Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
zurück
Währungsunion, Wirtschaftsgemeinschaft und Wiedervereinigung
WIE KAPUTT IST DIE DDR?
Die deutsche Wiedervereinigung kommt - daran zweifelt niemand
mehr, seit die maßgeblichen Politiker aus Ost und West es sagen.
Dringend notwendig soll sie sein, weil die DDR kurz vor dem Zu-
sammenbruch steht. Als ob sie es mit einer Situation wie nach dem
2. Weltkrieg zu tun hätten, stellen bundesdeutsche Politiker für
den "Wiederaufbau" der DDR eine Währungsunion und Wirt-
schaftsgemeinschaft als "schnelle Hilfe" in Aussicht. Nichts als
Chaos, Zusammenbruch und wirtschaftlicher Ruin soll das Ergebnis
von 40 Jahren DDR sein? Das kann ja wohl nicht ganz stimmen!
Die Millionen für das "Luxusleben der Bonzen", der Goldschatz der
DDR, die Devisen auf Schweizer Nummernkonten, von denen nicht nur
die "Bild"-Zeitung in den letzten Wochen und Monaten so ausführ-
lich berichtet hat - soll das auf einmal alles nichts mehr sein?
Irgendwie ist dieser Reichtum ja wohl zustandegebracht worden!
Bis vor kurzem war auch durchaus noch ganz anderes zu hören: Die
DDR hat die stärkste Volkswirtschaft im Ostblock, gehört zu den
großen Industriestaaten, High-Tech-Produkte aus der DDR (z.B. La-
sertechnik von Carl Zeiss Jena) haben international einen guten
Ruf, die DDR zählt zu den bedeutendsten Maschinenexporteuren der
Welt, und Megabit-Chips, die sonst nur die Amerikaner, die Japa-
ner und Siemens zustande bringen, werden dort auch produziert.
Und nicht zu vergessen die Kühlschränke und Waschmaschinen im
Quelle-Angebot, die aus der DDR stammen, und sonstige dort produ-
zierte Konsumgüter, die die DDR-Besucher nach Öffnung der Grenzen
in westdeutschen Kaufhäusern entdeckten. Alles Beleg für techni-
sches Unvermögen und wirtschaftliche Unfähigkeit? Ohne "uns" und
"unsere Hilfe" sollen die da drüben unmöglich in der Lage sein,
eine Wirtschaft hinzukriegen? Ohne Währungsunion und Wirtschafts-
gemeinschaft sind sie aufgeschmissen?
Die DDR - gesehen durch die bundesdeutsche Brille
-------------------------------------------------
Bislang hat in der DDR der Staat das Produzieren und Wirtschaften
gemäß den Prinzipien des Realen Sozialismus organisiert. Das hat
dem freiheitlichen Westen nie gepaßt, jedoch haben die kapi-
talistischen Geschäftsleute die DDR deswegen nie für total un-
brauchbar gehalten. Ohne Vorurteil haben sie sich an der dortigen
Wirtschaft bedient, Waren dort eingekauft und gegen Devisen ver-
kauft, wenn es ihr Geschäft befördert hat. Heute ist klar, daß
weder das Volk, noch die Regierenden in der DDR weitere
"sozialistische Experimente" wollen und auf die Einführung
"marktwirtschaftlicher Prinzipien" bauen. In Richtung BRD ergeht
das Angebot, die Wirtschaft der DDR ab sofort von geschäftstüch-
tigen westdeutschen Kapitalisten übernehmen zu lassen. Das hören
bundesdeutsche Politiker und Unternehmer gern und machen sich
daran, die DDR und ihre Wirtschaft unter dem Gesichtspunkt zu un-
tersuchen: Was brauchen scharf rechnende Kapitalisten für die Um-
wandlung volkseigener Betriebe in lohnende Kapitalanlagen? A u f
d i e s e W e i s e kommt eine sehr eigentümliche Mängelliste
zustande.
