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Internationale Heimatkunde: Albanien
SKIPETARISCHER MARXISMUS-LENINISMUS
Die SOZIALISTISCHE VOLKSREPUBLIK ALBANIEN hat den Vorsitzenden
der Kommunistischen Partei des Landes Enver Hoxha verloren. In
korrekter Einschätzung der internationalen Staatenwelt, bzw. von
Verhältnissen zwischen den Staaten, angesichts derer die albani-
schen Kommunisten sich für die weltweite "Selbstisolation" ent-
schieden haben, schickten sie Beileidstelegramme zurück und lie-
ßen keine "Trauergäste" ins Land. Wieder ein Beleg dafür, daß in
Tirana Leute das Sagen haben, denen alle politischen Sitten und
Gebräuche abgehen.
Statt eines Nachrufs auf den genossen Enver Hoxha haben wir uns
für den Wiederabdruck des Artikels über das sozialistische Alba-
nien aus MSZ Nr. 1/1982 entschieden. Lediglich die Einleitung
wurde dem Anlaß entsprechend aktualisiert. Ansonsten bot die Po-
litik der albanischen Kommunisten keinen Anlaß für hinzuzufügende
Argumente oder die Revision bestimmter Urteile. (MSZ Redaktion)
Was ein exotisches Land über die Normalität der Weltpolitik lehrt
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Für die Nachrufschreiber im "Spiegel" (16/1985) bietet der Tod
des "Diktators von Tirana" die Gelegenheit, endlich wieder einmal
über einen Staatsmann ohne jedes Wenn und Aber herzuziehen. Hoxha
war schon "in seiner Jugend" als Student "skrupellos" genug, mit
einem "Stipendium s e i n e s Königs" nach Frankreich zu gehen
und dort im KP-Blatt gegen das heimatliche Feudalregime zu het-
zen. 1944 "ernannte er sich s e l b s t" zum Premier und brach
mit Tito, nur um den "rückständigen Hinterhof Europas zum
e i g e n e n S t a a t ausbauen zu dürfen". Er überwarf sich
mit Chruschtschow, um "die S c h u l d e n von 200 Mio. Dollar
nicht zurückzuzahlen", und auch der Tod Maos kam "dem gewieften
Albaner höchst gelegen", um "mit Peking" zu brechen. Hoxhas
m a n i s c h e Furcht vor fremden Einflüssen" ging sogar so-
weit, "daß Albanien als einziges europäisches Land die KSZE-Akte
n i c h t unterschrieb". Mit einem Wort: Hoxha "stand für einen
Kommunismus, den es anderswo nirgends mehr gibt". Das Ableben
dieses Politikers, der sein Land weder von Ost noch von West als
politischen Verbündeten oder als militär-strategische Basis
benützen ließ, führt deshalb auch nicht zu der Frage, die westli-
che Journalisten noch bei jedem Putsch in Afrika zu Hoffnung und
Enttäuschung bewegt: Was bedeutet diese politische Veränderung
für "uns", für die Demokratie, für den Westen und für das
"Gleichgewicht der Kräfte". Zwar mag sich schon einmal ein
"Spiegel"-Korrespondent am Nachweis versuchen, daß auch in Alba-
nien der Kommunismus seine unmenschlichen Züge zeigt und die Al-
baner für die "rigide Selbstisolation" ihrer "stalinistischen"
Führer "mit Schweiß und Konsumverzicht bezahlen müssen". Aber ein
richtiger Fetzer wird so eine Reportage über "das einzige Land,
das jegliche Religionsausübung verbot", nicht: Was soll schon die
Nachricht, daß auch in dieser Weltecke der Kommunismus ein Ver-
brechen ist, wenn ihr die aktuelle Wucht, die aus dem Glauben je-
des braven Demokraten eine politische Anklage macht, fehlt, der
Nachweis nämlich, daß dahinter die Russen stecken.
Hüter der Weltrevolution - Gegner der Weltpolitik
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Das Urteil über Albanien, hoffnungslos rückständig und isolatio-
nistisch zu sein, rührt also daher, daß dieses Land der letzte
Überrest einer politischen Periode ist, in der es n o c h
n i c h t für alle Nationen e n t s c h i e d e n war, daß ihre
Interessen nur im Einordnen und Unterwerfen unter den Ost-West-
Konflikt bestehen. Heute ist eben nichts anachronistischer, als
die Ideale von staatlicher Souveränität und nationaler Selbstän-
digkeit, mit denen überall Politik gemacht wird, als Außenpolitik
realisieren zu wollen - und nichts weltfremder als der Anspruch
der Kommunistischen Partei Albaniens (PAA), sich im Verhältnis zu
anderen Staaten nur vom "Vertrauen in die eigenen Kräfte" leiten
zu lassen.
"Die Sozialistische Volksrepublik Albanien hält an dem Prinzip
fest, daß jedes Volk das Recht hat, seinen eigenen Entwicklungs-
weg zu wählen und selbst auf souveräne Weise über sein Schicksal
zu entscheiden.
Das sozialistische Albanien als völlig freies Land sagt offen,
was es denkt, ohne Vorbehalt und mit voller Aufrichtigkeit. Es
verfolgt eine souveräne Außenpolitik, denn es hat sich weder po-
litischen Pakten noch Militärverträgen, noch abgeschlossenen
Wirtschaftsorganisationen verschrieben. Es gründet seine wirt-
schaftliche und politische Entwicklung, seine Verteidigung und
seine Zukunft weder auf Kredite und Anleihen noch auf die Hilfe
von anderen Staaten, sondern auf die eigenen Kräfte." (I, 223)
Albanien hat sich im Lauf seiner Geschichte zu diesem Standpunkt
hingearbeitet, nachdem seine Bündnisse mit der UdSSR und China in
die Brüche gegangen sind und Enver Hoxha erfahren mußte, daß die
russische und chinesische Politik keineswegs dem weltweiten Sieg
einer Lehre, der des Marxismus-Leninismus, zum Durchbruch verhel-
fen wollte und deswegen als "revisionistisches Renegatentum" die
"Völker der Welt" nicht weniger bedrohe als der amerikanische Im-
perialismus. Aus der Lehre, daß es der russischen und chinesi-
schen Politik nur b e d i n g t auf die Unterstützung Albaniens
ankam, weil sich auch dort das staatliche Handeln nach machtpoli-
tischen Ansprüchen und nicht nach der Reinheit einer Lehre rich-
tet, die allenfalls die Politik legitimatorisch begleitet, hat
Hoxha die Konsequenz gezogen, daß diese Länder abgefallen sind
und nur noch Albanien als Hüter der Weltrevolution übrig bleibt.
Hoxha, der selbst in den besten Freundschaftstagen in Moskau und
Peking als notorischer Querulant galt, weil er als theoretischer
Lehrmeister auftrat, hat sich starr einer Einsicht verweigert,
die heute jeder andere Staatsmann, der in Afrika oder Asien
sitzt, beherzigt. Die stolze Rolle des Mitbeteiligten am Weltge-
schehen verlangt, sich zum bedingungslosen Mittel dafür zu machen
- eine Einsicht, die nicht schwer zu haben ist, denn Blut und
Elend dieser Beteiligung trägt die Bevölkerung.
Im Vertrauen auf die Lehren des Marxismus-Leninismus ist Albanien
zum Gegner der gesamten Weltpolitik geworden, und daß sich dieses
Land isoliert behauptet, ist der schlagende Beweis, daß der Sieg
der Weltrevolution nicht aufzuhalten ist.
"Und die Erfahrung Albaniens zeigt, daß auch ein kleines Land mit
einer rückständigen materiell-technischen Basis eine überaus zü-
gige und allseitige wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung
erreichen kann, seine Unabhängigkeit sichern und die Angriffe des
Weltkapitalismus und Weltimperialismus bewältigen kann, wenn es
von einer wahrhaft marxistisch-leninistischen Partei geführt
wird, wenn es entschlossen ist, bis zuletzt für seine Ideale zu
kämpfen, und wenn es die Gewißheit hat, diese Ideale auch ver-
wirklichen zu können." (I, 10)
Diese Erfahrung ist allerdings eine gewaltige Aufschneiderei:
Ohne die Existenz des Ostblocks, dessen Herren gegenüber die al-
banischen Politiker einen Haß an den Tag legen wie ihn nur ein
Glaubensstreit um die rechte Lehre erzeugen kann, wäre auch diese
balkanische Insel der Weltrevolution schon längst beseitigt. Daß
es Albanien in seiner jetzigen Staatsform noch gibt, hängt auch
ohne den Ostblock mehr vom nur bedingten Willen des Westens, an
dieser Stelle Fronten zu begradigen, als von der entschlossenen
Kampfkraft einer Partei ab.
