Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn


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       Eine lebendige politische Kultur oder:
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       "Arbeite mit, plane mit, regiere mit!"
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       Angesichts der  Gründungsakte der DDR als des besseren, des anti-
       faschistischen, des  humanistischen Deutschland kann man sich des
       Eindrucks kaum  erwehren, daß  die deutschen  Sozialisten die von
       ihnen kommandierte  produktive ökonomische Basis wirklich nur als
       die Basis  fürs Erblühen  des  Überbaus,  fürs  Wahrmachen  alles
       Guten, Wahren  und Schönen angesehen haben; dessen, wovon die be-
       sten Traditionen  der deutschen  Nation künden, was die real exi-
       stierenden deutschen Staaten ihren Bürgern aber in der Praxis im-
       mer vorenthalten  haben, mit  den schlimmsten  Folgen für Nation,
       Bürger und Staat. Von diesem Versprechen hat Deutschlands bessere
       Hälfte so viel gehalten, daß man ihr den Rang als
       
       Kulturnation
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       wirklich nur  mit bösem Willen absprechen kann. Auf dem Felde der
       hohen Kultur,  dem eigentlichen  "humanistischen Erbe",  sowieso.
       Wahrscheinlich gibt  es nirgends  auf der  Welt so viele Konzerte
       pro Einwohner  wie in  der DDR,  an namhaften  Theaterleuten  und
       Kunstinterpreten fehlt  es nicht (auch wenn immer wieder welche -
       legal oder  illegal -  rübermachen). Daß der Genuß beispielsweise
       an jenem  'dada-da-dam' zu  Beginn einer  Sinfonie des Tonsetzers
       mit dem  holländischen Namen  van Beethoven  erst dann  vollendet
       sein soll,  wenn man hohes C und Septimalakkord als unsterblichen
       Beitrag eines  d e u t s c h e n  Künstlers zum kulturellen Welt-
       niveau zu  würdigen weiß,  mag zwar  objektiv verrückt  sein, ist
       aber mit Sicherheit nichts Außergewöhnliches in der weltweit ver-
       breiteten Schönheitskonkurrenz  von Staatswesen  um die  Palme in
       Sachen Pflege  von Unterricht und Kultus. Daß man vom sozialisti-
       schen  Deutschland  schon  gleich  keinen  kritischen  Ton  übers
       P o l i t i s c h e   an der  Kultur erwarten darf, stand wie ge-
       sagt schon  vor seiner  Gründung fest.  Im "Prozeß der Aneignung"
       des "kulturellen  Erbes" machte  sich in der DDR die Vervollkomm-
       nung der  politischen Kultur  dann in gewissen Revisionen bemerk-
       bar, die  sich der Deutung dieser und jener "historischen Persön-
       lichkeit" mehr  im Lichte  von  'international  anerkannte  große
       Deutsche' als im Lichte von 'System' verdanken. So mußte der Auf-
       rührer Thomas  Müntzer in die zweite Reihe hinter dem Ex-Fürsten-
       knecht Martin  Luther zurücktreten,  wenn es  darum geht, welches
       "Vermächtnis" die  "Epoche der  frühbürgerlichen Revolution"  uns
       heutigen Nachlaßverwaltern  aufgetragen hat. Westdeutsche Ideolo-
       gen goutieren  solche Umwertungen zu gerne als Zugeständnisse von
       drüben in  puncto ideologischer  Kampf, während die DDR-Kulturna-
       tion etwa  die Eingemeindung  des kommunistischen Dichters Brecht
       in den  Kulturkanon des  kapitalistischen Westens  als hoffnungs-
       volles Anzeichen  für humanistischmoralische Läuterung eines ehe-
       mals zu Unmenschlichkeit neigenden Systems ansieht...