T o t a l v e r a l t e t e F a b r i k e n. Dieser Befund hat
nichts zu tun mit irgendwelchen Maschinen in DDR-Fabriken, ob sie
funktionieren oder nicht und wie gut sie für die Herstellung be-
stimmter Sachen zu gebrauchen sind. Kapitalisten haben ein ganz
anderes Verhältnis zu ihrem Maschinenpark. Sie halten Fabrikanla-
gen immer dann für veraltet, wenn ihre Konkurrenten mit neuer
Technologie billiger produzieren und ihnen auf diese Weise
Marktanteile streitig machen. Das läßt die eigene Maschinerie alt
aussehen, und sofort steht die Kalkulation an, ebenfalls die neue
Maschinerie zu benutzen, egal wie gut die alte noch funktioniert.
Umgekehrt ist es keinesfalls so, daß immer und auf jeden Fall die
neueste Technologie, die auf dem Markt angeboten wird, auch zum
Einsatz kommt. Unter Umständen ist gerade damit ein Geschäft zu
machen, daß man die Kosten für eine Maschine spart und so lange
mit der alten produziert, bis sie auseinanderfällt. Nur gemessen
an solchen Kalkulationen erscheinen auch völlig intakte Maschinen
in der DDR als total veraltet - oder auch mal gottserbärmlich
veraltete Fabriken als hochinteressant.
V ö l l i g u n z u r e i c h e n d e
P r o d u k t i v i t ä t. Zum Beispiel: Drei Arbeiter verrich-
ten die Arbeit, die hier von einem erledigt wird. Das finden Ka-
pitalisten unmöglich. Sie sparen nämlich Arbeit, um Arbeiter ein-
zusparen. Produktivitätsfortschritte bedeuten da nie, daß die
Mitglieder ihrer Belegschaft weniger leisten müßten und früher
nach Hause gehen dürften. In der freien Marktwirtschaft wird Lohn
gezahlt, um aus einem Arbeiter möglichst viel Leistung rauszuho-
len, und niemand käme auf die Idee, drei Leute die Arbeit erledi-
gen zu lassen, die auch von einem bewältigt werden kann. Und wenn
in einem Betrieb die Arbeit neu organisiert wird, so daß weniger
zu tun ist, so heißt das nie weniger Arbeit für den einzelnen.
Weniger Arbeit wird von weniger Arbeitern erledigt, und die übri-
gen werden als überflüssige Kosten eingespart, also raus-
geschmissen. Das sind die Maßstäbe für Konkurrenzfähigkeit, mit
denen bundesdeutsche Kapitalisten Weltspitze geworden sind.
E n t s e t z l i c h e M i ß w i r t s c h a f t. Hier darf
das doofe Publikum sich lauter Beispiele dafür erzählen lassen,
daß für die Produktion von irgendwelchen Sachen drüben mehr Mate-
rial und Arbeit aufgewendet würde, als eigentlich nötig wäre. Für
Kapitalisten sind solche "Mißstände" aber allenfalls die Spitze
eines Eisbergs. Am "Leerlauf" und an der "Verschwendung" in
volkseigenen Betrieben entdecken sie ein grundverkehrtes Prinzip:
In diesem Land mit seinem albernen "Recht auf Arbeit" sieht ein
Kapitalist glatt noch den Arbeitsplätzen an, daß sie auch ein
bißchen dafür eingerichtet worden sind, damit Arbeiter sich dort
einen Lohn verdienen. Im Kapitalismus ist das zwar eine beliebte
Lüge - produziert und investiert würde bloß für die "Schaffung
von Arbeitsplätzen" -, aber praktisch eine völlig undenkbare Sa-
che. Einen Arbeitsplatz gibt es nur dann, wenn es sich für das
kapitalistische Geschäft rentiert. Und nur, wer sich an solch ei-
nem Arbeitsplatz bewährt, hat überhaupt ein Einkommen verdient.
Lohn, das ist zwar der notwendige Lebensunterhalt für einen
Arbeiter, gezahlt wird er jedoch nur dann, wenn er sich als Kost
für den Unternehmer lohnt. Alles andere gilt hierzulande als Miß-
wirtschaft.