Da diese Ideale albanische Realität sind, sind sie auch noch
heute die richtigen Maßstäbe für die Einschätzung aller politi-
schen Ereignisse auf der Welt und in einer erfrischenden, weil
von keinem anderen revisionistischen Politiker mehr praktizierten
Direktheit wird der Glaube an den Sieg des Kommunismus, den Sieg
der Arbeiterklasse und aller unterdrückten Völker zum Gradmesser
der Beurteilung, nach der die Führer der PAA die Weltlage hoff-
nungsvoll, aber mit einem Haß auf Imperialismus und Bourgeoisie,
der Ostblockvertretern schon längst abhanden gekommen ist, begut-
achten. Der Sieg des Kommunismus schreitet unaufhaltsam voran -
gesetzmäßig und tatsächlich:
"Der Kampf der Völker und des Proletariats gegen ihre Feinde wird
vorwärtsschreiten. Er ist ein objektiver historischer Prozeß und
es gibt keine Macht, die ihn aufhalten kann." (I, 222)
"Das nationale und revolutionäre Bewußtsein ist überall gewach-
sen. Das zeigt sich auch klar an der Verbreiterung der Bewegung
der verschiedenen Länder und Kräfte, die für die Errichtung der
nationalen Souveränität über die eigenen Reichtümer, für die Neu-
bewertung der Rohstoffe und Energiequellen, für den gleichberech-
tigten Austausch im Welthandel zum gegenseitigen Vorteil, für die
Änderung des vom Imperialismus errichteten Weltwährungssystems,
für die Einschränkung und Beseitigung der monopolistischen Wirt-
schaftsmacht der multinationalen Gesellschaften usw. kämpfen."
(I, 215 f.)
Da der Nationalstolz und der Glaube an den Kommunismus in der So-
zialistischen Volksrepublik zusammenfallen, haben die albanischen
Politiker keine Mühe, jede Schlächterei in der "Dritten Welt", in
der unter dem Titel: Kampf für nationale Unabhängigkeit ganze
Völker niedergemacht werden, damit irgendwelche Figuren ins Ram-
penlicht imperialistischer Berücksichtigung rücken können, auf
der Erfolgsseite der Welttendenz abzubuchen, genausowenig, wie
sie die Einseitigkeit, nach der der Streit um den Welthandel aus-
getragen wird, bekümmert.
Die Hauptfeinde in der Dauerkrise
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Gegen die weltweite Revolution stehen die S u p e r m ä c h t e.
Der amerikanische Imperialismus, der russische Sozialimperialis-
mus und der chinesische Hegemonismus sind die Hauptfeinde der
Menschheit. Auch dieses Urteil ist nicht an dem interessiert, was
diese Mächte auf der Welt anrichten, und genausowenig an einem
Unterschied zwischen ihnen, der ja immerhin einen Weltkrieg auf
die Tagesordnung setzt. Daß Albanien das Urteil der Völker voll-
streckt und g l e i c h e r m a ß e n gegen alle drei Mächte
steht - wobei im Falle Chinas und Rußlands die eigene Enttäu-
schung als besondere Perfidie dieser Staaten ausgemalt wird -
reicht aus, um China, das sich gerade zu einem normalen Entwick-
lungsland des Westens hinentwickelt, zur dritten blutrünstigen
Weltmacht zu erklären. Sie knechten die Völker der Welt - also
sind sie schlecht, und umgekehrt, die unterdrückten Völker sind
gut, weil geknechtet:
"Die Interessen der Supermächte und der Völker stimmen zu keiner
Zeit und in keinem Augenblick überein; sie haben nichts gemein-
sam. Die Existenz des Imperialismus setzt die Versklavung der
Völker voraus; die Befreiung der Völker setzt die Zerschlagung
des Imperialismus voraus." (I, 188)
So läßt die Hoffnung auf diese Weltrevolution Hoxha glatt überse-
hen, daß die vom Imperialismus benützten Staaten einen grundle-
genden Unterschied zum sozialistischen Albanien aufweisen: Sie
richten sich auf die Benützung durch die Weltmächte ein - und
das, nicht der Kampf gegen den Imperialismus, kostet Millionen
Menschen das Leben. Albanische Politiker sehen in allen militäri-
schen, politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen, die
immer nur einen Gewinner haben, das glatte Gegenteil am Werk, die
Fäulnis und den Zusammenbruch der Supermächte unter den Schlägen,
die Nationen, Völker und die Arbeiter aller Welt diesen verset-
zen. Daß ein Weltkrieg ansteht und vorbereitet wird, ist dabei
der schlagendste Beweis, daß die Supermächte ohnmächtig von ihrer
schlimmsten Krise geschüttelt werden.
"Die Zuspitzung der internationalen Lage und die Erhöhung der
Kriegsgefahr werden noch krasser aufgrund der schweren wirt-
schaftlichen, politischen und ideologischen Krise, die heutzutage
die kapitalistische und revisionistische Welt ergriffen hat." (I,
202) "Der amerikanische Imperialismus und der sowjetische Sozia-
limperialismus unternehmen große Anstrengungen, um als unbesieg-
bare Supermächte zu gelten. Zwar verfügen sie über ein großes Mi-
litär und Wirtschaftspotentaal, mischen sich in die inneren Ange-
legenheiten anderer Völker und Staaten ein und beeinflussen sie,
doch Waffen zu haben, über Dollars und Rubel zu verfügen, heißt
noch nicht, unbesiegbare Macht zu haben. Die imperialistischen
Supermächte müssen als das betrachtet werden, was sie wirklich
sind, ohne sie zu unterschätzen, aber auch nicht zu überschätzen.
Sie sind mächtig und wild, aber sie sind auch in Fäulnis begrif-
fen, sind zerfressen und entartet; ihre Grundlagen sind erschüt-
tert," (I, 221)
Die sympathische Seite dieser Weltbetrachtung besteht darin, daß
Hoxha im Namen der Weltrevolution ausnahmslos allem, was im Namen
der Politik auf der Welt außerhalb Albaniens angestellt wird, mit
feindseliger Ablehnung und glühendem Haß gegenübertritt. Aber im
Namen einer Lehre vorgetragen, an der alles, was in der Welt pas-
siert, gemessen wird und die so nur zum Belegesammeln und Entlar-
ven taugt, gehen die Erklärungen, mit denen die Stellungnahmen
gegen alles und jeden vorgetragen werden, immer haarscharf an der
Realität vorbei. Zwar ist die islamische Revolution im Iran ein
religiöser Betrug an den Massen, aber im gleichen Atemzug ein
"heldenhafter Kampf" dieser Massen, der
"den Schah und sein mittelalterliches Regime mit eisernem Besen
hinwegfegte und seine amerikanischen Herren davonjagte." (I, 1q9)
Was das eine mit dem anderen zu tun hat, spielt keine Rolle, wenn
der Glaube an die Aufgabe der Massen für die W i r k l i c h-
k e i t einsteht und die Schilderung der Realität ein Beleg für
die Notwendigkeit dieses Kampfes ist.
Erfrischende Wahrheiten
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Albanische Politiker, die in der Betrachtung der Weltpolitik den
Beweis ihrer Lehre finden - und für die das durchaus nicht als
unpraktisch gilt, diese Lehre ist ja die Tendenz, nach der sich
die wirkliche Welt richtet - kommen daher zu Urteilen über poli-
tische Ereignisse, in denen Fakten noch benannt werden, die sonst
nur noch durch Lügen ersetzt werden. Wer sagt schon, daß das Ge-
schäft des Kapitals Polen ausblutet und daß der Westhandel der
Ruin dieses Landes ist, außer Hoxha und der MSZ.
"Das sind die Ergebnisse der von der polnischen Revisionistenpar-
tei verfolgten Linie zur Wiederherstellung des Kapitalismus, die
folgen der allseitigen Unterwerfung des Landes gegenüber der So-
wjetunion; das liegt daran, daß dem westlichen Kapital Tür und
Tor geöffnet wurde; das sind die folgen der Schulden Polens, die
sich auf die kolossale Summe von 27 Milliarden Dollar belaufen."
(I, 211)
Und die "Solidarnosc", die von hiesigen Linken wie von allen Po-
litikern als Vorkämpfer von Freiheit, Demokratie und wahrem So-
zialismus gefeiert wird, muß sich folgendes Urteil gefallen las-
sen - an dem wir kaum etwas auszusetzen haben:
"Im Falle der 'Solidarnosc' wird die Arbeiterklasse von der ka-
tholischen Kirche, der polnischen Reaktion und der Weltreaktion
manipuliert und geleitet, die dafür kämpfen, auf einem Weg voll
Gefahren und tragischer Überraschungen ein anderes revisionisti-
sches, kapitalistisches System zu errichten."
