Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...

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       Öffentlichkeistarbeit des Realen Sozialismus
       

DAS WELTBILD FÜR DIE MASSEN IM SOZIALISTISCHEN LAGER

"Unsere Partei hat großes Vertrauen zu den vielen Tausend sowje- tischen Journalisten und weiß ihre beileibe nicht leichte Arbeit zu schätzen. Jeder Beitrag in einer Zeitung, jede Sendung im Fernsehen oder Rundfunk sind ein ernster Dialog mit einem Audito- rium, das nicht nur wahrheitsgetreue und operative Darlegung von Tatsachen, sondern auch ihre tiefschürfende Analyse und fundierte Verallgemeinerungen erwartet." (Breschnew vor dem XXVI. Partei- tag) Über den Beschluß der NATO, das Ost-West-Verhältnis einer Ent- scheidung zuzuführen mit dem Ziel, den NATO-Auftrag als erledigt abzuhaken, können sich die führenden Politiker der SU nicht im unklaren sein, und sie sind es auch nicht. Das beweist ihre Poli- tik: Sie rüsten auf, was das Zeug hält; auf die Pershing II und Cruise Missiles hat Breschnew auch schon eine "sowjetische Ant- wort" angekündigt. U n d sie starten eine Verständigungsoffen- sive nach der anderen, um den Westen bzw. dessen nationale Prot- agonisten von deren erklärter Absicht abzubringen. Demgegenüber erfüllt ihre Unterrichtung der Öffentlichkeit eindeutig den Tat- bestand der Irreführung. Darin unterscheidet sich die sozialistische Öffentlichkeitsarbeit zwar nicht von der hiesigen, wohl aber in den politischen Gründen und den dazu gehörigen Methoden. "Lehren aus dem zweiten Weltkrieg" ---------------------------------- Eine Einstimmung der Massen auf den Krieg findet in den östlichen Medien schon allein deshalb nicht statt, weil sie i m m e r stattfindet. Der zweite Weltkrieg ist ständig und ohne jede Konjunktur Thema, in Romanen, Filmen, Biographien, Dokumentationen, als Aufdeckung immer neuer Hintergründe und Zusammenhänge: "Eine Vorstellung von jenen ungeheuerlichen Plänen, die der Hit- lerfaschismus gegen ganze Völker hegte, vermittelt das neue Buch 'Gelöste Rätsel des Dritten Reiches'..." "Die Überlebenden der Hoffnungsinsel... das Heft des sowjetischen Kapitäns Beljajew aus dem bitteren Kriegsjahr 1942..." "Dreieinhalb Jahrzehnte sind seitdem vergangen, die Protokolle des Nürnberger Prozesses aber sind nach wie vor aktuelle Doku- mente der Zeitgeschichte. Schonungslos entblößen sie das wahre Wesen des Faschismus..." "Westliche Ausländer fragen mitunter, wenn sie in die UdSSR kom- men, warum die sowjetischen Menschen so oft an die Lehren eines Krieges erinnern, der vor 36 Jahren zu Ende gegangen ist... Der Grund ist ganz einfach: Unter allen Völkern hat das sowjetische im Krieg gegen den Faschismus die meisten Opfer bringen müssen. Die Sowjetunion hatte 20 Millionen Menschenleben zu beklagen - zwanzigmal soviel wie Großbritannien und USA zusammen. Darüber hinaus büßte sie 30 Prozent ihres Nationalvermögens ein." Das ist zwar der Grund dafür, daß der "Große Vaterländische Krieg" und alle Opfer, die dafür gebracht worden sind, im Volks- bewußtsein außerhalb jeder Kritik stehen. Im Krieg gegen den Fa- schismus sind schließlich die Verteidigung des sowjetischen Staa- tes und der Schutz der Bevölkerung vor den faschistischen Plänen zum Einsatz des östlichen Untermenschentums unmittelbar zusammen- gefallen. Der Grund für die P f l e g e dieses Bewußtseins ist aber ein anderer, weshalb die Tatsache, daß der Faschismus 1945 geschlagen wurde, immer wieder dementiert wird: "Die UdSSR weiß nur zu gut, daß die Gefahr einer Aggression gegen den Sozialismus, die Gefahr eines neuen zerstörerischen Krieges so lange real bleibt, bis dem Militarismus nicht das