Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS DDR/FNL - Deutsche Menschen in ihrem Wahn
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Eine Bilanz von 40 Jahren DDR
REALER SOZIALISMUS DEUTSCHER NATION
Daß Staatswesen ausnahmsweise die Gewohnheit von Privatmenschen
nachahmen und ihre runden Jahrestage feiern, ist in der gesamten
Staatenfamilie guter Brauch. Normalerweise schließen sich noch
die größten Kontrahenten des jeweiligen Jubilars den Glückwün-
schen an seine Adresse an und übermitteln per Telegramm des
Staatsoberhaupts oder auf pompösen Empfängen ihre Achtung vor dem
anderen Souverän. Das gehört eben zum Formalismus der Anerken-
nung, die in der modernen Staatenwelt unentbehrliche Geschäfts-
grundlage für Einmischung ist: Ehrung zwecks Benützung.
Im Falle des 40. Jahrestags der DDR war alles ganz anders. Diesem
Staat, der von seinem bundesdeutschen Konkurrenten immer schon
als Unstaat gebrandmarkt wurde, hat man Selbstfeier und Selbstlob
gründlich vermasselt. "Man" - das war eine eigenartige Koalition
von Staaten, bestehend aus dem westdeutschen Erzrivalen der DDR,
dem neutralen Österreich und drei sozialistischen Bruderländern
der DDR; schließlich hat auch noch ihr Hauptfreund, die Bündnis-
vormacht UdSSR, ein bißchen daran mitgestrickt, den "Grenzen das
Trennende zu nehmen" und damit eine Flüchtlingswelle aus der DDR
in Gang zu setzen, die dem zweiten deutschen Staat zum 40. eine
politische Niederlage erster Güteklasse bereitet hat: Er kann
nicht einmal sein Staatsvolk zusammenhalten, und selbst seine
Bündnispartner geben vor aller Welt dem bundesrepublikanischen
Anspruch recht, daß DDR-Bürger eigentlich von Bonn aus regiert
gehören.
Damit war von höchsten Stellen demonstrativ bestätigt, was hier-
zulande sowieso jeder wissen will: Der sozialistische deutsche
Staat hat kein Existenzrecht, und jetzt steht sein Ableben unmit-
telbar bevor. Irgendwelcher Erfolge braucht sich ein solches
"Gebilde" gar nicht erst zu rühmen; und wenn Honecker das zur
Feier des Tages doch gemacht hat, dann spricht das unbesehen ge-
gen ihn. Er vergreist und regiert völlig an den Realitäten vorbei
- ein Beweis mehr, daß die DDR überfällig ist. Dieses bombenfeste
Urteil verdankt sich freilich einzig und allein dem anbkommuni-
stischen Nationalismus Marke Deutschland-West. Wäre es nämlich
nicht das a n d e r e Deutschland, das selbst seine Erfolge nur
mittels Unterdrückung der wahren kapitalistischen Menschennatur
zustandebringt, und wäre es nicht das andere D e u t s c h-
l a n d, das machen kann, was es will, und dennoch ein Verbre-
chen gegen den Machtanspruch des Bonner Wiedervereinigungsstaats
bleibt - die Liebhaber geordneter Verhältnisse und guten
Regierens müßten den Hut ziehen vor dem sozialistischen Mu-
sterländle. Alles Wahre, Gute und Schöne, in dessen Namen sie
alle Maßnahmen des hiesigen Staates immer verstehen und billigen,
wird "drüben" sehr ernst genommen; und der produktive Reichtum,
um den sich in der Freiheit alles dreht, ist auch drüben ordent-
lich vorangekommen. Die bürgerlichen Moralisten, volkswirtschaft-
lichen Materialisten und Freunde einer stabilen politischen Ord-
nung, die in der BRD beheimatet sind, könnten den einschlägigen
Errungenschaften der DDR ihren Respekt nicht versagen, würden sie
nicht so elend nationalistisch und staatskonform antikommuni-
stisch denken.
