit, die
sehr, sehr verständlich ist, sehe ich in gleichem Maße die Ge-
burtsstunde einer neuen Gefahr. (...)
In vielen Gesprächen hörte ich von der Orientierung auf die soge-
nannte 'Leistungsgesellschaft', die aber von der 'Freien Markt-
wirtschaft' distanziert bleiben soll. ... welche Illusion!
Ich glaube an die Chance, welche durch das Öffnen der Grenzen ge-
geben wurde, warne selbst aber, so gut ich es vermag, vor den
möglichen Folgeerscheinungen, die hierzulande noch einen ganz an-
deren Charakter haben, als es bei 'Euch' der Fall sein kann.
Der wirtschaftliche Zwang, der nun für uns entstanden ist, den
viele sogar in Hinsicht auf die 'geliebten' Devisen befürworten,
vermag genau das im Schlepptau zu haben, was jeder Einzelne am
meisten ablehnt: KAUFBARKEIT.
Als ich nun nach 18 Jahren den 'Westen' wieder betrat, das letzte
Mal mit 4 Jahren, hatte ich eine Erwartungshaltung 'im Gepäck',
die arg enttäuscht wurde. Was ist denn wirklich ANDERS? Es ist
flimmernder, heller, rasender, meinetwegen auch lebendiger,
letztlich aber viel pervertierter, dem Tod ein ganzes Stück näher
als der 'einfältige' Sozialismus." (O.G., Pirna)
"...finde ich genau meine Ansichten wieder. Vielleicht sollte man
es auch streckenweise mit Angst bezeichnen. Polen und Ungarn ist
einfach zu nah, als daß man die Folgen 'wirtschaftlicher Hilfe',
für mich nur eine neuartige Kolonialisationsform (obwohl so neu
ja auch nicht: '3. Welt'), übersehen könnte. Meiner Einschätzung
zufolge sehen das aber zuwenig Menschen hier im Land. Viele gehen
unter, in der Konsumsturmflut. So empfindet man hier größtenteils
die 100 DM Begrüßungsgeld als Geschenk, als nette Geste. Meines
Erachtens ist ein Geschenk Eurer etablierten Parteien nicht zu
erwarten gewesen oder demnächst zu erwarten. Diese Millionen von
Begrüßungsgeldern sind schlicht vorteilhaft für die Konjunktur.
(...) Wie kann ich die 100 DM als Geschenk betrachten, wenn dem
Typ hinter mir für 5000.- Ost 500.- West gegeben würde. Und das
in vielen Banken und Kassen und mit anderen Summen. Das legiti-
miert mich, die 100 DM als mein Recht anzusehen. Ich halte das
alles für gezieltes Eingreifen in den Geld-Ware-Kreislauf eines
Landes." (K.T., Ludwigsfelde)
"Wir, die Befürworter einer Eigenstaatlichkeit der DDR und Gegner
einer kapitalistischen Wiedervereinigung (...) Leider haben die
Montagsdemos in Leipzig einen erschreckenden Rechtsruck erfahren.
Sie ist geprägt von Wiedervereinigungswahn und rechter Stimmungs-
mache. So werden wir, die für Eigenstaatlichkeit und gegen Neofa-
schismus eintreten, als 'Rote Schweine' und 'Rote aus der Demo
raus' betitelt. Nichts ist mehr zu spüren vom Demokratieverständ-
nis, Umweltschutz und freien Wahlen, wonach man noch vor Wochen
lauthals schrie. Wir sind demnach schon wieder in der Opposi-
tion." (S.S., Leipzig)
"Wir gehören zu den unverbesserlichen Anhängern sozialistischer
Ideale, trotz der (leider realen) Machenschaften verschiedener
SED-Funktionäre auf unterschiedlichsten Ebenen. Wir bekennen uns
zu den grundlegenden sozialen Errungenschaften in unserem Land
und wollen versuchen, möglichst viele davon auch in die unmittel-
bare Zukunft unseres Landes 'hinüberzuretten'." (U.B., Freiberg)
"Ich habe nicht so viel Ahnung von Politik, aber mein Gefühl sagt
mir, daß das alles auf etwas ganz anderes hinausläuft, als die
meisten Leute meinen, die da schreien 'Deutschland einig Vater-
land'. (... ) Am Anfang war ich oft mit bei der Demo dabei, weil
ich selber gesehen habe, daß viele Dinge in unserem Land nicht
hinhauen und das nicht erst seit kurzem. Das hat sich dann ja
auch bewiesen. Leider. Ich war froh über die Veränderungen - aber
dann... Ich hatte schon immer eine schlechte Meinung vom Grund-
charakter der Menschen. Das hätte ich voraussehen müssen. Jeder
denkt doch zuallererst nur an sich. Wenn das nicht so wäre, hätte
unser Staat eine große Chance gehabt. Ich kann beim besten Willen
nichts Schlechtes an der Grundidee des Sozialismus finden. Aber
plötzlich ist alles schlecht und sinnlos...
