Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...


       zurück

       Das Ergebnis der letzten Woche: die Allunionskonferenz der KPdSU.
       Die einzig  interessante Frage: ob sich die "Reformkräfte" durch-
       setzen. Viel  Aufmerksamkeit dafür,  ob  Gorbatschow  das  nötige
       Quantum Beifall  erhalten hat. Kaum Interesse für die Fragen, die
       diskutiert worden  sind, außer  für die Personalfragen. Und schon
       gar keine Beurteilung, ob der Normalrusse denn auch nur eine All-
       tagssorge  weniger   hat,  wenn  er  einen  vom  Obersten  Sowjet
       g e w ä h l t e n   Staatspräsidenten geschenkt  bekommt oder die
       Planmethodik um  ein paar  zusätzliche Markt-Idealismen  angerei-
       chert wird.  Statt dessen  große Sorge  darum, ob die Delegierten
       ihr Bekenntnis  zu mehr  Demokratie  auch  richtig,  nämlich  als
       150prozentigen Gehorsam gegenüber ihrem Chef verstehen und ob die
       "Reformgegner" auch  energisch genug mundtot gemacht worden sind.
       Im Namen  unserer Interessen kann es in der KPdSU gar nicht tota-
       litär genug  zugehen. Und unsere Interessen buchstabieren sich in
       dem Fall  schlicht und  einfach: Gorbatschow.  Ob  er  will  oder
       nicht, er  ist  d e r  K r o n z e u g e  des Westens bei der Be-
       antwortung der Frage:
       
       IST DER OSTBLOCK-KOMMUNISMUS AM ENDE?
       =====================================
       
       Egal, ob  der Russen-Chef das vielleicht etwas anders sieht - mit
       seinem Reform-Programm  "gibt" er  in der  westlichen Optik immer
       nur "zu",  daß Kommunismus  nicht geht. Deshalb braucht sich hier
       auch keiner  Gedanken darüber  zu machen,  daß und wie die Russen
       ihrer:    Sozialismus     auf    Vordermann    bringen    wollen.
       B e u r t e i l t   werden die  Reformen ausschließlich  als  die
       mehr oder  weniger taugliche Vollstreckung der Diagnose, die hier
       schon lange feststeht: daß der Kommunismus bankrott ist. Beweise:
       Die sozialistischen  Staaten haben Schulden, bescheren ihrem Volk
       Versorgungsmängel und  haben mit  massenhafter Unzufriedenheit zu
       kämpfen. Das  alles einmal  ernstgenommen: Wieso soll das eigent-
       lich gegen sie sprechen?
       - Schulden und  Elend gibt  es auch im Westen nicht zu knapp - da
       hat man  sie als  Probleme zu begreifen und  f ü r  die Politiker
       zu sein, die sich daran zu schaffen machen. Schulden und Elend im
       Ostblock -  da gelten sie als  W i d e r l e g u n g  des Systems
       und sprechen  nur   g e g e n   die regierenden Parteien. Das ist
       logisch?
       - "In der  Marktwirtschaft werden die Leute besser versorgt." Be-
       weis: Drüben  müssen sie  Schlange  stehen  vor  den  Geschäften.
       Kunststück -  wenn die  Armut hierzulande  einfach anders organi-
       siert ist. Nämlich übers Geld, von dem gewisse Leute immer zu we-
       nig haben,  um die   P r e i s e   all der begehrenswerten Sachen
       zahlen zu  können. Wenn  der Lohn  nicht reicht, braucht man auch
       gar nicht erst vor den Läden zu drängeln oder eben nur im Sommer-
       schlußverkauf, um sich um die Billigstangebote zu prügeln.
       - "Konkurrenzunfähig"  sollen  die  sozialistischen  Wirtschaften
       sein. Und wieso soll man sich für Konkurrenzfähigkeit begeistern?
       Ist das  etwa ein Segen für die, die jeden Morgen in den Fabriken
       dafür antreten  müssen? Noch nie davon gehört, daß  d a s  Mittel
       des Konkurrenzkampfs  die erfolgreiche  Leistungsauspressung ist?
       Doch, die  Ideologen des  Westens wissen das längst. Sie beweisen
       die Unterlegenheit  des Ostens  mit so etwas wie "versteckter Ar-
       beitslosigkeit", einer  "mangelnden Produktivität"  und  "Schlen-
       drian in  den Fabriken".  Der Erfolg  des Westens beruht also auf
       m e h r   und   m o d e r n s t   organisierter Arbeitshetze. Und
       die andere  Seite davon, das Elend, ist entsprechend organisiert,
       als "offene" Arbeitslosigkeit. Und das soll prima sein?
       - "Im Westen gibt es mehr und bessere Waren." Fragt sich nur, für
       wen. Volle  Schaufenster, lauter  Qualitätsware - bloß eine ganze
       Abteilung von  Leuten muß  ihr Leben  lang herumrechnen,  was sie
       sich von ihrem Lohn (nicht) leisten kann.
       - Aber, ein  Lieblingsargument von  "Bild", die Leute drüben sind
       doch selber  mit ihrem System unzufrieden: Da gibt es Streiks und
       Proteste gegen  die Maßnahmen  der Regierung.  Ja und?  Da nehmen
       sich die Leute eben auch mal heraus zu überprüfen, ob die Politik
       ihnen paßt.  Hierzulande dagegen gilt ein unerschütterliches Ver-
       trauen zu  den Kohls  und Barschels.  Spricht das  für die?  Oder
       spricht das  nicht vielleicht  eher gegen die Vertrauensseligkeit
       demokratischer Staatsbürger?  In Polen,  hört man,  gibt es  kein
       Vertrauen in  die Führung,  daß sie  die Krise  meistert. Bei uns
       platzt ein  Versprechen nach dem anderen, die Arbeitslosigkeit zu
       beseitigen. Die  Führung erklärt  sich für  ohnmächtig  gegenüber
       diesem "Problem",  will von  ihrer Zuständigkeit dafür nichts ab-
       treten -  und behält das Vertrauen ihres Volkes. Ist das ein Plus
       für den Westen?
       Und noch  eine letzte  Weisheit von "Bild" und anderen Systemken-
       nern:
       
