Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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40 Jahre erfolgreiche DDR
DAS BESSERE DEUTSCHLAND HAT'S AUCH NICHT LEICHT!
Im Oktober feiert die DDR ihr Vierzigstes. Genau wie kürzlich die
Erstgründung BRD und andere Privatpersonen hält der soziali-
stische deutsche Staat geburtstagshalber inne und Rückblick, fin-
det sich ziemlich gelungen und gratuliert sich zu seinen großar-
tigen Erfolgen. Im Westen, wo man sich ohne falsche Bescheiden-
heit den Neuanfang nach Hitler, den "freiesten Staat auf deut-
schem Boden", das Wirtschaftswunder, die Wiedergutmachung, den
Aufstieg zur EG-Vor- und Mitführungsmacht des Westens hoch an-
rechnet, hat man für das Selbstlob der DDR nur Hohn übrig. Daß es
stinkt, sagen dem kritischen Westbürger jene Tausende, die der
DDR den Rücken kehren und dem wirklich besseren Deutschland durch
ihre Abstimmung mit den Autos den Sieg im Wettstreit um das al-
lerbeste Deutschland zusprechen, das es je gab. Irgendwelcher Er-
folge braucht sich eine DDR, der die Leute weglaufen, nicht zu
rühmen. Zu Unrecht! Wäre es nicht das andere Deutschland, das ma-
chen kann, was es will, und doch ein Verbrechen gegen den
Machtanspruch des Wiedervereinigungsstaates bleibt, Liebhaber ge-
ordneter Verhältnisse und guten Regierens müßten den Hut ziehen
vor diesem sozialistischen Musterländle. Alles Wahre, Gute und
Schöne, in dessen Namen sie die Maßnamen des hiesigen Staates
verstehen und billigen, wird drüben sehr ernst genommen. Die bür-
gerliche Moralisten der BRD könnten den Errungenschaften der DDR
ihren Respekt nicht versagen, wenn sie nicht so elend nationali-
stisch, d.h. in ihren Maßstäben korrupt wären.
Ein höchst humanistisches Staatsprogramm
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1. Der echtere Neuanfang für Deutschland
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In der sowjetisch besetzten Zone und unter dem Schutz der Roten
Armee fiel die Aufgabe des Wiederaufbaus der G r u p p e
U l b r i c h t zu, den Resten der alten KPD, die den Faschismus
überlebt hatten. Die deutschen Kommunisten erwiesen sich der
neuen Aufgabe als durchaus würdig. Sie dachten gar nicht daran,
in dem Reich, in dem sie ein Jahrzehnt lang verboten, in KZs ge-
sperrt und umgebracht worden waren, nun zu wüten, alles umzu-
stürzen und Hitlers Volksgenossen terroristisch Revolution bei-
zubringen. Verantwortungsbewußt traten sie das Erbe der verwai-
sten Macht mit einer großen Maxime an: E s a n d e r s u n d
b e s s e r m a c h e n! - als die letzte deutsche Regierung. In
der Verantwortung wußten sie sich vor den Menschen in Deutsch-
land, die von den Faschisten mißbraucht worden waren mit ihren
Tugenden, ihrem Glauben und ihrer Arbeit. Sie hatten ein besseres
Regieren in Deutschland verdient, ebenso wie die anderen Völker
Europas, die von teutonischem Imperialismus, Militarismus, Ras-
sismus und Chauvinismus Schlimmstes erlitten hatten. Das "Neue
Deutschland" sollte den A n t i f a s c h i s m u s zur ersten
Eigenschaft und die Beseitigung aller ideologischen, sozialen und
politischen Wurzeln des deutschen Faschismus zur ersten Aufgabe
haben. Alles inhumane, großdeutsche, menschenverachtende des
3.Reiches hat die neue politische Macht verboten, alles Positive
und Humanistische, was die deutsche Tradition zu bieten hatte,
wurde gesetzlich in Kraft gesetzt:
"Goethe, Schiller, Lessing
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kamen wie vorher aufs Podestchen
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"Ludendorf aus Messing" - mußte runter.