Niemand hat bei uns mehr gearbeitet als er mußte. Wer ist denn so
blöd, wenn man sein Geld auch so verdient - mit Schlamperei und
Nichteinhalten der Arbeitszeit. Keiner sagt großartig was dage-
gen, von den Verantwortlichen. Es wurde halt weggeschaut, um kei-
nen unnötigen Ärger zu haben. Auf der anderen Seite haben genau
diese Werktätigen gemeckert, wenn es nichts zu kaufen gab und die
Qualität zu wünschen übrig ließ. Aber daß sie selbst daran schuld
sind, wollen oder können anscheinend die meisten nicht sehen.
Nun waren solche Leute im Westen und bekamen den Mund nicht mehr
zu. Es gibt wirklich alles. Konsum und Komfort. Ein Leben wie im
Schlaraffenland. 'Das wollen wir auch' werden einige gedacht ha-
ben. - 'Wiedervereinigung' was die Sprechchöre da schreien, ver-
körpert nichts anderes als ihren Egoismus. Es ist doch nicht der
Kapitalismus an sich, den diejenigen sich erwünschen, und auch
nicht die große deutsche Heimat, sondern der hohe Lebensstandard
des goldenen Westens.
So sehe ich das. Aber ich kann niemanden überzeugen. (...) Meine
Eltern sagen, daß man da gar nichts machen kann. Wenn die Mehr-
heit die Wiedervereinigung will, dann können die wenigen, die da-
gegen sind, das auch nicht aufhalten. So etwas macht mich wütend.
(...) Das Schlimmste ist es für mich, wenn ich neonazistische
Tendenzen entdecke." (M.L., Leipzig)
"Wir halten auch selber nicht viel vom 10-Punkte-Plan des Kanz-
lers Kohl. Wir sind auch gegen eine Wiedervereinigung, denn es
würde die Zeit herankommen, wo die DDR aufgekauft werden würde.
Da ich selber in meinem Großbetrieb (Kabelwerk Nord) als Kfz-
Schlosser arbeite und derzeit Verträge mit dem Großkonzern
'Siemens' abgeschlossen werden, bangen viele um ihre Arbeit. Eine
Produktionshalle mit 85-120 Beschäftigten wurde 'Siemens' zur
Hilfe seiner 'Entwicklungsideen' übergeben, damit die Produktion
schneller vom Band geht, doch diese Produktionshalle wurde so neu
aufgebaut, daß nur noch 15-20 Arbeiter ihre Tätigkeit weiter aus-
führen brauchten. Somit wurden 70/80% wegrationalisiert und zur
Zeit noch woanders eingesetzt. Wie gesagt geht diese 'große Un-
terstützung bzw. Hilfe' der Großkonzerne solange weiter, bis
ganze Großbetriebe oder Schaubetriebe aufgekauft werden und wir
die Situation in der BRD hier im eigenen Land zu verspüren bekom-
men. (Arbeitslosigkeit, Drogensucht usw.)
Auf eine solche Unterstützung verzichten wir lieber; lieber eine
Unterstützung, damit unser Land die wirtschaftliche Lage endlich
wieder in Griff bekommt und nicht nur die 'großen Bonzen' in den
Genuß des Wohlstandes kommen.