       Aber auch  für Weltniveau  bei der  "Massenkultur" hat man drüben
       viel getan.  Erstens sind  die realsozialistischen Massen sowieso
       viel gebildeter als Bild-Zeitungsleser, und viele von ihnen haben
       sich dem  Erbe von  Shakespeare, Schiller und Puschkin nicht ver-
       schlossen. Zweitens  haben die  DDR-Verantwortlichen bei  der Be-
       treuung des  Unterhaltungsbedürfnisses ihrer  Bevölkerung  längst
       jede "dogmatische" Position von wegen 'Rockmusik ist Ausdruck für
       die typisch  kapitalistische Verwahrlosung  junger Menschen'  ge-
       räumt und  im Zuge einer praktisch unbegrenzten "Liberalisierung"
       auch auf  dem Felde  des Trällerns und der Fernsehshow Weltniveau
       angestrebt -  mit hauseigenem Nachwuchs und per Import westlicher
       Show-Idioten. Die  musikalisch erhobene Klage des bundesdeutschen
       Vorbilds der  Jugend Udo  Lindenberg von anno 83: "All die andern
       Schlageraffen dürfen dort singen, nur der arme 'Schlageraffe' Udo
       darf das  nicht, und das versteht er nicht!" wurde vom dergestalt
       abgemahnten Adressaten  Erich Honecker  längst gegenstandslos ge-
       macht. Eine  lehrreiche Begebenheit:  Gerade einer aus der betont
       "lockeren" (Udo  über Lindenberg) Abteilung westdeutscher Lebens-
       art betreibt  auf die  kumpelhafte Tour  westdeutsche  Feindbild-
       pflege, kommt  dem "Honey"  aus "Pankow"  mit einem 'Ich bin doch
       bloß ein  Schlageraffe, und  du verbietest mich: Das spricht doch
       wohl gegen  dein System', und wird kurz darauf vom damaligen FDJ-
       Chef Krenz mit quasi-diplomatischen Ehren empfangen (Bild war da-
       bei). Es  stimmt, daß von der Sphäre, in der Pink Floyd und David
       Bowie die  Kings sind,  überhaupt nichts  praktisch Wichtiges ab-
       hängt. Dennoch  muß man hier von einer Niederlage des sozialisti-
       schen Volksbildungsprogramms  sprechen.  Dieses  Programm  wollte
       sich schließlich  irgendwann in  grauer  sozialistischer  Vorzeit
       nicht damit  zufriedengeben, daß  die sozialistischen Bürger sich
       in ihrer  Mehrheit  s o  im Sozialismus einhausen: Sie spulen ihr
       Werkeltagsleben  ab   als  eine   Mischung   aus   notgedrungener
       Pflichterfüllung,  dem   Organisieren  der   Sachen,  die   ihren
       "Wohlstand" ausmachen,  und dem  Wahrnehmen der  "Gelegenheiten",
       die der Sozialismus seinen Leuten fürs Durchwursteln so zu bieten
       hat samt  der dazugehörigen  Heucheleien; und  sie widmen sich im
       "Reich der  Freiheit", das  ihnen gelassen wird, dem Ausprobieren
       höchstpersönlicher  Glücks-   und  Sinnfindungsprogramme.  Anders
       herum gesagt:  Die sozialistische Staatsführung setzt seit gerau-
       mer Zeit  fürs Mitmachen  beim Sozialismus nicht auf Sozialisten,
       sondern auf  lauter Opportunisten,  die Politik lästig finden und
       deren privater Glücks-Horizont mit Open-Air-Festivals bedient ist
       und mit  einem Fernsehangebot  dessen sozialistische Prägung sich
       auf dem Sektor "Unterhaltung" in einer gewissen Vorliebe der Pro-
       grammgestaltung für  Mafia-Krimis erschöpft. Die SED hat offenbar
       gemeint daß  sie ihr Volk gewinnt, wenn sie ihm aus den einschlä-
       gigen Sparten  öffentlichen Schwachsinns nichts mehr von dem vor-
       enthält,  was  westlich-demokratisches  Weltniveau  hier  zuwege-
       bringt; sie war sogar selbstbewußt genug, bei der Ausstattung ih-
       rer Republik  mit Kabel-TV  zuallererst den Bezirk Dresden zu be-
       glücken, wo  bisher dank  einer Laune  der Geographie  kein West-
       Fernsehen zu  empfangen war.  Und jetzt  wundert sie sich schwer,
       daß ein  Teil der von ihr mit 40 Jahren Systemvergleich gezüchte-
       ten Mitläufer bei erstbester Gelegenheit die sozialistische Kopie
       gegen das  westliche Original eintauscht, weil sie partout keinen
       persönlichen Grund sehen, dem Sozialismus die Stange zu halten...
