Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn


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       Erich Honecker
       

EIN EHRENWERTER DEUTSCHER

hat normalerweise eine miserable Presse hierzulande. Gerade in der letzten Zeit will man aber auch andere Einblicke in seinen Charakter genommen haben. Früher immer der farblose Funktionär, provinziell, hausbacken, nicht gerade der Inbegriff eines Gulag- Vorstehers und internationalen Gewalttäters wie seine sowjeti- schen Kollegen, aber immerhin auch mit ziemlich verkniffenen Lip- pen und Stasi-Geruch, hat er seit einiger Zeit an Format gewon- nen. Sein internationales Auftreten soll auch nicht ohne sein, Redlichkeit, gar staatsmännische Pflichterfüllung werden ihm be- scheinigt, und als allerhöchstes der denkbaren Komplimente - er denkt und handelt national (und nicht als saarländisch getarnter Russe). Um es gleich zu sagen d e u t s c h. Er bekennt sich offen dazu, daß er im Saarland geboren ist, liebt nach wie vor saarländische Strohhüte und Schalmeienkapellen, hat wahrhaftig Eltern dort gehabt, die wahrhaftig dort begraben sind - wirklich, man könnte ihn fast liebgewinnen. Dem konjunkturgemäßen Pressegeseiche ist eben nichts anderes zu entnehmen als die gerade aktuellen Anfeindungen beziehungsweise erfolgreichen Ansprüche gegen den Chef der DDR, ausgemalt als dessen Charakter, der demzufolge auch ziemlich abrupt vom Minus ins Plus wechseln kann. Der Bonze, der sein Volk darben läßt, während er in geheimen Wäldern auf Jagd geht, zeigt z.B. dann Le- bensart und staatsmännischen Stil, wenn unsere Größen sich von ihm empfangen und bewirten lassen. Oder der beinharte Apparat- schik, der allen Konkurrenten das Rückgrat gebrochen und seine Partei auf blinde stalinistische Gefolgschaft eingeschworen hatte, erntet, wie zur Zeit, Komplimente für dieselbe angebliche Leistung: Gottseidank hat er das Heft fest in der Hand und hat es gut verstanden, seine Mannschaft hinter sich zu bringen, so daß sich der Kreml die Zähne ausbeißen muß beim Versuch, ihn aus den Angeln zu heben. Besonders glaubwürdig und überzeugend sind weder die Mißbilligung noch die Komplimente, die Erich Honecker sich hierzulande einfängt. Dazu sind Charakter und Leistungen eines sozialistischen Staatschefs einerseits einfach zu sozialistisch, andererseits einfach zu normal. Erich Honecker ist Ein deutscher Kommunist ----------------------- Also Exemplar einer Sorte Mensch, die durch die gründlichen Auf- räumungsarbeiten der Nationalsozialisten ziemlich rar geworden ist. Entgegen der Lebensweisheit von Willy Brandt hat er es auch nicht für nötig gehalten, seine Jugendideale an dem Realismus zu korrigieren, daß für Gerechtigkeit, Frieden usw. eine bürgerliche Staatsmacht immer noch die beste Instanz, weil die potenteste ist. Honecker hat als Jugendfunktionär der KPD den Faschismus be- kämpft, bis er aus dem Verkehr gezogen und bis Kriegsende ins Zuchthaus gebracht wurde - wogegen trotz intensivster Bemühungen hierzulande, ihm irgendwelche schmutzigen Verbindungen zur NSDAP anzuhängen, keine Beweismittel aufgefunden werden konnten. Es sei denn die Tatsache, daß er das Dritte Reich überlebt hat, die ei- nigen Anhängern der Theorie "Braun = Rot" sehr zu denken gegeben hat. Nach Kriegsende nahm Honecker die Gelegenheit wahr, am Auf- bau des antifaschistischen Deutschland und der späteren Arbeiter- und-Bauern-Macht mitzuwirken. Streng nach der alten KPD-Linie, daß sich nur die vielen guten Menschen, Kommunisten, Sozialdemo- kraten, Gewerkschafter, Christen und Jugend zusammenschließen müssen gegen die wenigen