Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS CUBA - Vom Verbündeten zum Opfer d. SU

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       Cuba
       

RAFFINIERT, DER CASTRO!

Gegen Cuba zu hetzen, ist auch nicht mehr das Wahre. Da wurde in den Zeitungen nun jahrelang breitgetreten, daß es auch mit dem caribischen Sozialismus nicht weit her ist, daß es sich um einen sowjetischen Satelliten handelt, daß man mit Zucker keine Wirt- schaft aufbauen kann, daß trotz einiger sozialer Errungenschaften das wichtigste Gut der Menschheit, die Freiheit, schwer abwesend ist, daß die Cubaner wohl spinnen mit ihren Expeditionskorps, denn sowas steht nur einer Großmacht zu - aber wen soll man denn noch groß überzeugen, wer soll vor schwärmerischer Nachahmung noch gewarnt werden? Die Weltlage ist klar: die Cubaner spielen ihre bescheidene Rolle an der Seite der UdSSR; die Amerikaner haben sich zu einer "vorsichtigen Annäherung" entschlossen und gleichzeitig klarge- macht, daß sie der Insel jederzeit auch noch viel näher treten können und es auch tun werden, wenn es ihnen paßt - und für die deutsche Linke ist die Weltlage eh uninteressant, außer es geht um Poona, weil beschlossen ist, daß alles Heil im Inneren des Menschen zu finden ist bzw. daß man sich vorrangig darum und nicht um irgendwelche s o z i a l i s t i s c h e n M o d e l- l e zu kümmern hat. Mitten in dieser ideologisch und weltpolitisch abgeklärten Situa- tion gehen nun 10.000 Cubaner her, besetzen das Gelände der pe- ruanischen Botschaft, wollen dringend ausreisen - und der Castro läßt sie! Nicht genug damit: er stellt ihnen auch noch Latrinen, ein Lazarett und eine Feldküche hin und bietet ihnen an, sich's zu Hause gemütlich zu machen, bis das Visum ins gelobte Florida soweit wäre. Das wär doch mal was gewesen, wenn er seine Soldaten hätte auf- ziehen und die Botschaft stürmen lassen - aber nein: gelassen teilt er mit, daß es ihm ganz recht sei, wenn diese Zeitgenossen aus Cuba verschwinden. Mit heimlicher Bewunderung betrachtet die Presse dieses staatsmännische Verhalten, sich unbequeme innere Opposition, womöglich propagandistisch angenehm ausschlachtbare Dissidenten vom Hals zu schaffen, und kommt nicht um eine leise Distanzierung von den Flüchtlingen herum: ist nicht vielleicht ein unverhältnismäßig hoher Prozentsatz an "kriminellen Elemen- ten" unter ihnen (keinesfalls natürlich "der größere Teil"), han- delt es sich nicht vielleicht um die Ergebnisse der kürzlich ver- ordneten Amnestie, die 20.000 aus den Gefängnissen entließ und wo man ausnahmsweise mit dem Attribut "politisch" sehr vorsichtig sein muß? Im Unterschied zu den Vietnam-Flüchtlingen, wo sogar extra Schiffe zum Halbe-Leichen-Fischen ausgerüstet wurden und die Nachrichtensendungen beleidigt mitteilten, daß die Franzosen ge- schickter in den dortigen Gewässern sich eingenistet, folglich auch eine bedeutend höhere Fangquote zu vermelden hatten, sind die Begeisterung bei den Cuba-Flüchtlingen und der herzliche Willkommensgruß sehr gedämpft. Die öffentliche Begutachtung kommt an der Tatsache nicht vorbei, daß es an Castro in der Ausreise- frage nichts zu kritisieren gibt und muß sich insgeheim eingeste- hen, daß die Flüchtlinge hauptsächlich ein Problem sind: man will sie nicht haben - nicht nur, weil sie eh ein unzuverlässiges Ge- sockse sind, sondern weil sich auch keine anständige Demonstra- tion aus ihnen machen läßt. Castro stochert in diesem wunden Punkt auch noch ausgiebig herum: er lädt die Exil-Cubaner nach Havanna ein, sahnt kräftig ihre US-Dollars ab, läßt sie offen als Lockvögel auf den Straßen herumspazieren, droht damit, die Wachen vor der peruanischen Botschaft abzuziehen, auf daß noch mehr Aus- wanderungswillige dorthin strömen (um Gottes Willen!) - peinlich, peinlich. Der