Viele DDRler sehen diese Probleme nicht so, man schaut bloß auf
die Möglichkeit der großräumigen und vollgestellten Handelsein-
richtung im Westen, wo das Herz alles begehrt. Man braucht da
nicht lange Schlange zu stehen, da dort alles vermarktet wird,
was zu vermarkten ist, sei es der eigene Körper!" (A.Z./R.W.,
Schwerin)
"Zuerst kam das große Aufatmen und die Hoffnung mit den großen
Demos, dann die Ernüchterung und manchmal auch Verzweiflung. Wenn
ich die Deutschtümler montags höre und die Sprechchöre 'Rote
raus!' dann schwanke ich zwischen Wut und Heulen. Ich wollte et-
was dagegen tun, aber es ist schwer, die Kräfte zu sammeln in
dieser chaotischen Zeit, wo jeder seins macht und das Abwarten
auf Meinung von 'oben' immer noch dominiert. Was tun? Was kann
man tun. Vor 14 Tagen las ich ein Flugblatt der Trotzkisten und
fand dort viele meiner Wunschträume. Leider weiß ich aber auch,
daß es halt Wünsche sind, die zum großen Teil unrealistisch sind.
Es halten ja noch nicht einmal die Kommunisten zusammen - ge-
schweige denn die Arbeiter. Nun beginnt ja auch hier das große
Bluffen um Wählerstimmen. Ich frage mich, warum wir hier so lange
ausgehalten haben, wenn wir jetzt alles wegschmeißen. Es sieht
aber so aus, als seien die Kräfte zu schwach, die das verhindern
könnten.
Wenn ich den Kohlkopf lachen sehe, dann muß ich einfach damit le-
ben, daß unsere Parteiführung besser als jede Bundeswehr in seine
Hände gearbeitet hat. Wir haben es geschafft, Menschen zu erzie-
hen die ihren Lebensinhalt auch nur in materiellem Wohlstand se-
hen. Wir haben ja schon die ganze Zeit nur nachgemacht, was der
Westen vorgemacht hat - nur viel schlechter. Es sind keine eige-
nen Konzepte entwickelt worden, selbst dort nicht, wo der westli-
che Vormarsch längst die Sackgasse entdeckt hat, da trotten wir
schön hinterher. Und heute wie vor der Wende wird das mit den Be-
dürfnissen der Menschen begründet. Wenn eben jeder ein Auto will,
dann muß er es bekommen. Nicht etwa über eigene gesellschaftliche
Lösungen nachdenken, die viel einfacher zu realisieren gewesen
wären. Ja, das ist nun mein Problem. Jetzt sehe ich nämlich keine
solche Möglichkeit mehr, weil die Leute dann einfach gehen, wenn
wir ihre Wünsche nicht erfüllen können bzw. wollen. Es gibt ja
kein anderes Vorbild als den Westen. Die Nachteile glauben sie
nicht und finden sie zum Teil als absolut notwendig, denn sie
sind eben bereit zu arbeiten und sie wird es nicht treffen. Der
Bundesbürger ist nur zu verwöhnt. Nazis gehören zur Demokratie.
Schließlich muß eben jeder sagen können, was er will. Nur wir
dürfen es kaum noch - wir, die Roten, haben uns in die Ecke zu
stellen und zu schämen. 'Nie wieder Sozialismus - keine Experi-
mente mehr!'
(...) Noch bin ich in der SED. (...) Ich bin der Meinung, daß zu
viele Ideale, zu viel Kraft darin steckt von unprivilegierten,
vom Marxismus überzeugten Genossen, als daß man sie einfach auf-
geben könnte. Solange ich die Hoffnung haben kann, daß der Mar-
xismus endlich zur weltanschaulichen Grundlage meiner Partei
wird, solange bleibe ich Mitglied." (S.S., Leipzig)
"(...) daß ich SED-Mitglied bin, also die marxistische Weltan-
schauung vertrete, so wie ich es auch von den Mitgliedern der
Marxistischen Gruppe (...) annehme.
