Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...
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Ein Ergebnis von 5 Jahren Perestroika, die der Westen so mag:
BÜRGERKRIEG AM KAUKASUS
Ausgerottet haben die sowjetischen Kommunisten den Nationalismus
ihrer verschiedenen Völkerschaften nie. Wie auch. Die marxisti-
sche Erkenntnis, daß Liebe zum Stammland und patriotische Gefühle
ein schädlicher Wahn sind, haben die "realen Sozialisten" nie
verstanden, geschweige denn beherzigt.
Die unterdrückten Völker des Zarenreiches haben die Bolschewiken
nur vom Imperialismus des Zaren befreit und nicht von dem Stand-
punkt, sie wären ein "auserwähltes Volk". 70 Jahre lang ist jede
"nationale Identität" gehegt und gepflegt worden: Die Aseris ha-
ben renovierte Moscheen bekommen, die Armenier ihr Denkmal zum
Völkermord der Türken an ihren Stammesgenossen, natürlich auch
und nicht zuletzt die Russen ihren Glauben an ihr "Mütterchen
Rußland" und überhaupt jeder Sowjetbürger seinen besonderen Na-
tionalitäts-Stempel in den Ausweis.
Aber wenigstens das Eine hat der Stalinismus geleistet: Er hat
die m i l i t a n t e B e t ä t i g u n g des nationalen Wahns
gegen die Nachbarn v e r b o t e n. Und seine gleichgeschaltete
Allunions-Partei war der Garant einer Einheit, an der die Natio-
nalitäten sich beschränken mußten. Sie hat ein gesamt-so-
wjetisches Staatsinteresse gestiftet, nämlich die Selbstbehaup-
tung der "proletarischen" Sowjetmacht gegen die bürgerlichen
Großmächte nach außen und eine gesamtstaatliche "Planwirtschaft"
nach innen. Die Abgrenzung der verschiedenen Nationalitäten ge-
geneinander haben die Stalinisten zum Gliederungsprinzips für ih-
ren "realsozialistischen" Einheitsladen gemacht. Die Gegensätze
zwischen den - erwünschten - Eigeninteressen der Republiken, Au-
tonomen Gebiete usw. sowie zwischen diesen Sonderinteressen und
dem Gesamtstaatsinteresse, vertreten durch die Zentralgewalt ha-
ben sie damit zur festen Einrichtung gemacht. Dabei haben sie
sich einerseits auf die Macht der Zentrale und auf die Disziplin
der in Moskau wie in den Provinzen allein bestimmenden Partei
verlassen. Andererseits haben sie darauf gesetzt, daß die ver-
schiedenen Völkerschaften mit dem Fortschritt des Gesamtstaats zu
einer "brüderlichen Gemeinschaft" zusammenwachsen würden; ihre
Bürger sollten sich neben ihrem anerkannten Sonder-Volkstum daran
gewöhnen, "Sowjetmenschen" zu sein.
Dieses
I d e a l einer Nationalitätengemeinschaft,
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deren Mitglieder um so lieber gemeinsame Sache machen würden, je
mehr sie ihr Eigenrecht ausleben dürften, hat Gorbatschow zum be-
stimmenden Standpunkt der sowjetischen Union gemacht. Er hat näm-
lich auf den Provinz-Nationalismus als Kraft gesetzt, die seine
Perestroika machtvoll vorantreiben würde.
Herausgekommen ist dabei, was kommen m u ß t e: Die Nationali-
täten und Republiken haben gegen e i n a n d e r und gegen das
g e s a m t sowjetische Staatsinteresse lauter besondere Vor- und
Nachteilsrechnungen aufgemacht. Und es liegt in der Natur solcher
Rechnungen, daß ihre Bilanz schlecht ausfällt. Denn in Wahrheit
wird da nie ehrlich gerechnet, sondern umgekehrt alles, was ir-
gendwie nicht klappt oder unzufrieden stimmt, in ein Problem des
gerechten Ausgleichs zwischen den Mitgliedern des Vielvölkerstaa-
tes übersetzt. Und wenn dieser Gesichtspunkt erst einmal zum
gültigen wird, dann werden n u r n o c h V e r s t ö ß e ge-
gen das jeweilige nationale Recht auf Erfolg und Fortschritt re-
gistriert, und der Nationalismus wird hemmungslos. Von bisher
verordneten Einschränkungen befreit, kommt alles das zum Zug, was
die Völkerschaften sich immer schon als ihren Vorzug eingebildet
haben: religiöse Ehrenpunkte; völkische Traditionen, insbesondere
in Gebietsfragen; der Glaube an die moralische Überlegenheit der
eigenen Rasse; der Haß auf die Nachbarn, die ihre Sprache, ihre
Folklore, ihre verflossenen Volkshelden und dergleichen mehr ge-
nauso als Beleg für i h r e Überlegenheit ansehen ...