einzig vernünftige Vorwurf dieser Politik gegen- über, nämlich daß es nun wirklich nicht für die cubanischen Machthaber spricht, daß sie es in den langen Jahren ihrer Herr- schaft nicht einmal geschafft haben, die Massen davon zu überzeu- gen, daß sie es - bei aller Armut in Cuba - in den USA oder sonstwo bestimmt nicht besser haben werden, dieser Vorwurf kann einem bürgerlichen Journalisten natürlich nicht in den Sinn kom- men, und so bleibt nur die Feststellung, daß man an dem momenta- nen Verhalten Castros nichts aussetzen kann. Auch wenn es einem stinkt. Doch immerhin: es handelt sich um Flüchtlinge aus einem soziali- stischen Land, ihren propagandistischen - Nährwert einfach so verkommen zu lassen, geht ja nun auch nicht. Entsprechend den Um- ständen können allerdings nur ziemlich matte Angriffe herauskom- men, die schließlich in einer allgemeinen philosophischen Abur- teilung des Sozialismus enden. Die SPIEGEL-Redaktionskonferenz beauftragte also einen der ihren mit einer Titelgeschichte, und der arme Kerl muß sich daran machen, aus den alten SPIEGEL-Arti- keln einen Kompreß zu schreiben. Was bleibt ihm anderes übrig, als zunächst einmal die ganze Sache ein bißchen aufzubauschen. Erstens einmal die qualvolle Enge, das verzweifelte Hoffen - daß das nun wirklich nichts Außergewöhnliches ist auf der Welt, kann hier ja ganz egal sein. Minutiöse Schilderung, wie die Massen erst tröpfchenweise, dann in Scharen auf das Botschaftsgelände strömen, um schließlich 10.000 zu sein - wieviele da jährlich aus der BRD auswandern, ist angesichts dessen ebenfalls ganz uninter- essant. Die ganze Wucht der Argumentation ballt sich schließlich dahin zusammen, daß Castro zwar ein eigentlich ganz vernünftiger Staatsmann sei, daß man aber andererseits das Flüchtlings-Symptom als Ausdruck dessen zu nehmen hat, daß im Sozialismus eben keine Staatskunst möglich sei. Er muß notwendig scheitern, ist die im- mergleiche Aussage: - Zwar hat Castro sich schon früher gegen den Erzfeind der men- schlichen Natur, die Planung, ausgesprochen, aber sein soziali- stisches System hat sie ihm schließlich, spätestens in Gestalt der SU, aufgezwungen und zugleich bewiesen, daß sie nicht geht; - zwar ist auch Castro dem hehren Ziel verpflichtet, einen "neuen Menschen" herzustellen, der mit zunehmender Entsagung immer glücklicher wird: "Es handelt sich nicht darum, wieviele Kilogramm Fleisch jemand ißt, nicht darum, wie oft man an den Strand baden gehen kann, und auch nicht um die importierten Annehmlichkeiten, die man mit sei- nem Lohn kaufen kann. Es handelt sich um ein Individuum, das sich vollkommener, innerlich reicher und viel verantwortlicher fühlt" (Che Guevara), aber das glatte Gegenteil hat er zustande gebracht, nämlich mas- senhaft Cubaner, die möglichst viel vom Reichtum des Westens kon- sumieren wollen; letzterer wird ihnen nun demonstrieren müssen, wie man ganz "alter Mensch" bleiben kann und trotzdem nicht in Saus und Braus lebt, ohne daß deswegen jemand auf die Idee kommt, in den Sozialismus auszuwandern. Die schönste, wenn auch in ihrer Zuspitzung schon wieder lächer- liche Verdammung des Sozialismus, die sich aus der gegenwärtigen Affäre destillieren läßt, ist schließlich die Entdeckung eines "Urinstinkts", der jedermann im planwirtschaftlichen System über- fällt, nämlich der "Urinstinkt, aus diesem System zu fliehen" (Südd. Zeitung). Die letzte, abstrakteste und zugleich platteste Ideologie heißt also: der Kapitalismus entspricht der Menschenna- tur, der Sozialismus nicht. Aber was nützt das Ganze, wenn der Castro so raffiniert ist. Sou- verän gibt er dieser "Wahrheit" recht - um seinen Sozialismus aufrecht zu erhalten. Die Last haben die anderen: wohin soll man jetzt, verdammt noch mal, die 10.000 Flüchtlinge tun? zurück