Bösen, Schlotbarone, Kriegsgewinnler, Vaterlandsverräter und Faschisten, daß sie sich nur immer enger um ihre Partei scharen und die Staatsgewalt erobern müssen, damit die Welt in Ordnung kommt. Mit der Vorarbeit der Roten Armee war die Schließung dieser Ein- heitsfront keine große Kunst. Genausowenig wie die Tatsache, daß ein Adenauer aufgrund der Vorarbeit der Alliierten ein faschi- stisch verhetztes Volk binnen kürzester Zeit zu Demokraten läu- tern konnte. Dadurch nämlich, daß er sie mit einer neuen Verfas- sung regierte. Daß über Honeckers weiteren Aufstieg so wenig ver- meldet wird, liegt nicht an der vielzitierten Farblosigkeit, son- dern einfach daran, daß er sich vollkommen mit der Ausführung der jeweils von der Partei beschlossenen Maßnahmen deckte. Und damit verhält es sich wiederum ziemlich genauso wie hier: Einer, der jahrelang erfolgreich die Politik seiner Partei durchsetzt, rückt mit Sicherheit nach oben auf. Und wenn andererseits ostdeutsche Politiker ihr Volk damit verschonen, auch noch öffentlich mit ih- ren Intrigen, politischen Manövern und privaten Marotten für sich Werbung zu machen, ist das noch lange kein Grund, ihnen entweder einen unglaublich hinterhältigen und raffiniert verschleierten oder umgekehrt gar keinen Charakter zuzusprechen. Erster Sekretär der SED ----------------------- Seinen endgültigen Aufstieg zur Spitze verdankte Honecker dem Be- dürfnis nach einer Korrektur der Parteilinie: Zu bereinigen waren die Folgen einer der DDR-Ökonomie verordneten zu stürmischen Ent- wicklung der Produktivkräfte - des Versuchs, dem militanten West- Wirtschaftswunder Paroli zu bieten - und die Halsstarrigkeit sei- nes Vorgängers gegenüber der entspannungsfrohen Vormacht - auch da wieder gewisse Ähnlichkeiten mit den West-Kollegen. Der Spitz- bart hatte sich zu lange und zu renitent dagegen gewehrt, daß man um des lieben Friedens willen nun auf einmal mit der Revanchi- stenclique jenseits der Grenze, mit dem Staat der NS-Bonzen, Mo- nopolkapitalisten und US-Lakaien verhandeln und faule Kompromisse schließen sollte. Honecker war anpassungsfähiger und beherzigte die Lehre, daß an der Seite des Sowjetvolkes keine noch so fin- stere Macht dem Sieg des Sozialismus etwas anhaben kann. Seit der Zeit steht er dem sozialistischen Deutschland vor, hat also not- gedrungen staatsmännisches "Format" gewonnen. Von seinem Vorgänger hatte er ein paar Einsichten mitgenommen, so z.B. die, daß sich mit dem guten Gewissen allein, eine wirkliche antifaschistische Säuberung durchgezogen und ein rundum gerechtes und volksfreundliches Staatswesen aufgemacht zu haben, noch nicht viel Staat machen läßt. Vor allem nicht entlang der Grenze. Mauerbauer ---------- Schon 1961, als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrats, hatte er die Bauarbeiten beaufsichtigt, die die Bildzeitung dann lange Zeit in Tagen abgerechnet hat. Dieses "Schandmal" war zwar wesentlich darauf berechnet, den Bevölkerungsschwund in Richtung Westen zu unterbrechen, gestattet also durchaus die Kritik an der DDR, daß deren Art Sozialismus offensichtlich nicht dazu geeignet war, halbwegs normalen Menschen den Irrsinn abzugewöhnen, ihre Existenz/Ost partout gegen eine Existenz/West aufgeben zu wollen. Aber diejenigen, für die mit der Mauer als Argument schon alles fertig ist, sollten sich ohne demokratische Voreingenomheit die Lage West-Berlins von Osten her gesehen zu Gemüte führen: Mitten im eigenen Land, quasi als Teil der eigenen Hauptstadt, ein hoch- gepäppeltes "Schaufenster" des feindlichen Westens; zugleich Agi- tations- und Subversionszentrale; mit 2 