Ein höchst humanistisches Staatsprogramm
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Der echtere Neuanfang für Deutschland
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In der sowjetisch besetzten Zone und unter dem Schutz der Roten
Armee fiel die Aufgabe des Wiederaufbaus der G r u p p e
U l b r i c h t zu, den Resten der alten KPD, die den Faschismus
überlebt hatten. Die deutschen Kommunisten erwiesen sich der
neuen Aufgabe als durchaus würdig. Sie dachten gar nicht daran,
in dem Reich, in dem sie ein Jahrzehnt lang verboten, in KZs ge-
sperrt und umgebracht worden waren, nun zu wüten, alles umzustür-
zen und Hitlers Volksgenossen terroristisch Revolution beizubrin-
gen. Verantwortungsbewußt traten sie das Erbe der verwaisten
Macht mit einer großen Maxime an: E s a n d e r s u n d
b e s s e r m a c h e n! - als die letzte deutsche Regierung. In
der Verantwortung wußten sie sich vor den Menschen in Deutsch-
land, die von den Faschisten mißbraucht worden waren mit ihren
Tugenden, ihrem Glauben und ihrer Arbeit. Sie hatten ein besseres
Regieren in Deutschland verdient, ebenso wie die anderen Völker
Europas, die von teutonischem Imperialismus, Militarismus, Ras-
sismus und Chauvinismus Schlimmstes erlitten hatten. Das
"N e u e D e u t s c h l a n d" sollte den A n t i f a-
s c h i s m u s zur ersten Eigenschaft und die Beseitigung aller
ideologischen, sozialen und politischen Wurzeln des deutschen
Faschismus zur ersten Aufgabe haben. Alles Inhumane,
Großdeutsche, Menschenverachtende des 3. Reiches hat die neue
politische Macht verboten, alles Positive und Humanistische, was
die deutsche Tradition zu bieten hatte, wurde gesetzlich in Kraft
gesetzt:
"Goethe, Schiller, Lessing", kamen wie vorher aufs Podestchen,
"Ludendorf aus Messing" mußte runter. So wurde das Volk jenseits
der Elbe nicht von einer Revolution erschreckt oder ergriffen,
sondern mit einer neuen Regierung beglückt; und neben manchem
Neuen, das man sich angewöhnen mußte, gab es auch eine Menge Kon-
tinuität. Anpassung war wie immer gefragt, sollte aber auch nicht
überfordert werden.
"Klar das sozialistische Ziel" vor Augen, folgte die SED von An-
fang an der volksfreundlichen Methode der behutsamen Revolution:
"Aufgrund der Hinterlassenschaft des Faschismus war zunächst eine
antifaschistisch-demokratische Umwälzung erforderlich. ... Das
strategische Ziel schloß ein, mit Ausnahme der Kriegsverbrecher
und Naziaktivisten alle für den Aufbau der neuen antifaschi-
stisch-demokratischen Gesellschaft zu gewinnen." Erst als der
neue Staat schon ziemlich fest im Sattel war, machte sich die Re-
gierung daran, "die antifaschistisch-demokratische Umwälzung in
die sozialistische Revolution überzuleiten." (Otto Reinhold, Die
Gestaltung des entwickelten Sozialismus in Theorie und Praxis,
in: Einheit 9/10-89)
Genau genommen war es so, daß man in der einstmals sowjetisch be-
setzten Zone eine ganze Welt das Ziel der d e u t s c h e n
n a t i o n a l e n E i n h e i t verfolgt und die Parole
"Deutschland einig Vaterland" sogar in die erste Strophe der fun-
kelnagelneuen Nationalhymne ("Auferstanden aus Ruinen und der Zu-
kunft zugwandt") aufgenommen hat. Da man "drüben" diese Sehnsucht
aller guten und auch der moralisch hochstehendsten Deutschen zu-
erst auch in einer "bürgerlich-parlamentarischen Demokratie" ganz
gut aufgehoben sah, ist in der ersten Verfassung der DDR vom So-
zialismus noch gar nicht die Rede. Erst als feststand, daß der
westdeutsche Kanzler Deutschland lieber geteilt und dafür die BRD
an der Seite der neuen imperialistischen Weltmacht NATO haben
wollte als wiedervereinigt und dafür "finnlandisiert", besannen
sich die Einheits-Sozialisten in der DDR so richtig auf die
"welthistorische Überlegenheit" des politökonomischen Systems na-
mens Sozialismus und begannen unter Hilfestellung der Sowjetunion
mit besagter "Überleitung der antifaschistisch-demokratischen Um-
wälzung in die sozialistische Revolution".