       Für solche  Leute, die  in  i h r e n  I n t e r e s s e n  keine
       Anhaltspunkte finden, fürs sozialistische System zu sein, hat die
       DDR schon  seit längerer  Zeit ein  Sonderangebot im Arsenal: Sie
       ist eine   S p o r t n a t i o n,   und auf dem Sektor hat sie in
       Sachen Weltniveau sogar mal echte Maßstäbe gesetzt und erregt den
       Neid aller  Konkurrenzstaaten. Sie  produziert am  laufenden Band
       erfolgreiche Sportkrüppel  incl. so  "charmanter Botschafter  der
       DDR" wie  die (auch  als Profi)  unvergeßliche Katharina Witt aus
       Karl-Marx-Stadt, die im schönsten Sächsisch in aller Welt das Lob
       der völkerverbindenden Wirkung des Sports und der sportlich gese-
       hen vorbildlichen  DDR singt.  Die Berechnung, über Olympiasieger
       im Damensprint  und Weltrekordler im Kugelstoßen anderswo Reklame
       für die  sozialistische DDR zu machen, war schon immer leicht ab-
       surd. Schließlich  wird kein westdeutscher Antikommunist, der wg.
       Boris und  Steffi stolz  ist, ein Deutscher zu sein, zum Anhänger
       des Sozialismus, weil dessen Sportler den bundesdeutschen seit 20
       Jahren die  Hacken zeigen.  Er weiß vielmehr ganz genau, daß DDR-
       Medaillengewinner entweder  gedopte Staatsamateure sind oder aber
       nicht für  die DDR,  sondern für  Deutschland, das  große und ge-
       samte, Ehre einlegen. Fürs Untertanengemüt eines DDR-Eingeborenen
       leisten die  Sporterfolge seiner Landsleute hingegen schon etwas;
       zwar keineswegs  die Stiftung  einer unverbrüchlichen "Identität"
       mit einer  - ausgerechnet   S p o r t-Großmacht  namens DDR; aber
       wenn etwas  einem untertanenmäßigen DDR-Nationalismus gelegentli-
       ches Anschauungsmaterial zum Stolz auf den eigenen Laden liefert,
       dann die  volkseigenen Sportskanonen. Und das ist wahrhaftig eine
       S c h a n d e   für den  Sozialismus, daß ausgerechnet Typen, die
       ihren Willen und ihren Körper ganz für Weltniveau in Sachen Krau-
       len und Hüpfen zurichten, die Kronzeugen für die Qualität des So-
       zialismus abgeben  sollen! "Sozialistischer    P a t r i o t i s-
       m u s"   als der  Kitt, der  die Bewohner  der  "welthistorischen
       Alternative" zum  demokratischen Kapitalismus  zusammenhält - das
       kann natürlich  nicht gutgehen  für den Staat, der alles im Namen
       und  zugunsten  der  Arbeiterklasse  unternehmen  will  und  sich
       darüber die  herzliche Feindschaft  seines kapitalistischen  Pen-
       dants zugezogen  hat, eines  Pendants, das den  d e u t s c h e n
       Patriotismus für  sich gepachtet  hat und  die DDR als das größte
       Hindernis dafür brandmarkt.
       
       "Sozialistischer Patriotismus" ist auch der Nenner für eine ganze
       Menge von Veranstaltungen, die in der DDR für ein durchaus reges
       
       Öffentliches Leben
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       sorgen. Von  wegen, drüben  ist "nichts  los" und der Sozialismus
       "grau". Volkskammerpräsident Sindermann sagt das Prinzip davon:
       
       "Überall finden  die Bürger  der DDR in nahezu 80 gesellschaftli-
       chen Organisationen  ein fruchtbares  Betätigungsfeld, um vielge-
       staltig über ihr Leben-, das des Territoriums, der Arbeitsstätte,
       ja die  ganze gesellschaftliche Entwicklung mitzubestimmen. Jeder
       dritte Bürger  übt heute  eine ehrenamtliche  staatliche oder ge-
       sellschaftliche Funktion  aus. Wir wollen, daß unsere Bürger über
       alles urteilen können, um bewußt die Politik des Sozialismus mit-
       zugestalten." (Arbeite  mit, plane mit, regiere mit - das ist un-
       sere Devise, in: Einheit 9/10-89)
       
       Es ist,  wie wenn  die SED  ihren Propagandahit  für  bürgerliche
       Zeitgenossen - "Erst im Sozialismus" ist jede gewöhnliche Betäti-
       gung oder  jeder bürgerliche Quark anständig "möglich" - i m  So-
       zialismus dann  mit folgender  Betonung auslegt: Jeder, der einer
       Tätigkeit nachgeht,  soll dabei  aber auch  noch den  Sozialismus
       würdigen, der sie ja schließlich ermöglicht.