       Der Sozialismus  "funktioniert nicht"  - bei  uns funktioniert's.
       Bloß -  was denn?  Die Mafia funktioniert auch und zwar hervorra-
       gend. Ein Grund, der Komplimente zu machen?
       Eine Kritik am Ostblock-Kommunismus haben diese Besserwisser alle
       nicht zu  bieten, sondern  bloß voreingenommene Vergleiche. Denn:
       Wieso beweist  irgendeine Scheiße   d r ü b e n  automatisch, daß
       hier alles bestens ist? Umgekehrt gilt das doch auch nie!
       Wenn auf einen Mißstand drüben gedeutet wird, heißt die Botschaft
       immer: Das  liegt daran,  daß nicht so wie bei uns gewirtschaftet
       und regiert  wird. Aber  wie wirtschaften  und regieren  sie denn
       drüben? Anders  als hier! Aber das sagt doch noch gar nichts. Be-
       ziehungsweise: Nach  demokratischer Logik  sagt das  schon alles.
       Man soll  gar nicht   w i r k l i c h   vergleichen. Man soll auf
       einen Argumentationstrick  hereinfallen: Weil   d r ü b e n   die
       Versorgung     o f t     s c h l e c h t     klappt,   wäre   die
       h i e s i g e   W i r t s c h a f t   u n d   P o l i t i k   ein
       einziges gelungenes  Versorgungsunternehmen für  die Menschheit -
       und jede Unzufriedenheit  h i e r  höchst unangebracht.
       So wird man immerzu zur Feindschaft gegen die drüben aufgefordert
       - mit  e r l o g e n e n  Gründen.
       
       Was es wirklich an der Ostblockwirtschaft zu kritisieren gibt
       -------------------------------------------------------------
       
       Alles, was drüben beschissen ist, gibt es genau deshalb, weil die
       sozialistischen Parteien gerade keinen Schnitt mit dem Kapitalis-
       mus machen  wollten und  wollen, sondern einen Staatskapitalismus
       mit menschlichen  Zügen. Das haben sie auch geschafft - mit allen
       Gemeinheiten, Idiotien,  Problemen, die  bei diesem  Programm gar
       nicht ausbleiben  können, und  mit einigen neueren Zersetzungser-
       scheinungen dazu.
       
