Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...

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       Der letzte Schrei der sozialistischen Intelligenz:
       

"IST DER SOZIALISMUS GESCHEITERT?"

Man könnte meinen, Leute, die ihre denkerischen Kapazitäten dafür angestrengt haben, dem Kapitalismus schwere innere Mängel vorzu- rechnen, auf seine "geschichtliche Überlebtheit" zu pochen, gar im Realen Sozialismus so etwas wie ein "tendenziell überlegenes System" sehen zu wollen, wären über den Niedergang von DDR und Ostblock insgesamt einigermaßen betrübt oder wütend. Linke Intel- lektuelle, die sich mit dem "Scheitern des Sozialismus" befassen, haben jedoch andere Sorgen. Es geht ihnen um die "Rettung des So- zialismus" - wobei sie sein staatliches Scheitern nonchalant ab- haken, - und sie lassen keinen Zweifel daran, daß es ihnen um diese ominöse "I d e e des Sozialismus" geht. Ihr Hauptprogramm ist eine S e l b s t r e t t u n g, nämlich sich nicht vorwer- fen zu müssen, bloß einer f i x e n Idee nachgerannt zu sein. Das Witzige daran ist, daß sie sich durch den jüngsten Sieg des Kapitalismus w i d e r l e g t s e h e n - also die Richtigkeit einer Sache schwer mit ihrer erfolgreichen Durchsetzung v e r- w e c h s e l n -, nun aber in ihrer intellektuellen Ehre umso mehr angestachelt sind, eine neuerliche V e r e i n b a r- k e i t zwischen der geänderten Weltlage und dem, was sie "eigentlich gemeint" haben, aufzuspüren. Das verlangt nach einem dreifachen, abgestuften Zugeständnis. Der Kapitalismus muß ein bißchen zugeben, daß er so total perfekt nicht ist, obwohl er gewonnen hat; sie müssen weitschweifig zugeben, daß sie manches "zu kurz gesehen", "nicht zu Ende gedacht" und "unbesehen für wahr genommen" haben; der Reale Sozialismus muß zugeben, daß er sowieso das Letzte war, insbesondere weil er seine kritischen Anhänger durch seinen Untergang schwer aufs Kreuz gelegt und in den Ruch der intellektuellen Unglaubwürdigkeit gebracht hat. Das ist die "kritisch-reflektive" Phase. Kürzlich in der Moritz- bastei in Leipzig während einer Diskussion "Freiheit statt Sozia- lismus?" führten drei akademische Lehrkörper (zwei aus der DDR, einer aus Bremen) dann beispielhaft vor, wie darauf aufbauend das Vorwärtsschauen auf neue Harmonie geht. Realer Sozialismus ist out - Idealer Sozialismus ist in ------------------------------------------------------- Ein Leipziger Professor hat einen Spruch seines neuen geistigen Lehnsherrn wie ein Labsal empfunden: "Der Sozialismus hat möglicherweise keine Konjunktur zur Zeit. Aber er hat eine wichtige Rolle als Korrektiv des Kapitalismus gespielt; und wenn der Kapitalismus nicht mehr korrekturbedürftig ist, erst dann hätte der Sozialismus keine Existenzberechtigung mehr." (Bundespräsident R. v. Weizsäcker) Niemand kann das so verstehen, als ob Herr v. Weizsäcker dem re- alexistierenden Sozialismus als "Korrektiv" nachtrauern würde. Nein, der muß ratzeputz weg sein, damit die "Idee des Sozialis- mus" ihr Lob abkriegen kann - s i e sei als "Korrektiv" durchaus wünschenswert. Eine plattere Aufforderung zum kritisch-konstruk- tiven Denken gibt es kaum; unverhüllter kann man kaum drohen, daß sich "sozialistisches Denken" gefälligst jeder G e g n e r s c h a f t zum Kapitalismus zu enthalten hat, will es seinen geachteten Platz in der