Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
zurück
Eine lebendige politische Kultur oder:
--------------------------------------
"Arbeite mit, plane mit, regiere mit!"
--------------------------------------
Angesichts der Gründungsakte der DDR als des besseren, des anti-
faschistischen, des humanistischen Deutschland kann man sich des
Eindrucks kaum erwehren, daß die deutschen Sozialisten die von
ihnen kommandierte produktive ökonomische Basis wirklich nur als
die Basis fürs Erblühen des Überbaus, fürs Wahrmachen alles
Guten, Wahren und Schönen angesehen haben; dessen, wovon die be-
sten Traditionen der deutschen Nation künden, was die real exi-
stierenden deutschen Staaten ihren Bürgern aber in der Praxis im-
mer vorenthalten haben, mit den schlimmsten Folgen für Nation,
Bürger und Staat. Von diesem Versprechen hat Deutschlands bessere
Hälfte so viel gehalten, daß man ihr den Rang als
Kulturnation
------------
wirklich nur mit bösem Willen absprechen kann. Auf dem Felde der
hohen Kultur, dem eigentlichen "humanistischen Erbe", sowieso.
Wahrscheinlich gibt es nirgends auf der Welt so viele Konzerte
pro Einwohner wie in der DDR, an namhaften Theaterleuten und
Kunstinterpreten fehlt es nicht (auch wenn immer wieder welche -
legal oder illegal - rübermachen). Daß der Genuß beispielsweise
an jenem 'dada-da-dam' zu Beginn einer Sinfonie des Tonsetzers
mit dem holländischen Namen van Beethoven erst dann vollendet
sein soll, wenn man hohes C und Septimalakkord als unsterblichen
Beitrag eines d e u t s c h e n Künstlers zum kulturellen Welt-
niveau zu würdigen weiß, mag zwar objektiv verrückt sein, ist
aber mit Sicherheit nichts Außergewöhnliches in der weltweit ver-
breiteten Schönheitskonkurrenz von Staatswesen um die Palme in
Sachen Pflege von Unterricht und Kultus. Daß man vom sozialisti-
schen Deutschland schon gleich keinen kritischen Ton übers
P o l i t i s c h e an der Kultur erwarten darf, stand wie ge-
sagt schon vor seiner Gründung fest. Im "Prozeß der Aneignung"
des "kulturellen Erbes" machte sich in der DDR die Vervollkomm-
nung der politischen Kultur dann in gewissen Revisionen bemerk-
bar, die sich der Deutung dieser und jener "historischen Persön-
lichkeit" mehr im Lichte von 'international anerkannte große
Deutsche' als im Lichte von 'System' verdanken. So mußte der Auf-
rührer Thomas Müntzer in die zweite Reihe hinter dem Ex-Fürsten-
knecht Martin Luther zurücktreten, wenn es darum geht, welches
"Vermächtnis" die "Epoche der frühbürgerlichen Revolution" uns
heutigen Nachlaßverwaltern aufgetragen hat. Westdeutsche Ideolo-
gen goutieren solche Umwertungen zu gerne als Zugeständnisse von
drüben in puncto ideologischer Kampf, während die DDR-Kulturna-
tion etwa die Eingemeindung des kommunistischen Dichters Brecht
in den Kulturkanon des kapitalistischen Westens als hoffnungs-
volles Anzeichen für humanistischmoralische Läuterung eines ehe-
mals zu Unmenschlichkeit neigenden Systems ansieht...