Ungerührt um die eigene Einschätzung, was sich polnische Arbeiter
leisten, die sich zum Opfer ihres Nationalismus und der Hl. Mut-
tergottes machen, empfiehlt Hoxha dieselben Arbeiter, als ob sie
plötzlich mit Solidarnosc gar nichts im Sinn hätten, der Obhut
einer marxistisch-leninistischen Partei wenn sie's gäbe:
"Andersherum, wenn der subjektive Faktor eine wirklich kommuni-
stische marxistisch-leninistische Partei wäre, würde die pol-
nische Arbeiterklasse eine proletarische Revolution durchführen
und die Diktatur des Proletariats errichten." (I, 212)
Eines kann man den Führern Albaniens nicht vorwerfen, nämlich daß
sie aus irgendeiner parteilichen Hoffnung politische Ereignisse
und deren Macher in der Welt anders als durchaus a b l e h-
n e n d behandeln würden. Um so h o f f n u n g s v o l l e r
beweisen ihnen die verdammten Machenschaften die Existenz der
revolutionären Kräfte, die, weil alle Taten der Supermächte nur
Reaktion auf sie sind, die Weltlage bestimmen. Die albanischen
Genossen sind gegen alles und die Verdammung des amerikanischen
Imperialismus ("Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als er an
die Spitze der imperialistischen Mächte trat... hat der
amerikanische Imperialismus das Blut der Völker in Strömen
vergossen."), des sowjetischen Sozialimperialismus ("Der
Chrustschowrevisionismus verwandelte sich allmählich in eine
Ideologie der neuen imperialistischen Supermacht, die Expansion,
Aggression und Kriege zur Errichtung der Weltherrschaft
rechtfertigt und verteidigt,"), läßt sie die wenig gemütlichen
Absichten der EG keineswegs übersehen. Am Ostblock, China und den
Eurokommunisten haben sie den Abfall von den Zielen des Kommunis-
mus ohne jeden taktischen Unterschied zu kritisieren, wobei ihnen
eine treffende Charakterisierung der einst unter Linken hochge-
schätztein MaoTse-Tung-Ideen gelingt:
"Der chinesische Revisionismus ist eine opportunistische Strömung
in der kommunistischen Weltbewegung, und die Mao-Tsetung-Ideen,
seine Grundlage, sind eine Ideologie mit archaischen Zügen, ein
Amalgam aus alten chinesischen Theorien... und neuen, völlig un-
zusammenlnängenden paraphrasierten Theorien, überpinselt mit mar-
xistischer Phraseologie." (I, 283)
Die chinesische Theorie von der "Dritten Welt" beweist ihnen
schlagend die hegemonialen Absichten Chinas, wie sie auch die
Blockfreiheit und ihre Vertreter, allen voran Jugoslawien, als
Betrugsmanöver und Betrüger kennzeichnen:
"Dazu ist auch die Bewegung der 'Blockfreien' zu rechnen. Ihre
Grundlage sind die Predigten gewesen, sich nicht an den politi-
schen und militärischen Blöcken zu beteiligen und die Interessen
der wirtschaftlich unterentwickelten Länder vor der Politik der
Supermächte zu verteidigen, Doch jetzt, da die Rivalität zwischen
den Supermächten gewachsen ist... zeigt sich klar, daß ein großer
Teil der 'blockfreien' Länder dabei ist, sich mit der einen oder
anderen Supermacht zu vereinigen." (I, 218)
Die Klage der Länder der "Dritten Welt" über mangelnde Entwick-
lungshilfe und die Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsord-
nung kontern sie mit dem Hinweis auf die gegensätzlichen Zwecke
der Partner dieser Ordnung:
"Doch die Jahre gehen ins Land und nichts wird realisiert, weil
die Imperialisten und Neokolonialisten nicht auf ihre Privilegien
und ihre dominierenden Positionen verzichten. Was bleibt, sind
fruchtlose Resolutionen der verschiedenen Tagungen und die Be-
schlüsse, neue Tagungen abzuhalten." (I. 219)
Auch hier dient eine Wahrheit dazu, nichts darüber, wie es zwi-
schen dem Imperialismus und seinem Hinterhof steht, wissen zu
wollen: So wird eben die Politik gemacht, die ganze Völker um
ihre Existenz bringt von wegen Nichtstun! Die Entspannung und der
Vertrag von Helsinki sind ein Betrug, der
"darauf abzielte, die gegenseitigen Einflußzonen in Europa zu si-
chern und zu festigen und ihre Herrschaft auf diesem Kontinent zu
legitimieren und zu verewigen." (I, 228)
Daß es der UdSSR und den USA nicht um das gegangen ist, was sich
der einfache Menschenverstand unter Frieden und Entspannung vor-
stellt, heißt doch noch lange nicht, daß die KSZE die gegensei-
tige Stabilisierung der Herrschaftssphären zum Ziel gehabt hätte.
Mit der Zustimmung der UdSSR, die sich davon politische und wirt-
schaftliche Anerkennung versprochen hat, ist hier ein Vertrag zur
Destabilisierung des Ostblocks ratifiziert worden, den Albanien
als einziges Land Europas nicht unterschrieben hat.
Albanische Außenpolitik nach dem
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"Prinzip der Völkerfreundschaft"...
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Was die praktische Außenpolitik Albaniens betrifft, so ist sie
der direkte Ausfluß dieser Betrachtung der Welt als ein Lehrstück
für die Richtigkeit des Marxismus-Leninismus - und deshalb sehr
einfach p r a g m a t i s c h. Außer bei den beiden Supermäch-
ten sind es die Völker und Nationen, mit denen Albanien, da sie
der eigentliche Träger der Geschichte sind, Beziehungen aufnimmt,
und da spielt die Tatsache, daß die Türkei von einer Militärdik-
tatur regiert und auf NATO-Linie gehalten wird, bei diplomati-
schen Beziehungen keine Rolle. Die gründen sich ausschließlich
auf die
"aufrichtigen Freundschaftsgefühle des türkischen Volkes gegen-
über dem albanischen Volk." (I, 248)
Hinzukommt, daß der albanischen Außenpolitik jedes T a k t i e-
r e n, das dem Versuch einer politischen E i n f l u ß n a h-
m e entspringt, abgeht. Das stolze Bewußtsein, das leuchtende
Vorbild für die Möglichkeit und Notwendigkeit der Weltrevolution
zu sein, verbinden die Führer der PAA mit der Nichteinmischung,
mit der es ihnen ernst ist. Ihr Vorbild besteht doch darin, auf
den Erfolg des "Auf-die-eigenen-Kräfte-Bauens" hinzuweisen, dem
die Völker und die Arbeiterklasse der Welt, ebenso nur auf ihre
Kräfte vertrauend, nachfolgen sollen. Da dieser Schritt
unvermeidlich ist, besteht gar nicht das Interesse, sich in die
inneren Auseinandersetzungen eines anderen Landes einzumischen.
Als gäbe es die Politiker gar nicht, denen ihre Untertanen
gehorchen, will Albanien mit allen Ländern von Volk zu Volk
freundschaftliche Beziehungen knüpfen und ist sich der Be-
wunderung durch dieses Subjekt, das nichts bestimmt und überall
nur aus hörigen Untertanen ihrer politischen Herrscher besteht.
gewiß - jenseits aller politischen Differenzen, Supermächte aus-
genonmmen.
"Die Worte und Taten Albaniens werden von den Völkern und Werktä-
tigen der verschiedenen Länder mit Respekt gehört und aufgenom-
men, weil sie mit ihren Interessen und Bestrebungen übereinstim-
men. Deshalb schätzen und billigen die Völker und die fort-
schrittliche Weltöffentlichkeit diese Politik und verfolgen Sie
mit Interesse; deshalb stehen ihr Länder und Staaten mit ver-
schiedenen Gesellschaftssystemen wohlwollend gegenüber. (I, 226)
Albanien ist in dieser Hinsicht alles andere als isolationistisch
und aus dem Prinzip der Völkerfreundschaft heraus politisch prin-
zipienlos internationalistisch - zum Wohle des wahren Hüters der
Weltrevolution am Südostende der Adria.