Handwerk ge- legt worden ist... Militarismus..., der dem deutschen Faschismus als Nährboden diente... Nicht von ungefähr werden in den USA, der BRD, Italien, Großbritannien, Frankreich und vielen anderen Län- dern neonazistische Gruppierungen zunehmend aktiv... In der stic- kigen Atmosphäre der Kriegshysterie kann der Neofaschismus eines Tages zur Offensive übergehen..." Das glauben die Ostjournalisten ja wohl selber nicht, daß die Wehrsportgruppe Hoffmann, die italienischen Neofaschisten und die Mannen um Mosley den nächsten Weltkrieg initiieren. Aber mit der dauerhaft wachgehaltenen Erinnerung an den 2. Weltkrieg, mit dem Nachweis seiner Aktualität dafür wird jede Hakenkreuzschmiererei immens aufgebauscht und ominöse Tendenzen wie "Militarismus" und "Revanchismus" werden beschworen, als ob in Bonn die Vertriebe- nenverbände regierten -, mit derlei Indizien für eine andauernde Kriegs g e f a h r stellt die sowjetische Politik das dauerhafte und fraglose Einverständnis ihres Volkes mit der Notwendigkeit der Aufrüstung und ständigen Wehrbereitschaft her. Und ebenso selbstverständlich und ganz grundsätzlich wird damit mitgeteilt, daß das oberste Ziel der gesamten Außenpolitik ihres Staates eben die Abwendung dieser "Gefahr" ist, so daß jedes auswärtige Unter- nehmen der SU als Mittel zur Sicherung des Friedens über jeden Verdacht erhaben ist. Prinzip Hoffnung ---------------- Alles weitere fällt in eine völlig andere Rubrik. Getrennt vom Bewußtsein einer immer und grundsätzlich existenten Kriegsgefahr, das in der Abteilung Weltkrieg II, damals und immer, gepflegt wird, wird das Volk über den aktuellen Stand der Weltpolitik un- terrichtet, in der es zunächst einmal ganz anders zugeht. Gemäß dem Auftrag zu "tiefschürfenden Analysen und fundierten Verallge- meinerungen" werden alle Ereignisse in der Weltpolitik gnadenlos zu Elementen einer letztlich unaufhaltsamen Tendenz zum Fort- schritt in der Welt "verallgemeinert". Unter dem selbst gesetzten Zwang, die eigene Politik gegenüber dem Volk mit E r f o l g e n zu legitimieren, lügen die Propagandisten der revisionistischen Herrschaft dem Sowjetvolk ein Weltbild zusammen, daß sich einem die Haare sträuben. Die ganze Welt strotzt nur so von befreunde- ten Nationen, und weil das gute Regierungen zu sein haben, läßt sich der soziale Fortschritt dort kaum bremsen. "Solidarität und Freundschaft mit Frauen Afrikas... Bahrein tritt für die Umwandlung des Indischen Ozeans in eine Friedenszone ein... Nordkorea: Hoch- und Fachschulen vor neuen Aufgaben... Me- xiko: Ein zuverlässiger Partner... Nigeria: Beachtlicher Wachs- tumstrend... Indien: Mit voller Berechtigung verbucht man die im Jahrzehnt seit der letzten Volkszählung gestiegene Lebenserwar- tung als wichtigen sozialpolitischen Erfolg... Grenada: Weitrei- chende Veränderungen... Philippinen: Es wurde damit begonnen, sich aus der einseitigen Abhängigkeit vom US-amerikanischen Impe- rialismus zu lösen... soziale Maßnahmen; Anhebung der Mindest- löhne sowie die Sanierung der Slumgebiete von Metro-Manila..." (Ein durchaus repräsentativer Querschnitt.) Auch den G e g n e r, die in der NATO versammelten imperiali- stischen Staaten, hat die Sowjetpolitik in ihrer öffentlichen Selbstdarstellung unter die Fortschrittstendenz gezwungen: F r ü h e r war dank der unermüdlichen und hartnäckigen Bemühun- gen der Weltfriedensmacht die Entspannung weltweiter Konsens und mit deren Höhepunkten, SALT und KSZE, die Kriegsgefahr schon fast für immer gebannt. J e t z t ist es eigentlich immer noch so, denn wollen kann die Politik der NATO eigentlich kein einziger NATO-Staat. D a ß die Angriffe des freien Westens auf