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So wurde das Volk jenseits der Elbe nicht von einer Revolution
erschreckt, oder ergriffen, sondern mit einer neuen Regierung be-
glückt; und neben manchem Neuen, das man sich angewöhnen mußte,
und das hauptsächlich das Feld der Meinungen und Symbole betraf,
weniger die wirklichen Lebensumstände, gab es auch eine Menge
Kontinuität. Anpassung war wie immer gefragt, sollte aber auch
nicht überfordert werden.
"Klar das sozialistische Ziel" vor Augen, folgte die SED von An-
fang an der volksfreundlichen Methode der behutsamen Revolution:
"Aufgrund der Hinterlassenschaft des Faschismus war zunächst eine
antifaschistisch-demokratische Umwälzung erforderlich. ...Das
strategische Ziel schloß ein, mit Ausnahme der Kriegsverbrecher
und Naziaktivisten alle für den Aufbau der neuen antifaschi-
stisch-demokratischen Gesellschaft zu gewinnen." 1
Erst als der neue Staat schon ziemlich fest im Sattel war, machte
sich die Regierung daran, "die antifaschistisch-demokratische Um-
wälzung in die sozialistische Revolution überzuleiten".
Das Verfahren der behutsamen Umerziehung ohne Überforderung der
Anpassungsfähigkeit mag revolutionär gesonnenen Zeitgenossen
ungewöhnlich, die raffinierte Ausnutzung bürgerlicher An-
passungsbereitschaft mag kontraproduktiv erscheinen - aber wo
gibt es heute schon Revolutionäre. Demokratische Anhänger der
Westzone jedenfalls müssen zugeben, daß ihre Umerziehung zu Demo-
kraten weder oben noch unten mit einem ähnlichen Ernst betrieben
worden ist. Im Osten war sie nicht so schnell vorbei, ließ man
die alten Nazis nicht in hohen Positionen und nicht im Besitz ih-
rer wirtschaftlichen Macht. Vor allem aber wollte e s der neue
Staat wirklich a n d e r s machen, und nicht nur "bescheiden
werden und wieder von vorn anfangen" im Konzert der Mächte, wie
Adenauer. Die DDR hatte die heuchlerische und nicht enden wol-
lende "Vergangenheitsbewältigung" nicht nötig, weil sie wirklich
mit der Vergangenheit gebrochen hat, und nicht ein problemati-
sches Nachfolgeverhältnis antreten wollte. Sie ist noch heute
stolz auf diesen unbestreitbaren moralischen Pluspunkt im Wett-
streit ums beste Deutschland.
2. Wertgebundene Demokratie - aber echt!
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Aus dem grenzenlosen Versagen des Deutschtums angesichts von
sinnlosem Judenmord und verlorenem Krieg zogen die westlichen und
die östlichen Staatsgründer ganz verschiedene Schlüsse: Die Ver-
fassungsväter von Herrenchiemsee schlossen aus der Verführbarkeit
der Massen durch den Rattenfänger, daß man dem guten Volk letzte
Entscheidungen über Staatsform und Staatsziele eben gar nicht
erst erlauben darf; und sicherheitshalber ihren gewählten Reprä-
sentanten auch nicht. Unter der "wertgebundenen Demokratie" ver-
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1 Otto Reinhold, Die Gestaltung des entwickelten Sozialismus in
Theorie und Praxis, in: Einheit 9/10-89.