Aber auch für Weltniveau bei der "Massenkultur" hat man drüben
viel getan. Erstens sind die realsozialistischen Massen sowieso
viel gebildeter als Bild-Zeitungsleser, und viele von ihnen haben
sich dem Erbe von Shakespeare, Schiller und Puschkin nicht ver-
schlossen. Zweitens haben die DDR-Verantwortlichen bei der Be-
treuung des Unterhaltungsbedürfnisses ihrer Bevölkerung längst
jede "dogmatische" Position von wegen 'Rockmusik ist Ausdruck für
die typisch kapitalistische Verwahrlosung junger Menschen' ge-
räumt und im Zuge einer praktisch unbegrenzten "Liberalisierung"
auch auf dem Felde des Trällerns und der Fernsehshow Weltniveau
angestrebt - mit hauseigenem Nachwuchs und per Import westlicher
Show-Idioten. Die musikalisch erhobene Klage des bundesdeutschen
Vorbilds der Jugend Udo Lindenberg von anno 83: "All die andern
Schlageraffen dürfen dort singen, nur der arme 'Schlageraffe' Udo
darf das nicht, und das versteht er nicht!" wurde vom dergestalt
abgemahnten Adressaten Erich Honecker längst gegenstandslos ge-
macht. Eine lehrreiche Begebenheit: Gerade einer aus der betont
"lockeren" (Udo über Lindenberg) Abteilung westdeutscher Lebens-
art betreibt auf die kumpelhafte Tour westdeutsche Feindbild-
pflege, kommt dem "Honey" aus "Pankow" mit einem 'Ich bin doch
bloß ein Schlageraffe, und du verbietest mich: Das spricht doch
wohl gegen dein System', und wird kurz darauf vom damaligen FDJ-
Chef Krenz mit quasi-diplomatischen Ehren empfangen (Bild war da-
bei). Es stimmt, daß von der Sphäre, in der Pink Floyd und David
Bowie die Kings sind, überhaupt nichts praktisch Wichtiges ab-
hängt. Dennoch muß man hier von einer Niederlage des sozialisti-
schen Volksbildungsprogramms sprechen. Dieses Programm wollte
sich schließlich irgendwann in grauer sozialistischer Vorzeit
nicht damit zufriedengeben, daß die sozialistischen Bürger sich
in ihrer Mehrheit s o im Sozialismus einhausen: Sie spulen ihr
Werkeltagsleben ab als eine Mischung aus notgedrungener
Pflichterfüllung, dem Organisieren der Sachen, die ihren
"Wohlstand" ausmachen, und dem Wahrnehmen der "Gelegenheiten",
die der Sozialismus seinen Leuten fürs Durchwursteln so zu bieten
hat samt der dazugehörigen Heucheleien; und sie widmen sich im
"Reich der Freiheit", das ihnen gelassen wird, dem Ausprobieren
höchstpersönlicher Glücks- und Sinnfindungsprogramme. Anders
herum gesagt: Die sozialistische Staatsführung setzt seit gerau-
mer Zeit fürs Mitmachen beim Sozialismus nicht auf Sozialisten,
sondern auf lauter Opportunisten, die Politik lästig finden und
deren privater Glücks-Horizont mit Open-Air-Festivals bedient ist
und mit einem Fernsehangebot dessen sozialistische Prägung sich
auf dem Sektor "Unterhaltung" in einer gewissen Vorliebe der Pro-
grammgestaltung für Mafia-Krimis erschöpft. Die SED hat offenbar
gemeint daß sie ihr Volk gewinnt, wenn sie ihm aus den einschlä-
gigen Sparten öffentlichen Schwachsinns nichts mehr von dem vor-
enthält, was westlich-demokratisches Weltniveau hier zuwege-
bringt; sie war sogar selbstbewußt genug, bei der Ausstattung ih-
rer Republik mit Kabel-TV zuallererst den Bezirk Dresden zu be-
glücken, wo bisher dank einer Laune der Geographie kein West-
Fernsehen zu empfangen war. Und jetzt wundert sie sich schwer,
daß ein Teil der von ihr mit 40 Jahren Systemvergleich gezüchte-
ten Mitläufer bei erstbester Gelegenheit die sozialistische Kopie
gegen das westliche Original eintauscht, weil sie partout keinen
persönlichen Grund sehen, dem Sozialismus die Stange zu halten...