       Das ist,  entgegen  westlichen  Unterdrückungsphantasien,  zuerst
       einmal eine  ziemlich umfassende  L i z e n z  für alle möglichen
       Betätigungen. Jedes  Privathobby, jeder Spleen, der sich in einer
       "gesellschaftlichen Organisaton  oder Unterorganisation registie-
       ren läßt,  gilt da  als "Bereicherung  des Sozialismus" und wird,
       wo's geht,  auch gefördert.  Jeder Kegelklub jeder Karnickelzüch-
       terverein, jeder  Motorradfanklub -  ein Beitrag zum Gelingen des
       Sozialismus!
       Aber eben  auch ein  Beitrag zum Lob des Sozialismus bzw. zur De-
       monstration, daß jedes Privatinteresse, jedes Hobby, jeder Spleen
       in der  DDR eine  rundum zufriedenstellende  Heimat gefunden hat,
       also auch  mit Freuden  bereitsteht, sich  dafür einzusetzen. Das
       ist natürlich  nicht die Wahrheit über das Verhältnis des DDR-Un-
       tertanen zu  seinem Staatswesen.  Das Bedürfnis  z.B. nach Kegeln
       ist ziemlich  systemneutral, und  wer kegelt, der kegelt eben; ob
       er das  auch noch dem sozialistischen System dankt, ist eine ganz
       andere Sache.  Die SED,  die ihren Sozialismus mit lauter Mitläu-
       fern  machen   will,  leistet   sich  aber   mit   ihren   vielen
       "gesellschaftlichen Organisationen", wo jeder dritte DDRler Funk-
       tionsträger ist,  den Widerspruch,  auf die unmögliche Charakter-
       maske des   v e r a n t w o r t u n g s l o s e n  O p p o r t u-
       n i s t e n   aus zu  sein. Und sie gesteht gleich praktisch ein,
       daß es  mit der  f r e i w i l l i g e n  Begeisterung ihrer Mas-
       sen für  den fürsorglichen Sozialismus nicht so weit her ist. Sie
       nimmt mit  ihren ganzen  offiziellen und quasioffiziellen Organi-
       sationen das  Zustandekommen und das Äußern dieser "Begeisterung"
       ja gleich  selber in  die Hand und überläßt da nichts dem Zufall.
       Sie fordert  den "sozialistischen  Patriotismus" immerzu  ein und
       kommandiert  ihn   zur  Sicherheit  herbei,  und  das  macht  die
       Unehrlichkeit der  ganzen Veranstaltung so sichtbar, daß sie noch
       jedem Trottel auffällt. Und bevor DDR-Bürger, die die öffentliche
       und offizielle  Heuchelei  merken,  sich  mal  einen  senkrechten
       Gedanken über die  G r ü n d e  für solche Umgangsweisen zwischen
       Staat und  Volk im  realen Sozialismus machen, verfallen sie viel
       eher darauf,  ihrer Obrigkeit,  die angeblich  "überall" ist, die
       läppische Absicht  zum grundlosen Kontrollieren oder Schikanieren
       der Untertanen  zu unterstellen,  sich selber überall "gegängelt"
       vorzukommen  und   schließlich  -   so  die   Konsequenz   vieler
       Rübermacher  -  aus  Sehnsucht  nach  einem  echt  ganz  privaten
       Mitläufertum die freie Konkurrenz im kapitalistischen Westen, die
       der demokratische  Staat   'b l o ß'  gebietet und absichert, für
       viel spannender  und chancenreicher  zu erachten  als die  "lang-
       weilige" DDR  mit ihrer sicheren Grundversorgung.  S o  w e n i g
       S o z i a l i m u s  hat die SED mit ihrer Tour, für ein munteres
       öffentliches Leben zu sorgen, an ihren Leuten hinterlassen!
       Zu diesem Resultat hat nicht zuletzt die herausragende Rolle bei-
       getragen, welche die
       
       Demokratie
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       in der Deutschen Demokratischen Republik spielt.