steht man im Westen das Plebiszitverbot, nicht abstimmungsfähige
Grundgesetzartikel und Notstandsverordnungen. Die kommunistischen
deutschen Staatsgründer dagegen wollten nicht einfach verbieten,
sie waren bestrebt bei sich Verhältnisse zu schaffen, die einem
Wiedererstarken des üblen Deutschtums von vornherein den Boden
entziehen und dafür garantieren würden, daß das Ja zu Deutschland
nie mehr so irreguläre Wege geht. Ihre Diagnose des Faschismus
als Werk des Monopol- und Rüstungskapitals, unter Zuhilfenahme
entwurzelter Arbeitsloser setzten sie in eine Gesellschaftsreform
um, welche durch die Verwirklichung von Gleichheit, Gerechtigkeit
und Frieden solche Sozialcharaktere erst gar nicht mehr entstehen
lassen würde. Als erstes schafften die deutschen Sozialisten die
große ökonomische Privatmacht ab, die den Staat, der eigentlich
immer Bessseres wollte, erpressen, in Rüstung und kriegerische
Abenteuer treiben kann. Dann sollte es aber auch am anderen Ende
der sozialen Skala keine entwurzelten Proleten mehr geben, wie im
Kapitalismus, der zum Faschismus führt. E c h t e s o z i a l e
B e h e i m a t u n g war also ihr sozialpolitisches Programm:
Daß jeder eine Arbeitstelle, eine Aufgabe, also Sinn, hat, über-
läßt die SED nicht mehr dem Zufall des Marktes und der gar nicht
gemeinnützigen Profitrechnung der Kapitalisten; dafür sorgt sie
selbst.
"Der Bürger der DDR indes spürt tagtäglich, daß der Mensch bei
uns gebraucht wird, um dem Wohle aller zu dienen." 2
Auch soll keiner um einen fairen Anteil an seinem Tagwerk betro-
gen werden oder erst noch darum kämpfen müssen; die Macht des
neuen Staates sorgt für ein gerechtes Teilen und Zuteilen; mit
Argumenten über Leistung und Verantwortung organisiert er eine,
im Vergleich zur westlichen, sehr unterentwickelte Hierarchie von
Positionen und Vergütungen. Die sonstigen Wechselfälle des Le-
bens, die aus der proletarischen Mittellosigkeit herrühren, wer-
den im Staat der Werktätigen nicht privatisiert und dem Zufall
von Job, Rücklagen und Verwandtschaft überantwortet, sondern
g e m e i n s a m, d.h. öffentlich geregelt: für Mutterschutz,
Rente, Bildung und Gesundheit gibt es Kassen, aus denen man nicht
herausfallen kann. Die viel ernster genommene Fürsorge für Men-
schen, die arbeiten müssen, um zu leben und mittellos sind, so-
bald sie einmal nicht arbeiten, beseitigt Armut nicht, sondern
unterstellt sie bleibend. Das aber kümmert den Arbeiter-und-Bau-
ern-Staat mit seinen s o z i a l e n W e r t e n wenig, wenn
er seinen Stolz darein setzt, alle verständlichen und berech-
tigten Wünsche, die einem kapitalistischen Proleten zu seiner
Notlage so einfallen, zu verwirklichen:
- A r b e i t ist kein Spaß; bei einer vernünftigen Organisation
der gesellschaftlichen Arbeit ginge es um ein möglichst reiches
Konsumieren bei Verkürzung der notwendigen Arbeit. Weil aber der
kapitalistische Arbeiter manchmal sogar ein B e d ü r f n i s
n a c h A r b e i t entwickelt, das er nicht befriedigen kann,
ist im Realen Sozialismus die Arbeit ein Recht, mit dem der Bür-
ger nicht zu knapp versorgt wird.
S o z i a l e G e r e c h t i g k e i t und
G l e i c h h e i t sind Wünsche, die ein ausgenutzter Untertan
an die politische Macht hätte, der er gerne gehorchen wollte: er
verlangt gar nicht, über Aufwand und Ertrag seiner Arbeit selbst
zu bestimmen und wäre gerne bereit, sich die Beschränkung seiner
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2 Horst Sindernmann, Arbeite mit, plane mit, regiere mit - das
ist unsere Devisse, in: Einheit 9/10-89.