"Wir verfolgen und analysieren die internationalen Situationen
mit besonderem Interesse, uns uns niemals überrumpeln zu lassen,
um stets vorbereitet zu sein, damit wir erfolgreich jeder Gefahr
trotzen, die von außen auf uns zukommen kann, um erfolgreich den
Sozialismus aufzubauen. Auf der anderen Seite stellt das auch
eine Bedingung dar, um unsere internationalistische Pflicht bei
der Unterstützung des Kampfes der Völker für Freiheit und natio-
nale Unahhängigkeit, für Demokratie und gesellschaftlichen Fort-
schritt auf effektive Weise und richtig zu erfüllen..." (I, 183
f.)
...und des skipetarischen Nationalismus
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Anders als im Ostblock sieht sich die albanische Regierung des-
halb auch nicht genötigt, ihrer Bevölkerung irgendetwas, was in
der Welt possiert, zu verschweigen - und die empfangenen italie-
nischen Fernsehprogramme können die Regierung nicht blamieren, da
die Fakten schon bekannt sind.
Das Maß, wonach sich die tatsächlich aufgenommenen außenpoliti-
schen Beziehungen richten, ist der albanische N a t i o n a-
l i s m u s, für den mehr zählt, daß die englische Regierung
sich weigert, einen Goldschatz, auf den Albanien Anspruch hat,
zurückzugeben, als welche arbeiterfeindliche Politik Frau
Thatcher macht. Es ist dies nicht ein Nationalismus, der von
Staats wegen auftritt, sondern Ansprüche des albanischen Volkes
geltend macht und deshalb die Beziehungen mit anderen Ländern
nach Kriterien eingeht, die sonst keinem Staatsmann einfallen
würden. Im Streit mit Jugoslawien um die albanische Bevölkerung
des Kosovo treten die albanischen Politiker nicht für eine Anne-
xion dieses Gebiets ein, sondern für eine stärkere Aufwertung der
albanischen Bevölkerung in der jugoslawischen Föderation - was
man vom bundesdeutschen Wiedervereinigungsgebot wahrlich nicht
sagen kann, Sehr im Unterschied zu anderen Balkanländern wird die
griechische Minderheit im Süden Albaniens keineswegs diskrimi-
niert. Die "internationalistische Aufgabe", die Albanien durch
seine politischen Beziehungen erfüllt, dient der Unabhängigkeit
der Völker und ist damit ein Schlag gegen die Supermächte und ein
Schritt zur Weltrevolution - für diese optimistische Einschätzung
wäre jeder weitere Bezug auf nähere Umstände schon ein Zweifel an
der eigenen Glaubensgewißheit. Die scharfe Polemik gegen die
praktizierte Politik anderer Länder ist dann auch kein Grund, Be-
ziehungen erst gar nicht einzugehen, sondern Sie steht neben und
unabhängig von dem Wunsch, im anderen Staat nur das Brudervolk zu
sehen: Entlarvung und Unterstützung widersprechen sich nicht,
sondern ergänzen sich prächtig. Das albanische Interesse, zu al-
len anderen Ländern des Balkans besonders enge Beziehungen zu
knüpfen, schließt so Jugoslawien, das ansonsten als der finster-
ste Renegat betrachtet wird, nicht aus, sondern ein.
"Das veranlaßt uns nach wie vor dazu, unabhängig von der ideolo-
gischen Polemik, die nach wie vor von beiden Seiten geführt wird,
zu versuchen, mit Jugoslawien stets in Frieden und guter Nachbar-
schaft zu leben, ohne sich in die inneren Angelegenheiten des an-
deren einzumischen, wobei die Rechte jeder Seite zu respektieren
sind." (I, 231)
Der Spruch: "Ungeachtet aller Differenzen beteuern wir den Wunsch
nach friedlicher Zusammenarbeit " geht auch Politikern anderer
Länder leicht vom Mund und ist die übliche Verständigungsform in-
ternationaler Diplomatie, die Zusammenarbeit zum Mittel der
feindlichen Auseinandersetzung zu erklären. Ganz anders bei alba-
nischen Staatsmännern: Außenpolitik ist für aufrichtige Marxi-
sten-Leninisten eine F r e u n d s c h a f t s e r k l ä r u n g
an alle per se friedenswilligen und fortschrittlichen
V ö l k e r, und daß diese Subjekte der Weltgeschichte in der
Wirklichkeit staatlicher Beziehungen durch Politikerfiguren ver-
treten werden, flößt albanischen Genossen einen Abscheu gegen das
gewöhnliche politische Treiben ein, dem nicht nachzugeben sie
sich als "Vorbild, auf das die Völker der Welt sehen", schuldig
sind.
Politik zu machen, ist für ein Land, das dem Sozialismus als ein-
ziges bisher eine Heimat gegeben hat, durchaus nötig - bei der
PAA handelt es sich ja nicht um einen ML-Zirkel, sondern um eine
Staatsmacht.
"Das sozialistische Albanien ist für normale Beziehungen mit al-
len Staaten auf Grundlage der Gleichberechtigung, der Nichteinmi-
schung in die inneren Angelegenheiten, der Respektierung der na-
tionalen Souveränität und der territorialen Integrität, der Zu-
sammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil mit all jenen Ländern, die
mit ihm solche Beziehungen haben möchten. Wir sind insbesondere
an der Entwicklung der Beziehungen der guten Nachbarschaft mit
allen Nachbarstaaten interessiert." II, 205)
Auf dieser Grundlage hat Albanien inzwischen diplomatische Bezie-
hungen zu über 50 Staaten und sitzt selbst in der UNO. Aber die
angeführten Ideale staatlicher Harmonie, die Staatsmännern ande-
rer Länder dazu dienen, praktische Politik zu machen, drücken für
die Führer Albaniens nur die Verachtung gegen das politische
Treiben aus, da dieses nicht aufrichtig dem Herzenswunsch der
Völker nach Frieden, Zusammenarbeit und Souveränität dient.
Mit revolutionärer Ehrlichkeit gegen Geheimdiplomatie
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Von dieser Einschätzung aus haben die albanischen Genossen schon
lange Zeit vor ihrem Bruch mit der UdSSR und China heftige Kritik
an der Außenpolitik dieser Länder gehabt und geäußert - und die
tiefe Enttäuschung "in Worten revolutionär, in den Taten reaktio-
när" gilt mehr der mangelnden Aufrichtigkeit russischer und chi-
nesischer Politiker als ihren wirklichen Taten, weshalb die jet-
zige Einschätzung ernsthaft behaupten kann, der chinesische Hege-
monismus wäre vom gleichen verderblichen Welteinfluß wie die Po-
litik der USA und der UdSSR.
Politik - außer der, die Albanien betreibt ist G e h e i m d i-
p l o m a t i e, und es ist der Stolz der albanischen Regierung,
sich bei ihren politischen Beziehungen in keine diplomatischen
Manöver einzulassen, vielmehr offen und ehrlich den Völkern der
Welt die Verbrechen der Politik als geheime Machenschaften zu
entlarven:
"Zur Praxis der Verbindungen und Vereinbarungen des amerikani-
schen Imperialismus und des Sowjetrevisionismus, dieser beiden
imperialistischen Supermächte, gehört auch die Geheimdiplomatie.
Das ist begreiflich, das brauchen sie, denn ihre Politik und ihre
Taten richten sich gegen die Interessen der Völker der Welt, sind
Banditenkomplotte, die im Dunkeln eingefädelt werden müssen."
(III, 21)
Das ist zwar lächerlich: Ein Geheimnis aus ihren Absichten machen
die Figuren, die die Weltpolitik bestimmen, nun wirklich nicht,
aber aus der Sicht der reinen Lehre, in der die Alltagsmeinung,
Politik sei ein schmutziges Geschäft, zum wissenschaftlich be-
gründeten Glauben wird, sehr konsequent. Bei dieser Entarnung
spielen die Zwecke der Politik, wo es ja wirklich einiges zu
"entlarven" gäbe, keine Rolle mehr, und die Welt kann in den Au-
gen der albanischen Genossen getrost auf dem Kopf stehen.
"Deng und Mao hoben die Theorie der 'dritten Welt' aus der Taufe
und erklärten, diese Welt sei 'der Verbündete Chinas'. Deng be-
nutzt diese Theorie, um Ford einzuschüchtern, indem er so tut,
als habe er diese 'dritte Welt' in der Tasche. Und Ford lacht
sich ins Fäustchen, denn er ist es, der die herrschenden Cliquen
dieser 'Welt' in der Tasche hat und nicht Deng. Dieser könnte die
Völker der sogenannten Dritten Welt auf seiner Seite haben, wenn
China eine marxistische Politik betreiben würde... Deshalb hat
China die 'marxistische Analyse' angestellt, derzufolge die So-
wjetunion Europa angreifen wird. Deshalb hüte dich, Westeuropa,
denn der Krieg lauert vor deiner Tür. Ihr Völker Europas, hört
auf mich, China, rüstet auf, vereinigt euch mit euren reaktio-
nären bürgerlichen Regierungen, die euch unterdrücken, und fallt
über die Sowjetunion her, vermindert nicht die Spannung, erhöht
sie. Seht her, ich halte zu euch. Auch du, Amerika, sieh dich
vor, befreie dich aus der Krise, schließe dich noch enger mit
Westeuropa zusammen und mildere die Spannung mit der Sowjetunion
nicht, sondern verstärke sie, schlagt alle nach Möglichkeit auf
sie ein und holt mir (!) die Kastanien aus dem Feuer." (III, 182
f.)