die SU in eine neue Phase getreten sind, wird den Sowjetbürgern mitgeteilt, aber im- mer in der Form des "zwar - aber", in der alle Muster der revi- sionistischen Welterklärung dazu bemüht werden, den "schwierigen Bedingungen" ein kräftiges V e r t r a u e n in die eigene Staatsmacht bzw, die von ihr vertretene "objektive Tendenz" ent- gegenzusetzen. Gefahren durch die Schwäche des Hauptfeindes -------------------------------------------- Daß die Politik der USA Anlaß zu Besorgnis gibt, wird festge- stellt, e r k l ä r t wird sie mit einer geradezu bodenlosen Krise, in der sich die USA befinden sollen - "wirtschaftliche Re- zession, Inflation und Ansteigen der Arbeitslosigkeit" -, und ei- nem weltpolitischen Machtverfall: "...wird die Unstreitigkeit ihres Führungsanspruchs im Rahmen der westlichen Allianzen immer mehr in Zweifel gezogen... starke Ein- eingung ihrer Möglichkeiten, auf die sich befreienden Staaten einzuwirken, von denen die Energieressourcen des Landes in vielem abhängen... Die deutliche Erhöhung des Erdölpreises und in der Folge die iranische Revolution versetzten der amerikanischen Wirtschaft einen Schlag an der empfindlichsten Stelle..." Schwach sind sie eigentlich, aber deshalb so gefährlich: "Das führte die amerikanischen Strategen in einen Zustand, der der Hysterie nahe ist...!" Ihr ganzes Volk haben sie eigentlich gegen sich, sind aber gerade deshalb so aufs Kriegführen angewiesen: "Indem man die Amerikaner durch militärische Hysterie aufheizt, will man von den unaufschiebbaren Problemen einer kranken Gesell- schaft ablenken, die die US-Regierung trotz aller Wahlversprechen nicht zu lösen weiß." Und dann wird dem eigenen Konstrukt, daß der Imperialismus Kriege aus Not beginnt, seine Unvernünftigkeit haarklein vorgerechnet, so daß dem lesenden Sowjetbürger eigentlich nur ein Urteil übrig bleibt: Die spinnen, die Amis. "Aber ist es denn nicht offensichtlich, daß es auf diesem Wege weder möglich ist, das Gleichgewicht der militärischen Kräfte zwischen den USA und der UdSSR zu verändern, noch das Verhältnis der wirtschaftlichen Kräfte zwischen den USA und deren Verbünde- ten, noch das Rohstoffproblem zu lösen? Es ist eine Utopie, über die die Schöpfer einer 'Politik der Mus- keln' selbst in Washington Mutmaßungen anstellen. Und deshalb sind sie so nervös, verfallen so von einem Extrem ins andere. Und trotzdem muß sich der gesunde Menschenverstand im Endeffekt Bahn brechen." So unter das Kriterium der Weltbetrachtung subsumiert, demgemäß die Vernunft auf seiten der SU ist und sich,- eigentlich - alle Staaten und Völker der daraus abgeleiteten Politik nicht ver- schließen können, geraten alle zuwiderlaufenden Tendenzen für den Leser zum kompletten R ä t s e l, was die öffentliche Agitation auf ihre Weise bestätigt, indem sie mit Bildern wie Wahnsinn, Hy- sterie oder - Paranoia operiert oder wie der Westexperte (!) Ar- batow explizit zu einer "Verschwörungstheorie" Zuflucht nimmt. Darüberhinaus aber stellt sich das rätselhafte Durchdrehen der US-Politiker dann auch wieder sehr h a r m l o s dar - steht es doch einer Welt von Vernunft gegenüber. Lauter Verbündete im Lager des Gegners -------------------------------------- Der Nachrüstungsbeschluß, in sämtlichen östlichen Medien in aller Ausführlichkeit behandelt, hat nur ganz wenige Urheber und eine unübersehbare Anzahl von Gegnern. Die Bundesregierung selbst ist eigentlich ein Opfer ihres Beschlusses: "Die Nachgiebigkeit in den Beziehungen zu Washington kann sich in eine Tragödie für Westeuropa verwandeln, die es zur 'Atomgeisel' der USA macht." Zwar beginnt mittlerweile die Presse der SU, Schmidt und Genscher als Gegner des