Anspruche gefallen zu lassen, wenn nur andere, die viel weniger
leisten, nicht so empörend bessergestellt würden. Auch den Ge-
rechtigkeitswahn kapitalistischer Proleten, der sich im Neid
austobt und sich von Asketen an der Staatsspitze allemal beein-
drucken läßt, wollten die Staatsgründer der DDR nicht mit den Ka-
pitalisten abschaffen, sondern endlich zum Zuge kommen lassen,
und, was im Westen bloßer Wunsch bleiben muß, zur gültigen
Staatsgrundlage machen.
Selbst den Wert der p e r s ö n l i c h e n F r e i h e i t -
bis heute die stärkste ideologische Waffe gegen sie - haben die
deutschen Sozialisten nicht als die Zusammenfassung des kapitali-
stischen D ü r f e n s durchschaut; als die F o r m d e s
Z w a n g s, in einer Wirtschaft, in der die Versorgung der
Leute kein öffentliches Anliegen ist, sich den Verhältnissen an-
passen und ganz um das eigene (Über-)leben kümmern zu dürfen und
also zu müssen. Auch diesem Wert des Kapitalismus fühlten sie
sich verpflichtet. Soweit sie den notwendigen Formalismus der
Freiheit, die Alternativlosigkeit des freien Wählens, wenn alle
Unternehmer dann doch die gleiche Arbeit und den gleichen Lohnan-
bieten, bemerkten, hielten sie das für ein Defizit an Freiheit
und fanden sie im Kapitalismus n u r f o r m a l verwirklicht.
In ihrem Staat sollte auch die Freiheit der Persönlichkeit erst
wirklich wirklich werden. Sie haben die "freie Entfaltung der
Persönlichkeit" viel zu wörtlich genommen und sich als "gleiche
Bildungschancen für alle, Gleichbereichtigung von Mann und Frau,
freien Zugang zu den Schätzen von Kunst und Kultur" übersetzt,
und ihre mit diesem Recht ausgestatteten Bürger mit der freien
und selbstverwirklichenden Ausgestaltung ihrer Persönlichkeit be-
auftragt: "die allseitige Entwicklung der Fähigkeiten und Talente
der Menschen zum Wohle des einzelnen und der gesamten Gesell-
schaft."3 Kein Wunder, dem Begriff der Freiheit völlig entspre-
chend und auch im Westen nicht anders geläufig, ist die positive,
nicht bloß formale Verwirklichung der Freiheit die Pflicht zur
Mitverantwortung.
Dieser Staat ist in jeder Hinsicht entschlossen, "es" besser zu
machen - und das unterstellt eben, daß "es" irgendwie um das
Gleiche geht, wie im Vorgängerstaat und wie im anderen bleibenen
Vergleichsobjekt, dem anderen, größeren, mächtigeren und reiche-
ren Deutschland westlich der Elbe. Nie wollte die DDR etwas
grundsätzlich anderes machen als sie dem Kapitalismus als soziale
Aufgaben zuschrieb. Nie wies sie daher das Systemvergleichen zu-
rück, das, es um andere Ziele geht, fehl am Platz ist. Sie wollte
den Systemvergleich, und beruht auf ihm: Die Ideale der bürgerli-
chen, französischen Revolution gelten Sozialisten nicht als ver-
altet, sondern als humanistische Menschheitsanliegen überhaupt,
um deren Wirklichkeit der Kapitalismus die Menschen betrogen hat,
denen er sie zugleich versprach. Erst die Abschaffung der Kapita-
listen erlaubte es den DDR Staatsgründern die Moral des Kapita-
lismus von der schönen Illusion zum Ordnungsprinzip einer Ge-
sellschaft aufzuwerten.