Millionen freiwilligen und etlichen -zigtausend professionellen Agenten des großdeut- schen "Rechtsanspruchs" darauf, daß die "Hauptstadt der DDR" in mehrfache Anführungszeichen und vom West-Berliner Senat mitre- giert gehörte - man stelle sich einmal Bonn-Beuel als entspre- chend gemästete Sowjet-Kolonie vor: den Bonner Machthabern wäre der Rhein bestimmt nicht Grenze genug! Man darf sich ruhig auch einmal daran erinnern, was um diese offene Grenze herum damals alles stattfand: So erklärte z.B. der damalige Verteidigungsmini- ster und jetzige DDR-Pionier Strauß auf einer Pressekonferenz in den USA, daß man sich auf eine Art Bürgerkrieg in Deutschland vorbereiten müßte; ein "Forschungsbeirat für Fragen der Wieder- vereinigung" legte in Bonn einen Plan für den Tag X vor mit de- taillierten Anweisungen für die Beseitigung der SED und die Wie- dereingliederung der Ostgebiete; und von West-Berlin aus ope- rierte ein fröhliches Schwarzmarktunwesen. Über die Schließung dieser Grenze sollten auf alle Fälle die jenigen sich nicht be- schweren, denen umgekehrt die bundesdeutsche Grenze gegen Türken und "Scheinasylanten" gar nicht undurchlässig genug sein kann. Kommandeur der "Höhen" der Volkswirtschaft ------------------------------------------ Die zweite Einsicht, die Honecker - wie jedem DDR-Staatsmann we- niger durch Marx-Lektüre als durch das protzige Westdeutschland und seinen an allen Fronten geführten Wirtschaftskrieg - einge- bleut wurde, war die, daß es sehr auf die Produktivkräfte und de- ren Wachstum an kommt. Im Unterschied zu den Veranstaltern der Systemkonkurrenz hier, deren Beweisführung sich im Ernst nie von Rechnungen wie 'Orangen pro Kopf' abhängig macht und schon immer über die zu einer Marktwirtschaft gehörigen Sorten von Armut und Ruin erhaben war, nehmen die Vorsteher der Zone 'Lebensstandard' als den ihrer Staatsführung abverlangten Leistungsbeweis sehr w ö r t l i c h - und reichen ihn an die Werktätigen weiter. Die von Honecker auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 vorgelegte sogenannte Hauptaufgabe - auf die er sich seitdem unentwegt als erfolgreich gelöste und immer weiter erfolgreich zu lösende be- ruft -, verlangt "das materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes weiter zu erhöhen und durch ein hohes Entwicklungstempo der sozialistischen Produktion, die Erhöhung der Effektivität, den wissenschaftlich- technischen Fortschritt und das Wachstum der Arbeitsproduktivität die Voraussetzungen dafür zu schaffen." Als Beitrag zur Lösuug dieser Hauptaufgabe führt der Erste Sekre- tär mit seinen Werktätigen gerne Dialoge wie folgende: "Auf die Frage, warum sie ständig größere Leistungen vollbringen, antworteten die Kumpel, daß sich in unserem Staat die Arbeit für alle auszahlt. Gerade diese Erkenntnis sei für sie Ansporn, die Potenzen des Sozialismus zum Wohle des Volkes und jedes einzelnen voll zu nutzen. Solche Antworten bestätigen, daß das Wesen unse- rer Politik richtig verstanden wird." "Angesichts dieser großen Aufgabe wird immer wieder neu gefragt, wie lange denn die Arbeitsproduktivität noch zu steigern, das heißt der Arbeitsaufwand zu verringern, der Energie- und Materi- alverbrßuch zu senken ist, das stieße doch mal auf Grenzen, die Reserven erschöpfen sich... Die Reserven erschöpfen sich nicht. Der schöpferische Charakter der menschlichen Arbeit..." Dialoge, die einigermaßen überflüssig wären, würden die Werktäti- gen schlicht und einfach unter Zuhilfenahme von Wissenschaft und Technik produzieren, was gebraucht wird. Daß stattdessen extra eine immer wieder neu zu bewältigende "Hauptaufgabe" her muß, liegt daran, daß diese Art Sozialismus, nachdem sie die Ausbeuter und Parasiten beseitigt und die "Kommandohöhen der Volkswirt- schaft" erklommen hat, meint, mit der Produktion von G e- w i n n, den der Staat einzieht und seinen Kriterien gemäß verteilt, den Bedürfnissen ihrer Werktätigen aufs allerbeste zu genügen. Daher bleibt der Arbeiterklasse der Gegensatz von G e w i n n und L ö h n e n erhalten; für alle nützlichen Gü- ter sind P r e i s e zu entrichten, wenn auch zur Garantie ei- nes gesicherten Auskommens staatlich beaufsichtigte Preise. Und schließlich bewirkt die staatliche Reglementierung der Produktion mit allerhand "Hebeln", Vorschriften zur ständigen Kostensenkung bei ständiger Steigerung der Gewinne, zur ständigen Materialein- sparung bei wachsendem Warenprodukt usw. usf., daß das soziali- stische Produzieren als möglichst gewinn- und prämiendienlicher Umgang mit den staatlichen Kennziffern stattfindet und nicht ein- fach als zweckmäßiger Einsatz der Produktivkräfte. Das macht sich immer wieder mal an Menge und Qualität der Produkte unangenehm bemerkbar. Daher steht der Generalsekretär auch ganzen Heerscharen von Pla- nungsfachmännern, sozialistischen Leitern und Kontrolleuren vor, die den Produktivkräften einerseits, den Werktätigen andererseits auf die Sprünge helfen sollen, damit die "Potenzen des Sozialis- mus zum Wohle des Volkes" auch "voll genutzt werden". Wozu er seinerseits durch die häufige Verkündung goldener Weisheiten des Sozialismus beiträgt: "Letztlich entscheidet jeder durch das, was er produktiv leistet, selber darüber mit, wieviel verbraucht werden kann." Letztlich eben - fast so letztlich, wie sich hierzulande Leistung lohnen soll. Dümmer als die von BRD-Politikern der geistig-mora- lischen Führung vorangestellten Parolen sind die des SED-Chefs auch nicht; an Gemeinheit können sie sich allerdings nicht ver- gleichen. Denn der kleine Unterschied, daß sich sozialistische Staatsführer wie Erich Honecker für die von ihnen verwaltete Pro- duktion voll und ganz v e r a n t w o r t l i c h erklären in der Form, daß die Partei irgendwelche Gesetze des Sozialismus be- wußt und immer effektiver ausnützen soll und zwar zum Wohle des Volkes, daß sie daher die eigene Politik auf die entsprechenden L e i s t u n g s b e w e i s e v e r p f l i c h t e n, läßt sie im Vergleich zu ihren westlichen Kollegen wie Waisenknaben aussehen, was die Rücksichtslosigkeit in der Verfügung über Armut und Leistung der arbeitenden Menschheit betrifft. Die bei allen gebildeten Demokraten gepflogene herablassende Verachtung gegen- über der Amtsauffassung von Honecker und seinesgleichen, die all- jährlich die Erfolge ihrer Politik in Tonnen Stahlproduktion und Ausstattung der Haushalte mit "langlebigen und formschönen" Haus- haltsgeräten bilanzieren, spricht mehr für westlichen Staatsfana- tismus als für die größere Bekömmlichkeit der Freiheit. Sozialistischer Landesvater --------------------------- Die Amtsführung Erich Honeckers hingegen besteht wesentlich aus der Repräsentation dieser Erfolge: auf Parteitagen das Wohnungs- bauprogramm beschließen, die vorbildlichen Brigaden auf der Bau- stelle aufmuntern und schließlich mit DDR-Fernsehteams im Rücken die glücklichen Bezieher der einmillionsten Wohnung heimsuchen. "Gern folgte ich ihrer Einladung in das geschmackvoll eingerich- tete neue Heim. Als wir im gemütlichen Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee plauderten, empfand ich erneut, was das bedeutet: eine Million Wohnungen. Es ist millionenfaches Familienglück." Der Sinn der Empfindung