       Keine geplante Produktion
       -------------------------
       
       Gegen alle Gerüchte: Eine Planwirtschaft ist das drüben nicht. Da
       müßte nämlich ermittelt werden, was alles gebraucht wird, um dann
       den erforderlichen Arbeitseinsatz zu organisieren. Einschließlich
       der Entwicklung  und Herstellung  von Produktionsmitteln, die die
       Arbeit erleichtern und verkürzen.
       Drüben gelten  vielmehr lauter Anweisungen zur Produktion von Ge-
       winn. Diese  Sorte Kommunisten  war und  ist nämlich  sehr beein-
       druckt vom  Kapitalismus und  hat sich  von ihm das Prinzip abge-
       schaut, das  Geld die  Arbeit kommandieren  zu lassen.  Aber eben
       nicht mehr  in Privathand,  als Mittel privater Kapitale, sondern
       als "Steuerungsmittel"  des Staats.  Damit ist  andererseits auch
       die Konkurrenz beseitigt. Deren Zwang wird also den Betrieben und
       den Arbeitern erspart. Also auch der Stachel, der kapitalistische
       Unternehmer vorantreibt  auf Kosten ihrer Arbeitermannschaft, die
       sich an immer neuen Leistungsmaßstäben erproben darf, und der das
       schöne Nebeneinander  von Reichtum  im  Überfluß  und  massenhaft
       Elend zur  Folge hat.   B e i d e s   kennen  die sozialistischen
       Staaten nicht,  statt dessen haben sie sich ein System von lauter
       Abstimmungsproblemen geschaffen.
       Zum Beispiel das zwischen den Interessen der Verkäufer und Käufer
       bei der  Festlegung der  Preise: Einen  anständigen Gewinn sollen
       die Preise schon einschließen, damit die sozialistischen Betriebe
       sowohl genügend  beim Staat abliefern, wie auch eigene Mittel zur
       Erweiterung und  Verbesserung der Produktion behalten können. An-
       dererseits sollen  die Preise aber auch den Käufern zugutekommen:
       Weder sollen  sie für  andere Unternehmen die Kosten hochtreiben,
       noch den Konsum der Leute allzu sehr einschränken. Diese preispo-
       litische Aufgabe  garantiert, daß  gar nicht  alle Interessen zum
       Zuge kommen  können. Entweder  die  Betriebe  müssen  zu  "volks-
       freundlichen" Preisen  verkaufen, dann hapert es an ihrer "Renta-
       bilität", und ihre Finanzfonds für neue Maschinen kommen auch nur
       sehr stockend zusammen.  O d e r  der Staat gestattet ihnen höhe-
       re Preise,  dann trifft  es die  Abnehmer, was ja auch nicht sein
       soll.
       Ein anderes  sinniges Problem  schafft sich diese Wirtschaftslen-
       kung in  der Frage  der Gewinnabführung: Je weniger den Betrieben
       bleibt, umso weniger können sie in die Entwicklung hineinstecken.
       Je mehr  aber der Staat ihnen beläßt, umso weniger Mittel kann er
       in den Ausbau der sozialen Abteilungen stecken.
       Die Vorstellung,  daß mit der Vorschrift zur Gewinnproduktion die
       Betriebe sich  automatisch wie  Weltmeister im Gewinnsteigern und
       Kostensenken aufführen werden, blamiert sich gründlich.
       Die der  kapitalistischen Konkurrenz entnommene Idee, sie mit der
       Androhung von   S t r a f e n  anzuspornen, taugt aber auch nicht
       viel. Pleiten  passen nämlich  gar nicht  ins sozialistische Kon-
       zept: Auch  wenn Betriebe  keinen Gewinn  abwerfen, das,  was sie
       produzieren, wird doch andererseits  g e b r a u c h t.
       Und  B e l o h n u n g e n  für erfolgreiche Betriebe mögen deren
       Eifer schon  anspornen; ob deren Mehrprouktion aber nützlich ver-
       wendet wird,  hängt davon  ab, ob  z.B.  an  anderer  Stelle  die
       Kapazitäten zur  Weiterverarbeitung genügen. Auf die Art kommt es
       auch  schon   mal  zu  nutzlosen  Überschüssen,  wenn  elementare
       Voraussetzungen wie  Transportwesen oder  Energieerzeugung  nicht
       mithalten. Neben Versorgungslücken gibt es nutzlose Überschußpro-
       duktion. So  rächt sich  der Versuch,  die  kapitalistische  Kon-
       kurrenz  zu  imitieren,  statt  eine  ordentliche  Planwirtschaft
       einzuführen. Die sozialistischen Staaten sind ständig unzufrieden
       mit den Fortschritten ihrer Wirtschaft; dabei kommen sie aber nie
       auf die  Idee, daß  und wie  das an  ihrer Steuerung mit "Finanz-
       hebeln" liegt.  Lieber schauen  sie neidisch  auf  die  kapitali-
       stischen Nachbarn,  vergessen ihre  Kritik an  deren Ausbeutungs-
       praktiken und  entwickeln das  Bedürfnis, sich  durch Einkauf von
       deren Fortschrittsmitteln zu behelfen.
       
