Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...

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       Die Parteien  des "Realen Sozialismus" werden radikal. Sie strei-
       chen den "Realen Sozialismus".
       Übrig bleibt:
       

DIE NATIONALE SACHE

40 Jahre lang haben sie auf die "führende Rolle" ihrer Partei in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nichts kommen lassen und den Sozialismus in allerhöchsten Ehren gehalten. Jetzt schaffen die regierenden Reform-"Kommunisten" Mittel- und Osteuropas die ent- sprechenden Verfassungsartikel innerhalb von Stunden nahezu ein- stimmig ab, und keiner will von einem "Machtmonopol" noch etwas wissen. Jahrzehntelang haben sie die Wirtschaft ihrer Länder ohne Kapitalisten abgewickelt, haben den Lohnarbeitern ein Recht auf Arbeit geschenkt und den Pleonasmus "Volksdemokratie" inszeniert. Jetzt wird alles, was entfernt wie eine staatliche Sozialleistung aussieht, zusammen mit roten Sternen, Hämmern und Sicheln aus der Welt geschafft, die Lohnarbeiter werden wieder zur un- eingeschränkt verfügbaren Manövriermasse unter dem Diktat der be- trieblichen Rentabilität gemacht, und das ganze Volk mit seinem bißchen Konsum wird einem Regime der Devisenschuldenbedienung und Inflationsbekämpfung unterworfen, wie man es bisher hauptsächlich von südamerikanischen Militärherrschern kannte. Ihren gesamten "Realen Sozialismus" ziehen die Staatsparteien des ehemaligen Ostblocks unter Entschuldigungen und Selbstanklagen als mißglück- tes Experiment und traurige Verfehlung aus dem Verkehr und bitten so bewährte Kräfte wie den Nationalismus in allen seinen reaktio- nären Spielarten sowie "die Marktwirtschaft" mit ihren bequemen "Sachgesetzen" der produktiven Verelendung an die Macht. Es ist wie ein riesengroßer politischer Konkurs - aber dabei ist es gar nicht so, daß die reformierten "Realen Sozialisten" ein- fach aufgeben. Sie wollen durchaus an der Macht bleiben; freilich nach neuen Regeln und mit einem neuen Programm. Und das ist schon ein bißchen erstaunlich. Denn immerhin geben sie ja an politi- scher Methode und politökonomischem Inhalt so ziemlich alles auf, was sie bislang als ihr Parteianliegen und ihren Daseinszweck vor sich her getragen haben. Schließlich w o l l t e n sie doch einmal eine grundsätzliche Alternative zur bürgerlichen Demokra- tie und zur kapitalistischen Marktwirtschaft praktizieren und hatten auch ihre Gründe dafür: Von einer falschen Kritik an Kapitalismus und Demokratie... ----------------------------------------------------------- - Gegen kapitalistische Produktionsverhältnisse hatten sie den Einwand, daß da die Macht des Privateigentums die wahre soziale Gerechtigkeit verhindert. In ihrem Staat sollten die Lohnarbeiter jedenfalls vor dem Absturz in die Arbeitslosigkeit gesichert sein und nicht Gefahr laufen, mit ihren elementaren Lebensbedürfnissen an hohen Preisen - z.B. unerschwinglichen Mieten - zu scheitern. Um das zu garantieren, wurde das Privateigentum an Produktions- mitteln sowie an Grund und Boden weitgehend beseitigt, Staatsei- gentum an dessen Stelle gesetzt. - Mit Kommunismus hat das zwar wenig zu tun. Denn Kommunisten definieren den Materialismus der lohnarbeitenden Menschheit nicht so bescheiden, daß bloß die Existenzgefährdung durch die P r i v a t macht des großen Geldes ausgeschaltet werden soll. Kommunisten wollen deswegen auch nicht den Staat zum Nachfolger aller Kapitalisten einsetzen, an deren Stelle e r Lohnarbeit organisiert und ein munteres und für ihn lohnendes Kaufen und Verkaufen inszeniert. Kommunisten wollen statt Lohnarbeit eine Produktion und Versorgung nach gesell- schaftlichem Plan - was dagegen im Osten mit Geld und Kredit in Staatshand mit staatlicher Preishoheit und einem System von Lohn- und Prämienfonds als "ökonomischen Hebeln" aufgezogen worden ist, war noch nicht einmal "ein Schritt in die richtige Richtung". - Kapitalismus war's aber auch nicht; und daß es irgendwie viel mehr als unter der Herrschaft freier Märkte um die Lohnarbeiter gehen sollte, war nie zu übersehen. - An der bürgerlichen Demokratie hatten die Parteien des "realen Sozialismus" die Kritik, sie wäre "bloß formal", weil sie die wirklichen Lebensverhältnisse der Arbeiter nie zum Gegenstand ei- ner wirklich freien Mehrheitsentscheidung macht. In der "wirklichen", der "Volks"-Demokratie sollte die Legitimität der politischen Herrschaft jedenfalls nicht auf dem Formalismus eines Wahlakts, den die Parteien mit dem meisten Geld zu ihren Gunsten "manipulieren" könnten, beruhen, sondern auf der "Verankerung" der führenden Partei in der Arbeiterklasse. - Kommunistisch ist dieses vornehme Herrschaftsethos zwar nicht. Denn Kommunisten wollen keine besser legitimierte Herrschaft, sondern die Beseiti- gung gesellschaftlicher Verhältnisse, die nur durch die Allgegen- wart höchster Gewalt aufrechtzuerhalten sind, also die Abschaf- fung der Notwendigkeit von Staatsgewalt und Gehorsam. Was demge- genüber die Staatsparteien des sowjetisch "revolutionierten" Ostens an Staatsgewalt und Volkszustimmung inszeniert haben, ist alles andere als der Auftakt zu einer "Degradierung" des Regie- rens zum bloßen Verwalten vernünftiger Verhältnisse und zum "Ab- sterben des Staates". - Demokratie war's aber auch nicht. Dem Pu- blikum wurden andere "gute Gründe" fürs Gehorchen, Mitmachen und Dafür-Sein zugemutet als der zynische Verweis auf die jeweils letzte freie Wahl: aufgeschönte Erfolgsmeldungen über Wohltaten des Staates an seinem Volk sollten Zufriedenheit erzeugen und verbürgen - und daß sie verlogen zu sein pflegten, hat viele Par- teigrößen seit jeher ihr Amt und manche den Kopf gekostet. ...zu einer falschen Selbstkritik --------------------------------- Dieses verlogene Herrschaftsethos vom erfolgreichen Dienst am Volk und alle dazugehörigen "marxistisch-leninistischen" Partei- lehren vom historisch unausbleiblichen Sieg des Sozialismus legen die Staatsparteien des ehemaligen Ostblocks jetzt ab wie eine überlebte Phrase; und schlagartig wird allen klar, daß mehr auch nicht daran war. Dabei kommt keiner der fortschrittlichen Reform- "Kommunisten" auch nur im Traum auf die Idee, daß es da noch eine andere Alternative geben könnte, nämlich die, die versprochene Dienstbarkeit der Partei für das Wohl der arbeitenden Menschheit - w a h r z u m a c h e n. Die "neue Ehrlichkeit" ist viel leichter zu haben: Man streicht diesen Maßstab, vor dem die "Arbeiterparteien" sich doch nur blamiert haben. Statt die eigene Herrschaft einer Kritik zu unterziehen, wird deren Schönfärbung aus dem Verkehr gezogen. An ihre Stelle tritt die Ideologie von den ö k o n o m i- s c h e n S a c h z w ä n g e n, gegen die mit der wohlmei- nendsten Sozialpolitik nicht Gutes auszurichten wäre. Ähnliche Vorstellungen haben im "Realen Sozialismus" durchaus Tradition; seit Stalin verleihen sie dem staatlichen Herumfuhrwerken mit Preisen, Löhnen und staatlichen Profiten zum Schaden der Arbeiter die höheren Weihen ökonomischer Vernunft. Das sollte aber immer noch so verstanden werden, daß der Arbeiter- und Bauernstaat die "Gesetze" der Volkswirtschaft im Dienste der Volksmassen beherr- schen und anwenden würde. Von diesem Versprechen verabschieden sich die Reform-"Kommunisten" heute. Ihren selbstgeschaffenen Widerspruch eines staatsmonopolistisch geplanten Marktes mit "sozialistischem Wettbewerb" statt kapitalistischer Konkurrenz wollen sie endlich auflösen, und zwar in die anti-"plan- wirtschaftliche" Richtung: "D e r M a r k t" a l l e i n soll herrschen, nicht gestört durch das politische Hinwirken auf "soziale", volksnützliche Ergebnisse. Das ist jedenfalls der neue reformerische Konsens zwischen Warschau und Belgrad, Ostberlin und Budapest. A l l e i n d a s G e l d soll alles Produ- zieren und Verteilen kommandieren; und wenn das anders nicht zu haben ist, dann muß eben die M a c h t d e s E i g e n- t u m s, die im Westen Europas so total funktioniert, auch im ehemals "realsozialistischen" Osten des alten Kontinents die ökonomische Alleinherrschaft antreten. Das ist zwar leichter beschlossen als getan; kapitalistische Pro- duktionsverhältnisse lassen sich nicht importieren wie Werkzeug- maschinen, und schon gar nicht lassen sie sich nach dem volkswirtschaftlichen Lehrbuch, sei es ein westliches oder ein östliches, herbeizaubern. Wohl aber läßt sich dem Kapital durch die Ruinierung der bisherigen Produktionsverhältnisse der Weg bahnen; und das packen die reformierten Machthaber der osteuro- päischen Klein- und Mittelstaaten entschlossen an. Sie tun alles für die Liquidierung ihres Planungswesens und für die Ruinierung ihres alten