       In der  Demokratie vom westlichen Typus sind die Staatsbürger be-
       kanntlich schwer  beteiligt: Die  Staatsmacht läßt  wählen, fragt
       ihre Untertanen  also, welcher  Herrscher es  denn sein darf, dem
       sie dann  parieren müssen.  Und wenn  bundesdeutsche Wähler  aus-
       nahmsweise ein  paarmal hintereinander  zur Urne  gerufen werden,
       weil ihre  Politiker sich nach dem Ergebnis eines Wahlgangs nicht
       auf die  Verteilung der  Macht einigen können, dann rechnet jeder
       Politfachmann gleich  verständnisvoll mit "zunehmender Wahlmüdig-
       keit" beim demokratischen Volkssouverän.
       So billig  wollte es  der sozialistische  deutsche Staat sich und
       seinen Bürgern  nicht machen. Es gehörte einmal zu den vehemente-
       sten Vorwürfen, die DDR-Anhänger der "staatsmonopolistischen" BRD
       verabreichten, daß  dort die  Beteiligung aller Bürger am politi-
       schen Leben  bloß scheinhaft  verwirklicht sei.  Und die zitierte
       Äußerung vom  Präsidenten der  Volkskammer Sindermann, betreffend
       die Mitgestaltung des sozialistischen Lebens, meint ja nicht bloß
       die sozialistische  Vereinsmeierei,  sondern  auch  substantielle
       Sektoren der  "Mitbestimmung", von  der "Arbeitsstätte"  bis  zur
       "ganzen gesellschaftlichen  Entwicklung". Auch das ist keineswegs
       eine gehaltlose politische Heuchelei. Davon zeugen nicht bloß die
       DDR-eigene ausgedehnte  Kultur des Leserbriefs mit kritischen Be-
       merkungen zu allen Bereichen des "gesellschaftlichen Lebens", das
       ebenso ausgedehnte Eingabe- und Beschwerdewesen, das jedem offen-
       steht, der  Verstöße gegen  die sozialistische Gerechtigkeit ent-
       deckt haben  will, oder  der Umstand,  daß drüben jede Gaststätte
       ihren Gästebeirat  hat. Auch  im Betrieb und beim ganzen sozialen
       Drumherum, für  das Betriebe  in der  DDR zuständig sind, finden,
       nicht zuletzt per Gewerkschaft, Beschwerden und Verbesserungsvor-
       schläge aus der Belegschaft Gehör. Konstruktives Kritisieren, das
       die Gleichung  von Interessenserfüllung und nationalem Erfolg be-
       stätigt, ist in der DDR gefragt. Es war ja nicht zuletzt der Maß-
       stab der   E i n h e i t   v o n  V o l k  u n d  S t a a t,  vor
       dem die Sozialisten aus dem besseren Deutschland den Kapitalismus
       und sein  politisches System  mit ihren  "unausweichlichen Wider-
       sprüchen und Klassenkämpfen" blamiert sahen und den sie mit ihrer
       alternativen Produktions-  und Herrschaftsweise  um so besser er-
       füllen wollten. Genau deswegen aber sahen die an die Macht gekom-
       menen Einheitssozialisten  die stabile Einheit von Staat und Volk
       als etwas  zu Wertvolles an, als daß man ihre politische Verwirk-
       lichung in Form der DDR und ihrer volksdemokratischen Institutio-
       nen in  die Disposition  zufälliger  politischer  Stimmungen  und
       Strömungen hätte  stellen dürfen.  Sie haben diese Einheit  v o n
       o b e n  hergestellt, sprich: sehr gründlich den Wahn zum politi-
       schen status  quo   g e m a c h t,   daß alle "fortschrittlichen"
       Kräfte der  bürgerlichen Gesellschaft  und der bürgerlichen Demo-
       kratie gar  nicht anders  können, als   i h r e n   guten Kern im
       S o z i a l i s m u s   zu vollenden. Deswegen gibt es in der DDR
       ein Parlament,  in dem  die Ost-CDU die Ost-FDP, die Bauernpartei
       (und dann  noch eine Nationaldemokratische Partei) sowie die Ost-
       Gewerkschaft mit  festen Kontingenten  vertreten sind, aber dafür
       den politischen  Führungsanspruch der  SED und die sozialistische
       Staatsverfassung bedingungslos  anerkennen müssen. So kam es, daß
       nachmalige Spitzen-F.D.P.ler  wie die  Herren Mischnick  und Gen-
       scher lieber in den Westen rübermachten und sich dort seit langen
       Jahren immer  wieder heldenmütig  dem rauhen  Wind der Bonner 5%-
       Klausel stellen, als in der Volkskammer einen der 52 sicheren Po-
       sten für  die LDPD,  wie die  drüben heißt, zu genießen. Und auch
       westdeutsche Gewerkschafter  sehen in einflußreichen Kontingenten
       des FDGB in Parlament und Politbüro nicht ihren Traum von gewerk-
       schaftlicher Mitbestimmung  auch auf  höchster politischer  Ebene
       wahrgemacht, sondern  vielmehr die  Freiheit zur problem- und na-
       tionalbewußten Jasagerei verraten.
