Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn


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DDR KAPUTT?

50.000 DDR-Bürger haben ihren Staat in größte politische Nöte gestürzt. Und das nicht, indem sie sich gegen ihre Herrschaft zu- sammengetan und erfolgreich Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet hätten. Ganz privat haben sie sich schlicht und einfach davongemacht; in mehreren Großaktionen sind sie von der Bundesre- publik aus Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei hereingeholt worden. Und jetzt steht die DDR ziemlich erschüttert da. Das Politische an der Flüchtlingswelle: Ein Kräftemessen zwischen DDR-Souveränität und dem "gesamtdeutschen" Alleinvertre- tungsanspruch der Bundesrepublik Die Flucht der 50.000 - das sind zunächst einmal nichts als 50.000 p r i v a t e A b s a g e n an den SED-Staat und sein politisches und gesellschaftliches System. Das P o l i t i- s c h e daran liegt zuallererst in der Tatsache, daß die Staats- verdrossenheit von DDR-Bürgern in der bundesdeutschen Staats- gewalt ihren machtvollen Rechtsanwalt besitzt. Die sichert jedem unzufriedenen DDR-Insassen die Gelegenheit zu, den Staat zu wechseln und völlig problemlos unter die Bundesbürger eingemein- det zu werden. Der Grund dafür liegt nicht auf "humanitärem Gebiet" - da hätte die Bundesregierung schon allein in den Flüchtlingslagern dieser Welt viel zu tun und vor allem ganz andere Sachen. Für DDR-Bürger hält die Bundesrepublik einen Paß - samt Eingliederungsgeld und Arbeitslosenhilfe - bereit, weil sie f ü r a l l e s D e u t s c h e z u s t ä n d i g sein will. Sie erhebt einen staatsrechtlichen Besitzanspruch, der sich auf alle "Deutsch- stämmigen" östlich ihrer Landesgrenzen erstreckt und auf die Bewohner der DDR schon gleich. Eine reguläre DDR-Staatsange- hörigkeit wird schlicht nicht anerkannt. Damit macht die BRD dem Staat drüben prinzipiell sein gesamtes Staatsvolk streitig. So erhält sie ihren alten "Alleinvertretungsanspruch" aufrecht, ih- ren Standpunkt nämlich, der befugte Stellvertreter eines noch zu verwirklichenden größeren Deutschland zu sein, zu dem mindestens die DDR dazugehört. Dieser großdeutsche Rechtsanspruch heißt "nationale Frage": Er stellt die Existenz der DDR in Frage. Den DDR-Bewohnern eröffnet dieser Rechtsstandpunkt der Bonner Re- publik die weltweit ziemlich einmalige Chance, ohne jedes Einbürgerungsproblem den Staat zu wechseln. Wer drüben unzufrie- den ist, braucht sich weder anzupassen noch auf Änderung zu sin- nen. Er kann einfach sein Glück im Westen versuchen, wenn er einen Fluchtweg auftut. Flucht statt Kritik: Diese Alternative gefällt verdammt vielen DDR-lern. Sie machen sich auf ihre paar schlechten Erfahrungen mit dem SED-Staat erst gar keinen anderen Vers als den besonders blöden, daß sie es im Westen womöglich besser getroffen hätten. Ohne diese "Perspektive" würden sie es sich gar nicht leisten, ihren Verdruß bis zur totalen Absage an ihre Heimat zu steigern - m i t der Aussicht auf den "goldenen Westen" können sie umgekehrt gar nicht gründlich genug "fertig" sein mit DDR und SED. Deswegen wächst logischerweise die Zahl de- rer, die es drüben "einfach nicht mehr aushalten", mit den l e i c h t e n G e l e g e n h e i t e n, in den Westen abzu- hauen. Im zurückliegenden Flüchtlingssommer ist es der Bundesregierung gelungen, solche Gelegenheiten zu eröffnen. Der entscheidende Durchbruch ist in Ungarn passiert. Dort zuerst wurde die bundes- deutsche Botschaft zur Fluchtgelegenheit für DDR-Urlauber, und das in immer größerem Stil, nachdem einmal feststand, daß die un- garische Regierung das Ausreisen nicht mehr unterbinden würde. In Budapest hat das entscheidende Kräftemessen zwischen Bonn und Ostberlin stattgefunden. Ungarn hatte sich zu entscheiden zwi- schen