Wie Ihnen nicht unbekannt sein dürfte, wurde gerade diese marxi-
stische Weltanschauung in unserem Staat von bestimmten Leuten
schändlichst mißbraucht, auch benutzt zur Durchsetzung persönli-
cher Interessen und Privilegien. Diese Wahrheit zu verkraften,
ist gar nicht einfach, zumal täglich neue Mißstände aufgedeckt
werden. Gegenwärtig bemühe ich mich, auf eine Vielzahl von Fragen
und Problemen Antworten zu suchen und zu finden, um meinen Platz
im Leben neu zu bestimmen." (J.R., Leipzig)
Freunde hat er nicht mehr, der alte SED-Staat - oder jedenfalls
äußern die sich nicht. Aber er hat Kritiker, die noch zu ihm hal-
ten, und zwar im Namen seiner alten Ideale und seiner erhofften
neuen Möglichkeiten.
Diese Freunde einer besseren DDR stoßen mit ihrem Verbesserungs-
willen nicht auf die Widerstandskraft des Alten, sondern auf eine
massenhafte Feindschaft gegen eine autonome DDR überhaupt, refor-
miert oder nicht; eine Feindschaft, die sie mit ihrem ganz anders
gemeinten Protest selbst mit freigesetzt haben. Das stimmt man-
chen verzweifelt, läßt viele nach Zuspruch ausschauen, wobei sie
sogar auf uns setzen, und veranlaßt unsere Briefschreiber zu dem
seltenen Versuch, für den B e s t a n d eines S t a a t e s
z u a r g u m e n t i e r e n.
Ihre Bemühungen zeigen, daß das nicht geht.
Das eigene Volk, zum politischen Gegner übergelaufen
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Die Freunde einer autonomen DDR schlagen sich nicht - wie das
richtigen nationalen Autonomiebewegungen eigen ist - blind und
bedingungslos für das fraglose Recht ihrer Nation; weder für das
unbedingte Recht einer eigenen höchsten Gewalt auf die Loyalität
ihres Volkes - als Reformer pochen sie da gerade auf "soziale"
Bedingungen - noch für das Recht des Volkes auf eine erfolgreiche
eigene Obrigkeit, die über es verfügt. Dieser Standpunkt
b e g e g n e t ihnen bei ihren Gegnern: den Befürwortern eines
Anschlusses an die BRD.
Um diesen Wahn zu kontern, verfallen manche auf eine vermeintlich
schlagende Warnung: Gerade die fanatischsten "Überläufer" würden
im anderen Staat und System erst so richtig und als erste unter
die Räder kommen. Was ist dieser Einfall wert?
Daß er in der gegenwärtigen Lage o h n m ä c h t i g ist, kann
man ihm nicht ankreiden; das gilt derzeit für die besten Argu-
mente. Es heißt auch nicht viel, daß diese Warnung schon gar
nicht mehr auf Wirkung rechnet, sondern im Grunde davon ausgeht,
daß die beschworene Lage bereits nicht mehr zu verhindern ist;
auch für die besten Einwände ist es irgendwann zu spät. Der Haken
an diesem "Abschreckungsversuch" per Verelendungstheorie ist
seine H i l f l o s i g k e i t.
Man darf sich nämlich nicht täuschen: Bürger, die in Sachen na-
tionaler Errettung unterwegs sind, kalkulieren nicht ihr wirkli-
ches Wohl- oder Schlecht-Ergehen und dessen Bedingungen. Sie den-
ken zwar immerzu daran, aber unter dem Gesichtspunkt eines
R e c h t s, das ihnen als "naturwüchsigen" Untertanen "ihrer"
nationalen Obrigkeit zukäme. Nationalismus als private Einstel-
lung besteht gerade darin, dieses Recht so sehr als erstes und
entscheidendes Lebensmittel anzusehen, daß die Frage der privaten
Wohlfahrt damit im Prinzip schon abgehakt ist. Bei wem die Sache
ersichtlich anders ausgeht, gegen den gilt der Verdacht, daß er
dieses Recht verspielt und dann wohl auch nicht verdient hat. Aus
diesem Standpunkt entspringt die bürgerliche Verachtung der Er-
folglosen und die sehr bedingte Popularität von Sozialleistungen
der Art, wie sie die alte DDR als ihren Ruhmestitel angesehen
hat; Einstellungen, mit denen treue, sozial denkende DDRler zu
ihrer Verwunderung auf den schwarz-rot-goldenen Demos Bekannt-
schaft machen mußten.