       Die Idiotie, den Weg zum Kommunismus
       ------------------------------------
       durch Westkredite abkürzen zu wollen
       ------------------------------------
       
       Kredit für  den kommunistischen Osten räumt der freie Westen, al-
       len voran  die BRD,  gerne ein;  er eröffnet nämlich die Möglich-
       keit, sich mit den eigenen Geschäftsinteressen auch einmal in das
       ökonomische Getriebe  der "unzugänglichen"  Planwirtschaft einzu-
       schalten.
       Und die  Wirtschaftslenker drüben  bedienen sich,  um ihrer Indu-
       strie einen  Produktivitätsschub und  ihrem Volk  insgesamt  eine
       Besserstellung zukommen zu lassen - menschenfreundlich, aber eben
       nicht geschäftstüchtig.  Da dient  der Kredit eben nicht zur Ver-
       besserung der  A u s b e u t u n g  und der außenwirtschaftlichen
       Schlagkraft der  Ökonomie. Und  das bekommen  die sozialistischen
       Staaten an den Folgen zu spüren.
       Mit ihrer  Kreditaufnahme halsen sie sich die Frage der Bedienung
       und Abzahlung  auf. Sie  kriegen das  Problem der Devisenbeschaf-
       fung, stellen  ihr gesamtes  Wirtschaftswesen unter den Zwang zum
       Exportieren und  setzen es  damit der  beinharten Konkurrenz  mit
       westlichen Maßstäben aus. Die Leistungen sozialistischer Betriebe
       müssen mit denen westlicher Kapitale konkurrieren. Mit dem Resul-
       tat, daß sie - gemessen am kapitalistischen Ge- und Verbrauch von
       Lohnarbeitern -  hoffnungslos rückständig  und  konrurrenzunfähig
       sind.
       Überdies stellt eine sozialistische Ökonomie gar keine beliebigen
       und reichlichen  Überschüsse für  einen Export  zur Verfügung, so
       daß Güter exportiert werden müssen, die eigentlich gebraucht wer-
       den. Der  Versuch der polnischen Regierung, durch die Verteuerung
       von Lebensmitteln  mehr davon  für den  Export locker zu machen -
       eben die  Billigangebote, Yano-Dosen  und Gänse,  die jeder west-
       deutsche Supermarktkunde  kennt -, löste die Streikwelle von 1980
       aus. Die  polnischen Arbeiter fanden es nämlich gar nicht selbst-
       verständlich, daß  sie mit ihrem Lebensstandard für die Zahlungs-
       schwierigkeiten ihrer  Nation haftbar gemacht werden sollten. Und
       sie waren  gerade von  ihrem "Regime"  eine andere Behandlung ge-
       wohnt.
       