dem Bonner Anspruch auf westdeutsche Hoheit über alle DDR- Bürger und dem Interesse der DDR-Regierung, ihre Souveränität über ihr Volk zu wahren. Und es hat sich entschieden. Bis dahin hatte es zu den selbstverständlichen Bündnispflichten der War- schauer-Pakt-Partner gehört, die Rechtsposition Ostberlins zu un- terstützen. Dagegen hat die Bundesregierung jetzt ihren Stand- punkt klar durchgesetzt. Keine Frage: Am Besitzanspruch des SED-Staats auf seine weglau- fenden Untertanen ist überhaupt nichts sympathisch. Das sollte aber niemand der DDR vorhalten, der es ansonsten völlig selbstverständlich findet, daß Menschen Staaten angehören und entsprechend behandelt werden, von der eigenen Obrigkeit wie von allen fremden Staatsgewalten. Und zwischen Staaten versteht es sich sowieso von selbst, daß eine jede Staatsgewalt die Hoheit über ihre Untertanen hat und das von jeder anderen respektiert sehen will und andere Bürger als Ausländer behandelt. Der DDR wird dieser Respekt von bundesdeutscher Seite seit jeher versagt. Das ergibt sich aus einer einzigartigen Konkurrenz um elementare Hoheitsrechte. Und in dieser Konkurrenz hat sich die Bonner Regierung in diesem Sommer klar durchgesetzt; erstmals so- gar bei Verbündeten der DDR. Das bedeutet eine wirkliche Niederlage und Schwächung der DDR. Sie hat es nicht geschafft, Ungarn auf den vertraglich zugesi- cherten Respekt vor ihrer Staatsangehörigkeit festzulegen. In Prag und Warschau hat sie sich dann darauf einlassen müssen, daß Genscher und Seiters ihr ihre Hoheit über ihre Bürger regelrecht abgehandelt haben. Bloß noch ein mattes Symbol ihrer Souveränität konnte sie retten: Flüchtlingszüge fuhren durch DDR-Gebiet, und der Sieg des bundesdeutschen Bürgerrechts erhielt noch den for- mellen Charakter eines Rausschmisses aus der DDR. Die Niederlage, die die SED-Regierung bei ihren engsten Partnern einstecken mußte, ist damit noch nicht einmal beschönigt worden, im Gegen- teil: Einige Tausend mußten mit Gewalt davon abgehalten werden, auf den Sonderzug in den Westen aufzuspringen. Zur Niederlage der DDR-Hoheit kam so die Blamage. Der Mut der Fluchtwilligen, sich von ihrem Staat loszusagen, ist übrigens, logischerweise, mit dessen Niederlage erst so richtig herangewachsen. Je erfolgreicher sich die Bundesregierung mitten im ehemaligen Ostblock als respektgebietende Schutzmacht aller Deutschen einschließlich Sachsen und Preußen durchgesetzt hat, um so bedingungsloser waren die staats- und parteiverdrossenen DDR- ler "fertig" mit ihrem Staat und kaum noch zu den "Zugeständnissen" diplomatischer Art zu bewegen, die ihre Bonner Schutzmacht für sie ausgehandelt hatte. Sehr selbstbewußt haben sie sich als die Konjunkturritter der "deutschen Frage" aufge- führt, die sie ja auch bloß sind. Reformwillige DDR-Patrioten - von Bonn zur "5. Kolonne" ernannt Anschließend hat sich in der DDR selber ein ziemlich massenhafter Protest hervorgetraut. Einige zigtausend Bürger haben sich zu Großdemonstrationen zusammengetan und "Reformen" verlangt. Viel eingefallen ist ihnen dazu freilich nicht. Der Vers, den s i e sich auf die schlechten Erfahrungen mit ihrem Staat machen, lau- tet im wesentlichen "Gorbi" und verrät mehr Vertrauen auf eine moralische Erneuerung der Führung als Wissen von Gründen, aus denen die "realsozialistische" Gesellschaft ihren Mitgliedern das Leben schwermacht. Deswegen betrachten die Protestler ihre Staatspartei einstweilen auch nicht als G e g n e r, gegen den Widerstand am Platz wäre, sondern als A d r e s s e für Ände- rungswünsche aus DDR-patriotischem Geist. Insofern steht die SED mit diesem Massenprotest sehr viel besser da als mit der Nie- derlage, die ihr über die Flüchtlinge beigebracht wird. Auch hier hat es die DDR allerdings gar nicht bloß mit ihren un- zufriedenen Bürgern zu