Das Verfahren der behutsamen Umerziehung zur Revolution ohne
Überforderung der Anpassungsfähigkeit anti-revolutionär gesonne-
ner Zeitgenossen ist widersprüchlich; aber genau dieser Wider-
spruch macht den realen Sozialismus. Immerhin: Demokratische An-
hänger der Westzone müßten eigentlich zugeben, daß die Umerzie-
hung ihrer Leute zu Demokraten weder oben noch unten mit einem
ähnlichen Ernst betrieben worden ist. Im Osten war sie nicht so
schnell vorbei, ließ man die alten Nazis nicht in hohen Positio-
nen und nicht im Besitz ihrer wirtschaftlichen Macht. Vor allem
aber wollte es der neue Staat wirklich anders machen in Sachen
guten, moralisch einwandfreien Regierens, das einem neuen Fa-
schismus in Deutschland einfach keine Chance mehr läßt, und nicht
nur "bescheiden werden und wieder von vorn anfangen" - im Konzert
der Mächte nämlich, die auf der Welt das Sagen haben, wie
Adenauer. Die DDR hatte die heuchlerische und nicht endenwollende
"Vergangenheitsbewältigung" nicht nötig, weil sie wirklich mit
der Nazi-Vergangenheit gebrochen hat und nicht ein "problemati-
sches" Nachfolgeverhältnis antreten wollte. Sie ist noch heute
stolz auf diesen unbestreitbaren moralischen Pluspunkt im Wett-
streit ums beste Deutschland.
Und in der Tat: Auch westliche Liebhaber einer wirklich gewissen-
haften politischen Moral können dem Geist, aus dem die soziali-
stische deutsche Staatsgründung erfolgte, schwerlich ihren Re-
spekt versagen - ohne folgenden politischen Wertekatalog käme
keine große Rede unseres Bundespräsidenten zustande:
Wertgebundene Demokratie - aber echt!
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Aus dem grenzenlosen Versagen des Deutschtums angesichts von
"sinnlosem" Judenmord und verlorenem Krieg zogen die westlichen
und die östlichen Staatsgründer ganz verschiedene Schlüsse: Die
Verfassungsväter von Herrenchiemsee schlossen aus der Verführbar-
keit der Massen durch den Rattenfänger, daß man dem guten Volk
letzte Entscheidungen über Staatsform und Staatsziele eben gar
nicht erst erlauben darf; und sicherheitshalber ihren gewählten
Repräsentanten auch nicht. Unter der "w e r t g e b u n d e-
n e n D e m o k r a t i e" versteht man im Westen das Plebis-
zitverbot, nicht abstimmungsfähige Grundgesetzartikel und Not-
standsverordnungen. Die kommunistischen deutschen Staatsgründer
dagegen wollten nicht einfach verbieten, sie waren bestrebt, bei
sich Verhältnisse zu schaffen, die einem Wiedererstarken des
üblen Deutschtums von vornherein den Boden entziehen und dafür
garantieren würden, daß das Ja zu Deutschland nie mehr so
irreguläre Wege geht. Ihre Diagnose des Faschismus als Werk des
Monopol- und Rüstungskapitals unter Zuhilfenahme entwurzelter
Arbeitsloser setzten sie in eine Gesellschaftsreform um, welche
durch die Verwirklichung von Gleichheit, Gerechtigkeit und
Frieden solche Sozialcharaktere erst gar nicht mehr entstehen
lassen würde. Als erstes schafften die deutschen Sozialisten die
große ökonomische Privatmacht ab, die den Staat, der eigentlich
immer Besseres wollte, erpressen, in Rüstung und kriegerische
Abenteuer treiben kann. Dann sollte es aber auch am anderen Ende
der sozialen Skala keine entwurzelten Proleten mehr geben wie im
Kapitalismus, der zum Faschismus führt. Echte soziale Beheimatung
war also ihr sozialpolitisches Programm: Daß jeder eine Arbeits-
stelle, eine Aufgabe, also Sinn hat, überläßt die SED nicht mehr
dem Zufall des Marktes und der gar nicht gemeinnützigen Profit-
rechnung der Kapitalisten; dafür sorgt sie selbst.
"Der Bürger der DDR indes spürt tagtäglich, daß der Mensch bei
uns gebraucht wird, um dem Wohle aller zu dienen." (Horst Sinder-
mann, Arbeite mit, plane mit, regiere mit - das ist unsere De-
vise, in: Einheit 9/10-89)
Auch soll keiner um einen fairen Anteil an seinem Tagwerk betro-
gen werden oder erst noch darum kämpfen müssen; die Macht des
neuen Staates sorgt für ein gerechtes Teilen und Zuteilen; mit
hochmoralischen Argumenten über Leistung und Verantwortung orga-
nisiert er eine, im Vergleich zur westlichen, sehr unterentwic-
kelte Hierarchie von Positionen und Vergütungen. Die sonstigen
Wechselfälle des Lebens, die aus der proletarischen Mittellosig-
keit herrühren, werden im Staat der Werktätigen nicht privati-
siert und dem Zufall von Job, Rücklagen und Verwandtschaft über-
antwortet, sondern gemeinsam, d.h. öffentlich geregelt: für Mut-
terschutz, Rente, Bildung und Gesundheit gibt es Kassen, aus
denen man nicht herausfallen kann.