Diese Einschätzung Hoxhas stammt von 1975, also noch während der
unverbrüchlichen Freundschaft mit China - die Verachtung der Po-
litik geht also so weit, eine Kritik, die ja immerhin China zum
Hauptfeind der Menschheit stempelt, erst einmal als etwas ganz
anderes zu betrachten als eine Aussage, die Konsequenzen für die
politischen Beziehungen hat. Kurz vor seinem Selbstmord empfing
Shehu den rumänischen Vizepremier Burtica, damit zum ersten Mal
seit 20 Jahren wieder einen Politiker des Ostblocks, und wie zur
Begrüßung erschien einige Zeit vorher die Biographie Enver
Hoxhas, in der folgende Sätze stehen:
"Sogar nach den Auseinandersetzungen der Rumänen mit den Sowjets
blieben ihre Staatsbeziehungen zu uns unverändert: kalt, fade und
unangenehm. Wir habe keine Parteibeziehungen mit der rumänischen
Partei und werden sie auch nicht haben, solange diese Partei
nicht öffentlich die Fehler anerkennt, die sie, was unsere Partei
betrifft, gemacht hat."
Es ist leicht vorzustellen, wie sehr Moskau und Peking noch wäh-
rend der dicksten Freundschaft der albanische Lehrmeister in Sa-
chen Marxismus-Leninismus auf den Geist gegangen sein muß. Hoxha
empört jedenfalls nachträglich nichts so sehr wie die herablas-
send arrogante Haltung, mit der er im Kreml abgefertigt wurde.
Bei dem, was Politik an Ergebnissen in aller Welt zeitigt, hat
die albanische Empörung über sie durchaus einen sympathischen
Zug, könnte man nur von der Verrücktheit absehen, sich um nichts,
was sie wirklich anrichtet, zu kümmern, weil jedes angerichtete
Massaker als Fortschritt der Welttendenz abgehakt wird.
Imperialistische Sichtung Albaniens
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Eines kann man der albanischen Regierung nicht nachsagen: sie
würde ihre Überzeugung, "allein der marxistisch-leninistische Weg
ist der Weg der Freiheit und der Unabhängigkeit des Volkes" nicht
praktisch beherzigen. Und in dieser Hinsicht wird der albanische
Sozialismus, der sich als Staatsmacht nur erhalten kann, weil es
den Ost-West-Konflikt gibt - der "Sowjetrevisionismus" ist als
politische Macht die letzte Garantie der weiteren Existenz dieses
Balkanstaates, auch wenn sich für ihn das ganz anders darstellt -
, auch von den Machern der Weltpolitik anerkannt. Der Europa-Be-
vollmächtigte der Reagan-Administration drückt lebhaftes Inter-
esse aus, zu besseren Beziehungen mit Albanien zu kommen, und
steckt das gleich wieder weg: Es wird wohl nichts daraus werden.
"Die albanische Führung hat klargestellt, daß sie derzeit keine
Verbesserung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten anstrebt.
Sollte Albanien an der Wiederaufnahme der Beziehungen zu uns in-
teressiert sein, wären wir zu einer entsprechenden Reaktion be-
reit." (Eagleburger)
Und die deutsche Industrie registriert den neuen Fünfjahresplan
Albaniens mit einem lachenden und einem weinenden Auge:
"Die Einstiegschancen für westliche Maschinen- und Anlagenbauer
sind gegenwärtig zwar merklich besser als Ende der 70er Jahre.
Andererseits gilt es zu berücksichtigen, daß durch das Festhalten
Tiranas an den bisherigen wirtschaftspolitischen Grundprinzipien
die Grenzen für eine Ausweitung des Handels mit dem Balkanland
weiterhin eng gezogen sind." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Das Grundprinzip der albanischen Wirtschaftspolitik besteht ein-
fach darin, - daß Albanien als einziges Land der Welt, nachdem
China diese Linie aufgegeben hat, es ablehnt, sich wirtschaftlich
von anderen Ländern abhängig zu machen, und sich weigert sich mit
"Kredithilfen" zu verschulden. Die wirtschaftliche Entwicklung
ist Mittel der Unabhängigkeit und Souveränität Albaniens, was Au-
ßen h a n d e l nicht ausschließt.
"Die Entwicklung unserer Wirtschaft haben wir stets auf dem Weg
der unaufhörlichen Festigung der politischen und wirtschaftlichen
Unabhängigkeit vorgenommen, niemals aber zielten wir auf eine
autarke Entwicklung ab, genauso wie wir nach wie vor gegen jegli-
chen Druck kämpfen, unsere Wirtschaft in die Wirtschaft der kapi-
talistischen und revisionistischen Länder zu integrieren." (I,
55)
Dem kapitalistischen Auge, das nur die Tugend der Öffnung aller
Märkte für die Segnungen des Kapitals kennt, muß das antiquiert
erscheinen:
"Diese antiquierte Auffassung von der Funktion des Außenhandels
bewirkt denn auch, daß in Tirana als Tugend gesehen wird, was den
europäischen RGW-Ländern momentan so großen Kummer bereitet: die
mangelnde organisatorische und funktionale Einbindung in den
Welthandel." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Und der Hinweis auf den Ostblock beweist nicht, daß die Ergeb-
nisse der erfolgten "Einbindung" den dortigen Ruin verursachen.
Ökonomische Unabhängigkeit
Albanien hat diese schönen Wirkungen des Weltmarkts auf sich bis-
her dadurch vermieden, daß es auch ökonomisch nur "auf seine ei-
gene Kraft baut" und ein Wissen um den Weltmarkt ist den politi-
schen Führern Albaniens nicht abzusprechen.
"Vermittels des Systems der verschiedenen Kredite, Anleihen, Hil-
fen und Fonds haben sie diese Länder in ewige Schuldner verwan-
delt, die von der Gnade der Gläubiger abhängen, die ihrerseits
für das geliehene Geld nicht nur Sachwerte, sondern auch die
Seele verlangen. Zusammen mit Krediten und Hilfen haben auch die
multinationalen Gesellschaften Wurzeln geschlagen... Die Großban-
ken, mit attraktiven Namen wie Weltbank, Internationaler Wäh-
rungsfonds, Europäischer Entwicklungsfonds usw. haben sich in
Stäbe des internationalen Neokolonialismus zur Beherrschung und
Ausbeutung der neuen Staaten verwandelt." (I, 214)
Offensichtlich sind die Albaner die einzigen Politiker auf der
Welt, die noch ernsthaft an die Theorie vom Monopolkapital glau-
ben und deshalb überhaupt noch die Wirkungen des Imperialismus
auf Länder bemerken, die sich der Konkurrenz des Weltmarkts aus-
setzen, ohne die entsprechenden Mittel dieser Konkurrenz zu be-
sitzen, und deshalb nur als Opfer auftauchen.
Den Erfolg, auf den es die albanische Regierung mit dem Außenhan-
del abgesehen hat, mit Export und Import die Subsistenzwirtschaft
ihres Landes unabhängig zu halten und diese Unabhängigkeit mit
dem Außenhandel zu vergrößern und nicht zu stören, hat sie durch-
aus erreicht:
"Wir haben sie (die wirtschaftliche 'Blockade der Imperialisten
Und Revisionisten auf unsere Wirtschaft') durch die materielle
Stärke unseres Wirtschaftspotentials und durch unsere politische
Haltung durchbrochen, indem wir unsere Außenhandelsbeziehungen
auf dem Weltmarkt ausgeweitet und dafür gesorgt haben, daß alle
Anstrengungen der Imperialisten und Revisionisten Schiffbruch er-
litten, die uns zwingen wollten, von ihnen Kredite zu verlangen
und ihrem wirtschaftlichen Eindringen in unser Land Tür und Tor
zu öffnen. Das Schwierigste haben wir hinter uns: Nunmehr ist un-
ser Außenhandel ausgeglichen, der Export deckt den gesamten Im-
port, die wirtschaftliche Unabhängigkeit wurde auf unerschütter-
liche Weise gewährleistet." (II, 8 f.)