läßt meistens nicht lange auf sich war- ten: "Der Kontrast zwischen einer solchen Politik und dem rigoros be- triebenen Sozialabbau in den Ländern westlich unserer Grenzen spricht für sich selbst." Sicherheitshalber wird aber auch das immer noch einmal gesagt, wofür es spricht: "In bewegter, kampferfüllter Zeit sind wir in der Gewißheit be- stärkt, daß unsere Republik mit ihrem geistigen Potential und ih- ren materiellen Ressourcen fähig ist, die vor uns stehenden An- forderungen zu bewältigen und den Kurs der Hauptaufgabe fortzu- setzen. Der dabei erzielte Effektivitätsfortschritt ist eine entschei- dende Bedingung auch für den sozialpolitischen Fortschritt..." Den Massen die unter staatlicher Regie erreichten Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen als zwingenden Grund für weiteren uner- müdlichen Einsatz im Staatsdienst unter die Nase zu reiben, ist nun einmal die Herrschaftsmethode, wegen der Honecker seine Mas- senbäder absolviert. Klar, diese Rechtfertigungen geraten etwas umständlich, weil die rhetorische Mühsal seiner Festreden eine nationale Produktivkraft namens Moral wecken will. "Wie die Par- tei damals richtig, im Einklang mit den Zielen der Arbeiterbewe- gung und in korrekter Einschätzung der Entwicklungsrichtung zum Wohle des Volkes beschlossen und in tiefer Verbundenheit mit dem Volk durchgeführt hat, so unbeirrbar werden wir in tiefer Verbun- denheit mit dem Volk..." - so etwas mag, gemessen am Standard hiesiger Politikerverfügungen, als mangelnde Souveränität er- scheinen. Seine E r f o l g e genießt auch ein Honecker, und sein Stolz ist unüberhörbar: "Nicht selten wird nach den Ursachen für die Stabilität unseres Staates gefragt. Das Geheimnis unserer sozialistischen Gesell- schaft besteht vor allem darin, daß unsere Partei mit den Arbei- tern und den anderen Werktätigen unlöslich verbunden ist." Keine Frage, wieso man sich als Arbeiter ausgerechnet wegen der "Stabilität" seines Staatswesens schon glücklich schätzen soll - diese M a ß s t ä b e stammen woanders her. Allseitiger Stärker der Deutschen Demokratischen Republik - ----------------------------------------------------------- Festiger der internationalen Positionen des Sozialismus ------------------------------------------------------- Gestützt auf die "zuverlässige Landesverteidigung" und das "schnelle Wachstumstempo" der Volkswirtschaft, sieht Honecker seine höchste Aufgabe nämlich gerade darin, in der Systemkonkur- renz und zwar der speziell deutschen zu bestehen. D i e Vor- stellung, man macht die Grenzen dicht gegen die aggressiven Kräfte, ist froh, wenn man von den imperialistischen Machenschaf- ten wie Staatsbesuchen, internationalen Konferenzen und Hetzver- anstaltungen möglichst wenig belästigt wird; man unterstützt da- gegen nach Kräften die Systemkritik im Westen und sorgt ansonsten gemeinsam mit den Bruderparteien für solche Lebensverhältnisse, daß die eigenen Werktätigen sich über Löwenthal, Bildzeitung und andere Lebensstandardsvergleiche nur amüsieren können - diese Vorstellung wäre vielleicht Kommunisten einleuchtend. Für einen Nationalisten ist sie völlig abwegig. Von Beginn seiner Karriere bis heute mit den Bemühungen der BRD konfrontiert, der DDR die Existenzberechtigung, internationale Handlungsfreiheit und Anerkennung zu bestreiten, ist die gesamte Amtsführung Honeckers dem Beweis gewidmet, daß sein Staatswesen diese Anfeindungen nicht nur aushält, sondern darüber triumphiert - nach den Maßstäben des Westens! Und weil der andere deutsche Staat über keine anderen Mittel verfügt als die eigenen Werktäti- gen und das