       Auch mit  den  W a h l e n  im volksdemokratischen System ist das
       so eine Sache.  B r a u c h e n  soll es die auch dort, weil sich
       kein DDR-Sozialist ein Zusammenhalten von Leuten mit ihrem System
       auf der  Grundlage fraglos identischer  I n t e r e s s e n  vor-
       zustellen vermag,  sondern mit größter Selbstverständlichkeit von
       politischen Über-  und  Unterordnungsverhältnissen  ausgeht,  die
       sich aber  auch wieder  in beiderseitiges  Wohlgefallen  auflösen
       sollen - als wäre Staatsmacht im Ernst nichts als ein wechselsei-
       tiges Auftrags-  und Dienstverhältnis von oben und unten. Auf der
       anderen Seite  ist es  schon auch  ein bißchen blöd, wenn es beim
       Wählen für  den Wähler  gar nichts mehr zum Auswählen sondern nur
       noch zum  Jasagen gibt,  nämlich eine Einheitsliste, über die der
       Staat glaubhaft 'durchblicken' läßt, daß er ein Ja dazu erwartet.
       Nicht, daß  das Ja  zur politischen  Gewalt nicht  gerade bei der
       westlichen parlamentarischen  Demokratie schon  der sichere  Aus-
       gangspunkt jedes  Wahlgangs wäre; daß das Volk dem von ihm auser-
       wählten Führer erst recht unbedingten  G e h o r s a m  schuldet,
       ist ja  sogar der Witz der hiesigen Tour des Heranziehens der Un-
       tertanen zur  "Herrschaftsbestellung". Nur gehört es zum Zynismus
       dieses politischen Geschäfts eben mit dazu, das geehrte Volk über
       die Karrieren  von Profis  der politischen  Gewalt mitbefinden zu
       lassen, und  das findet  gleich ein  jeder als  den Inbegriff der
       Freiheit. Verglichen  damit nimmt die volksdemokratische Wahlpro-
       zedur das im Westen per Parteienpluralismus hergestellte Ergebnis
       des Wählens, die bekräftigte Einheit von Volk und Führung, gleich
       vorweg, imitiert also das Verfahren der  B e r u f u n g  der po-
       litischen Gewalt  auf die vom Volk besiegelte Übereinstimmung mit
       ihr, ohne dabei den Schein einer bedeutsamen, nämlich personellen
       A l t e r n a t i v e   der Herrschaft zuzulassen. Vom Standpunkt
       der   B e k ö m m l i c h k e i t   politischer Gewalt für Leute,
       die sich  nach ihr richten müssen, betrachtet, ist das wahrhaftig
       ein ziemlich  belangloser Unterschied.  Vom Standpunkt  der Herr-
       schaftstechnik betrachtet,  die das Gelingen der Politik nach der
       G l a u b w ü r d i g k e i t   der Vereinnahmung  der Untertanen
       hin bilanziert,  ist der  kleine Unterschied  von Demokratie  und
       Volksdemokratie offenbar  sehr bedeutsam. Das sieht man nicht zu-
       letzt an  der Peinlichkeit, daß die DDR-Staatspartei, kaum finden
       sich bei  irgendwelchen Kommunalwahlen mal ein paar Tausend Nein-
       sager zu  ihrer Einheitsliste,  glatt noch bei der Auszählung der
       Stimmen bescheißt,  um ihre Lebenslüge der im und vom Sozialismus
       g a r a n t i e r t e n   Einheit von  oben und  unten wenigstens
       noch als öffentliche Fiktion aufrechtzuerhalten!