Daß diese Gewährleistung alles andere als gesichert ist -
schließlich hat Albanien keinen Einfluß auf die ständig steigen-
den Preise der Importwaren, auf die ein Entwicklungsland wie Al-
banien angewiesen ist, hauptsächlich Industriegüter und Maschine-
rie -, ist den Leitern der albanischen Planwirtschaft dennoch
klar. Sie begegnen dieser Gefahr damit, selbst Halbfertigprodukte
und verarbeitete Rohstoffe zu exportieren und den bloßen Ausver-
kauf ihrer Wirtschaft durch freizügige Auslieferung ihrer Roh-
stoffe nicht zuzulassen.
"Es ist vorgesehen, in der Exportstruktur weitere Verbesserungen
vorzunehmen, Fertigwaren und Halbfabrikate werden 1985 rund drei
Viertel des Gesamtexportvolumens ausmachen." (II, 136)
Die geforderte Verbesserung der Qualität der eigenen Produkte und
die Diversifikation der Handelsbeziehungen - vor dem Bruch mit
China wurden 50% des Außenhandels mit China abgewickelt - sind
weitere, allerdings nur bedingt taugliche Mittel, den Außenhandel
zu benutzen, statt sich ihm auszuliefern, Haupthandelsländer Al-
baniens sind zur Zeit: Jugoslawien, Italien, Frankreich und
Schweden. Unverarbeitete und verarbeitete Bergbauprodukte stellen
den größten Exportanteil dar: Albanien ist der größte europäische
Produzent von Chromerz und führt Eisen und Metalle aus. Der Über-
schuß über den eigenen Bedarf des in Albanien geförderten Erdöls
geht nach Jugoslawien und Griechenland ebenso wie elektrische En-
ergie. Die albanische Landwirtschaft stellt einen Anteil von 30%
am Außenhandel (Tomaten, Gurken, Oliven etc.). Auf der anderen
Seite zeigen die Importe von Maschinen, Industrieprodukten und
Rohstoffen, daß sich Albanien noch in der Aufbauphase seiner In-
dustrie befindet. Zu den größten Erfolgen des vergangenen 6.
Fünfjahresplans zählt die albanische Regierung, daß die eigene
Industrie inzwischen den Sprung von der Ersatzteillieferung für
verschlissene Produktionsmittel zu den Anfängen einer eigenen
Produktionsmittelherstellung geschafft habe.
Planwirtschaft wie im ML-Lehrbuch
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Die Polemik gegen die revisionistischen Länder, sie seien poli-
tisch vom wahren Marxismus - Leninismus abgefallen und hätten
sich ökonomisch zu einer kapitalistischen Ausbeutergesellschaft
entwickelt, hat seine albanische Wahrheit. In Albanien wird die
sozialistische Planwirtschaft noch praktiziert, wie sie in den
entsprechenden Lehrbüchern steht, während sie in den Ländern des
Ostblocks und in Ghana nur noch als Bekenntnis zitiert werden,
weil sie für die praktischen Notwendigkeiten, Devisenhandel,
joint ventures, Enklaven kapitalistischer Produktion im realen
Sozialismus, so hoffnungslos veraltet sind.
Albanien ist so die einzige Planwirtschaft nach altem Muster, und
das heißt keineswegs, daß der albanische Staat seine Ökonomie ra-
tionell plant - laut kapitalistischem Credo soll das sowieso
nicht gehen von wegen der Komplexität der Wirtschaft, die so kom-
plex wohl nicht sein kann, wenn das Kriterium Profit sich so mü-
helos durchsetzen läßt. Der Plan besteht in zu Zahlenvorgaben um-
gesetzten Appellen an das Schöpfertum der albanischen Massen:
"Vor allem muß die handwerklerische Denkweise voll und ganz ver-
ändert werden, müssen Phantasie und schöpferisches Denken entfal-
tet werden, muß mit Geschicklichkeit und Schnelligkeit gearbeitet
werden, um positive Änderungen vorzunehmen, um dem Neuen überall
breite Wege zu eröffnen." (I, 31).
Es ist also die Willigkeit zu arbeiten, auf die als größte Pro-
duktivkraft gesetzt wird, und es ist Solidarität bei der Anwen-
dung dieses Prinzips verlangt, weshalb Pläne zwar aufgestellt
werden, aber gleich mit dem Appell versehen werden, sie schöpfe-
risch anzuwenden und zu verändern.
"Natürlich ist der Plan Gesetz, und seine Durchführung ist eine
staatliche Pflicht, doch darf uns das nicht daran hindern, Maß-
nahmen zu ergreifen, um eventuelle Änderungen vorzunehmen, so oft
das nötig und möglich ist." (I, 70);
Verständlich deshalb die Klage, die sich wie ein roter Faden
durch die Vorstellung des 7. Fünfjahresplanes hindurchzieht, die
Klage über die mangelnde Leitungstätigkeit der Kader und den
"Bürokratismus", der nicht genug bekämpft werden kann.
Die Planwirtschaft Albaniens richtet sich nach Kriterien aus, die
jedem ökonomisch denkenden Menschen des Westens verrückt erschei-
nen müssen: Stabilität und Sparsamkeit. In Albanien fehlen
tatsächlich alle jene Segnungen des Weltmarkts, die das Arbeits-
leben so abwechslungsreich und den Profit so scher machen. "Diese
Faktoren zusammengenommen bestimmen und haben es möglich gemacht,
daß sich die albanische Wirtschaft als ein organisches Ganzes
entsprechend einem einheitlichen Staatsplan entwickelt, daß sie
sich ohne Spontaneität und Anarchie, ohne Krisen und Stillstand,
ohne Inflation und Arbeitslosigkeit, ohne Preissteigerungen und
andere negative sozialökonomische Erscheinungen entwickelt, die
unvermeidliche Weggefährten der kapitalistischen bzw. bürgerlich-
revisionistischen Wirtschaft sind." (II, 21)
Das alles ist freilich erkauft dadurch, daß es die Anstrengungen
der Bevölkerung allein sein sollen, die die Wirtschaft voranbrin-
gen - und das ist alles andere als der Versuch, die Arbeit auf
das möglichst niedrige notwendige Maß einzuschränken, indem man
planmäßig die Mittel zur Arbeitserleichterung einsetzt. Für die
Subsistenz der Bevölkerung Albaniens ist auf diesem Niveau jeden-
falls gesorgt - und das ist ein historischer Fortschritt, den an-
dere Länder dieser Weltgegend erst gar nicht zustandebringen, ob-
wohl und weil sie in der EG sind.
Diesem Stand der Produktion und den Interessen, nach denen die
Ökonomie Albaniens organisiert wird, entspricht das negative
Prinzip der Wirtschaftsentwicklung, die maximale Ausnutzung und
der sparsame Umgang mit den Mitteln der Produktion - und das ist
ein Prinzip, das den wenig sparsammen Umgang mit der Arbeitskraft
nicht ersetzt, sondern voraussetzt.
"Im 7. Fünfjahresglan müssen wir den Kampf für die Festigung des
Sparsamkeitsregimes auf eine höhere Stufe heben. Deshalb müssen
die Probleme der wissenschaftliche Normierung für den Verbrauch
von Rohstoffen (ohne Beeinträchtigung der Qualität), Brennstoffen
und Treibstoffen, sowie der Steigerung der Arbeitsproduktivität
in den Betrieben und landwirtschaftlichen Genossenschaften von
der Partei ernsthafter in die Hand genommen werden." (II, 178)
Ganz abgesehen davon, was das für die albanischen Bauern und Ar-
beiter bedeutet, vernünftig ist es keineswegs, möglichst wenig
Lastwagen einzusetzen, um Benzin zu sparen und an gänzlich veral-
teten Maschinen arbeiten zu lassen. Die Folgen dieser revisioni-
stischen Wirtschaft stehen im Fünfjahresplan zu lesen: Das Trans-
portwesen muß verbessert werden, die Wirtschaft leidet unter
"handwerklerischer Denkweise", und an der Behebung der Mängel im
Konsumtionsbereich muß gearbeitet werden. Es beißt sich eben in
den Schwanz, von "den Investoren, Planern und Ausführenden" zu
verlangen,
"gründlichere Untersuchungen über die Notwendigkeit und über den
Nutzen der Werke, über die Auswahl der optimalen Varianten, über
die Festlegung der Produktionskapazitäten und der fortgeschrit-
tensten Technologien durchzuführen, wobei diese Probleme durch
ein strenges Sparsamkeitsregime zu lösen sind." (II, 129)
Für die selbstgeschaffenen Mängel einer revisionistischen Ökono-
mie hat diese ökonomische Hebel parat, mit denen dennoch die
wirtschaftliche Sparsamkeit - und die Kostensenkung der Produk-
tion erreicht werden sollen. Da ist einmal der Lohn, der als An-
reiz dafür dient und der deshalb in einen Normteil und einen Teil
für die Leistung zerfällt.