tun. Die werden nämlich auch gleich "betreut" durch Bonn, und zwar aus derselben Berechnung und demselben Einmischungswillen heraus wie die Flüchtlinge. Ganz gleich, was die "Reformkräfte" drüben überhaupt im Sinn haben, wie sie ihre Lage sehen, auf welches Entgegenkommen sie setzen, und auf welche Zurückweisung sie sich einstellen - der bundes- deutsche Staat hat sie immer schon unter seine Fittiche genommen und tut so, als hätten sie i h n als den geborenen Oberaufseher über die Geschicke der DDR angerufen. Noch bevor ein DDR-Opposi- tioneller irgendetwas - was und wie auch immer - reformiert haben will, hat schon die Bonner Führung "Reformen in der DDR" ver- langt, und der Reformfreund drüben sieht sich, ob er will oder nicht, zum Kronzeugen für den bundesdeutschen Anspruch ernannt, die DDR maßgeblich mitzuregieren. Noch bevor die SED ihre Pro- testbewegung als 5. Kolonne der Bonner Machthaber verdächtigt, haben die sich bereits als Rechtsanwälte und Beschützer jeglichen Unmuts drüben ins Spiel gebracht. Wichtig ist dabei gar nicht so sehr, w e l c h e Reformen man in Bonn wünscht - natürlich solche, die die DDR dem westdeutschen Einfluß stärker öffnen -, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der das Geschehen in der DDR als d e u t s c h e Sache genommen wird, die schon allein deswegen, aus nationaler "Solidarität", unter Bonner Zuständigkeit fällt. In diesem Zuständigkeitsbewußt- sein betätigt sich großdeutscher Nationalismus, sonst nichts. Al- lerdings auf eine Weise, daß er sich gar nicht offen bekennen muß; und gerade dadurch wird er so wirksam. Es muß gar nicht of- fen "Revanchismus" und ein "Zurück zu den Grenzen von 1937" pro- klamiert werden - obwohl auch das inzwischen wieder Konjunktur hat und für die nationale Debatte Maßstäbe setzt. Es reicht schon, wenn Bonner Politiker - und das tun sie alle, von den Grü- nen bis zu den Rechten - nach "Reformen" rufen. Denn damit haben sie eine Zuständigkeit angemeldet, die auf nichts als einem n a t i o n a l e n Rechtstitel beruht; und darauf kommt es an. Die Sozialdemokraten kultivieren da wieder einmal die ihnen ei- gene Kunst, die nationale Perspektive, von der ihre Fürsorge für DDR-Verhältnisse lebt, zu v e r l e u g n e n und vor "Wiedervereinigungsgerede" zu w a r n e n - nicht bloß im Wis- sen, sondern sogar mit dem Argument, daß sie damit die Bonner Einmischungsmöglichkeiten am wirksamsten b e f ö r d e r n. Dieses Meisterstück außenpolitischer Perfidie haben sie ja über- haupt zur Leitlinie der Bonner Ost- und Deutschlandpolitik ge- macht, und dafür haben sie in Genscher einen durchaus ange- messenen Sachwalter. So wird aus jedem Reformwunsch und Reformschritt in der DDR schon wieder eine S o u v e r ä n i t ä t s f r a g e. Wer nach dem Reform z i e l fragt, das durch die Bonner Einmischung befördert werden soll, der hat das Entscheidende bereits verpaßt: Die E i n m i s c h u n g s e l b s t ist das allererste Ziel der westdeutschen Betreuungspolitik für die DDR; E n t m a c h t u n g derer, die noch die Macht haben, ist das Gemeinte. So gibt jede Reform der bundesdeutschen Anmaßung einer Oberaufsicht recht; und jede unterbliebene Reform wird zum Ruf nach mehr bundesdeutscher Einmischung mit härteren Erpressungs- mitteln - an denen fehlt es ja nicht. Daß ihr Einsatz verfängt, dafür sorgt nicht zuletzt der von der osteuropäischen Führungsmacht durchgesetzte Reformwahn, der ja nirgends die K r i t i k am "realen Sozialismus" befördert, sondern die kritiklose Unterwerfung unter westliche Vorbilder. Im Fall der DDR geht damit nicht bloß die "realsozialistische" Staatsräson kaputt; die Bonner Politiker stehen dafür gerade, daß im Zuge des anstehenden "Reformwerks" von einem eigenständigen Zweitstaat auf "deutschem Boden" nichts mehr übrigbleiben soll. zurück