Die viel ernster genommene Fürsorge für Menschen, die arbeiten
müssen, um zu leben, und mittellos sind, sobald sie einmal nicht
arbeiten, beseitigt Armut nicht, sondern unterstellt sie blei-
bend. Das aber kümmert den Arbeiter- und Bauern-Staat mit seinen
sozialen Werten wenig, wenn er - hierin durchaus volksnah - sei-
nen Stolz darein setzt, alle verständlichen und berechtigten Wün-
sche, die einem kapitalistischen Proleten zu seiner Notlage so
einfallen, zu verwirklichen:
Das Recht auf Arbeit ist der erste und grundlegende Fehler. Denn:
Arbeit ist kein Spaß; bei einer vernünftigen Organisation der ge-
sellschaftlichen Arbeit ginge es um ein möglichst reiches Konsu-
mieren bei Verkürzung der notwendigen Arbeit. Weil aber kapitali-
stische Arbeiter, die vom Arbeitslohn leben, ohne mit einem gesi-
cherten Arbeitsplatz rechnen zu können, sich ihre Notlage als
Mangel an Arbeit(splätzen) verdolmetschen lassen, sehen Realso-
zialisten hier eine Aufgabe. Sie halten die Teilnahme am "Reich
der Notwendigkeit" für ein staatlich zu schützendes Gut und erhe-
ben das Arbeiten glatt zum Recht. So braucht sich die Arbeiter-
klasse auch im realen Sozialismus die bürgerliche Selbstverständ-
lichkeit nicht abzugewöhnen, daß Arbeit ein durch Lohn gekaufter
Dienst an einem übergeordneten Interesse ist. Und so soll die
Pflicht zur Arbeit, weil von den sozialistischen Befreiern der
Arbeit vom Joch des Kapitals organisiert, auch keine Last mehr
sein. Als ob die Verehrung der Arbeiter dasselbe wäre wie die Er-
leichterung der Arbeit und der Genuß ihres Ertrags!
Die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit ist der
zweite Fehler. Es handelt sich dabei um kompensatorische Wünsche
der schlechtesten Art, die ein ausgenutzter Untertan an eine po-
litische Macht hat, der er sowieso gehorcht: Er verlangt gar
nicht, über Aufwand und Ertrag seiner Arbeit selbst zu bestimmen,
und wäre gerne bereit, sich die Beschränkung seiner Ansprüche ge-
fallen zu lassen, wenn nur andere, die viel weniger leisten,
nicht so empörend bessergestellt würden. Auch den Gerechtigkeits-
wahn kapitalistischer Proleten, der sich im Neid austobt und sich
von Asketen an der Staatsspitze allemal beeindrucken läßt, woll-
ten die Staatsgründer der DDR nicht mit den Kapitalisten abschaf-
fen, sondern endlich zum Zuge kommen lassen und, was im Westen
bloßer Wunsch bleiben muß, zur gültigen Staatsgrundlage machen.
Selbst den Wert der persönlichen Freiheit - bis heute die stärk-
ste ideologische Waffe gegen sie - haben die deutschen Soziali-
sten nicht als die Zusammenfassung des kapitalistischen
D ü r f e n s durchschaut. Schließlich ist in einer Wirtschafts-
weise, in der die Versorgung der Leute absolut kein öffentliches
Anliegen ist, jeder f ü r s i c h s e l b e r, für sein Be-
stehen im 'Lebenskampf' der Konkurrenzgesellschaft zuständig; was
da als die Chance daherkommt, etwas aus sich zu machen, ist ein-
zig die Verlaufsform des Z w a n g s zur Anpassung an die fest-
stehenden kapitalistischen Verhältnisse. Aber auch dem Wert
"Entfaltung der Persönlichkeit" fühlten sich die Vertreter des
besseren Deutschland verpflichtet. Soweit sie den notwendigen
Formalismus der Freiheit bemerkten, die Alternativlosigkeit z. B.