Für den Fall, daß national denkende Bürger tatsächlich unüberseh-
bar selber in die Scheiße geraten, wissen sie mit Hilfe desselben
Gedankens immer schon die Erklärung: Das muß an der nationalen
Rechtslage liegen; Tatkraft und/oder Erfolg der politischen Her-
ren lassen zu wünschen übrig; eine schlappe oder pflichtverges-
sene Regierung hat den Falschen, nämlich Ausländern und vater-
landslosen Gesellen, unverdiente Rechte zugestanden. Deswegen
wecken schlechte Erfahrungen bei Nationalisten keine Skepsis ge-
gen die Segnungen eines Untertanendaseins in den jeweiligen Lan-
desfarben, sondern im Gegenteil den Fanatismus: das "Ausländer
und Rote 'raus!" und den Ruf nach starker Herrschaft, die sich
bei der Vertretung nationaler Rechtspositionen nichts gefallen
läßt.
Einem solchen Nationalismus, der eine neue, ihm Genüge tuende Ob-
rigkeit fordert, sehen sich die letzten Getreuen einer eigenstän-
digen DDR daheim gegenüber. Es muß gar kein "Neonazismus" sein,
der da ausgebrochen ist. Da sind einfach gute Deutsche unterwegs,
die sich ihre Unzufriedenheit streng staatsbürgerlich erklären:
als Folge der "Tatsache", nicht von der richtigen, nämlich durch
nationale Erfolge ausgewiesenen, im Verhältnis der Staaten tonan-
gebenden Herrschaft regiert worden zu sein. Dabei gibt es die be-
reits, nämlich als Bonner Regierungsmannschaft, die es ihrerseits
nicht hat fehlen lassen: Sie hat das Ihre immer getan und alle
DDR-Bürger als ihre verhinderten Rechtssubjekte betrachtet. Damit
ist die Lage klar: Das Dasein in der DDR ist ein einziges vorent-
haltenes nationales Recht, und in dessen Namen gehört alles nie-
dergemacht, was den DDR-Bürger von seiner BRD-Obrigkeit trennt.
Ein solches Rechtsbewußtsein ist nicht zu irritieren durch den
Hinweis, daß die umstürzlerischen Ostdeutschen sich so ziemlich
alles, wogegen sie - seit es ungestraft geht - im eigenen Land so
erbittert aufbegehren, von der staatsschützerischen Überwachung
bis zu einer arroganten und wohlversorgten Staats- und Betriebs-
bürokratie, mit dem Anschluß an die BRD ja gleich wieder einhan-
deln. Es ist eben gar kein Aufstand gegen Herrschaft und Ausbeu-
tung gelaufen, noch nicht einmal eine gigantische Bürgerinitia-
tive für bessere Lebensverhältnisse in dem einen oder anderen Be-
reich, sondern ein Volk ist politisch übergelaufen.
Systemvergleich von unten gegen
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entschiedenen Machtkampf der Systeme
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Der Versuch oder auch nur die Idee, mit Warnungen vor den Nach-
teilen eines Lebens unterm BRD-Kapitalismus dem nationalen Wahn
etwas entgegenzusetzen, ist nicht bloß hilflos; es ist auch ein
s c h l e c h t e r Einwand. Er fordert ja bloß dazu auf, rela-
tive Vor- und Nachteile der einen und der anderen
H e r r s c h a f t, Chancen und Risiken der eigenen
U n t e r o r d n u n g unter die Lebensverhältnisse des einen
und des anderen Systems abzuwägen und eine W a h l zu treffen.