S c h l e c h t e s G e l d. Denn Kapitalisten rechnen sich
nicht aus, wie weit man für eine Mark mit der Straßenbahn fahren
kann oder für 1000 Mark in den Urlaub. Sie beurteilen ein Geld
danach, ob sie damit auf der ganzen Welt frei zuschlagen können,
um überall die besten Geschäfts- und Anlagemöglichkeiten auszu-
nutzen. Dafür können sie ein Geld nicht brauchen, das vom
"realsozialistischen Staat" als Kaufmittel für die Bevölkerung
und Verrechnungsmittel für volkseigene Betriebe eingerichtet wor-
den ist. Einem solchen Geld fehlt ganz einfach das Allerwichtig-
ste: daß es privaten Reichtum darstellt und überall, wo es ver-
wendet wird, den privaten Reichtum der Geschäftswelt mehrt. Des-
wegen taugt die DDR-Mark nichts; und schlagartig ist all das
nichts wert, was bislang in DDR-Mark bewertet und abgerechnet
worden ist.
U n t a u g l i c h e W i r t s c h a f t s p o l i t i k. Weit
gefehlt, wer hier die Kritik am realsozialistischen Staat vermu-
tet, er hätte Produktion und Versorgung für seine Bürger schlecht
organisiert. Kritisiert wird vielmehr, daß frühere Regierungen
der DDR nicht den Gewinn privater Unternehmen zum obersten und
einzigen Maßstab ihrer wirtschaftspolitischen Aktivitäten gemacht
haben. Subventionen für Kinderkleidung - das nützt doch besten-
falls geplagten Eltern, aber nie und nimmer der Vermehrung des
Kapitals, das mit Kinderkleidung oder was auch immer sein Ge-
schäft macht. Überteuerte "Luxusgüter" - das hat auch nie freien
Kapitalisten genützt, sondern den Staats-"Planern", die da nach
ihrer Rechnung das Geld für ihre "Subventionen" an anderer Stelle
eingesammelt haben. Ein Staat, der außerdem seine Betriebe ver-
pflichtet, Kindergärten, Krippen, Krankenhäuser und sonstigen
Klimbim zu finanzieren, anstatt die Unternehmer mit Geld zu er-
neuten Investitionen zu ermutigen, so ein Staat bringt es in den
Augen westlicher Beobachter natürlich nie zu einer anständigen
Wirtschaft.
Die DDR - nicht kaputter, als wir sie haben wollen
--------------------------------------------------
All diese vernichtenden Urteile über die DDR und den Zustand ih-
rer Wirtschaft haben mit einer Erklärung dessen, was in der DDR
los ist, geschweige denn mit einer Kritik, was den Leuten dort
drüben abverlangt wurde bzw. abverlangt wird, absolut nichts zu
tun. Sie verdanken sich einzig und allein dem Anspruch, daß die
DDR ab sofort, mit Land und Leuten und allem, was es da drüben
sonst noch gibt, tauglich sein soll für das kapitalistische Ge-
schäftemachen. Daß sie es (noch) nicht ist, bisher ja auch gar
nicht sein wollte und sollte, wird als Versagen "sozialistischer
Planwirtschaft" und wirtschaftlicher Ruin besprochen.
Die Wahrheit über die Verhältnisse in der DDR sieht ganz anders
aus. Da ist nicht eine realsozialistische Wirtschaft wegen Un-
tauglichkeit kaputt gegangen, sondern da wird von allen Beteilig-
ten die bisherige Art des Produzierens und Wirtschaftens gründ-
lich kaputt gemacht.
"Die Übersiedler-Welle reißt täglich tiefere Lücken in die Be-
triebe. Zulieferbetriebe können ihre Aufträge nicht mehr erfül-
len; in Firmen, die darauf angewiesen sind, stehen die Bänder
still. Der wirtschaftliche Kreislauf kommt ins Taumeln." (Bild,
10.2.)