       Daß das  triumphierende Herausstellen dieser kleinen Manipulation
       durch die  Systemgegner im  freien Westen  die SED-Leute  trifft,
       weil sich die DDR auch in Sachen zivilisierter politischer Unter-
       tanenbehandlung auf das vom freien Westen im "Menschenrechtskorb"
       der KSZE definierte Weltniveau eingelassen hat das kann man nicht
       zuletzt daran ersehen, daß die SED die zunächst einmal mit lauter
       Idealen der  SED selber auftretende DDR-Oppositionsbewegung trotz
       ihrer Beteuerungen,  bloß einen  besseren Sozialismus  zu wollen,
       fast wie  Systemgegner anfaßt,  das dann  auch wieder zurücknimmt
       und immerzu darauf hinweist, daß für konstruktive Kritik die vor-
       handenen DDR-Institutionen "alle Formen und Foren" bereitstellen.
       Kurz: Die regierenden Sozialisten ziehen, bislang jedenfalls, die
       Scheidelinie zwischen  erlaubtem systemnützlichen  und verbotenem
       systemfeindlichen Protest  ganz traditionalistisch  dort, wo sich
       die oppositionellen Regungen der per Institution doch immer schon
       garantierten Volks-  und Staatseinheit  anbequemen oder nicht. Im
       letzteren Fall  läßt die  sozialistische  Staatsmacht  dann  ihre
       Stasi-Truppen zuschlagen  - daß  d i e  ihren westlichen Kollegen
       das Wasser  reichen können, ist ja klar: Wo sollen denn bei einer
       Aufgabe, die   S t a a t s s i c h e r h e i t   heißt, Systemun-
       terschiede herkommen!  - und  hat dabei  immer zugleich ein gutes
       und ein  schlechtes Gewissen.  Das gute Gewissen kommt daher, daß
       sie doch den Sozialismus, diesen Ausbund an guten volksnützlichen
       Absichten, gegen  seine, womöglich vom Ausland verführten, Feinde
       zu verteidigen  hat. Das  schlechte Gewissen kommt daher, daß im-
       merhin Teile  des Volks das Zusammenpassen von oben und unten de-
       mentieren, und  das muß  den sozialistischen Staat immer auch ein
       Stück weit  selbstkritisch stimmen. So "dialektisch" geht es halt
       zu in  einer Republik,  die das paradoxe Ideal einer volksnützli-
       chen Gewalt real verfolgt.
       Spätestens seit  die Staaten  des real  existierenden Sozialismus
       bei der  KSZE in  Helsinki die Menschenrechte, also die  H e r r-
       s c h a f t s p r i n z i p i e n   der führenden    k a p i t a-
       l i s t i s c h e n   D e m o k r a t i e n,   als  verbindliches
       und allen Grundsätzen des Humanismus genügendes Vorbild in Sachen
       Behandlung  von   Untertanen  durch   eine  moderne  Staatsgewalt
       unterschrieben haben,  kommt  das  schlechte  Gewissen  von  DDR-
       Maßgeblichen beim  Kleinkriegen von  Protest auch noch daher, daß
       sie  darin   ein  Stück  Niederlage  im  Systemvergleich  um  die
       gelungenste Harmonie  von Herrschaft  und Beherrschten erblicken.
       Andererseits -  dies eine Ironie der Geschichte - sind es die Er-
       gebnisse der wirklich handfesten Abteilungen des Systemvergleichs
       ums "Weltniveau", die führende SEDler heute zuweilen veranlassen,
       die Ideale  der sozialistischen  Herrschaftsweise  als    p u r e
       P h r a s e   zu behandeln. Beispiel: Bei Dresden sollte nahe ei-
       nes Wohngebietes  ein Reinstsilicium-Werk hochgezogen werden, na-
       türlich nötig  fürs Weltniveau  der sozialistischen Exportnation,
       aber auch ziemlich gefährlich für die Anwohner. Als sich eine An-
       zahl Protestler  in einer  Versammlung auf  den  DDR-Verfassungs-
       grundsatz "Arbeite  mit, plane mit, regiere mit!" beriefen, wurde
       ihnen von  anwesenden Führungsgenossen  der SED  beschieden,  sie
       sollten doch  mit "diesen  Phrasen" aufhören. Was die Partei- und
       Staatsführung nicht  hinderte, genau diesen Verfassungsgrundsatz,
       diese Phrase  zu einem  der Leitmotive für die 40-Jahr-Feiern der
       DDR auszurufen.
