Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS CSFR - Ein weiterer Dominostein...
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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Vaclav Havel
PREIS DER MACHT
Gegen Dummheit hilft kein Ausreiseverbot. Deshalb wurde uns die
Rede des Preisträgers leider nicht erspart. Ein Schauspieler hat
Havels "Wort zum Wort" einem andächtig zuhörenden und beifällig
nickenden Publikum vorgetragen. Weder der breitgetretene Schwach-
sinn noch die Holprigkeit der vielen Worte zum Wort bewegte auch
nur einen Zuhörer zur Andeutung einer Mißfallenskundgebung. Dabei
glaubte wohl keiner der Anwesenden länger als diese Feierstunde
lang auch nur ein Wort über die beschworene Macht des Wortes:
"Ich lebe wirklich in einem Land, in dem ein Schriftstellerkon-
greß oder eine dort gehaltene Rede das System erschüttern kann,
wo das Wort alle Machtapparate erschüttern kann, wo das Wort
stärker sein kann als zehn Divisionen..., wo das Wort Solidarität
imstande war, einen ganzen Machtblock zu erschüttern."
Den in Frankfurt versammelten Machtapparat - an seiner Spitze der
Bundeskanzler - haben diese uralten dichterischen Machtphantasien
tatsächlich erschüttert. Dazu brauchte keiner im Saal daran den-
ken, daß die "Solidarität" kein Schriftstellerkongreß - ge-
schweige denn bloß ein Wort - war, sondern eine Streikbewegung,
die der Not gehorchte und nicht der gehaltenen oder nicht gehal-
tenen Rede eines Dissidenten. Dafür reichten schon ihre Sympathie
für die Erschütterung des feindlichen Machtapparats und die Ge-
wißheit, daß ihre "Standfestigkeit" in Sachen Kredit den pol-
nischen Staat viel mehr in Not gebracht hat als Streiks und gute
Worte. Deshalb durfte der Redner sein Garn auch ins Gegenteil
fortspinnen, das war er sich als Dichter schuldig. Ohne knackige
Paradoxien wäre für ihn alles Reden umsonst:
"Das Wort ist eine geheimnisvolle, vieldeutige, armbivalente,
verräterische Erscheinung. Es kann ein Lichtstrahl im Reich der
Finsternis sein.., doch es kann auch ein todbringender Pfeil
sein."
Am Beispiel des Wortes "Frieden" verrät er uns - vieldeutig und
ambivalent zugleich - das tiefe Geheimnis dieser Erscheinung:
"Vierzig Jahre lang bin ich so, wie alle meine Mitbürger, zur
Allergie gegen jenes schöne Wort erzogen worden, weil ich weiß,
was vierzig Jahre bedeuten: mächtige und immer mächtigere Armeen
als angebliche Garanten des Friedens."
Daß er diese Allergie nicht hat gegen die "größte und wirksamste
Friedensbewegung" (wie ein ehrlicher deutscher Kriegs-, ach was!,
Verteidigungsminister die NATO zu nennen beliebte), genau das
ehrt den Preisträger. Daß er im Lob der Macht des Wortes so un-
verhohlen der wirklichen Macht huldigt, die dem System drüben
wirklich zu schaffen macht und alles dran setzt, seine Auflösung
herbeizuführen, das macht's, daß der Mann jeden Unsinn erzählen
darf und dafür Geld, Medienaufmerksamkeit und den Beifall der
Mächtigen bekommt.
Und als wär's damit nicht genug: Artig macht der Freiheitskämpfer
seinen Diener vor denen, denen er seinen Preis verdankt. Wie es
sich gehört, preist er die Verleiher für ihre Verdienste:
"Sie leben in einem Land, in dem es eine große Freiheit des Wor-
tes gibt. Diese Freiheit kann jeder zu allem möglichen nutzen,
ohne daß die übrigen das unausweichlich beachten oder sich gar
damit befassen müßten."
Das haben wir gern: Erst angeben wie eine Steige voller Affen und
dann ausplaudern, wie bescheiden die Ansprüche eines professio-
nellen Geistesriesen an die große Freiheit des Wortes sind: Für
mehr als das: daß die Mächtigen ihn seinen Unsinn waffeln
l a s s e n - ohne sich damit befassen oder gar danach richten zu
müssen -, will er nicht kämpfen wollen. Immerhin: Die Geistesver-
fassung demokratischer Intellektueller mitsamt dem Geheimnis der
Meinungsfreiheit hat er damit auf den Kopf getroffen.
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