Diese Wahl ist selber eine Fiktion; denn die Alternative zwischen
Kapitalismus und Sozialismus existiert gar nicht als Objekt einer
privaten Entscheidung. Daß sich, im deutsch-deutschen Verhältnis
die Sache so stellt, ist das Ergebnis eines gelaufenen Macht-
kampfes zwischen den Staatsgewalten der BRD und der DDR, ausge-
tragen an der Frage des Staatsbürgerrechts, also des Hoheits-
rechts über das DDR-Volk, und im Herbst '89 von der bundesdeut-
schen Seite gewonnen. Dieser Machtkampf hat die Entscheidung zwi-
schen dem "Realen Sozialismus" der DDR und dem BRD-Kapitalismus
für die Bürger zu einer Frage der Übersiedlung gemacht, also
tatsächlich eine private Wahlfreiheit hergestellt - und abge-
schafft. Denn inzwischen ist es mit der DDR als Alternative vor-
bei und nur die Abwicklung der Machtübergabe noch offen. Damit
ist die Mahnung, DDR-spezifische Errungenschaften nicht "wegzu-
schmeißen", schlicht gegenstandslos geworden. An diesem Ergebnis
zeigt sich, wie matt und verkehrt der Appell an die Ver-
gleichskunst und die kläglichen Berechnungen von Staatsbürgern
ist, wo in Wirklichkeit die Existenz eines gesellschaftlichen Sy-
stems und eines ganzen Staates auf dem Spiel steht. Es kommt den
Befürwortern des DDR-Sozialismus ja zu Recht selber nicht in den
Sinn, zu einem revolutionären Abwehrkampf gegen die Beseitigung
der paar DDR-spezifischen sozialen Errungenschaften durch den
BRD-Kapitalismus aufzurufen. Ihre Warnung ist an berechnend-ein-
ordnungsbereite Bürger gerichtet, die weit davon entfernt sind,
mehr als ihre private Einordnung in die eigenen Hände zu nehmen,
schon gar nicht die Organisation ihrer Arbeit und die Entschei-
dung über deren Erträge; die sich nach der Decke strecken und da-
bei bloß angeberisch so tun, als hätten sie die Länge der Decken,
die verschiedene Herren und Systeme ihnen zur Auswahl angeboten
hätten, kritisch verglichen und hoheitsvoll dem besten Angebot
den Zuschlag erteilt.
Es ist deswegen schon gar kein ernstzunehmender Standpunkt, der
Abschaffung der DDR die Errungenschaften eines "Versuchssozialis-
mus" und die Verlockungen weiterer "Experimente" entgegensetzen
zu wollen. Solche Spielereien werden der Härte des Machtkampfs,
der da gerade in seine letzten Phasen eintritt, überhaupt nicht
gerecht, und sie sind nicht im geringsten dazu angetan, die
Leute, die Manövriermasse dieses Machtkampfs, in ihrer
opportunistischen Stellung zu dessen Ergebnissen auch nur zu
irritieren. Marxisten jedenfalls haben auch dem DDR-Volk nichts
anderes mitzuteilen als die Gründe dafür, die gesellschaftliche
Arbeit vernünftig, frei und ohne jedes kapitalistische oder
"realsozialistische" Wert- und sonstige Sachgesetz vorteilhaft zu
planen. Alles, was darunter an Warnungen vor dem oder gar bloß
vor zuviel Kapitalismus läuft, bleibt im Reich der frommen Wün-
sche über den Ausgang von Machtkämpfen, die ganz andere Instanzen
nach ihren Interessen austragen.
Drang nach Westen - ein Charakterfehler?
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Die DDRler, die ihren Staat für gut und nötig halten und ihn er-
halten wissen wollen, verweisen zwar auf manche Errungenschaft,
um die es ihres Erachtens schade wäre. Für die meisten von ihnen
ist das aber gar nicht der Grund, aus dem sie selbst der DDR die
Treue halten. Ihr wichtigster Beweggrund sind die schlechten bis
verwerflichen Gründe für eine Wiedervereinigung, die sie an ihren
schwarz-rot-goldenen Mitbürgern und Mitdemonstranten von gestern
entdeckt haben wollen. Sie stören sich an der "Konsumsturmflut",
die alle Grundsätze wegspült; am "Materialismus", der "für ein
Kilo Bananen die Gesinnung" verrät; an dem blinden, von ökologi-
schen und sonstigen Verbesserüngsidealen völlig unbeleckten
Wunsch, es genauso wie im Westen zu haben; kurzum: an dem System-
vergleich aus der Schaufensterperspektive, mit dem ihre Gegner
sich ihre Überzeugung bebildern, daß die Wiedervereinigung auch
ihr Recht auf materielle Zufriedenheit bedienen würde. Aber was
stört sie daran?