Für solche Leute, die in i h r e n I n t e r e s s e n keine
Anhaltspunkte finden, fürs sozialistische System zu sein, hat die
DDR schon seit längerer Zeit ein Sonderangebot im Arsenal: Sie
ist eine S p o r t n a t i o n, und auf dem Sektor hat sie in
Sachen Weltniveau sogar mal echte Maßstäbe gesetzt und erregt den
Neid aller Konkurrenzstaaten. Sie produziert am laufenden Band
erfolgreiche Sportkrüppel incl. so "charmanter Botschafter der
DDR" wie die (auch als Profi) unvergeßliche Katharina Witt aus
Karl-Marx-Stadt, die im schönsten Sächsisch in aller Welt das Lob
der völkerverbindenden Wirkung des Sports und der sportlich gese-
hen vorbildlichen DDR singt. Die Berechnung, über Olympiasieger
im Damensprint und Weltrekordler im Kugelstoßen anderswo Reklame
für die sozialistische DDR zu machen, war schon immer leicht ab-
surd. Schließlich wird kein westdeutscher Antikommunist, der wg.
Boris und Steffi stolz ist, ein Deutscher zu sein, zum Anhänger
des Sozialismus, weil dessen Sportler den bundesdeutschen seit 20
Jahren die Hacken zeigen. Er weiß vielmehr ganz genau, daß DDR-
Medaillengewinner entweder gedopte Staatsamateure sind oder aber
nicht für die DDR, sondern für Deutschland, das große und ge-
samte, Ehre einlegen. Fürs Untertanengemüt eines DDR-Eingeborenen
leisten die Sporterfolge seiner Landsleute hingegen schon etwas;
zwar keineswegs die Stiftung einer unverbrüchlichen "Identität"
mit einer - ausgerechnet S p o r t-Großmacht namens DDR; aber
wenn etwas einem untertanenmäßigen DDR-Nationalismus gelegentli-
ches Anschauungsmaterial zum Stolz auf den eigenen Laden liefert,
dann die volkseigenen Sportskanonen. Und das ist wahrhaftig eine
S c h a n d e für den Sozialismus, daß ausgerechnet Typen, die
ihren Willen und ihren Körper ganz für Weltniveau in Sachen Krau-
len und Hüpfen zurichten, die Kronzeugen für die Qualität des So-
zialismus abgeben sollen! "Sozialistischer P a t r i o t i s-
m u s" als der Kitt, der die Bewohner der "welthistorischen
Alternative" zum demokratischen Kapitalismus zusammenhält - das
kann natürlich nicht gutgehen für den Staat, der alles im Namen
und zugunsten der Arbeiterklasse unternehmen will und sich
darüber die herzliche Feindschaft seines kapitalistischen Pen-
dants zugezogen hat, eines Pendants, das den d e u t s c h e n
Patriotismus für sich gepachtet hat und die DDR als das größte
Hindernis dafür brandmarkt.
"Sozialistischer Patriotismus" ist auch der Nenner für eine ganze
Menge von Veranstaltungen, die in der DDR für ein durchaus reges
Öffentliches Leben
------------------
sorgen. Von wegen, drüben ist "nichts los" und der Sozialismus
"grau". Volkskammerpräsident Sindermann sagt das Prinzip davon:
"Überall finden die Bürger der DDR in nahezu 80 gesellschaftli-
chen Organisationen ein fruchtbares Betätigungsfeld, um vielge-
staltig über ihr Leben-, das des Territoriums, der Arbeitsstätte,
ja die ganze gesellschaftliche Entwicklung mitzubestimmen. Jeder
dritte Bürger übt heute eine ehrenamtliche staatliche oder ge-
sellschaftliche Funktion aus. Wir wollen, daß unsere Bürger über
alles urteilen können, um bewußt die Politik des Sozialismus mit-
zugestalten." (Arbeite mit, plane mit, regiere mit - das ist un-
sere Devise, in: Einheit 9/10-89)
Es ist, wie wenn die SED ihren Propagandahit für bürgerliche
Zeitgenossen - "Erst im Sozialismus" ist jede gewöhnliche Betäti-
gung oder jeder bürgerliche Quark anständig "möglich" - i m So-
zialismus dann mit folgender Betonung auslegt: Jeder, der einer
Tätigkeit nachgeht, soll dabei aber auch noch den Sozialismus
würdigen, der sie ja schließlich ermöglicht.