bürgerlichen Ideenwelt zugewie- sen bekommen. Das Angebot zum Platznehmen gefällt den linken Den- kern ausnehmend; umso mehr, als sie den vom Präsidenten geforder- ten Eintrittspreis gar nicht als solchen empfinden. Sie haben aus dem "Scheitern des Sozialismus" ja schon selbst und eigenständig den Schluß gezogen, daß der Kapitalismus a l t e r n a t i v- l o s ist. Oder umgekehrt: Das "Projekt" des Realen Sozialismus, eine Alternative zum Kapitalismus aufzumachen, hat sie mit seinem Scheitern nur dahingehend belehrt, daß "er nicht geht". Sozialismus - als Idee ganz nett, als Realität total daneben Wer etwas probiert, was nicht geht, macht sich ziemlich schuldig. Das war akademischer Konsens. Man verständigte sich auf den Nach- ruf: "Unmenschlich, überlebt, unfähig". "Unmenschlich" -------------- - Einer der Denker hat ein völlig verfehltes "militär-strategi- sches Modell" ausfindig gemacht. Der Reale Sozialismus verharrte im "Stellungskrieg", klammerte sich an einmal errungene Posi- tionen, statt die Notwendigkeit des "Bewegungskrieges" einzuse- hen. Will der Herr womöglich sagen, der Reale Sozialismus hätte sich anständig um die Weltrevolution kümmern müssen? Nein, er will dem Osten ein Abwürgen von Phantasie, Utopie, Mitmenschlich- keit, Wärme, Humanismus, Sinn vorwerfen, wofür er sich seine Bil- derwelt passend eingerichtet bzw. ausgeliehen hat. Man kennt ja die verheerenden Wirkungen aufs Gemüt, wenn man ewig in "Stellungen" hockt und nichts geht voran. Bei "Bewegung" aber ...! "Überlebt" ---------- - Ein Zweiter hat eine andere "Deformation" des Realen Sozialis- mus entdeckt. Der habe nämlich übersehen, daß sich der Kapitalis- mus "gewandelt" habe; der Markt sei immer "durchsichtiger" ge- worden; überhaupt zeichne sich der Kapitalismus durch mordsmäßig viele "moderne Errungenschaften" aus. In einem Wort: der "moderne Kapitalismus" sei nicht mehr derselbe wie der "vor-moderne Kapi- talismus". Der Professor will damit nicht gesagt haben, der Kapi- talismus sei kein Kapitalismus mehr, aber die Erkenntnis soll man ihm schon abkaufen: er sei ein "anderer Kapitalismus". So kann man auch ausdrücken, daß die strikte Weigerung des Kapitalismus, sich selbst abzuschaffen, obwohl ihm die ML-Theoretiker durch den unausweichlichen Untergang verheißen hatten, zu guter Letzt nur f ü r ihn spricht: Es g i b t ihn, also ist er o. k. Und wenn der abschaffungswürdige Kapitalismus bloß der "vor-moderne" war, dann muß man dem sozialistischen Willen zur Abschaffung des Kapitalismus logischerweise eine "strukturelle Affinität zur Vor- Moderne" vorwerfen. "Unfähig" --------- - Dem Dritten ist ein Verstoß gegen ein Grundgesetz der Ökonomie aufgefallen. Will letztere gelungen sein, muß sie nämlich eine "Automatik" darstellen. In der DDR mußte diese "Automatik" jedoch immer "mit der Hand nachgesteuert" werden. (Das kann eine lustige Debatte werden, wenn ihm Prof. Biedenkopf, den er mehrmals lobte, erklärt, daß "die Marktwirtschaft" "sozial nachgesteuert" wird, daß man das "ordnungspolitisch" nennt und daß am Schluß das Ge- samtkunstwerk "Soziale Marktwirtschaft" herauskommt.) Und das bei einer Leitung, die die gelehrten Herren rückblickend unter Niveau finden! So mußte die "Mittelmäßigkeit der Herrschenden den Sozia- lismus in Mißkredit bringen". (Wohingegen ein Kanzler wie Kohl offenbar nichts anderes beweist