der freien Wahl des Arbeitsplatzes bei Krupp oder bei Thyssen,
die dann doch die gleiche Arbeit und den gleichen Lohn bieten,
hielten die DDR-Sozialisten das für ein Defizit an Freiheit und
fanden sie im Kapitalismus n u r f o r m a l verwirklicht. In
ihrem Staat sollte auch die Freiheit der Persönlichkeit erst
wirklich wirklich werden. Sie haben die "f r e i e
E n t f a l t u n g d e r P e r s ö n l i c h k e i t" viel zu
wörtlich genommen und es nicht bei der b ü r g e r l i c h e n
P h r a s e v o n "g l e i c h e n B i l d u n g s c h a n-
c e n f ü r a l l e, G l e i c h b e r e c h t i g u n g
v o n M a n n u n d F r a u, f r e i e m Z u g a n g z u
d e n S c h ä t z e n v o n K u n s t u n d K u l t u r"
belassen. Die mit diesen Rechten ausgestatteten Bürger erhalten
den Auftrag zur "a l l s e i t i g e n E n t w i c k l u n g
d e r F ä h i g k e i t e n u n d T a l e n t e d e r
M e n s c h e n z u m W o h l e d e s e i n z e l n e n
u n d d e r g e s a m t e n G e s e l ls c h a f t" (Egon
Krenz, Vom Sinn unseres Kampfes, in: Einheit 9/10-89).
Als Hilfsmittel für diese ehrenvolle Pflicht ihrer Leute haben
die regierenden Sozialisten ein umfassendes nationales Erzie-
hungswesen eingerichtet, das den sozialistischen Bürger von der
Wiege bis zur Bahre begleitet, ohne daß die allzu materialisti-
sche Frage nach seinem Nutzen bei dieser Veranstaltung erlaubt
ist. Ein Paradies für Volksbildner und auf ihre gesellschaftliche
Bedeutung erpichte Pädagogen!
Es ist kein Wunder, sondern dem Begriff der Freiheit vollständig
entsprechend (und auch im Westen nicht anders geläufig), daß die
positive, nicht bloß formale Verwirklichung der Freiheit die
P f l i c h t z u r M i t v e r a n t w o r t u n g ist.
Die DDR, das andere Deutschland, ist in jeder Hinsicht entschlos-
sen, "es" besser zu machen und das unterstellt eben, daß "es" um
das Gleiche geht wie im Vorgängerstaat und im anderen bleibenden
Vergleichsobjekt, dem anderen, größeren, mächtigeren und reiche-
ren Deutschland westlich der Elbe. Nie wollte die DDR etwas
grundsätzlich anderes machen als die Einlösung dessen, was sie
auch dem Kapitalismus als soziale Aufgaben zuschrieb. Nie hat sie
daher den westlichen Systemvergleich nach dem Muster 'Die DDR
entspricht unseren Vorstellungen nicht, also ist sie verfehlt'
schlichtweg zurückgewiesen. Weder hat sie das Verlogene dieses
Verfahrens kritisiert noch sich selbstbewußt auf den Standpunkt
gestellt, daß es ihr sowieso um g a n z a n d e r e Z i e l e
geht, gewisse Vergleiche also fehl am Platze sind. Sie wollte den
Systemvergleich und sie beruht auf ihm: Die Ideale der bürgerli-
chen französischen Revolution gelten Sozialisten nicht als veral-
tet, sondern als humanistische Menschheitsanliegen überhaupt, um
deren Wirklichkeit der Kapitalismus die Menschen betrogen hat,
denen er sie zugleich versprach. Erst die Abschaffung der Kapita-
listen erlaubte es den DDR-Staatsgründern, die Moral des Kapita-
lismus von der schönen Illusion zum Ordnungsprinzip einer Gesell-
schaft aufzuwerten.
Dies ist i h r Systemvergleich, derjenige, in dem sich die DDR
als Sieger weiß: Welches Deutschland nimmt die g e m e i n-
s a m e n W e r t e ernster und hat die humanistische Ver-
pflichtung konsequenter in die Tat umgesetzt?
Was Kommunisten von diesem edlen Wettstreit halten, tut hier
nichts zur Sache, aber Humanisten können unmöglich bestreiten,
daß die DDR tatsächlich der n a c h m o r a l i s c h e n
A b s i c h t e n bessere deutsche Staat ist.
