Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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Gegen den deutschen Wahn 1
DIE MAUER IST WEG - WER HAT WAS DAVON?
Jetzt machen sie auch noch das Brandenburger Tor auf. Tusch! Alle
sind sich einig: Das deutsche Volk (Ost) hat einen grandiosen
Sieg errungen, es hat "Geschichte gemacht", die "deutsche Teilung
überwunden" und überhaupt allerhand bewegt.
Was Völker so alles bewegen - man glaubt es kaum, am al-
lerwenigsten wahrscheinlich die Volksgenossen selbst. Man liest
es weiter hinten in den Zeitungen, in den Wirtschaftsteilen.
Die ersten Besucher aus der DDR standen noch Schlange für ihre
100 DM Begrüßungsgeld, da waren Leute, die sich in Sachen West-
Mark auskennen, schon um etliche Millionen reicher geworden:
"Börse wittert DDR-Wirtschaftswunder... Hoffnungen auf gute Ge-
schäfte im Zusammenhang mit den notwendigen tiefgreifenden Refor-
men in der DDR-Wirtschaft... Renner des Tages waren die IG-Far-
ben-Liquidationsscheine mit 10 Prozent Gewinn... die wesentlichen
Vermögensreste der ehemaligen IG-Farben (in Liquidation) liegen
im DDR-Bereich." (Süddeutsche Zeitung, 11.11.)
Westdeutsche Kapitalisten reden nicht von Wiedervereinigung, sie
sortieren ihre Geschäftschancen. Dabei gehen sie ganz nüchtern
und sachlich davon aus, daß die Übernahme der DDR-Ökonomie durch
bundesdeutsches Kapital längst überfällig ist. Das Ganze heißt
"Hilfe für die DDR", und die sind "wir uns" bekanntlich schuldig,
schon wegen der "selbstbewußten DDR-Bürger", die in den letzten
Wochen so viel geleistet haben. Die Leute, die bei uns die Wirt-
schaft heißen, sind bereit, die DDR über ihre bisherigen florie-
renden Ost-Handelsgeschäfte hinaus zu ihrer Geschäftssphäre zu
machen. Dabei lassen sie sich keine Bedingungen stellen - schon
gar nicht von der DDR. Sie stellen selber welche (und haben dazu
ein gutes Recht, schließlich haben sie ihren Zugriff "Hilfe" get-
auft). Außerdem wissen sie am allerbesten
Was die DDR braucht
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1. Ein Gewinntransfer-Abkommen
Denn Reisefreiheit für Bürger ist langweilig; Bewegungsfreiheit
für Profite ist der Witz. Da ist die SED gefordert, als Garant
der marktwirtschaftlichen Entwicklung in der DDR. Dafür wiederum
hat die Bundesregierung zu sorgen. Die Entwicklungshelfer brau-
chen ein "deutsch-deutsches Investitionsschutzabkommen mit Siche-
rung des Gewinntransfers". "Investitionen und Gewinne dürfen
nicht in der sozialistischen Mißwirtschaft versacken." (Waigel)
Sie müssen in der freien Verfügung derer bleiben, denen sie ge-
hören. Bleibt noch das Problem: Was sollen die westlichen Kapita-
listen mit sozialistischem Geld anfangen? Ab sofort wird auch in
der DDR mit echtem Geld gewirtschaftet. Und das haben wir.
2. Devisen, Devisen, Devisen
Die Kronzeugen für dieses Bedürfnis der bundesdeutschen Wirt-
schaft sind die DDR-Bürger mit ihren teuren Westreisen. Für die
müssen sie Devisen erwirtschaften - und die Devisen für die
Devisenerwirtschaftung stellt die kapitalistische Geschäftswelt.
Weil die genau rechnet, kommen die Kronzeugen in den Genuß eines
wunderbaren Sachzwangs. Sie arbeiten demnächst für die Lösung des
Devisenproblems der DDR, was gar nicht so einfach ist. Vor der
Reisekasse stehen dann Gewinntransfer und Zinsen, die ja nicht zu
umgehen sind. Insofern braucht die DDR
3. Eine knackige Rationalisierungswelle
Sonst kriegen die drüben nämlich nie eine "gesunde, lei-
stungsstarke Wirtschaft mit Weltmarktniveau", sagen die, die mit
ihrer Konkurrenz das Weltmarktniveau bestimmen. Lauter "hoff-
nungslos unrentable Produktionsanlagen" haben westdeutsche Exper-
ten in DDR-Betrieben entdeckt: "Im Maschinenbau wird nur ein
Sechstel der westdeutschen Wertschöpfung erzielt." Damit ist zwar
nichts darüber gesagt, wieviele brauchbare Maschinen in der DDR
produziert werden. Aber marktwirtschaftlich gesehen ist das ja
auch scheißegal. In einer richtig freien Marktwirtschaft werden
Maschinen - genau so wie alles andere - überhaupt nur produziert,
wenn Unternehmer damit eine weltniveaumäßige Gewinnspanne erzie-
len, und nicht, damit die Bevölkerung mit nützlichen Gerätschaf-
ten versorgt wird. Gemessen an diesem Maßstab sieht die DDR mit
ihrem merkwürdigen Sozialismus alt aus. Eine Runderneuerung der
"veralteten Produktionsanlagen" unter Regie westlicher Experten
steht an. Dann kriegen endlich auch DDR-Arbeiter
4. Moderne Hochleistungsarbeitsplätze
wie ihre westdeutschen Kollegen. Arbeitsplätze, die mit ihren
Fließbandgeschwindigkeiten und Vorgabezeiten ganz von selbst zu
Leistung "motivieren", und mit denen dafür gesorgt wird, daß we-
niger Arbeiter mehr gewinnträchtige Produkte herstellen. Das
spart Lohnkosten und sorgt für Konkurrenzfähigkeit. Dafür und für
sonst nichts hat der Einsatz von moderner Technologie in der Pro-
duktion zu sorgen. So geht
5. Marktwirtschaftliche Vernunft
Und an der hapert es in DDR-Planungsbehörden bislang noch ziem-
lich. Deswegen brauchen sie nichts so sehr wie schwäbische Mana-
ger-Schulungen, auf denen sie lernen, wie man Kunden und Mitar-
beitern höflich aber bestimmt das Fell über die Ohren zieht.