Dies ist i h r Systemvergleich, derjenige, in dem weiß sich die
DDR als Sieger: Welches Deutschland nimmt die
g e m e i n s a m e n W e r t e erster und hat die humanisti-
schen Verpflichtung konsequenter in die Tat umgesetzt?
Was Kommunisten von diesem edlen Wettstreit halten, tut hier
nichts zu Sache, aber Humanisten können unmöglich bestreiten, daß
die DDR tatsächlich der n a c h m o r a l i s c h e n
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3 Egon Krenz, Vom Sinn unseres Kampfes, ebd.
A b s i c h t e n bessere deutsche Staat ist, - und es tut auch
keiner. Im Westen hat man den östlichen Systemvergleich gerne zu-
rückgewiesen mit dem Spruch vom großen Kuchen, der ungerecht ge-
teilt immer noch größere Stücke für die meisten überläßt als der
gerecht geteilte kleinere Kuchen; man läßt so der DDR die Palme
im moralischen Systemvergleich und bekennt sich zum Zynismus.
Verkehrte Welt: Den Materialisten im Osten, die mit ihrer Treue
zu humanistischen Werten angeben, kommt der kapitalistische
Staat, auf deren Boden die trostlosen Ideale von der ausgleichen-
den Gerechtigkeit blühen, materialistisch: Letztlich komme es
doch auf die Höhe der Löhne an und nicht auf ihre Gerechtigkeit!
Wenn man dem Osten schon die sozialen A b s i c h t e n nicht
bestreiten oder schlechtmachen mag, so doch den E r f o l g i n
d e r D u r c h f ü h r u n g. In Sachen Wirtschaftserfolg sei
die DDR zurückgeblieben, unflexibel, ineffizient, seit den Grün-
dungstagen in einer Dauerkrise
II. "Ein beispielloser ökonomischer Aufschwung"
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Die sozialistische Exportnation
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Die DDR hat beschlossen, daß auch auf dem ökonomischen Feld ihr
System auf den Systemvergleich gründen will. Zwar ist der morali-
sche Vergleich ihr eigentliches Anliegen, aber das zweifellos an-
ständigere und menschlichere System will auch in Sachen wirt-
schaftlicher Effizienz und Leistungsfähigkeit den Vergleich mit
der alten Ordnung aushalten - und es hält diesen Vergleich aus.
Und das heißt als stets aktueller Systemvergleich eine tatsächli-
che Konkurrenz mit dem bleibenden alten System jenseits der Elbe;
Was die können, können wir schon lange! Und so wird an den Kri-
terien des kapitalistischen Weltmarkts, an Preisen, Produkten und
Rhythmen des moralischen Verschleißes, wie sie der Kapitalismus
hervorbringt, bewiesen, daß der Sozialismus das bessere System
ist.
Was im Westen der Genialität Ludwig Erhards und der Dynamik der
sozialen Marktwirtschaft geschuldet ist, verdankt sich drüben den
"Potentialen der sozialistischen Planwirtschaft": ein Wirt-
schaftswunder.
- Wirtschaftswachstum über die gesamte Zeit ihrer Entwicklung ca.
4% jährlich; höher als der Durchschnitt der BRD.
- Arbeitsproduktivität = Nationalprodukt pro Beschäftigtem in
etwa im selben Maß gesteigert wie die BRD, liegt absolut hinter
dieser, aber vor GB und Italien.
Daß die DDR ihren Erfolg darin bemißt, wieviel Reichtum der ein-
zelne Beschäftigte der Nation verschafft, nicht darin, wieviel er
kriegt, sollten Fanatiker westlichen Wirtschaftswachstums ihr
nicht vorwerfen. Die DDR hat da nur das kapitalistische Prinzip
des "Nationalreichtums" in den Sozialismus hinübergerettet.