A l l e s wird zum Gesichtspunkt für ein nationales Recht und
dessen Durchsetzung sollte doch durch Gorbatschows Perestroika
endlich auf die Tagesordnung gesetzt sein. Schließlich hat Gor-
batschow doch verkündet, der Stalinismus wäre endgültig vorüber;
und von dem haben Nationalisten immer bloß im Kopf gehabt, daß
ihnen da sogar das kleinste auf eigene Faust veranstaltete Pogrom
verboten war.
Mit seinen Beschwichtigungsversuchen hat der Partei- und Staats-
chef alle nationalen Streitigkeiten erst recht vorangetrieben.
Gorbatschow - der sich jetzt von den Armeniern türkische Großel-
tern nachsagen lassen muß, weil er für ihren Geschmack zu sehr zu
den Aseris hält - hat es nämlich für ein gutes Rezept gehalten,
a l l e n Beteiligten gleichmäßig Recht zu geben, damit alle auf
ihn als gerechten Schiedsrichter setzen und sich um so freiwilli-
ger wieder fügen. Er hat die "guten nationalen Gefühle" aner-
kannt, die doch ein prächtiger, ja unverzichtbarer Beitrag zur
föderativen Gesamtnation wären, und immerzu vor ihrer destruk-
tiven Übertreibung gewarnt. Das haben sich alle konkurrierenden
und streitenden Parteien wortwörtlich zu Herzen genommen: An ih-
ren Gegnern entdecken sie jetzt außerdem noch den vom Chef unter-
sagten übertriebenen Nationalismus, und mit ihrem berechtigten
guten Patriotismus machen sie denen erst recht die Hölle heiß.
Jetzt ist am Kaukasus der
Bürgerkrieg
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da. Von einer bremsenden "realsozialistischen" Staats- und Par-
teidoktrin ist endgültig nichts mehr zu sehen. Ihre Vertreter
werden davongejagt, soweit sie sich nicht selbst rechtzeitig an
die Spitze des nationalen Wahnsinns gesetzt haben. Truppen werden
in Marsch gesetzt, und die sowjetische Union wird an ihrer Grenze
zum Iran zum puren Gewaltverhältnis zwischen einer Zentrale, die
in einen Bürgerkrieg der gehobenen Waffenklasse interveniert, um
überhaupt die Hoheit über ihr Staatsgebiet zu wahren, und natio-
nalen Kriegsparteien. Die sind anscheinend wild entschlossen,
sich durch nichts außer durch eine militärische Niederlage brem-
sen zu lassen. Und dabei ist jetzt schon klar, daß die
"militärische Lösung" keine brauchbaren Verhältnisse wiederher-
stellt, weder zwischen den verfeindeten Parteien noch zwischen
denen und der Moskauer Zentrale. Was nur noch gerettet werden
k a n n und um jeden Preis gerettet werden s o l l, ist der
Bestand der Sowjetunion
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Denn die g i b t es ja nun einmal als einheitliche Weltmacht,
und zur Erhaltung ihrer Weltmacht b r a u c h t sie die Ein-
heit. Inzwischen i s t aber auch d i e A r m e e das einzige
M i t t e l, das die Republiken noch bei der Stange halten kann.
Und nicht einmal das versteht sich noch von selbst. Denn mittler-
weile betrachtet die Weltmacht Nr. 1 die "Vorgänge" im Innern der
Sowjetunion nicht bloß wohlwollend als eine für ihre Interessen
äußerst vorteilhafte "Entwicklung", sondern als i h r e S a-
c h e, auf die sich ihre E i n g r i f f s b e f u g n i s s e
erstrecken. Wie weit das geht, das war der freundlichen Gruß-
adresse zu entnehmen, die dem Kreml zum Problem des armenisch-
aserbeidschanischen Bürgerkrieges aus Washington zugegangen ist:
Man habe, wie die Dinge lägen, n i c h t s g e g e n eine
gewaltsame Bereinigung der Lage. So weit ist es inzwischen also
offensichtlich gekommen, daß diplomatische Anfragen und
Genehmigungen laufen, wenn die Chefs der Sowjetmacht ihre Rote
Armee aussenden wollen, nicht um einen Verbündeten in
Afghanistan, sondern um den Bestand ihres Staatsgebietes zu
sichern!
Nicht der Stalinismus, sondern Gorbatschows Perestroika hat die
Sowjetunion auf einen Stand gebracht, der von einem zaristischen
Imperialismus wirklich nur noch schwer zu unterscheiden ist.
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