Interesse des sozialistischen Blocks an einem soliden sozialistischen deutschen Staat an seiner Westgrenze, werden eben Masseninitiative und sozialistische Arbeitsmoral zu immer neuen Fortschritten mobilisiert. Das sozialistische Deutschland als Wirtschaftsmacht soll 1. dem eigenen Block und vor allem der Füh- rungsmacht als nützlicher, also auch wichtig zu nehmender Bünd- nispartner präsentiert werden und dann auch 2. die Beziehungen zum westlichen Ausland vorteilhaft gestalten können. Wobei der erste und wichtigste "Vorteil" schon immer darin besteht, d a ß westliche bedeutende Persönlichkeiten und Staatsmänner die DDR nicht bloß als Standort der Mauer und Russensatellit registrie- ren, sondern als in irgendeiner Hinsicht zu berücksichtigendes Staatswesen würdigen. Trotz solcher Erklärungen: "Wie sollte ich mich anders fühlen als ein Arbeiter unter Arbei- tern? Denn Arbeiter war ich und bin ich stets geblieben", die er seiner Staatsraison schuldig ist, bevorzugt Erich Honecker eindeutig Maßanzüge. Und verglichen mit den routinemäßigen Tref- fen mit den Werktätigen hält er sein Auftreten auf internationa- len Konferenzen, Zusammentreffen mit BRD-Größen und Staatsbesuche im nicht-sozialistischen Ausland für die absoluten Höhepunkte seiner Amtstätigkeit. Da ist er dann auch ziemlich skrupellos. Besuche von so sympathischen Staaten wie Indien und den Philippi- nen oder von imperialistischen Führungsnationen wie Japan wickelt er mit Komplimenten für die Gastgeber ab und wertet sie umgekehrt mit unverhohlener Begeisterung als Zeichen für die gestiegene Be- deutung "unserer" "Deudschn Demogradschen Rebebligg". Und bei den halbjährlich zelebrierten Treffen auf der Leipziger Messe mit westdeutschen Politikern und Industriekapitänen läßt er sich seine Freude auch nicht entfernt durch Gedanken daran ver- miesen, daß er die Repräsentanten kapitalistischer Ausbeutung und revanchistischer Militärmacht höchstpersönlich vor sich hat. Die Beitz' und Otto Wolffs, leibhaftige Exemplare jener Bonzen und Monopolkapitalisten, die in DDR-Zeitungen immer noch gegeißelt werden, werden von ihm zur Hofhaltung empfangen. Nicht einmal entsprechend der Berechnung, die sie in die DDR führt, daß sich da sehr ansehnliche Geschäfte machen lassen, woraus man wiederum Nutzen für die DDR herausschlägt. Der SED-Chef kann es nicht las- sen, die Geschäftemacher mit allen Insignien herzlichster Freund- schaft zu begrüßen, ausgerechnet diesen Charaktermasken, die mit dem Taschenrechner und ihrer Geschäftsbilanz im Hinterkopf anrei- sen, sekttrinkend die Anerkennung seiner DDR und seiner staats- männischen Leistungen abzugewinnen und mit grauslichen Scherzen eben diese Inszenierung zu einer Demonstration von "Normalität" auszugestalten - der "Normalität" der DDR als eines wichtigen, von anderen Staaten anerkannten Staatswesens unter anderen Staa- ten, die sie eben wegen der BRD nie bekommen wird. Völlig souverän --------------- Auf die Erfolge pochen, die er und seine DDR errungen haben; im- mer auf d i e Erfolgsmaßstäbe schielen, die man drüben der vom Imperialismus veranstalteten Konkurrenz gegen den Sozialismus entnommen hat: das ist Erich Honecker als Charakter. Seine be- rechnende Selbstdarstellung beruht auf dem seinem Arbeiterstaat verordneten Programm, daß Geltung, Ansehen und Würde in der Staa- tenwelt das non plus ultra eines sozialistischen Aufbaus darstel- len. Dafür müssen "politische Stabilität, ökonomische Dynamik, eine in internationalem Maßstab in hohem Tempo sich vollziehende Erneuerung der Produktivkräfte, hochwertige, weltmarktfähige Pro- dukte" usw. usf. her. Und