Und das soll ein Beleg dafür sein, daß die DDR nichts so sehr
braucht wie eine soziale Marktwirtschaft? Was wäre denn los, wenn
in der BRD massenhaft Leute ihrem Arbeitsplatz fernblieben? Funk-
tioniert ein kapitalistischer Betrieb etwa, ohne daß die dort Be-
schäftigten die Arbeiten erledigen, die ihr Arbeitgeber ihnen
aufträgt? Hierzulande wird ja schon bei den lächerlichsten Warn-
streiks der Gewerkschaft der Zusammenbruch unserer Wirtschaft an
die Wand gemalt. Das Abwandern zahlreicher DDR-Bürger durchkreuzt
nicht nur sämtliche Planungen der bisherigen "Kommandowirt-
schaft", es verunmöglicht ihre Einplanung für jedwedes Wirt-
schaftssystem.
Das ist die Zwangslage für die Regierenden in der DDR. Außerdem
haben es die sowieso aufgegeben, "die Wirtschaft" in der bisheri-
gen Weise organisieren zu wollen. Der "Planwirtschaft" haben sie
abgeschworen, ohne etwas anderes an deren Stelle zu setzen. Statt
dessen hoffen sie darauf, daß durch "privatwirtschaftliche In-
itiative" und "Kapitalzufluß aus der BRD" ein blühendes Wirt-
schaftsleben entsteht. Daß dafür alles, was es bisher an Betrie-
ben, an Gesetzen, an wirtschaftspolitischen Maßnahmen gegeben
hat, ein einziges Hindernis ist, kriegen sie von BRD-Seite mitge-
teilt, und sollen prompt ihr ganzes System ändern und ihre Wirt-
schaftspolitik auf die Bedienung von BRD-Interessen einstellen.
Zugleich kriegen sie aber auch mitgeteilt, daß man sie dort als
bloße Übergangsregierung betrachtet, die deswegen von Bonn gar
nichts zu erwarten hat. Sämtliche Pläne zur Erfüllung der vom We-
sten gewünschten Veränderungen, die Regierungschef Modrow bei
seinem Besuch in Bonn besprechen wollte, erwiesen sich als bedeu-
tungslos: Mit seiner Regierung, da mag eine "wirtschaftliche Ka-
tastrophe" noch so sehr drohen, wird keinerlei wirtschaftspoliti-
sches Programm für die DDR beschlossen und der "dringend notwen-
dige marktwirtschaftliche Neubeginn" nicht in Gang gebracht.
"Wirtschaftskrise" und "Verfall staatlicher Souveränität" können
da nicht ausbleiben. Das ist ja auch beabsichtigt; und das ist
der Erfolg, für den bundesdeutsche Politiker jahrzehntelang mit
dem Anspruch auf Wiedervereinigung gekämpft haben: Die SED-Regie-
rung hat abgedankt, und ihre Nachfolger bitten um wirtschaftspo-
litische Übernahme als Schritt auch zur politischen Wiederver-
einigung. Andererseits soll die Ruinierung des SED-Staats zur
westlichen Machtübernahme führen, also unter westlicher Kontrolle
bleiben. Es darf auf keinen Fall das, was an funktionsfähigen und
für kapitalistische Kalkulationen brauchbaren Betrieben, Produk-
tionsmitteln und Wirtschaftsbeziehungen existiert, kaputt gemacht
werden. Und vor allem "die Menschen drüben" sind für das in der
DDR vorgesehene Wirtschaftswunder fest eingeplant. Einfach wei-
terhin das zu tun, was sie für das Beste halten, nämlich in die
BRD übersiedeln, das ist nicht länger erwünscht. Deswegen warnen
nun Politiker aller Parteien vor einem "wirtschaftlichen Zusam-
menbruch" und fordern ein "deutliches Zeichen für die Bürger in
der DDR", gefälligst drüben zu bleiben. Deswegen überschlagen
sich jetzt Politiker von Regierung und Opposition und erklären
alle "Stufenpläne" zur Übernahme der DDR für überholt. Den Zu-
griff auf die wirtschaftlichen Potenzen der DDR wollen sie sich
durch eine schlagartige Währungsunion und/oder Wirtschaftsgemein-
schaft sichern, und sie können kaum noch die Wahl in der DDR ab-
warten. Denn w a s die erste frei gewählte Regierung drüben zu
erledigen hat, das steht schon lange fest und gar nicht zur Wahl.
zurück