"Das Realeinkommen - der Arbeiter und Angestellten setzt sich zu
rund 17% aus der von ihnen geleisteten Arbeit und zu rund 23% aus
den gesellschaftlichen Fonds zusammen." (II, 52)
Dieser Fonds ist kein Topf, in den der albanische Staat greift,
um ihn gerecht zu verteilen, sondern besteht aus den "Maßnahmen",
"die in letzter Zeit zur Verbindung der Arbeitsentlohnung mit der
Menge, der Qualität und den Kosten der Produktion in den Wirt-
schaftsbetrieben und in den landwirtschaftlichen Genossenschaften
ergriffen wurden." (II, 172)
Und alle Hebel, wie der sozialistische Wettbewerb und die Ar-
beitseinsätze für städtische Bevölkerung und Studenten bei der
Ernte fallen immer wieder auf die Mobilisierung der schöpferi-
schen Kräfte, die der Marxismus-Leninismus den Menschen verleiht,
zurück. Bei der Mobilisierung der Energien der Menschen, bei der
Entfaltung ihres Neuerergeistes ist es die Aufgabe des soziali-
stischen Wettbewerbs und der Produktionspropaganda, eine beson-
dere Rolle zu spielen... Damit der sozialistische Wettbewerb den
Geist der Kritik und Selbstkritik, der Selbstkontrolle und Kon-
trolle anspornt, muß er besser organisiert werden..." (II, 189)
Keinerlei weltpolitische Ambitionen
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Nun war es gerade die konsequente Durchführung dieses Programms
einer "sozialistischen Ökonomie, die allen anderen revisionisti-
schen Ländern bereits vor Jahren als entscheidender Mangel ihrer
Wirtschaft aufgestoßen ist und den sie durch die Öffnung hin zum
kapitalistischen Weltmarkt, der ihnen von Albanien so verübelt
wird, zu beheben suchten. Nach dem, was die revisionistische Öko-
nomie ist, ging die Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Plan-
wirtschaft gewiß nicht von den Beschränkungen aus, die diese der
damit beglückten Bevölkerung bereitete. Der Mangel, der in Moskau
und Peking auf Abhilfe drängte, lag einfach daran, daß die staat-
lich angesetzte Begeisterung für die Produktion ihren Urhebern
nicht die Mittel bereitstellt, den politischen Ansprüchen eines
Auftretens auf der Weltbühne zu genügen. Für die militärischen
Ansprüche, die sich die UdSSR als zweite Weltmacht stellt, für
die politische und wirtschaftliche Organisierung einer eigenen
Einflußsphäre des Ostblocks und für die trotz mäßiger Erfolge
stets teuren Unternehmungen, die eigene Einflußsphäre zu erwei-
tern oder sie, wie heute, überhaupt noch zu halten - also für die
Konkurrenz mit der ersten Weltmacht -, taugte die staatliche Aus-
beutung der Arbeitermassen nie in entsprechendem Ausmaß, was den
neidvollen Wunsch zur Benützung der Erfolge, die das Kapital auf
diesem Gebiet erzielt, zur Folge hatte. Konsequent, wenn auch
nicht beabsichtigt, war der Ruin der Ostblockökonomie und die po-
litische Aufweichung des Ostblocks das Ergebnis dieser Entschei-
dung, und China beeilt sich zur Zeit, die Phasen dieser Entwick-
lung noch schneller zu erledigen als der Ostblock und beim west-
lichen Entwicklungsland zu enden.
Der albanische Stolz, einer solchen Entwicklung bis heute wider-
standen zu haben, hat weniger mit einem Streit um die Bewahrung
der reinen Lehre zu tun als mit der praktischen Einsicht, eine
weltpolitische Aufgabe und Rolle weder spielen zu können noch zu
wollen. Die faux frais, die sich ein anständiger Staat heute
schuldig ist - und diesen Anstand weist heute schon jede Bananen-
republik auf: Militärapparat, diplomatische Vertretungen weltweit
und Einflußnahme in die innere Politik anderer Staaten, spart
sich die albanische Regierung zum größten Teil. Wenn ein
"Spiegel"-Korrespondent aus der Tatsache, daß überall in Albanien
leere Ein-Mann-Bunker stehen, nahtlos und interessiert auf ein
kommunistisches Militärregime schließt, ist das einigermaßen lä-
cherlich. Albanien geht alles Kriegswerkzeug ab, auf das heute
kein anständiger Staatsmann mehr verzichten will: Weder hat es
Flugzeuge, noch schwere Waffen. Die militärische Ausbildung in
der Schule, der Dienst auch der albanischen Frauen in der Volks-
armee und die Ein-Mann-Bunker dienen der Volksverteidigung und
sind die Fortsetzung der Tradition des Partisanenkampfes: Eine
Tradition, mit der heute weder Kriege begonnen noch gewonnen wer-
den, von der Tatsache ganz zu schweigen, daß es sich kaum ein mit
dem Westen verbündetes Entwicklungsland leisten könnte, seine ge-
samte Bevölkerung mit Waffen auszustatten. Die sichere Hoffnung,
daß die "Völker der Welt sich aus eigener Kraft erheben und dem
Imperialismus aufs Haupt schlagen werden", befreit Albanien von
den Kosten, die eine diesbezügliche Außenpolitik sonst fordern
würde.
Umgekehrt hält es sich der albanische Staat zugute, seine Bevöl-
kerung nicht mit Steuern und Abgaben zu belasten:
"Albanien ist das einzige Land der Welt ohne In- und Auslands-
schulden, ohne Steuern, ohne Inflation, ohne Preissteigerungen
und Arbeitslosigkeit mit kostenloser gesundheitlicher Versorgung
und Bildung, mit Diktatur des Proletariats und wirklich soziali-
stischer Demokratie, wo alles allein für das Wohl des Volkes ge-
tan wird, wo sich Partei und Volk in stählerner Einheit befin-
den." (II, 6 )
Ob sich diese Leistungen des albanischen Staates in "stählerner
Einheit" niederschlagen, darf bezweifelt werden: Schließlich
trifft die PAA, die sich als Ausdruck des Volkes weiß, ihre Ent-
scheidungen als Staatspartei, und die vermutlichen Fraktions-
kämpfe spielen sich jenseits der Bevölkerung ab, die davon gar
nichts zu wissen braucht. Daß es eine politische Unzufriedenheit
nicht gibt und von albanischen Dissidenten noch nichts gehört
wurde, ergibt sich aus dem Vergleich mit der Vergangenheit Alba-
niens, und mehr als diesen bornierten Standpunkt braucht kein Al-
baner,- um die heutigen Zustände in Albanien als einen Gewinn für
sich zu betrachten, zumal der Blick auf Griechenland und Jugosla-
wien kaum Anregungen für einen kämpferischen Wunsch nach Demokra-
tie und Freiheit gibt.
Landwirtschaft und Industrie
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Die kollektivierte Landwirtschaft Albaniens - im gebirgigen Lan-
desinneren gibt es noch vereinzelt Einzelhöfe, während der größte
Teil der Bauern in Genossenschaften zusammengefaßt ist, die all-
mählich in Staatseigentum überführt werden - hat im letzten Fünf-
jahresplan zum ersten Mal die Ernährungsgrundlage der Bevölke-
rung, Brotgetreide, gedeckt und einen Exportüberschuß an Gemüsen
und Obst erzielt. Wer dies lächerlich rückständig findet, sollte
immerhin bedenken, daß ein großer Teil der EG-Länder dies nicht
schafft, weil er sich eine solche Aufgabe gar nicht stellt. Wenn
auch die Mechanisierung der Landwirtschaft erst in den Anfängen
steckt, handelt es sich um eine äußerst intensive Landbebauung.
Die Perfektion des Bewässerungssystems - hauptsächlich im beson-
ders fruchtbaren Küstengebiet - und die Gewächshauskultur können
sich mit - Holland gut vergleichen. Durch große Entwässerungsan-
lagen wurden die Küstensümpfe trockengelegt und die Agrarfläche
um 30% vergrößert. Im Landesinneren sind noch die kleinsten be-
baubaren Flächen bestellt.