- Exportnation, nach Ost und West. 50% ihres Nationalprodukts
geht über Export. Dabei keineswegs wie andere Länder des Ost-
blocks auf die Rolle von Entwicklungsländern beschränkt, die nur
natürliche Monopole auf dem Weltmarkt zu Geld machen können:
Erdöl, Kohle, Erze, und landwirtschaftliche Produkte (Polen und
Ungarn: Gänse). Schon wieder ein rohstoffarmes Land, das die Ar-
beitsamkeit seiner Bewohner zur einzigen Reichtumsquelle erkoren
hat. Die DDR liefert eine große Palette von normalen und von
hochverarbeiteten industriellen Erzeugnissen in alle Welt. Leip-
ziger Messe. Möbel: IKEA; Weiße Ware, Fernseher, modernste Druck-
und automatische Fertigungsstraßen, Werkzeugmaschinen, Computer
und Software sowie Chemieerzeungisse aller Art. Ihre Technologie-
kombinate orientieren sich am "Weltspitzenniveau" und zwar kei-
neswegs vergeblich. Einige spezialisierte Bereiche hat sich die
DDR gesichert, auf denen sie dieses Niveau sogar vorgibt.
-Mit ihren Exporterfolgen kann sie sich auch die d a f ü r nö-
tigen Importe aus Ost und West an Energieträgern und Technologie
leisten, ohne in eine Schuldenakkumulation zu geraten. Daß die
Einbindung in die "internationale Arbeitsteilung" darüber hinaus
zur Steigerung des nationalen Arbeitsertrags und zum Import im
Lande nicht produzierbarer Konsumartikel und Lebensmittel führt,
ist das permanente Programm dieser Weltmarktorientierung.
- Die DDR bleibt souverän in ihrem Schuldenmanagement, muß aber
auch darauf achten: Importverbote, Deviseneinsammlung per Inters-
hops (- mit denen sie bei der eigenen Bevölkerung sehr gegen die
eigene Wirtschaftsweise agitiert: Wer DDR-Martk verdient, ver-
dient das falsche, bloß beschränkt taugliche Geld.)
Eine nationale Kraftanstrengung
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- Die Erfolge woller erkämpft sein, und das ist im Sozialismus
nicht so einfach: Schließlich gibt der Erfolg der Ausbeutung auf
dem kapitalistischen Weltmarkt, was die Größe des für Akkumula-
tion und Modernisierung abgezweigten Teils des Produkts, was Ar-
beitsintensität, Billigkeit der Löhne angeht und die Betriebsnut-
zungszeiten der hochmodernen Anlagen, das "Weltniveau" vor, wel-
ches der Sozialismus einst seinen Leuten ersparen wollte. Das Ar-
beitsleben in der DDR gestaltet sich also mit zunehmenden Erfol-
gen der DDR im Erreichen des Weltniveaus zunehmend so, wie es das
überwundene Vorbild im Westen auch kennt.
"Dabei ist uns bewußt, daß wir das Erreichte mit hohem Tempo wei-
ter ausbauen müssen, und zwar angesichts harter internationaler
Konkurrenz. Heute haben wir es 'in der Klassenauseinandersetzung
auf ökonomischem Gebiet nicht mit irgendeinem Kapitalismus zu
tun, sondern mit einem auf seine Weise hochentwickelten Kapi-
talismus, der mit und durch die wissenschaftlich-technische Revo-
lution sein Potential vergrößert hat und noch über starke Posi-
tionen verfügt. Diese Maßstäbe müssen wir vor Augen haben, wenn
wir an die weitere Ausgestaltung der Arbeit der Kombinate gehen,
die uns als sozialistische Form der Konzentration auf der Basis
des Volkseigentums prinzipielle Vorteile bei einer hocheffektiven
Organisation der Arbeit und dem Auftreten auf internationalen
Märkten gibt."4
Der Klassenkampf wird jetzt also als ganz normaler Konkurrenz-
kampf (wie zwischen allen kapitalistischen Staaten auch) um
höchste Qualität bei niedrigstem Preis geführt.