       Logische Folge: die Schuldenkrise
       ---------------------------------
       
       Die ist  es, die  Polen zersetzt und die Nachbarn schädigt. Ange-
       sichts der  innerpolnischen Unruhen  hat der Westen sofort Partei
       ergriffen. Nicht  für die polnischen Arbeiter, sondern weil er in
       ihrem Ungehorsam  die Chance  gewittert hat,  die Herrschaftsver-
       hältnisse in  Polen ein bißchen nach seinem Geschmack umzumodeln.
       Nach dem Verbot der "Solidarität" hat er dasselbe auf einem ande-
       ren Weg versucht und sein Bestes getan, um die polnische Ökonomie
       und Herrschaft durch die Verweigerung neuer Kredite nachhaltig zu
       destabilisieren.
       Darüber ist  die sozialistische  Wirtschaftslenkung in Polen end-
       gültig zu einer Notstandsverwaltung auf Dauer geworden. Der Zwang
       zur Devisenerwirtschaftung und zum Export bleibt unvermindert er-
       halten, denn,  um die  im Westen  gekauften Fabriken  und Anlagen
       überhaupt weiter ausnützen zu können, ist Polen auf Käufe von Er-
       satzteilen und  Vorprodukten weiterhin  angewiesen.  Gleichzeitig
       aber braucht  die Regierung  die Devisen  für die Bedienung ihrer
       Schulden, so  daß die Exporterträge für beide Zwecke nie genügen.
       Was sich  nur irgendwie auf Westmärkten zu Geld machen läßt, wird
       daher herausgeschafft,  auch auf  Kosten des  inneren Bedarfs, so
       daß Störungen  der Produktion  an der Tagesordnung sind. Zum Bei-
       spiel wegen  Energiemangels: Die  polnische  Kohle  bildet  einen
       Hauptexportartikel.
       Westliche Geschäftsleute können sich also an der Konkursmasse des
       polnischen Sozialismus  gut bedienen  - an  eine "Gesundung"  der
       polnischen Ökonomie  ist dagegen  unter  diesen  Bedingungen  gar
       nicht zu denken.
       
       Wie sich ein Ostblock-Kommunismus zersetzt
       ------------------------------------------
       
       Bei den  Maßnahmen, die  im Westen lauthals als "Liberalisierung"
       beklatscht werden,  handelt es  sich um eigentümliche Verfallser-
       scheinungen. Neuerdings  sind Polen  wie im  letzten  Jahrhundert
       wieder als Wanderarbeiter unterwegs. Die polnische Regierung, die
       weder garantieren  kann, daß in den Fabriken kontinuierlich gear-
       beitet wird,  noch daß  die Löhne zum Leben reichen, duldet diese
       Elendslösung stillschweigend.  So gehen  ganze Trupps  polnischer
       Arbeiter im  Ausland für  Hungerlöhne schuften, um damit ein paar
       Mangelwaren zu  erstehen und  nach Polen zu transportieren. Damit
       wird der Schwarzmarkt bestückt, selbstverständlich zu Wucherprei-
       sen, für  die dann  die polnischen  Normallöhne hinten  und vorne
       nicht ausreichen.  Die Arbeit  in den  Fabriken wird dadurch kaum
       produktiver.
       Andererseits werden alle Sorten privater Geschäftchenmacherei als
       Lückenbüßer legalisiert  und ermutigt,  damit irgendwie mehr Ware
       auf den  Markt gelangt.  Den Privatbauern  werden horrende Preise
       erlaubt und die staatliche Garantie eines Preissystems, innerhalb
       dessen Arbeiter  ohne Sorgen leben können sollen, wird immer wei-
       ter aufgegeben.
       Dafür bekommt  Polen hier  lebhaften Beifall, von wegen "Rückkehr
       zur marktwirtschaftlichen  Vernunft" und  "wahren Menschennatur".
       Lauter Lügen!  Mit der  Not der Leute mögen sich ja allerhand Wu-
       chergeschäfte machen  lassen; das  Erfolgsrezept des Kapitalismus
       aber besteht nicht in der Bereicherung von Kleinbauern und Schie-
       bern. Der  Erfindungsreichtum, Ware  zu "organisieren"  in  einer
       Mangelwirtschaft, ist etwas anderes als  d i e  "Initiative", die
       den Kapitalismus  gedeihen läßt.    K a p i t a l i s t i s c h e
       Privatinitiative geht  mit einem  Geld- und Kapitalstock zu Werk,
       der die Anwendung von Arbeit in großem Maßstab lohnend macht. Sie
       hat nichts mit "Existenzgründungen" in Hinterhöfen zu tun. Solche
       "Kleinexistenzen" werden rücksichtslos niederkonkurriert.
       Daß Polen  auf "den kapitalistischen Weg" einschwenken würde, ist
       also auch gar nicht wahr. Schon eher stimmt es, daß die polnische
       Wirtschaft dem  Westhandel und  den Ansprüchen ihrer kapitalisti-
       schen Gläubiger nicht gewachsen ist und vor die Hunde geht. Damit
       steht allerdings  schon die  Systemfrage auf  der Tagesordnung  -
       bloß kennt in Polen keiner die  k o m m u n i s t i s c h e  Ant-
       wort.
       

       zurück