Das ist, entgegen westlichen Unterdrückungsphantasien, zuerst
einmal eine ziemlich umfassende L i z e n z für alle möglichen
Betätigungen. Jedes Privathobby, jeder Spleen, der sich in einer
"gesellschaftlichen Organisaton oder Unterorganisation registie-
ren läßt, gilt da als "Bereicherung des Sozialismus" und wird,
wo's geht, auch gefördert. Jeder Kegelklub jeder Karnickelzüch-
terverein, jeder Motorradfanklub - ein Beitrag zum Gelingen des
Sozialismus!
Aber eben auch ein Beitrag zum Lob des Sozialismus bzw. zur De-
monstration, daß jedes Privatinteresse, jedes Hobby, jeder Spleen
in der DDR eine rundum zufriedenstellende Heimat gefunden hat,
also auch mit Freuden bereitsteht, sich dafür einzusetzen. Das
ist natürlich nicht die Wahrheit über das Verhältnis des DDR-Un-
tertanen zu seinem Staatswesen. Das Bedürfnis z.B. nach Kegeln
ist ziemlich systemneutral, und wer kegelt, der kegelt eben; ob
er das auch noch dem sozialistischen System dankt, ist eine ganz
andere Sache. Die SED, die ihren Sozialismus mit lauter Mitläu-
fern machen will, leistet sich aber mit ihren vielen
"gesellschaftlichen Organisationen", wo jeder dritte DDRler Funk-
tionsträger ist, den Widerspruch, auf die unmögliche Charakter-
maske des v e r a n t w o r t u n g s l o s e n O p p o r t u-
n i s t e n aus zu sein. Und sie gesteht gleich praktisch ein,
daß es mit der f r e i w i l l i g e n Begeisterung ihrer Mas-
sen für den fürsorglichen Sozialismus nicht so weit her ist. Sie
nimmt mit ihren ganzen offiziellen und quasioffiziellen Organi-
sationen das Zustandekommen und das Äußern dieser "Begeisterung"
ja gleich selber in die Hand und überläßt da nichts dem Zufall.
Sie fordert den "sozialistischen Patriotismus" immerzu ein und
kommandiert ihn zur Sicherheit herbei, und das macht die
Unehrlichkeit der ganzen Veranstaltung so sichtbar, daß sie noch
jedem Trottel auffällt. Und bevor DDR-Bürger, die die öffentliche
und offizielle Heuchelei merken, sich mal einen senkrechten
Gedanken über die G r ü n d e für solche Umgangsweisen zwischen
Staat und Volk im realen Sozialismus machen, verfallen sie viel
eher darauf, ihrer Obrigkeit, die angeblich "überall" ist, die
läppische Absicht zum grundlosen Kontrollieren oder Schikanieren
der Untertanen zu unterstellen, sich selber überall "gegängelt"
vorzukommen und schließlich - so die Konsequenz vieler
Rübermacher - aus Sehnsucht nach einem echt ganz privaten
Mitläufertum die freie Konkurrenz im kapitalistischen Westen, die
der demokratische Staat 'b l o ß' gebietet und absichert, für
viel spannender und chancenreicher zu erachten als die "lang-
weilige" DDR mit ihrer sicheren Grundversorgung. S o w e n i g
S o z i a l i m u s hat die SED mit ihrer Tour, für ein munteres
öffentliches Leben zu sorgen, an ihren Leuten hinterlassen!
Zu diesem Resultat hat nicht zuletzt die herausragende Rolle bei-
getragen, welche die
Demokratie
----------
in der Deutschen Demokratischen Republik spielt.