- Aber dafür bietet - siehe Zitat - die Planwirtschaft ja auch
Vorteile: Wozu haben denn die Kommunisten die Komandohöhen der
Wirtschaft erobert und die Privatkapitalisten abgeschafft, wenn
nicht, um mit dieser Macht die erforderlichen nationalen Kraft-
akte zu organisieren:
"Die hohen Vorleistungen der Gesellschaft, die heute notwendig
sind, um international an Boden zu gewinnen oder gar das Tempo zu
bestimmen, zwingen dazu, sehr genau abzuwägen, auf welchen ausge-
wählten Gebieten die Kräfte und Mittel für einen echten Vorstoß
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4 Wolfgang Biemann, Routine ist der Tod des Erfolges, ebd.
zur Spitze konzentriert werden. Diese Entscheidungen sind nur im
Rahmen gesamtstaatlicher Strukturpolitik möglich." 5
- Klar, nationale Kraftakte sind in der scharfen internationalen
Konkurrenz heute überall nötig: Man denke nur an die Selbstbe-
hauptung Europas gegen Japan und USA auf dem Feld der Mikro-
elektronik. Und überall ist klar, daß die Konzentration der Mit-
tel, woanders gewisse Lücken reißt. Wenn sie daheim Wachstums-
raten und Bankenpaläste, Hochtechnologie und Börsenkurse zum Er-
kennungsmerkmal des unübertrefflich korrekten Wirtschaftssystems
erwählen, wenn sie den USA (und Großbritannien und dem Ruhrgebiet
und Westberlin und und) ihren Erfolg nicht mit dem Verweis auf
Slums und Umweltverschmutzung streitig machen wollen, dann soll-
ten die bundesdeutschen Sachverständigen in Sachen Wirtschaf-
terfolg auch nicht vielsagen auf verfallende Stadtviertel in
Leipzig und Rauchgasschwaden aus den Braunkohlekraftwerken Thü-
ringens deuten. Austerity, auch bei Löhnen und Lebensmitteln, ist
im Westen periodisch und anerkanntermaßen höchste wirtschaftliche
Vernunft und Grundlage für glänzende Erfolge der Nation im Kon-
kurrenzkampf der Weltwirtschaft.
*
Die DDR muß sich ihr groß angelegtes Sozialprogramm auch erst
einmal leisten können.
"Unsere Partei hat niemals einen Zweifel daran aufkommen lassen,
daß Gewinnerwirtschaftung kein Selbstzweck ist. Doch wurde stets
deutlich ausgesprochen, daß ein Mehrprodukt... von allergrößter
Bedeutung ist, um Wirtschafts und Sozialpolitik im Interesse der
Menschen betreiben zu können. Woraus sollten sonst ...die Politik
der stabilen Preise für Grundnahrungsmittel, Tarife, Mieten und
andere soziale Maßnahmen gespeist werden?" 6
Daß sich die gut betreuten Leute vielleicht die Wohnungen und die
Brötchen leisten könnten, wenn ihre Löhne nicht erst für
Gewinnerwirtschaftung herhalten müßten, fällt dem realsozialisti-
schen Sozialpolitiker so wenig ein wie westlichen Kollegen, die
gerne das Gleiche vertreten. Daß die Ziele des stetigen und hohen
Wirtschaftswachstums, des steigenden Nationaleinkommens, wie im
Kapitalismus, der überwunden werden sollte, nicht ganz dasselbe
sind wie ein bequemes und reiches Leben derer, die die Arbeit ma-
chen, sondern einen Gegensatz dazu einschließt, sollte ausge-
rechnet von Verehrern des westdeutschen Wirtschaftswunders nicht
der DDR zum Vorwurf gemacht werden.
____________________
5 ebd.
6 Helmut Koziolek, Wachsendes Nationaleinkommen - entscheidend
für erfolgreiches Voranschreiten, ebd.
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