als die gelungene "Automatik" des westdeutschen Kapitalismus.) Katastrophales Denken im Dienste "der Menschheit" Diese Verdammungen des Realen Sozialismus sind schon ein recht gelungenes Lob auf den Kapitalismus. Er ist - weil es bloß ihn noch gibt! - ein einziger Hort von Phantasie, Wärme, Sinn/Fort- schrittskraft/Automatik, Kompetenz. Was haben Sozialisten dieser gelungenen Veranstaltung noch hinzuzufügen? Nicht viel, meinten die gelehrten Herren; gerade noch eine Handvoll von "Mensch- heitsproblemen", die im Kapitalismus "noch nicht gelöst" seien. Nicht, daß man den Kapitalismus gleich schlecht machen wollte - bloß wegen ein bißchen Verhungern in seiner "3. Welt", wegen Na- turzerstörung und Kriegen. Der Wille zum konstruktiven Mitmischen ist so frei, sich bei solchen Dingen nicht nach dem G r u n d zu erkundigen, sondern sie als A n l ä s s e zu mißbrauchen. Nämlich zum Beweis dessen, daß dem Kapitalismus ihre "Idee des Sozialismus" als "Korrektiv" durchaus gut zu Gesicht stünde. Es gab mal eine Erinnerung daran, daß solche "Probleme" notwendige R e s u l t a t e der kapitalistischen Wirtschaftsweise sind, die im Kapitalismus nicht einer "Lösung" zugeführt, sondern ge- wußt und einkalkuliert werden. Die neue, im wörtlichen Sinne ka- tastrophale Denkweise will davon nichts mehr wissen. Sie brüstet sich vielmehr damit, bei ihrer Einheirat in die bürgerliche Ide- enwelt ganz g r o ß e "Probleme" mitgebracht zu haben, die auf sie als w e r t v o l l e n Beitrag zurückspiegeln. Kritische Affirmation als Werk von K o n v e r t i t e n - ----------------------------------------------------------- das bringt's ------------ Mal abgesehen davon, daß es sich bei dieser "Menschheitsproblema- tik" um die Standardausrüstung aller Weltverbesserer und guten Menschen handelt - originelle Einfälle kann man den Denkern trotzdem nicht absprechen: - Einer will glatt dem Kapitalismus die "Sinngebung im Jenseits" entreißen und mit Hilfe des "Marx'schen Totalitätsentwurfs" ins "Diesseits" verlegen. So lernt die "Gattung Mensch", "aufeinan- derbezogen zu denken", was schon mal einen Schwung grundlegender Probleme löst. Fazit: Ohne Hinüberrettung der "Idee des Sozialismus" kriegt der Kapitalismus die Sache mit der men- schlichen Wärme nie hin; man kann das auch "Entfaltung der Tota- lität" nennen. - Der Zweite in dieser intellektuellen Troika sorgt sich statt dessen lieber um die "Gestaltbarkeit der Zukunft". - Der Dritte will die Demokratie anreichern, indem er die "Menschheitsprobleme" zu "Assimilationsinhalten" macht. Ohne diese "Idee des Sozialismus" sind die bürgerlichen Parteien näm- lich etwas leer und geraten in den Verdacht der Eindi- mensionalität. Alles in allem: Es winken lohnende Aufgaben. Man fragt sich, wie es der Kapitalismus so lange ohne die "Idee des Sozialismus" aus- halten konnte. Die Ü b e r h e b l i c h k e i t der Intelli- genz ist wohl systemübergreifend, denn eins haben sie alle mit- einander gefressen: das Erdichten von "Problemen" und "Lösungen", die nur sie kennen und wirklich verstehen. Mag es sich dabei auch um noch so einen Schmarrn handeln - einer P r o p a g a n d a f ü r s b e s s e r e F u n k t i o n i e r e n stiftet die bürgerliche Gesellschaft allemal ein paar Arbeitsplätze. Warum nicht auch für ein paar Aspiranten aus dem ehemals alternativen Lager? zurück