In der Demokratie vom westlichen Typus sind die Staatsbürger be-
kanntlich schwer beteiligt: Die Staatsmacht läßt wählen, fragt
ihre Untertanen also, welcher Herrscher es denn sein darf, dem
sie dann parieren müssen. Und wenn bundesdeutsche Wähler aus-
nahmsweise ein paarmal hintereinander zur Urne gerufen werden,
weil ihre Politiker sich nach dem Ergebnis eines Wahlgangs nicht
auf die Verteilung der Macht einigen können, dann rechnet jeder
Politfachmann gleich verständnisvoll mit "zunehmender Wahlmüdig-
keit" beim demokratischen Volkssouverän.
So billig wollte es der sozialistische deutsche Staat sich und
seinen Bürgern nicht machen. Es gehörte einmal zu den vehemente-
sten Vorwürfen, die DDR-Anhänger der "staatsmonopolistischen" BRD
verabreichten, daß dort die Beteiligung aller Bürger am politi-
schen Leben bloß scheinhaft verwirklicht sei. Und die zitierte
Äußerung vom Präsidenten der Volkskammer Sindermann, betreffend
die Mitgestaltung des sozialistischen Lebens, meint ja nicht bloß
die sozialistische Vereinsmeierei, sondern auch substantielle
Sektoren der "Mitbestimmung", von der "Arbeitsstätte" bis zur
"ganzen gesellschaftlichen Entwicklung". Auch das ist keineswegs
eine gehaltlose politische Heuchelei. Davon zeugen nicht bloß die
DDR-eigene ausgedehnte Kultur des Leserbriefs mit kritischen Be-
merkungen zu allen Bereichen des "gesellschaftlichen Lebens", das
ebenso ausgedehnte Eingabe- und Beschwerdewesen, das jedem offen-
steht, der Verstöße gegen die sozialistische Gerechtigkeit ent-
deckt haben will, oder der Umstand, daß drüben jede Gaststätte
ihren Gästebeirat hat. Auch im Betrieb und beim ganzen sozialen
Drumherum, für das Betriebe in der DDR zuständig sind, finden,
nicht zuletzt per Gewerkschaft, Beschwerden und Verbesserungsvor-
schläge aus der Belegschaft Gehör. Konstruktives Kritisieren, das
die Gleichung von Interessenserfüllung und nationalem Erfolg be-
stätigt, ist in der DDR gefragt. Es war ja nicht zuletzt der Maß-
stab der E i n h e i t v o n V o l k u n d S t a a t, vor
dem die Sozialisten aus dem besseren Deutschland den Kapitalismus
und sein politisches System mit ihren "unausweichlichen Wider-
sprüchen und Klassenkämpfen" blamiert sahen und den sie mit ihrer
alternativen Produktions- und Herrschaftsweise um so besser er-
füllen wollten. Genau deswegen aber sahen die an die Macht gekom-
menen Einheitssozialisten die stabile Einheit von Staat und Volk
als etwas zu Wertvolles an, als daß man ihre politische Verwirk-
lichung in Form der DDR und ihrer volksdemokratischen Institutio-
nen in die Disposition zufälliger politischer Stimmungen und
Strömungen hätte stellen dürfen. Sie haben diese Einheit v o n
o b e n hergestellt, sprich: sehr gründlich den Wahn zum politi-
schen status quo g e m a c h t, daß alle "fortschrittlichen"
Kräfte der bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Demo-
kratie gar nicht anders können, als i h r e n guten Kern im
S o z i a l i s m u s zu vollenden. Deswegen gibt es in der DDR
ein Parlament, in dem die Ost-CDU die Ost-FDP, die Bauernpartei
(und dann noch eine Nationaldemokratische Partei) sowie die Ost-
Gewerkschaft mit festen Kontingenten vertreten sind, aber dafür
den politischen Führungsanspruch der SED und die sozialistische
Staatsverfassung bedingungslos anerkennen müssen. So kam es, daß
nachmalige Spitzen-F.D.P.ler wie die Herren Mischnick und Gen-
scher lieber in den Westen rübermachten und sich dort seit langen
Jahren immer wieder heldenmütig dem rauhen Wind der Bonner 5%-
Klausel stellen, als in der Volkskammer einen der 52 sicheren Po-
sten für die LDPD, wie die drüben heißt, zu genießen. Und auch
westdeutsche Gewerkschafter sehen in einflußreichen Kontingenten
des FDGB in Parlament und Politbüro nicht ihren Traum von gewerk-
schaftlicher Mitbestimmung auch auf höchster politischer Ebene
wahrgemacht, sondern vielmehr die Freiheit zur problem- und na-
tionalbewußten Jasagerei verraten.