       Auch dies  eine kleine  Ironie nach 40 Jahren DDR: Wo man sich in
       der Praxis  des realsozialistischen  Verhältnisses von  Staat und
       Staatsvolk längst  - und  zwar von  beiden Seiten - darauf einge-
       richtet hat,  daß wie  bei einem x-beliebigen Staat die Regierung
       sich mit dem staatsbürgerlichen Opportunismus ihrer Leute zufrie-
       den gibt und diese Leute sich ihrerseits mit den Umständen arran-
       gieren, die  ihnen vorgeschrieben  sind; daß also die ganz beson-
       ders guten  Gründe, die der Sozialismus für sich ins Feld zu füh-
       ren hat,  gerade noch als Titel einer von oben und unten gewußten
       offiziellen Staat-und-Volk-Heuchelei  gut sind; wo Repräsentanten
       der Macht  mitunter sogar  eingestehen, daß es sich bei ihren so-
       zialistischen Feierparolen  um eine Art 'Wort zu Sonntag' handelt
       wie beim  Herrn Pfarrer  - justament  zu einem Zeitpunkt also, wo
       solche gelegentliche  Ehrlichkeit von  oben eine neue und für ein
       Staatswesen stinknormale  Sorte 'Verbundenheit'  mit  dem  lieben
       Volk andeutet, das sich die Sache immer schon ungefähr so gedacht
       hat, da  kommen Teile dieses Volks daher und sehen die Angelegen-
       heit mit der "sozialistischen Mitbestimmung" ihrerseits mal umge-
       kehrt an!  Das gibt natürlich "Enttäuschungen" oder auch Bestäti-
       gungen dafür,  daß man  'es immer  schon gewußt hat'. Anderswo in
       der (Staaten-)Welt  bleiben  solche  Erfahrungen  mit  mangelnder
       Glaubwürdigkeit obrigkeitlicher  Sprüche so  gut  wie  folgenlos,
       nicht so  in der  DDR. Da wird so mancher Idealist, der nicht zum
       Zuge kam, zum Republikflüchtling; und jeder aus der viel größeren
       Anzahl Rübermacher,  die noch  nie so etwas wie 'Widerstand' pro-
       biert  hat,   kann  wenigstens   ein  bis   zwei  Beispiele   für
       'unerträgliche Unterdrückung' aufsagen.
       Und das  liegt nur  einerseits am 40 Jahre lang praktizierten Re-
       vanchismus  des   demokratischen  Kapitalismus   Marke  BRD  samt
       "Einfluß westlicher  Medien".  Die  Sozialisten  Marke  "besseres
       Deutschland" haben diesen Wettbewerb um die wahre Heimat für gute
       Deutsche ja geradezu zu ihrer Staatsraison gemacht. Beim Bestehen
       des praktischen  wie des  ideologischen Systemvergleichs zwischen
       den beiden deutschen Staaten haben sie das  A n d e r e,  das ih-
       ren Laden  gegenüber der  "Wirtschaftswunder-"  und  "Exportwelt-
       meister"-BRD samt  ihrer unnachahmlichen  "demokratischen politi-
       schen Kultur"  auszeichnen und  überlegen machen  sollte,  selber
       immer weniger unterscheidbar gemacht, so daß sie heute, all ihren
       Staatserfolgen zum  Trotz, als die Verlierer des von ihnen selbst
       immerzu strapazierten  Vergleichs dastehen.  Im  Westen  sowieso,
       aber auch  vor ihrer  eigenen Bevölkerung,  aus der die deutschen
       Einheitssozialisten nichts  besseres zu  machen wußten  als  eine
       Ansammlung von  Mitläufern,  von  Chancensuchern,  Selbstverwirk-
       lichern und  vielleicht noch  Menschenrechtsaposteln, denen  "die
       Freiheit", sprich  die Weltmacht Nr. 3 Bundesrepublik Deutschland
       schwer  imponiert,   einschließlich  der   Methoden  der   Unter-
       tanenbehandlung, die  eine  führende  kapitalistische  Nation  zu
       bieten hat. Vom VW Golf bis zum Recht auf folgenloses Meckern.
       Für solche  selbstbewußten Untertanen,  die durch  und durch  die
       P r o d u k t e   v o n   g l e i c h  z w e i  d e u t s c h e n
       S t a a t e n   sind, braucht es dann bloß noch eine Gelegenheit,
       das BRD-Sonderangebot  mit der  Staatsbürgerschaft zu  ergreifen,
       und schon gibt es eine Flüchtlingswelle aus der DDR. Noch Fragen,
       wo die "inneren Ursachen" dafür liegen?

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