Den im NATO-Westen beheimateten Humanisten hat dieses Kräftever-
hältnis im Kampf um den Wertehimmel freilich nie schlaflose
Nächte bereitet. Sie fahren ideologische Waffen auf, die die DDR-
Sozialisten gerade mit und vor ihrem moralischen Fanatismus bla-
mieren sollen. Bei diesem Geschäft machen w e s t l i c h e Sy-
stemkundige sich zunutze, daß man "drüben" so scharf auf den
deutsch-deutschen Systemvergleich ist, und deuten mit Vorliebe
auf die Errungenschaften des fix und fertig eingerichteten und
weltweit erfolgreichen Kapitalismus made in Western Germany. Und
nicht zuletzt darauf, daß bei dessen glorreichem Funktionieren
neben viel Reichtum für Staat und Kapital glatt die Lebensnotwen-
digkeiten eines Arbeiterhaushalts im späteren 20. Jahrhundert von
der Waschmaschine bis zum Auto der Golf-Klasse für gewöhnlich
auch noch mit abfallen. Den östlichen Systemvergleich hat man
gerne zurückgewiesen mit dem Spruch vom großen Kuchen, der im We-
sten vielleicht ungerecht verteilt sein mag, aber für die meisten
immer noch größere Stücke bereithält als der gerecht geteilte
kleinere Kuchen. Verkehrte Welt: Den Anhängern der
"materialistischen" Weltanschauung im Osten, die mit ihrer Treue
zu humanistischen Werten angeben, kommt man im westlichen Kapita-
lismus auf dessen Boden die trostlosen Ideale von der ausglei-
chenden Gerechtigkeit blühen, "materialistisch": Letztlich komme
es doch auf die Höhe der Löhne an und nicht auf ihre Gerechtig-
keit - sagen dieselben Leute, die hierzulande bei jeder Gelegen-
heit und überhaupt die Löhne für zu hoch und die westdeutschen
Arbeiter für verwöhnt befinden!
Der Fingerzeig, daß ein florierender Kapitalismus für die Pracht
und Größe der Nation einfach unübertrefflich ist, läßt sich sei-
tens westlicher Moralfreunde zwanglos fortentwickeln zu einer
Deutung des einzig korrekten und menschengemäßen Mischungsver-
hältnisses von "Ideal und Wirklichkeit" schlechthin. Man gesteht
bei Anwendung dieses Musters den DDR-Sozialisten ihre moralisch-
sozialen A b s i c h t e n zu, um dann zu 'beweisen', daß ge-
rade die V e r w i r k l i c h u n g dieser hehren Absichten
zur höchsten Stufe von Unterdrückung und Unmoral führen muß. Der
Beweis geht wiederum per systemvergleicherischem Zeigefinger: Man
deutet darauf, daß die DDR ihre Wirtschaft anders regelt als die
BRD - und dabei in allen vergleichbaren Kenngrößen zurückbleibt;
daß die DDR ihr politisches Leben anders einrichtet als die BRD -
und dabei in allen vergleichbaren Herrschaftstechniken vom Par-
teienpluralismus bis zum Wählen manche Sünde begeht. Noch der be-
scheuertste Demokrat entdeckt in der DDR den Herrschaftszweck,
den er hierzulande vor lauter Begeisterung über die Verfahrens-
weise der Herrschaft übersieht. Wo im Westen noch beim letzten
Barschel so sehr um Glaubwürdigkeit gerungen wird, daß es auf
Glaubwürdigkeit schon gar nicht mehr ankommt, bestehen Politiker
drüben mit aller Gewalt darauf, daß man ihnen glaubt - und das
kann nie und nimmer ehrlich sein, sondern ist für westlich erzo-
gene Demokraten ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
So wird im "freien Teil Deutschlands" geradezu "totalitär" die
Meßlatte des rundum gelungenen deutschen demokratischen Kapita-
lismus angelegt, und schon erweist sich der deutsche Sozialismus
als Inbegriff ökonomischer Fäulnis und politischer Diktatur. Es
ist schon bemerkenswert, mit welchem Grundsatz-Totschläger west-
liche Ideologen den deutsch-deutschen Systemvergleich souverän
für sich entscheiden: Sie b e k e n n e n sich zu dem Zynismus,
daß moralische Werte nichts als der praktisch belanglose Zierat
zu einer ökonomischen und politischen Realität sind, die ganz
anderen Zwecken gehorcht, und befinden den Einsatz des schönen
moralischen Scheins als heuchlerische Technik der Herrschaft für
die einzig korrekte moralische Verfahrensweise!
Logisch, daß bei dieser hundertprozentig BRD-linientreuen Be-
trachtungsweise nur verfälschende Urteile über die politökonomi-
sche Realität des realen Sozialismus in der DDR herauskommen kön-
nen.
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