Albanien ist ein Industrieland: 65% der gesamten Produktion fal-
len in diesen Sektor. Grundlage der Industrie ist die Metallge-
winnung und verarbeitung: Chrom, Kupfer (Herstellung von Kupfer-
draht), Eisen (Hütte "Stahl der Partei") und Nickel. Die eigene
Erdölförderung deckt den Bedarf und wird zusätzlich an Jugosla-
wien und Griechenland verkauft. Alle Dörfer Albaniens werden mit
Strom versorgt: Die Überschüsse der gebauten Wasserkraftwerke
("Licht der Partei") gehen ins Ausland. In den letzten fünf Jah-
ren vollzog sich der Übergang, sich unabhängig vom Maschinen- und
Technikimport zu machen. Im Werk "Enver Hoxha" werden Autos und
Traktoren nachgebaut, Fernseher und Rundfunkgeräte gibt es als
albanische Produkte. Dem Vorrang der Schwerindustrie entspricht
die Klage über Mängel in der Versorgung der Bevölkerung, aber
nicht einmal der "Spiegel" vermag so recht die leeren Märkte und
Käuferschlangen zu entdecken, die sonst zu jedem Bericht aus kom-
munistischem Feindesland dazugehören.
"Mensch und Sozialismus in Albanien"
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Daß die Albaner inzwischen begeisterte Marxisten-Leninisten und
revolutionäre Kämpfer geworden sind, ist kaum anzunehmen, daß sie
in ihrer Mehrheit, anders als die Opportunisten in den Ostblock-
ländern, die ihren Regierungen eher ablehnend gegenüberstehen,
halbwegs begeisterte Mitläufer sind, stimmt schon eher. Mit der
Klage der Partei über "kleinbürgerliche Überreste im Volk" kann
diese offensichtlich gut leben.
"Vor allem einige veraltete Sitten und Praktiken müssen die Auf-
merksamkeit auf sich ziehen, die sich, obwohl sie heftige Schläge
haben hinnehmen müssen, noch in der Lebensweise, in den Familien-
beziehungen, in der Einstellung gegenüber Frauen usw. äußern."
(I, 152 )
Zwar hat die PAA tiefgreifend in die Lebensgewohnheiten der Ski-
petaren eingegriffen: Abschaffung der christlichen wie islami-
schen Religion (Hoxha: "Albanien ist der erste atheistische Staat
der Welt" ), Abschaffung der Blutrache, Emanzipation der Frau;
aber ihre Selbsteinschätzung, Vorbild und Diener der Völker der
Welt zu sein, gibt dem zur staatlichen Ehre gelangten Marxismus-
Leninismus einen ebenso internationalistischen wie albanischen
Charakter. Was für die Volkskunst gilt, trifft auch anderswo zu:
mit der selbstverständlichen Sicherheit vom fortschrittlichen
Charakter aller Volkstümlichkeiten stützt sich die Partei auf das
unter Albanern vorhandene Bewußtsein.
"Doch in den Beziehungen zwischen kultivierter Kunst und Volks-
kunst muß ein richtiges Verhältnis gewahrt werden; man darf kei-
nen Mißbrauch damit treiben, indem der einen gegenüber der ande-
ren Vorrang eingeräumt wird, denn die Loslösung der kultivierten
Kunst von der Volkskunst ist genau so schädlich wie ihre Gleich-
setzung." (I, 170)
Da darf man gespannt sein, wann die ersten albanischen Filme, die
es schon gibt, über die Leinwand flimmern und hiesige Intellektu-
elle in helle Aufregung versetzen!
Einiges hat die Kommunistische Partei Albaniens ihrer Bevölkerung
durchaus als einen für sie zählbaren Erfolg anzubieten. Da ist
die Tatsache, daß von der früher fast ausnahmslos analphabeti-
schen Bevölkerung heute 80% die achtjährige Grundschulausbildung
abgeschlossen, 700.000 von einer Bevölkerung von 2,7 Mill. die
Mittelschule besucht haben und die Zahl der an der neu gegründe-
ten Universität Tirana ausgebildeten Intellektuellen sprunghaft
zugenommen hat.
Das Gesundheitssystem ist ausgezeichnet - die Säuglingssterblich-
keit z.B. geringer als in der Bundesrepublik. Die Entdeckung der
"verdeckten Massenarbeitslosigkeit ", die der "Spiegel" gemacht
haben will, weil die albanischen Männer in der heißesten Tages-
zeit in den Cafes sitzen und nicht arbeiten, ist gleich doppelt
lächerlich. Schließlich stellt sich das Problem der Arbeitslosig-
keit überhaupt erst da, wo die Arbeit nicht nur benützt, sondern
profitabel angewandt wird, weshalb diese Benutzung auch die
Nichtanwendung von Arbeit einschließt. Die albanische Regierung
jedenfalls weiß sich im Wunsch nach großen Familien einig mit den
Lebensgewohnheiten ihrer Bevölkerung und ist stolz darauf, die
größte Geburtenrate Südosteuropas zu haben.
Das vom "Spiegel" entworfene Schauergemälde: Zwar geht es den
Leuten in bescheidenem Maße gut:
"ein geordnetes Land, wo bestellte Äcker, satte Menschen, die ih-
ren zwar bescheidenen, doch nach Maßstäben junger Aufgeklärter
von heute durchaus hinreichenden Lebensstandard ganz aus eigener
Kraft produzieren." (Spiegel 49/81)
- um so mehr leiden sie unter der Abgeschlossenheit, in der sie
ein kommunistischer Polizei- und Spitzelstaat gewaltsam hält, wi-
derspricht sich selbst. Warum sollen Albaner mit einer Herrschaft
unzufrieden sein, die ihnen dazu, selbst in den Augen des
"Spiegel"korrespondenten, keinen Grund gibt: Nur weil das freie
Leben in Griechenland und Italien so viel schöner ist?
"Die Skipetaren erwidern keinen Gruß, entziehen sich bestürzt ei-
nem Gespräch, und Kinder, die winken, bekommen von der Mutter
eins auf die Finger"
stellt der "Spiegel" fest; sollen sie den Abgesandten der Frei-
heit denn begeistert begrüßen, wo sie doch immerhin so viel wis-
sen, daß ihr Stolz auf das mit den eigenen Kräften in Albanien
Errungene durchaus damit zu tun hat, daß alle anderen Staaten der
Welt nur auf feindselige Isolierung ihres Staates aus sind? Die
eine Agitation Hoxhas ist Albanern durchaus einleuchtend, wenn
sie deswegen auch nicht gleich zu glühenden Marxisten-Leninisten
werden müssen:
"Unsere Partei, unser Staat und unser Volk kämpfen Aug in Aug und
ganz allein gegen eine kolossale feindliche Macht, gegen die uns
umgebende kapitalistische und revisionistische Welt. Unsere Men-
schen dürfen niemals die Gefahren unterschätzen und vergessen,
die unserer sozialistischen Gesellschaft von dem starken und all-
seitigen politischen, wirtschaftlichen, ideologischen und militä-
rischen Druck dieser Welt drohen." (I, 130)
Seitdem sich die Linken in den westlichen Ländern die Sprüche
über Weltrevolution und den Befreiungskampf der Völker abge-
schminkt haben und anderen zeitgemäßeren Moden huldigen - wir
halten das für keinen Fortschritt! -, hält nur noch der Führer
des kommunistischen Albanien das Banner des Marxismus-Leninismus
hoch:
"The situation is not easy, but let us recall the optimistic
words of Stalin, that 'there is no fortress which the communists
cannot take'. This revolutionary optimism stems from the objec-
tive laws of the development of society. Capitalism is an order
condemned by history to liquidation. Nothing, neither the fren-
zied resistance of the bourgeoisie nor the treachery of modern
revisionists can save it from its inevitable doom. The future be-
longs to socialism and communism." (IV, 287 f.)
Für die Wahrheit dieser Gewißheit ist Albanien freilich kein Be-
weis: Staatliche Gewalt und politische Herrschaft sind nicht für
den Beweis einer Lehre, sondern für sehr viel ungemütlichere Tat-
sachen zuständig - auch wenn "der teure Führer unseres Volkes,
der Gründer unserer ruhmreichen Partei, unser geliebter Lehrer,
Genosse Enver Hoxha" das nicht wissen will.
Nachweis der Zitate:
I: Enver Hoxha: Bericht an den 8. Parteitag der Partei der Arbeit
Albaniens (1. Nov. 1981), Tirana 1981
II: Mehmet Shehu: Bericht über den 7, Fünfjahresplan (1981-85),
Tirana 1981
III: Enver Hoxha: Betrachtungen über China. Bd. 1, Tirana 1979
IV: Enver Hoxha: Eurocommunism is anticommunism, Tirana 1980
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Landkarte Albanien
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