Geldes, auf daß irgendwann und irgendwie ein neues, gutes nationales Geld, getrennt von weiterer staatlicher Auf- sicht, Lenkung und Verwendungsvorschrift, als Instrument autono- mer Wirtschaftssubjekte und profiterstrebender Betriebe den Gang der Ökonomie diktiere. Und die gewendeten "Kommunisten" wissen auch, wo es diese Sorte Geld längst gibt und wo das Interesse zu- hause ist, damit die ganze Welt zu kommandieren, so daß alles der Geldvermehrung dient: Der kapitalistische Westen wird dringlich zu geschäftsförderlicher Einmischung eingeladen. Über jede Kritik erhaben: Die nationale Sache --------------------------------------------- Die "realsozialistische" Regierungsideologie, die die "führende Rolle" der Partei ausgerechnet mit ihrer antikapitalistischen Fürsorge für die Lohnarbeiter legitimiert, wird dadurch obsolet. Die Parteiführer selbst wissen keinen guten Grund mehr für das verfassungsmäßig gesicherte Machtmonopol ihrer Partei - sie haben ja auch keinen, nachdem ihr "sozialistischer" Staat seine Planungshoheit über Märkte und Betriebe bloß noch loswerden will. Damit gibt es nämlich die "sozialistische Sache" nicht mehr, für die die Staatsparteien des Ostens nach bisherigem Selbstverständ- nis die Staatsgewalt erobert und gehandhabt haben wollen. Statt dessen gibt es - nur noch und mehr denn je - die n a t i o n a l e Sache: den Staat, der im Volk und dessen öko- nomischer Benützung seine Machtbasis hat, der damit zur Konkur- renz in der Welt antritt und der da um seinen Erfolg kämpft. Was das praktisch, ökonomisch heißt, das haben die Machthaber der ehemaligen "Satellitenstaaten" der Sowjetunion sich von ihren westlichen Geschäftspartnern beibringen lassen: nationale Sache ist vor allem das Projekt, ein kerngesundes, kapitalistisch er- folgreiches nationales Geld herzukriegen, mit dem alle nationalen Betriebe rentabel wirtschaften und mit dem die Staatsgewalt kauf- kräftig und als weltwirtschaftlich respektable Macht dasteht. Für diese überragende nationale Sache braucht es keine Fanatiker der "sozialen Gerechtigkeit", sondern Anwälte des nationalen Rechts auf Erfolg, also durchsetzungsfähige Politiker, die sich darauf verstehen, ihrem Volk den Dienst am nationalen Erfolg als ihr höchstes Recht und Genußmittel zu verkaufen. Dieser erzdemokratischen politischen Aufgabe stellen sich die Re- formparteien des ehemals "sozialistischen Lagers" ohne Bedenken und soziale Skrupel. Und damit beweisen sie im Nachhinein, was ihre "sozialistische Sache" schon immer bloß gewesen ist, nämlich ein alternativer Weg zu Erfolg und Größe d e r N a t i o n - das macht die Kontinuität zwischen ihrem alten "Realen Sozialis- mus" und ihrer "Wende" aus, und ohne diese Identität im Zweck hätten sie den Schwenk vom "Arbeiterparadies" zum ewigen "Gürtel- enger-schnallen" niemals hingekriegt. "Sozialismus" war für diese Parteien eben schon immer so etwas Ähnliches wie die nationale "Volksgemeinschaft" und "Planwirtschaft" ein Programm des natio- nalen Aufbaus, das sein Kriterium nie im rationell geplanten Wohlergehen der Leute hatte, sondern schon immer in der Durchset- zungskraft der nationalen Staatsgewalt. Für dieses Ziel haben sie schon immer ihre Lohnarbeiter schlecht entlohnt und nach Kräften arbeiten lassen. Und für den Erfolg auf diesem Feld verwerfen sie jetzt ohne Bedauern ihre alten politischen und ökonomischen Re- zepte als den u n t e r l e g e n e n Erfolgsweg. So "läutern" sich die "Realen Sozialisten" zu den N a t i o n a l i s t e n, die sie mit all ihren roten Sternen, Sicheln und Zirkeln schon immer waren und sein wollten. Ihr "Sozialismus in den Farben..." dieser oder jener Nation war nie etwas anderes als ein N a t i o n a l i s m u s n a c h "s o z i a l i s t i s c h e m" E r f o l g s r e z e p t. Als Nationalisten auf der Suche nach dem kapitalistischen Er- folgspfad stellen sich die "Realen Sozialisten" in den osteuropä- ischen Staaten nun der Konkurrenz: einer Konkurrenz in freien Wahlen mit lauter Gleichgesinnten, die freilich schon früher den Sozialismus als das minder erfolgreiche Rezept und antinationales "Experiment" verworfen haben. Insofern sind die anstehenden Wah- len dieses Jahres längst entschieden, noch bevor die reform- "sozialistischen" Parteien sie vergeigt haben, und ganz gleich, wie radikal sie weggewählt werden. zurück