6. Eine Leistungsgesellschaft
wollen die drüben sein - und haben noch nicht mal die kleinste
Arbeitslosenrate zustandegekriegt. Aber da werden wir ihnen schon
helfen mit unseren hervorragenden Marktkräften:
"Ein DDR-Arbeitskräftepotential, das dann frei wird, wenn Markt-
kräfte eine Rationalisierung der vergammelten Staatswirtschaft
erzwingen..., ist für den Kapitalismus (West) eher eine lohnende
Herausforderung denn eine Last." (Spiegel)
Da haben die kritischen Köpfe vom "Spiegel" mal wieder recht. Im
real existierenden westdeutschen Kapitalismus sind die 2 Mil-
lionen Arbeitslosen, die in der offiziellen Statistik noch erfaßt
werden, und der große Rest, der auf Sozialhilfe gesetzt wurde, ja
auch keine Last. Ihre Entlassung verdanken sie lauter lohnenden
Geschäftskalkulationen, ihre Verwaltung ist billig zu haben. Und
derzeit erklären wahrscheinlich etliche von ihnen DDR-Besuchern
in westdeutschen Fußgängerzonen die Vorzüge einer wirklich freien
Gesellschaft.
7. Die Streichung von "unwirtschaftlichen Subventionen"
ist natürlich überfällig. Das kann ja nicht so weitergehen mit
diesen "seit Jahren staatlich fixierten Preisen für Grundnah-
rungsmittel und Mieten". Entweder man zieht eine soziale Markt-
wirtschaft durch oder man garantiert soziale Sicherheiten fürs
Volk. Hierzulande läuft der Laden doch prächtig mit Mietwucher
und steigenden Lebensmittelpreisen. Daran werden sich doch wohl
auch die Sozialstaat-verwöhnten DDR-Bürger gewöhnen können.
Die Ost-Mark kauft weniger, aber dafür wird garantiert mehr
geleistet werden müssen - das sind
8. Die "heilsamen Kräfte des Wettbewerbs"
die die bundesdeutsche Geschäftswelt zur "Sanierung der DDR" an-
bietet. Die SED-Führung ist auf dieses Angebot schon lange
scharf. Sie verspricht sich davon eine runderneuerte DDR. Sie be-
ruft sich dabei genauso wie die maßgeblichen Marktwirtschaftler
der BRD auf das "mutige Volk der DDR". Das soll sich mit seinem
"aufrechten Gang" die Unterordnung unter den Weltmarkt redlich
verdient haben. Der SED allerdings lassen mißtrauische DDRler und
besserwisserische Westler diese verlogene Tour nicht durchgehen.
Unvergleichlich glaubwürdiger sind dagegen
9. Bundesdeutsche Politiker
Sie knüpfen begeistert an alle Ansprüche ihrer Kapitalisten an
die DDR an und ergänzen sie um ihre großdeutschen Forderungen.
Das darf selbstverständlich keinesfalls als Bevormundung der DDR-
Bürger verstanden werden - Gott bewahre! Bonn dringt bloß auf
freie Wahlen mit ganz neuen demokratischen Kräften, am besten
lauter kleinen Ablegern der bewährten bundesdeutschen Parteien.
Daneben diskutiert die Bundesregierung ein bißchen über die
Wiedervereinigung - nicht mit dem Volk, aber dafür um so heftiger
mit ihren westlichen Verbündeten.
***
Wir wollen ja nicht beim Feiern stören. Und gegen DDR-Bürger, die
bundesdeutsche Staatskassen so oft wie möglich um 100 West-Mark
erleichtern, haben wir schon gleich nichts. Wir haben bloß eine
kleine Frage an das "tapfere deutsche Volk" Ost und West: Kommt
Ihr Euch nicht ein bißchen verarscht vor, wenn alle maßgeblichen
Instanzen der bundesdeutschen Wirtschaftsgroßmacht immer dreister
zu Protokoll geben, wie sie mit Euch als Manövriermasse für ihre
Interessen kalkulieren und dabei so tun, als wären sie nur in Eu-
rem Auftrag unterwegs? Oder sollte das wirklich wahr sein, daß
Ihr Euch die Dresdner Bank nach Dresden bestellt habt, den Bun-
deskanzler an die Berliner Mauer, eine "Bild-Zeitung" mit
schwarz-rot-goldenem Rand und die Schuldenprofis vom IWF ins
volkseigene Finanzministerium?
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