Auch mit den W a h l e n im volksdemokratischen System ist das
so eine Sache. B r a u c h e n soll es die auch dort, weil sich
kein DDR-Sozialist ein Zusammenhalten von Leuten mit ihrem System
auf der Grundlage fraglos identischer I n t e r e s s e n vor-
zustellen vermag, sondern mit größter Selbstverständlichkeit von
politischen Über- und Unterordnungsverhältnissen ausgeht, die
sich aber auch wieder in beiderseitiges Wohlgefallen auflösen
sollen - als wäre Staatsmacht im Ernst nichts als ein wechselsei-
tiges Auftrags- und Dienstverhältnis von oben und unten. Auf der
anderen Seite ist es schon auch ein bißchen blöd, wenn es beim
Wählen für den Wähler gar nichts mehr zum Auswählen sondern nur
noch zum Jasagen gibt, nämlich eine Einheitsliste, über die der
Staat glaubhaft 'durchblicken' läßt, daß er ein Ja dazu erwartet.
Nicht, daß das Ja zur politischen Gewalt nicht gerade bei der
westlichen parlamentarischen Demokratie schon der sichere Aus-
gangspunkt jedes Wahlgangs wäre; daß das Volk dem von ihm auser-
wählten Führer erst recht unbedingten G e h o r s a m schuldet,
ist ja sogar der Witz der hiesigen Tour des Heranziehens der Un-
tertanen zur "Herrschaftsbestellung". Nur gehört es zum Zynismus
dieses politischen Geschäfts eben mit dazu, das geehrte Volk über
die Karrieren von Profis der politischen Gewalt mitbefinden zu
lassen, und das findet gleich ein jeder als den Inbegriff der
Freiheit. Verglichen damit nimmt die volksdemokratische Wahlpro-
zedur das im Westen per Parteienpluralismus hergestellte Ergebnis
des Wählens, die bekräftigte Einheit von Volk und Führung, gleich
vorweg, imitiert also das Verfahren der B e r u f u n g der po-
litischen Gewalt auf die vom Volk besiegelte Übereinstimmung mit
ihr, ohne dabei den Schein einer bedeutsamen, nämlich personellen
A l t e r n a t i v e der Herrschaft zuzulassen. Vom Standpunkt
der B e k ö m m l i c h k e i t politischer Gewalt für Leute,
die sich nach ihr richten müssen, betrachtet, ist das wahrhaftig
ein ziemlich belangloser Unterschied. Vom Standpunkt der Herr-
schaftstechnik betrachtet, die das Gelingen der Politik nach der
G l a u b w ü r d i g k e i t der Vereinnahmung der Untertanen
hin bilanziert, ist der kleine Unterschied von Demokratie und
Volksdemokratie offenbar sehr bedeutsam. Das sieht man nicht zu-
letzt an der Peinlichkeit, daß die DDR-Staatspartei, kaum finden
sich bei irgendwelchen Kommunalwahlen mal ein paar Tausend Nein-
sager zu ihrer Einheitsliste, glatt noch bei der Auszählung der
Stimmen bescheißt, um ihre Lebenslüge der im und vom Sozialismus
g a r a n t i e r t e n Einheit von oben und unten wenigstens
noch als öffentliche Fiktion aufrechtzuerhalten!