Die meisten Zuschriften machen deutlich, daß ihre Verfasser an
der Bewunderung des Westens die S e l b s t a c h t u n g d e s
D D R - B ü r g e r s vermissen. Sie ärgern sich an der Ehrlo-
sigkeit des jetzt massenhaft abgelegten Bekenntnisses, nur
Falsches erduldet zu haben und eben nie etwas anderes als verhin-
derte BRD-Bürger, zu kurz gekommene Deutsche gewesen zu sein. Was
sich da regt, ist nicht gerade ein militanter DDR-Nationalismus,
aber auch nicht gerade eine politische Einsicht, sondern ein mat-
tes patriotisches Gefühl: der Ehrenpunkt, a l s D D R l e r
immerhin etwas Selbständiges, a u c h Ehrenwertes und nicht
bloß der armselige Zoni, ein BRDler zweiter Klasse (gewesen) zu
sein. Einen anderen Inhalt hat dieser Rest von Nationalstolz gar
nicht, aber den hat er: Für die - so gesehene - kleinliche Vor-
teilsgeierei der andern ist man sich rein menschlich zu gut.
Widerlegt ist damit keiner aus der großen Mehrheit von DDR-Bür-
gern, die jetzt so offen klarstellen, daß ihnen die Zugehörigkeit
zu ihrer separaten Republik weniger als nichts wert ist. Dafür
ist mit dieser sittlichen Unterscheidung dokumentiert, daß es für
die Identifikation mit einem Staat überhaupt keinen guten Grund
gibt - außer dem Rechtsfanatismus der einen und dem moralisch of-
fenbar sehr erhebenden Selbstbewußtsein der andem, insoweit dann
doch mehr zu sein als ein nach Chancen und Vorteilen strebender
Materialist. Dieses würdevolle Bewußtsein betätigt und bestätigt
sich allemal, keineswegs bloß bei den in die totale Defensive ge-
ratenen letzten Anhängern einer eigenständigen DDR, am wirkungs-
vollsten in der Verachtung derer, die es daran fehlen lassen. Den
begeisterten Freunden der Wiedervereinigung wird kein Fehler
nachgewiesen, keine Klarstellung der wirklichen politischen Lage
und ihrer Rolle darin entgegengehalten - auf die sie wohl auch
kaum hören würden, aber die Verachtung durch DDR-Patrioten nehmen
sie sich ja nun erst recht nicht zu Herzen -, sondern ein
C h a r a k t e r f e h l e r angekreidet. Als Beleg dient das
schlechte Bild, das die fanatischen Überläufer und die kräftig
ermunterten Rechtsradikalen abgeben - was freilich auch nur dann
so eindeutig entlarvend ausfällt, wenn sowieso schon die Diagnose
feststeht, daß Kauflust und großdeutscher Nationalstolz nur von
schlechtem Charakter zeugen können.
Auch eine Systemkritik:
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Die SED hat keinen gescheiten Staat hingekriegt
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Über den schlechten Charakter der Massen, an dem sie die DDR zu-
grundegehen sehen, verfallen die Freunde eines zweiten deutschen
Staates auf eine Kritik an der Art und Weise, wie die SED da
Staat gemacht hat: Sie hätte sich der Bedürfnisbefriedigung der
Massen verschrieben und doch bloß eine schlechte Kopie des west-
deutschen Kapitalismus hingekriegt, die den massenhaft prakti-
zierten Vergleich mit dem Original nicht aushält; sie hätte die
Arbeiter gleichzeitig zu Ansprüchen an die Warenwelt und zur
Faulheit im Betrieb erzogen, zumindest um des lieben Friedens
willen Drückebergerei geduldet, was die Ökonomie ruiniert, jeden-
falls gegenüber der Wucht des Kapitals ins Hintertreffen gebracht
hätte.
