Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS CUBA - Vom Verbündeten zum Opfer d. SU
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Korrespondenz
"Stadtbürgerliche Hochnäsigkeit"
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"An die MSZ-Redaktion
Betrifft: Zum Reisebericht eurer Genossen aus Nürnberg, "20 Jahre
nach der Revolution - 1 Woche auf Kuba" (in MSZ Nr. 5/81)
Als Ökonom mit 40 Stück Großvieh im Stall hat mir eure Kritik der
kapitalistischen Ökonomie immer sehr gut gefallen. Vor allem der
Ratschlag im Artikel über die Bauern, das Kapital samt seinem
dicken Ertl, dem Bauernverband und der EG in die Walachei zu ja-
gen, damit das Kraut fett wird und die Butter auf dem Brot
bleibt; dieser Ratschlag ist wohl das einzig Senkrechte für mei-
nen 'Vollerwerbsbetrieb', auf dem ich voll zu arbeiten und so gut
wie nichts zu erwerben habe.
Nach der Maisernte habe ich jetzt den Reisebericht eurer Nürnber-
ger Genossen gelesen. Der Artikel strotzt - in einem Punkt zumin-
dest - vor herablassendem Wohlwollen über die Errungenschaften
des kubanischen Sozialismus. Da haben diese Genossen doch
tatsächlich in Havanna ein ausgezeichnetes Erdbeermilchspeiseeis
geschleckt. Und Theoretiker wie sie sind, gehen sie der Sache auf
den Grund und stoßen auf die 'Erklärung' in der kubanischen Par-
teizeitung. Wenn man ihnen Glauben schenken darf, dann sei laut
'Granma' eine 'milchintensive Holsteinkuh mit einer kubanischen
Wildkuh' in einer Versuchsanstalt gekreuzt worden. Die Resultate
dieser Kreuzung stünden nun in Form von Milcheis, Butter und
Joghurt reichlich zur Verfügung. Wie konnte es dazu kommen? So
was in Kuba! Und die Genossen werden fündig: 'Natürlich hat Fidel
die Versuchsanstalt persönlich besucht, mehrmals, sonst wäre es
sicher nichts geworden. Immerhin hat es über 10 Jahre gedauert,
was uns etwas lang erscheint.'
Das nenne ich eine Denunziation der Errungenschaften des kubani-
schen Sozialismus. Das ist stadtbürgerliche Hochnäsigkeit und
überhaupt ein ziemlich dummes Urteil. Wo war denn euer Agrarex-
perte, als dieser Artikel die Zensur durchlief? Oder gibt's bei
euch keine Zensur? Wenn nicht, müßt ihr das schleunigst einfüh-
ren.
Man stelle sich vor, da wird eine wilde Kuh (?) mit einer Hol-
steinkuh (?) gekreuzt und nach 10 Jahren schon stehen so viele
Nachkömmlinge im Tropengras, daß ganz Havanna mit Milch, Butter
und Eis versorgt werden kann. Die Genossen aus Nürnberg hätten's
gern schneller. Mir erscheint umgekehrt die Kürze dieses Zeit-
raums als ein neues und nahezu als das größte Wunder der kubani-
schen Revolution. Meine Kühe brauchen immerhin 2 1/2 - 3 Jahre,
bis sie das erste Mal kalben und mehr als ein Kalb pro Jahr ist
kaum drin. Daß die Rindviecher in den Tropen schneller wachsen
und werfen, habe ich auch noch nicht gehört. Wenn Havanna also
bereits nach 10 Jahren von dieser Kreuzungsrasse mit Milchproduk-
ten versorgt wird, dann kann ich mir das nur so erklären, daß der
Fidel persönlich seine Hand (?) mit angelegt und im Spiel hatte.
Warum sollte sich Fidel auch nicht um die Rindviecher kümmern?
Ich hab da nichts dagegen.
(Vom Ertl z.B. kann man das nicht behaupten. Der schwingt die
Sense nur für sein Stimmvieh. Und wenn der seinen Arsch in Brüs-
sel wetzt, dann ist sicher, daß wieder einige Bauern dran glauben
müssen.)
Wenn Fidel und seine Kubaner innerhalb von 10 Jahren die
'Produktivkräfte' derart erfolgreich entfaltet haben, dann ist es
ihr gutes Recht, darauf stolz zu sein und meine Hochachtung haben
sie.
Mit Grüßen auch an die Nürnberger Stadtgenossen, J. M."
Lieber J.M.,
wir wollen dir als Ökonomen nicht mit unseren ökonomischen Kennt-
nissen kommen, zumal sich dein Einwand auf einen zwar lebendigen,
aber etwas marginalen Aspekt der Produktivkraftentfaltung durch
die cubanische Revolution bezieht. Zur Austragung deiner Diffe-
renzen mit den Nürnberger Stadtgenossen schlagen wir einen Lokal-
termin auf deinem Vollerwerbsbetrieb vor. Eine etwaige Einladung
leiten wir gerne ins Fränkische weiter. Ansonsten ist dein Brief
gerecht. Weiter gute Ernte bei der MSZ-Lektüre wünschen
Die Stadtgenossen von der MSZ-Redaktion
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