Daß das triumphierende Herausstellen dieser kleinen Manipulation
durch die Systemgegner im freien Westen die SED-Leute trifft,
weil sich die DDR auch in Sachen zivilisierter politischer Unter-
tanenbehandlung auf das vom freien Westen im "Menschenrechtskorb"
der KSZE definierte Weltniveau eingelassen hat das kann man nicht
zuletzt daran ersehen, daß die SED die zunächst einmal mit lauter
Idealen der SED selber auftretende DDR-Oppositionsbewegung trotz
ihrer Beteuerungen, bloß einen besseren Sozialismus zu wollen,
fast wie Systemgegner anfaßt, das dann auch wieder zurücknimmt
und immerzu darauf hinweist, daß für konstruktive Kritik die vor-
handenen DDR-Institutionen "alle Formen und Foren" bereitstellen.
Kurz: Die regierenden Sozialisten ziehen, bislang jedenfalls, die
Scheidelinie zwischen erlaubtem systemnützlichen und verbotenem
systemfeindlichen Protest ganz traditionalistisch dort, wo sich
die oppositionellen Regungen der per Institution doch immer schon
garantierten Volks- und Staatseinheit anbequemen oder nicht. Im
letzteren Fall läßt die sozialistische Staatsmacht dann ihre
Stasi-Truppen zuschlagen - daß d i e ihren westlichen Kollegen
das Wasser reichen können, ist ja klar: Wo sollen denn bei einer
Aufgabe, die S t a a t s s i c h e r h e i t heißt, Systemun-
terschiede herkommen! - und hat dabei immer zugleich ein gutes
und ein schlechtes Gewissen. Das gute Gewissen kommt daher, daß
sie doch den Sozialismus, diesen Ausbund an guten volksnützlichen
Absichten, gegen seine, womöglich vom Ausland verführten, Feinde
zu verteidigen hat. Das schlechte Gewissen kommt daher, daß im-
merhin Teile des Volks das Zusammenpassen von oben und unten de-
mentieren, und das muß den sozialistischen Staat immer auch ein
Stück weit selbstkritisch stimmen. So "dialektisch" geht es halt
zu in einer Republik, die das paradoxe Ideal einer volksnützli-
chen Gewalt real verfolgt.
Spätestens seit die Staaten des real existierenden Sozialismus
bei der KSZE in Helsinki die Menschenrechte, also die H e r r-
s c h a f t s p r i n z i p i e n der führenden k a p i t a-
l i s t i s c h e n D e m o k r a t i e n, als verbindliches
und allen Grundsätzen des Humanismus genügendes Vorbild in Sachen
Behandlung von Untertanen durch eine moderne Staatsgewalt
unterschrieben haben, kommt das schlechte Gewissen von DDR-
Maßgeblichen beim Kleinkriegen von Protest auch noch daher, daß
sie darin ein Stück Niederlage im Systemvergleich um die
gelungenste Harmonie von Herrschaft und Beherrschten erblicken.
Andererseits - dies eine Ironie der Geschichte - sind es die Er-
gebnisse der wirklich handfesten Abteilungen des Systemvergleichs
ums "Weltniveau", die führende SEDler heute zuweilen veranlassen,
die Ideale der sozialistischen Herrschaftsweise als p u r e
P h r a s e zu behandeln. Beispiel: Bei Dresden sollte nahe ei-
nes Wohngebietes ein Reinstsilicium-Werk hochgezogen werden, na-
türlich nötig fürs Weltniveau der sozialistischen Exportnation,
aber auch ziemlich gefährlich für die Anwohner. Als sich eine An-
zahl Protestler in einer Versammlung auf den DDR-Verfassungs-
grundsatz "Arbeite mit, plane mit, regiere mit!" beriefen, wurde
ihnen von anwesenden Führungsgenossen der SED beschieden, sie
sollten doch mit "diesen Phrasen" aufhören. Was die Partei- und
Staatsführung nicht hinderte, genau diesen Verfassungsgrundsatz,
diese Phrase zu einem der Leitmotive für die 40-Jahr-Feiern der
DDR auszurufen.
