Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...
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WAHLEN UND "WAHLEN" - DER GANZ GRUNDSÄTZLICHE UNTERSCHIED
"Alle fünf Jahre prüft der Staat, wieviele Bürger sich seinem
Druck entziehen können... Man nennt es 'Wahlen' in der UdSSR...
Spannend ist das Ergebnis nur für die Regierung, die dann daraus
ablesen kann, wie weit sich die Bürger immer noch manipulieren
lassen."
Alle fünf Jahre prüfen amerikanische Bürger, welchen Aspiranten
sie auf den Präsidentenposten befördern wollen. Das sind Wahlen
ohne Anführungszeichen, und das findet nicht nur der "Spiegel"
furchtbar spannend:
"Harts überraschender Sieg könnte der Anfang eines der drama-
tischsten Wahlkämpfe der Nachkriegszeit werden."
Begreiflich angesichts des enormen Unterschieds zu sowjetischen
Wahlen:
"Auszuwählen gibt es nichts."
Amerikanische Bürger d ü r f e n auswählen, wodurch die Quali-
tät der Persönlichkeiten, die sie auswählen, schon einmal ganz
außer Frage steht.
Sowjetische Volksvertreter heucheln Volksverbundenheit, die der
"Spiegel" mühelos entlarvt:
"Viele Spitzen-Volksvertreter sind in Wahlkreisen aufgestellt, zu
denen sie persönlich kaum Beziehungen haben; der Westexperte Pro-
fessor Arbatow zum Bei spiel in Aserbeidschan. Vor der Abstimmung
zogen zahlreiche Moskauer Funktionäre in die Provinz, um den Kon-
takt zum Volk zu demonstrieren."
Gary Hart heuchelt Volksverbundenheit, die der "Spiegel" anerken-
nend als gelungene Technik würdigt:
"...übernahm der Senator sogar den publikumswirksamen Abwasch für
eine potentielle Wählerin... Der Kandidat, sonst eher kühl-reser-
viert, gab sich volkstümlich. 'Das nächste Mal', versprach er den
fröstelnden Zuhörern einer Wahlkampfveranstaltung im Winter 1982,
'bringe ich eine Schaufel mit und helfe ihnen beim Schneeschip-
pen.' Applaus. Man glaubte es ihm."
Sowjetische Wähler werden so gut wie ganz über die Persönlichkeit
ihrer Vertreter im Unklaren gelassen:
"Die meisten Bürger erfahren den Namen ihres Vertreters erst auf
dem grünen oder gelben Stimmzettel..."
Amerikanische Wähler werden über die Persönlichkeiten lückenlos
informiert:
"Hart, jung (47), attraktiv wie ein Marlboro-Cowboy... der Cowboy
im Maßanzug... er trägt Cowboystiefel zum Nadelstreifenanzug..."
Das "Programm" der sowjetischen Volksvertreter: Bloße Phrasen.
Ein Hohn auf das Wählervolk.
"Sie alle seien gewählt 'aus den besten Söhnen und Töchtern der
vielnationalen Heimat', ausgestattet mit 'großem Volksvertrauen',
und hätten eine 'komplizierte Verpflichtung' auf sich genommen..,
der 'Aufbau des Kommunismus' dürfe dabei niemals aus den Augen
verloren werden."
Das Programm von Gary Hart dagegen ist von bestechender Prägnanz:
"...predigte er Tag für Tag von der 'Auseinandersetzung zwischen
Vergangenheit und Zukunft'... sein Machtanspruch für die 'neue
Generation', seine Forderung nach 'neuen Ideen und einer neuen
politischen Führung für unser Land'..."
Was muß ein Mann, der für den Präsidentenposten kandidiert, sei-
nem Wählervolk auch mehr mitteilen. Der mächtigste Mann der Erde
will er werden - für Amerika -, da können die Macht und ihre
Benützung doch nicht beim Wählervolk zur Diskussion gestellt wer-
den. Ausschließlich deren V e r t r a u e n ist gefragt. Und
nicht umgekehrt lächerliche Verpflichtungen der Volksvertreter,
mit denen die Sowjetunion ihre "Wahlen" entwürdigt:
"Danach statten die Anwesenden ihren Vertreter mit einem konkre-
ten Auftrag aus. Die Gewählten müssen zum Beispiel dafür sorgen,
daß der Wahlkreis mehr Wohnungen und Schulen erhält..."
Die Demokratische Partei, wie die Republikanische, hat schließ-
lich mit dem Wählervolk einiges vor und nicht umgekehrt. Hart:
"Die Demokratische Partei muß... eine neue Generation von Führern
hervorbringen, die Enthusiasmus, Hoffnung, Energie in den Men-
schen wecken können."
Das ist natürlich ganz etwas anderes, als daß "der Staat prüft,
wieviel Bürger sich seinem Druck entziehen können." Man nennt es
Wahlen. (Alle Zitate "Spiegel" Nr. 10/11)
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