Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...

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"OSTBLOCKNATIONEN BITTEN UM GESCHÄFTSTÜCHTIGE EINMISCHUNG"

1 Gestern noch hieß der Ostblock "Mißwirtschaft" und "Völker- gefängnis". Daß er sich ändern m u ß, stand für westliche Politiker und Feindbildpfleger genauso fest, wie daß er es nicht k a n n. 2 Heute "reformieren" sich neben der Sowjetunion Staaten wie Polen und Ungarn so grundlegend, daß sich der Westen vor Freude nicht mehr einkriegt. G e ä n d e r t hat sich jetzt der Osten, in "unserem" Sinne. Aber Ruhe gibt der Westen noch lange nicht, im Gegenteil: die Z u s t ä n d i g k e i t westlicher Politiker für den Osten geht jetzt erst so richtig los, wo er eingelöst hat, was von ihm verlangt wurde. Kohl besichtigt in Polen die neuen Ostgebiete und tauscht Krediterleichterungen gegen pol- nische Rechte für deutsche Minderheiten. Wörner erklärt die NATO j e t z t e r s t r e c h t für unverzichtbar und stärkungs- bedürftig, damit "der Kommunismus im Sande verläuft". 3 Die bei uns so heftig begrüßten Wirtschaftsreformen haben in Po- len und Ungarn bereits gewirkt. Staatliche Subventionen für Lebensmittel sind gestrichen, die Preise für die meisten Güter des täglichen Bedarfs freigegeben. Seitdem wundert sich König Kunde über die Effizienz des Marktes, der Warteschlangen vor den Läden im Handumdrehen beseitigt - einfach deswegen, weil kaum je- mand die 500% Preissteigerung bezahlen kann, die dem Gewinn der Privaten so gut bekommen. Schlangen gibt es seitdem nur noch vor den städtischen Suppenküchen, die die gröbste Armut lindern. Auch politisch kommen die Reformen im Osten voran. In Polen ist das Machtmonopol der kommunistischen Partei dahin. Ab sofort sind mindestens z w e i Parteien damit beschäftigt, dem Volk den Gürtel enger zu schnallen, die alte PVAP und die "Solidarität" des Herrn Walesa. Neue sowjetische Freiheiten für nationale Minderheiten werden von den Völkern des Ostens sichtlich ge- nossen: Aserbeidschaner und Armenier schlagen sich gegenseitig den Schädel ein, und Gorbatschows Rote Armee muß für Ruhe und Ordnung sorgen bei den Geistern, die er selber wachgerufen hat. Sieht das nicht sehr nach "Mißwirtschaft" und "Stalinismus" aus? Jetzt, wo das alte Feindbild über den Osten sein Material frei Haus geliefert bekäme, ist es verstummt: statt Hetze nur noch lo- bende Worte. Warum wohl? 4 Nicht an O p f e r n scheinen sich die selbsternannten westli- chen Aufsichtsbehörden über den sozialistischen Reformprozeß zu stören. Für die r i c h t i g e S a c h e gehen sie voll in Ordnung und müssen sein. Was die richtige Sache ist, beschließen seit jeher "wir" im Westen: unter einem Dienst an Marktwirtschaft und Demokratie geht nichts auf dieser Welt. Etlichen Landstrichen ist diese Lektion mit Krieg beigebracht worden, zuletzt Nicara- gua. Den ganzen Ostblock hat der Westen zu einem untragbaren Är- gernis erklärt, dem er eine NATO-Kriegsdrohung entgegensetzte. Und heute ist man im Westen überrascht und begeistert zugleich, weil die NATO gar nicht erst marschieren muß: Oststaaten wie Po- len und Ungarn s e h e n e i n, daß der Kapitalismus dem So- zialismus an Effizienz haushoch überlegen ist und "reformieren" sich. Warum tun sie das eigentlich? Ist ein "System" schon des- wegen g u t, weil es so e r f o l g r e i c h ist? 5 Ist jetzt die Welt in Ordnung, wo sich der Osten in "unserem" Sinne ändert? Gehen wirklich alle Opfer, die Millionen Hungertote und Kriege in der 3.Welt auf das Konto des a l t e n D e n- k e n s im Osten? Muß sich außer dem Osten sonst nichts auf der Welt ändern? zurück