Auch dies eine kleine Ironie nach 40 Jahren DDR: Wo man sich in
der Praxis des realsozialistischen Verhältnisses von Staat und
Staatsvolk längst - und zwar von beiden Seiten - darauf einge-
richtet hat, daß wie bei einem x-beliebigen Staat die Regierung
sich mit dem staatsbürgerlichen Opportunismus ihrer Leute zufrie-
den gibt und diese Leute sich ihrerseits mit den Umständen arran-
gieren, die ihnen vorgeschrieben sind; daß also die ganz beson-
ders guten Gründe, die der Sozialismus für sich ins Feld zu füh-
ren hat, gerade noch als Titel einer von oben und unten gewußten
offiziellen Staat-und-Volk-Heuchelei gut sind; wo Repräsentanten
der Macht mitunter sogar eingestehen, daß es sich bei ihren so-
zialistischen Feierparolen um eine Art 'Wort zu Sonntag' handelt
wie beim Herrn Pfarrer - justament zu einem Zeitpunkt also, wo
solche gelegentliche Ehrlichkeit von oben eine neue und für ein
Staatswesen stinknormale Sorte 'Verbundenheit' mit dem lieben
Volk andeutet, das sich die Sache immer schon ungefähr so gedacht
hat, da kommen Teile dieses Volks daher und sehen die Angelegen-
heit mit der "sozialistischen Mitbestimmung" ihrerseits mal umge-
kehrt an! Das gibt natürlich "Enttäuschungen" oder auch Bestäti-
gungen dafür, daß man 'es immer schon gewußt hat'. Anderswo in
der (Staaten-)Welt bleiben solche Erfahrungen mit mangelnder
Glaubwürdigkeit obrigkeitlicher Sprüche so gut wie folgenlos,
nicht so in der DDR. Da wird so mancher Idealist, der nicht zum
Zuge kam, zum Republikflüchtling; und jeder aus der viel größeren
Anzahl Rübermacher, die noch nie so etwas wie 'Widerstand' pro-
biert hat, kann wenigstens ein bis zwei Beispiele für
'unerträgliche Unterdrückung' aufsagen.
Und das liegt nur einerseits am 40 Jahre lang praktizierten Re-
vanchismus des demokratischen Kapitalismus Marke BRD samt
"Einfluß westlicher Medien". Die Sozialisten Marke "besseres
Deutschland" haben diesen Wettbewerb um die wahre Heimat für gute
Deutsche ja geradezu zu ihrer Staatsraison gemacht. Beim Bestehen
des praktischen wie des ideologischen Systemvergleichs zwischen
den beiden deutschen Staaten haben sie das A n d e r e, das ih-
ren Laden gegenüber der "Wirtschaftswunder-" und "Exportwelt-
meister"-BRD samt ihrer unnachahmlichen "demokratischen politi-
schen Kultur" auszeichnen und überlegen machen sollte, selber
immer weniger unterscheidbar gemacht, so daß sie heute, all ihren
Staatserfolgen zum Trotz, als die Verlierer des von ihnen selbst
immerzu strapazierten Vergleichs dastehen. Im Westen sowieso,
aber auch vor ihrer eigenen Bevölkerung, aus der die deutschen
Einheitssozialisten nichts besseres zu machen wußten als eine
Ansammlung von Mitläufern, von Chancensuchern, Selbstverwirk-
lichern und vielleicht noch Menschenrechtsaposteln, denen "die
Freiheit", sprich die Weltmacht Nr. 3 Bundesrepublik Deutschland
schwer imponiert, einschließlich der Methoden der Unter-
tanenbehandlung, die eine führende kapitalistische Nation zu
bieten hat. Vom VW Golf bis zum Recht auf folgenloses Meckern.
Für solche selbstbewußten Untertanen, die durch und durch die
P r o d u k t e v o n g l e i c h z w e i d e u t s c h e n
S t a a t e n sind, braucht es dann bloß noch eine Gelegenheit,
das BRD-Sonderangebot mit der Staatsbürgerschaft zu ergreifen,
und schon gibt es eine Flüchtlingswelle aus der DDR. Noch Fragen,
wo die "inneren Ursachen" dafür liegen?
zurück