sich selbst als Vorsteher dieser bombi- gen Nation beliebt er mit dem Schein eines ganz selbstverständli- chen, aus solchen Leistungen automatisch folgenden Selbstbewußts- eins auszustatten. Weil ihm westliche Journalisten, ganz entgegen der von ihm gewünschten publicity, immer wieder mit Schießbefehl, Todesgrenze, Ausreiseverboten, also mit dem von der BRD so liebe- voll gepflegten Bild eines häßlichen Polizeistaates kommen, hat er sich eine Tour zugelegt, die den Fragern demonstrieren soll, wie unendlich bedeutungslos und subaltern derlei Fragen doch sind, gemessen an den eigentlichen Staatsaffairen der DDR. "Werden jetzt endlich die Todesautomaten an der Grenre abgebaut?" "Ach sehen Sie, das weiß ich nicht so genau, die zuständigen Ab- teilungen werden damit befaßt sein." "Lassen Sie jetzt endlich Ihre Leute ausreisen und wieviele sind es?" "Mir ist unklar, warum Sie diese Frage aufwerfen, zumal ich selbst nicht weiß, wieviele Bürger der DDR in diesem Jahr auf Grund der Schlußakte von Helsinki im Rahmen der Familienzusammen- führung in westliche Länder ausreisen können. Aus mir vorliegen- den Materialien geht hervor, daß jährlich zwischen 53.000 und 60.000 Bürger der BRD auswandern, ohne daß davon in anderen Län- dern viel Aufhebens gemacht wird... Im übrigen gibt es wohl in jedem Staat Leute, die glauben, ihr Glück woanders machen zu kön- nen." Geheuchelt ist diese nonchalante Tour durchaus, denn es kann dem Generalsekmetär nicht entgangen sein, daß er bei jedem bißchen Fortschritt seiner DDR in der Welt 1. auf den mit solchen Fragen garnierten gesamtdeutschen Rechtsanspruch der BRD stößt; 2. ist jeder Versuch, dieses Hindernis auszuräumen und die "gutnachbarlichen Beziehungen" zu schaffen, seinerseits mit Kon- zessionen in diesen Fragen zu bezahlen. Mit weltmarktfähigen Wa- ren ohnehin und zwar reichlich, aber das hält man im Westen für eine geschäftliche Selbstverständlichkeit und nicht für einen Grund, besondere Anerkennung zu zollen. Nachdem aber der Generalsekretär es für einen unverzeihlichen Fehler halten würde, statt "alle Möglichkeiten zu nutzen", den gesamtdeutschen Nervensägen zu bedeuten, sie sollten ihn und sein Arbeiterparadies am Arsch lecken, versucht er weiterhin, krampf- haft Eindruck zu schinden mit den Mitteln, die ihm zu Gebote ste- hen. Während sein Vorgänger keine Gelegenheit ausgelassen hat, gegen den Faschisten-, Imperialisten- und Revanchistenstaat anzu- belfern, will er gerade umgekehrt das geänderte Kräfteverhältnis damit repräsentieren, daß er die Abgrenzung gegen die BRD längst nicht mehr nötig hat. Betont normal, locker und jovial - eben w i e ein p r o b l e m l o s a n e r k a n n t e r Staats- mann, der sich im Bewußtsein seiner selbstverständlich und rundum anerkannten Macht seine Scherze leisten kann -, will Erich Honecker immerzu nur das eine demonstrieren: daß er keine Berüh- rungsängste kennt, weil seine DDR kein Staat 2. Klasse ist, daß Helmut Schmidt oder Kohl ihn nicht in die Tasche stecken, er ihnen dagegen aus seiner Bonbons zustecken kann, daß er Fotografen und Presse genauso routiniert und lässig über sich ergehen läßt und daß er bei einer Volksbegehung mit dem westdeutschen Konkurrenten keine einseitigen Begeisterungsstürme zu fürchten braucht. Mit 70 noch Träumer ------------------- Es ist schließlich nicht zu übersehen, daß Honecker einen Staats- besuch im anderen Deutschland als Krönung seiner Karriere und entscheidenden Durchbruch zur Würdigung seiner DDR begreifen würde. Über Bedürfnisse der Art, noch einmal das Grab der Eltern und das heimatliche Kaff zu