Was jetzt: Hätte die SED besser daran getan, die "materiellen Be-
dürfnisse" der Leute aus ihrem politischen Aufgabenkatalog zu
streichen und statt dessen mehr von der sozialistischen Einfalt
zu verordnen, die einem Schreiber im Vergleich zum überdrehten
Kapitalismus so nostalgisch zusagt: Sind die Anspielungen auf
versäumten Umweltschutz mehr als die werbende Bebilderung dieses
von oben durchzusetzenden Bescheidenheitsideals? Und hätte es den
Lohnarbeitern in der DDR gutgetan, oder wäre es ihnen bloß recht
geschehen, wenn die Leitungsorgane ihnen eine härtere Arbeitsdis-
ziplin, eine von kapitalistischem Zuschnitt womöglich, aufgezwun-
gen hätten: Eine Systemkritik, die den herrschenden Instanzen,
Interessen und Einrichtungen eines Staates vor allem den Vorwurf
macht, daß die Massen aus Eigennutz zu wenig dazuhalten und zu
wenig dafür tun, ist allemal so eine Sache. Sie lebt immer von
einem moralischen Gemeinschaftsideal, das die Forderung ein-
schließt, die Machthaber sollten gefälligst ihre Untergebenen
wirksamer bei der Stange halten und lohnender einsetzen. Auf die
Diagnose "Charakterfehler" paßt nur die Therapie "Dienst-
verpflichtung". Wenn unter dem Gesichtspunkt der Sozialismus der
SED, rückblickend betrachtet, schwer zu wünschen übrig läßt, so
daß er mangels "wirtschaftlicher Macht" "am "Ende" ist, dann ist
der Standpunkt endgültig klar: Der R e a l e Sozialismus wird
begutachtet als - ziemlich untaugliche M e t h o d e für das
Ziel einer schlagkräftigen und e r f o l g r e i c h e n
s t a a t l i c h e n "Gemeinschaft"; die "sozialistischen
Ideale" sind die Umschreibung für eben dieses Ziel, nämlich für
eine von der Staatsräson der BRD zu unterscheidende eigenständige
n a t i o n a l e S a c h e der DDR.
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Es bleibt also doch dabei, auch bei den gutgemeinten Zuschriften
aus der DDR:
Für die Erhaltung eines Staates läßt sich nicht mit guten Grün-
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den, sondern nur aus N a t i o n a l i s m u s Partei ergreifen.
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Daran ändert auch die ärgerliche und außerdem kriegsträchtige
Tatsache nichts, daß der Untergang der DDR ein weltpolitisch
vielleicht entscheidender imperialistischer Durchbruch der BRD
ist. Es spricht zwar alles dagegen, daß dieser Erfolg etwas Gutes
wäre. Für eine eigenständige DDR spricht dieser Befund aber schon
allein deswegen nicht, weil die SED, wie eine Zuschrift sehr
richtig bemerkt, "besser als jede Bundeswehr dem Kohl in die
Hände gearbeitet" hat. Sie hat ja nicht einmal ein paar Marxisten
hervorgebracht, die den Standpunkt einer nationalen Obrigkeit von
dem der regierten Leute unterscheiden könnten und die demzufolge
wissen, daß der falsche Opportunismus und Berechtigungswahn des
deutsch-deutschen Systemvergleichs nichts zu schaffen hat mit dem
Materialismus, für den Kommunisten, und zwar nicht aus weltan-
schaulichen Gründen, doch wohl noch allemal eintreten.
Das, was die SED statt dessen als "marxistische Weltanschauung"
vertreten hat, geht mit ihrer Herrschaft auch kaputt. Das mag
manchen ehrlichen Anhänger irritieren, zeigt aber auch bloß, wie
verkehrt es ist, an den unausweichlichen Sieg "des Sozialismus"
zu glauben, und wie peinlich, aus diesem Dogma eine Staatsideolo-
gie zu machen.
Marxismus jedenfalls ist etwas anderes als eine bombensichere Er-
folgsprognose für die - mittlerweile ruinierte Unternehmung, nach
"realsozialistischen" Rezepten Staat zu machen und Nationen fort-
schreiten zu lassen. Er beweist, daß der Kommunismus
"geschichtlich notwendig" ist, in genau einem Sinn: Den Lohnar-
beitern steht n i c h t s a n d e r e s zu Gebote und bleibt
nichts anderes übrig, wenn sie nicht für den Rest ihrer Ge-
schichte Manövriermasse des Reichtums anderer - Instanzen und
Personen - bleiben wollen.
Das hat leider keiner von unseren Leserbriefschreibern gemerkt.
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