sehen, kann man streiten. Aber ein seniler Anfall von Nostalgie und Heimweh ist das Vorhaben ja auch nicht. Erich Honecker ist unübersehbar geil darauf, ausgerechnet in der BRD seine Bemühungen um "Normalität" perfekt zu machen: Deutsche Besuche drüben, deutsche Besuche hüben, warum nicht: Wichtige Ge- spräche, Volkskontakte und Kunstgenuß drüben, Empfänge, Verhand- lungen, Heimatbesuche hüben. Das, meint er, steht der DDR bzw. ihrem Repräsentanten zu, und das möchte er mit allen Schikanen westlicher Politikerselbstdarstellung ausgestalten einschließlich der, daß der große Staatsmann auch ein Mensch wie du und ich ist und sich an den Stätten seiner Jugend gerührt zeigt. Und das ent- behrt - gerade bei ihm - nicht der Peinlichkeit. Seine Biographie beginnt er mit der "guten alten Zeit" in Wie- belskirchen, mit Hunger, Aussperrung, Tuberkulose, Stahlproduk- tion für die Rüstung, Ausbeutung und will jetzt dahin zurück, als ob es das alles nicht mehr gäbe, als ob dort nicht die gute alte Ausbeutung mit Hunger, Aussperrung, Stahlproduktion für die Rü- stung und ein paar neuen erlesenen Krankheiten Tag für Tag statt- finden würde. Sicher, für ihn hat sich die Welt geändert. Seine DDR-Wirtschaft trägt mit ihren schönen Aufträgen zur "Sanierung" des Röchling-Konzerns bei. Die Überreste des Stumm-Konzerns, des- sen Besitzer in den Jugenderinnerungen das Bild vom despotischen Ausbeuter abgibt, gehören heutzutage einem Otto Wolff, der als Pionier des Osthandels zur Völkerverständigung in der DDR auf Händen getragen wird. F ü r i h n scheint sich die Welt wirk- lich sehr geändert zu haben: Derselbe Honecker, der in seinen Er- innerungen an Ernst Thälmann von der "Ausstrahlungskraft dieser damals schon beinahe legendären Arbeiterpersönlichkeit" schwärmt, der dessen Sätze "nie, in der tiefsten Nacht des Faschismus nicht, auch nicht im Zuchthaus vergessen" haben will, möchte un- bedingt der BRD seine Aufwartung machen, einem Staatswesen, in dem zur gleichen Zeit die Prozeßführung gegen einen der Thälmann- Mörder zum siebten Mal abgelehnt wird: Wieso sollte man auch einen Ex-KZ-Aufseher wegen Totschlags von Kommunisten vor Gericht bringen, wo doch die Erledigung der Kommunistenfrage in ganz an- deren Maßstäben auf der Tagesordnung steht? Von derlei Schönhei- ten des Staates, den er besuchen will, scheint Erich Honecker ganz automatisch absehen zu k ö n n e n. Absehen m u ß er aber auch von all den erlesenen Einfällen, mit denen seine Gast- geber das Empfangsprotokoll ausstatten, um ihm und allen, die es interessiert, zu verstehen zu geben, daß jetzt zwar die Figur empfangen wird, die in der DDR das Sagen hat, daß aber gleichwohl die BRD ihn und sein Amt als eine einzige Verletzung ihrer Rechte betrachtet. Zuzutrauen ist ihm schon, daß er auch die Kröten alle schluckt, weil es ihm nämlich so furchtbar um die Ehre geht, die Ehre seiner DDR. Die ist ihm, weil allzulang und allzuoft ge- schändet, manche Anbiederung wert. Dafür läßt er sich auch ein paar Tage lang gründlich anöden. So hat sich ein deutscher Kommunist zum Staatsmann ausgewachsen. Als Inhaber einer Herrschaft, die es darauf anlegt, sich n e b e n dem Imperialismus zu behaupten und zwar ausgerechnet dadurch, daß sie auch noch diesem ihrem Gegner die Respektierung und Anerkennung als gleichberechtigte Herrschaft abringt, legt er seinerseits keinen Wert auf einen Ruf als großer Revolutionär. Aber ein großer Staatsmann nach den hier geltenden Maßstäben wird er auch nie werden, allenfalls ein bedingt nützlicher Idiot. Und bei der nächsten Gelegenheit ist er wieder die Marionette Mos- kaus. zurück