Nachrüstungsbeschlusses abzuschreiben - so hat Schmidt durch die indirekte Zusammenstellung mit dem Faschismus einen der härtesten Vorwürfe erhalten, die in der sowjetischen Presse denkbar sind: daß er "nichts Besseres gewußt hat, als im Bundestag mit der erstklassi- gen Bundeswehr zu prahlen und dies kurz vor dem vierzigsten Jah- restag des Überfalls Hitlers auf die Sowjetunion..." Aber das Bild von der deutschen Politik, das in den sowjetischen Zeitungen gegeben wird, ist zu 99% voll mit Friedensfreunden. Zum Beispiel Rudolf Augstein: "Das ist die ernsthafte und, so scheint es, sorgfältig durch- dachte Erklärung eines erfahrenen, informierten Beobachters. Selbst wenn sie nur dessen persönliche Stimmung ausdrücken sollte, wäre sie von großem Interesse. Doch in den Aussagen des Spiegel-Herausgebers kam, insgesamt gesehen, das zu Tage, was beinahe jeden denkenden Einwohner der BRD alarmiert." Eine Friedensresolution von drei Volksschullehrern oder das kri- tische Nachtgebet eines fortschrittlichen Kaplans, von dem man hier nicht einmal durch das zuständige Lokalblatt erfahren würde, bekommt nicht unbedingt gleich in der Prawda, aber unter Garantie im "Neuen Deutschland" seine 10 Zeilen zugewiesen. Was die Qualität der Argumente betrifft, die, die hier zur Erklä- rung der Weltpolitik verwendet werden, sind auch nicht gerade lo- gischer, und das Weltbild von ZDF, ARD, FAZ, FR und Spiegel hat auch seine Tücken. Die hierzulande verzapften Ideologien sind aber in ganz anderer Weise f u n k t i o n e l l für die poli- tischen Zwecke. Während sich die US-Politik mit ihrer Bevölkerung weitgehend einig ist, daß die Russen weggeputzt werden müssen, wozu sie genausogut als gräßliche Bedrohung oder mit ihren töner- nen Füßen taugen, während in der BRD jeder weiß, daß ohne Bundes- wehr die Russen morgen am Rhein stünden, die Politik ansonsten eine einzige Kriegsverhinderungsanstrengung ist, die aber ihr S c h e i t e r n nicht unter allen Umständen verhindern kann, hat die SU sich 1. ununterbrochen für die militärische Konfronta- tion gerüstet und für den ständig in Aussicht genommenen Ernst- fall das Bewußtsein der Bedrohung ohne bzw. mit falschen politi- schen Gründen in ihrem Volk aufrechterhalten - die Traditions- pflege per Weltkrieg II. 2. aber hat sie ihre ganze Außenpolitik mit dem Zweck betrieben, den Imperialismus zum F r i e d e n zu z w i n g e n und sich ihrem Volk gegenüber auf E r f o l g e verpflichtet, so daß die Kriegsgefahr in der öffentlichen Agita- tion immer zugleich benannt und dementiert wird. Selbst im Lager des Feindes sind immer noch zahlreiche Freunde oder fortschritt- liche Tendenzen. Oder: "Der gesunde Menschenverstand muß sich trotzdem im Endeffekt Bahn brechen." Die immergrüne Haupttendenz --------------------------- Obwohl man auch aus den sowjetischen Medien die Anzeichen für "schwere Zeiten" entnehmen k a n n, ist und bleibt der Tenor der Berichterstattung, daß die Welt dank der Existenz der SU schwer in Ordnung ist. Der ganze Dreh, mit der O h n m a c h t der Politik gegenüber unausweichlichen Verstrickungen in der Welt die Bürger hinter die Beschlüsse dieser Politik zu bringen, ist in der sowjetischen Agitation undenkbar: Gefahren und Spannung beschwört sie auch, aber dagegen steht immer die unbeugsame Kraft des Kommunismus und der unverwüstliche Optimismus der revolutio- nären Weltanschauung. Es findet also genau genommen in der Unter- richtung der sowjetischen Bürger überhaupt keine Kriegseinstim- mung statt: gewappnet sein muß man dafür immer, das erledigt der Kult des "Großen Vaterländischen Krieges"; aktuell gibt es zwar größere Schwierigkeiten in der Welt - vor einiger Zeit ging es mit der Entspannung immer aufwärts und neuerdings muß sie mit ziemlicher Mühe gerettet werden -, aber den nur g r a d u e l l von früher unterschiedenen "Gefahren" steht wie immer in ihrer ganzen Zuverlässigkeit die sowjetische Friedenspolitik gegenüber. Das künftige Material des sowjetischen Wehrwillens wird also auch sehr absichtlich über seinen voraussehbaren Einsatz im unklaren gehalten. Das heißt nicht, daß die SU im Ernstfall mit der Wehrbereitschaft ihrer Leute ernstere Probleme bekommen wird: Wenn sie auch keine 100prozentigen Kommunisten sind, Patrioten sind sie allemal und für den Kampfeswillen sorgt das Kriegführen schon selber, indem es jeden Soldaten vor die Alternative stellt, möglichst viele Feinde umzubringen, damit er selber nicht umgebracht wird. Das werden die Russen auch noch hinbekommen ebenso wie die anderen Völkerschaften. Aber was die sowjetische Agitation nicht zustandebringt, ist ein V o r k r i e g s bewußtsein. Daß es angesichts "schwerer Zei- ten", was immer das auch sein mag, Haushaltslöcher, Krise, Kriegsgefahr, Staatsverschuldung etc. nicht angeht, mehr als einen Inflationsausgleich zu fordern, daß das soziale Netz gesäu- bert und gearbeitet werden muß wie nach 45, d i e s e Einforde- rung besonderer Leistungen und besonderer Gehorsamkeit des Volkes verbietet sich für die Staatsagitation im Sozialismus. Daß die Welt dank der eigenen Obrigkeit nach wie vor und trotz allem in Ordnung ist, heißt ja nicht nur, daß die Zeitungen wie je schon voll sind mit neuen Völkerfreundschaften, erhebenden Staatsbesuchen, sozialem Fortschritt in Ruanda-Burundi etc, son- dern daß vor allem im Mutterland des sozialen Fortschritts, also in der Großen Sowjetunion derselbe unübersehbar stattfindet. In aller Ausführlichkeit wird von den Fortschritten "vorbildlicher Brigaden" berichtet, gigantische Kombinate entstehen, zig neue Wohnungen werden eingeweiht und die Damenoberbekleidung der näch- sten Saison wegen Stil, Qualität und tadelloser Verarbeitung als beispielgebendes Produkt der vorbildlichen Damenoberbekleidungs- industrie über den grünen Klee gelobt. Staatliche Sparprogramme zur ---------------------------- "Hebung des Lebensniveaus des Volkes" ------------------------------------- Daß die Kriegsproduktion ein Abzug am gesellschaftlichen Reichtum ist, daß unter den Bedingungen der realsozialistischen Produkti- onsweise die Kriegsproduktion immer eine Behinderung und Be- schränkung des staatlichen Volksbeglückungsprogramms ist, dieser Zusammenhang wird in der öffentlichen Agitation peinlich geleug- net. Daß die Rüstung sein muß, ist im sowjetischen Volksbewußt- sein ein unumstritten anerkannter Sachverhalt. Daß aber das Wohlergehen des Volkes unter der Rüstung auch leidet, darf nicht zur Kenntnis genommen werden. Daß die Sicherheit der SU die Be- dingung für den ständig wachsenden W o h l s t a n d des So- wjetvolkes ist, daß also auch wenn die Sicherheitskosten steigen, dies den Wohlstand der Leute nicht betreffen darf, ist die ganz prinzipielle Ideologie des Sowjetstaates, die er um des Einver- ständnisses mit seinen Bürgern willen nie anzweifeln läßt, auch wenn diese Identität von der Realität der Sowjetökonomie längst widerlegt ist. Der S c h e i n wird von der öffentlichen Agita- tion und der staatlichen Politik erbittert aufrechterhalten: Loh- nerhöhungen bei gleichzeitigen Preiserhöhungen, so daß ein minus herauskommt, wobei der Staat Löhne und Preise unmittelbar fest- setzt - so geht der offizielle Beweis, d a ß es ständig auf- wärts geht. Für das rigorose Sparprogramm, das der neue Fünfjah- resplan über die gesamte Industrie verhängt hat mit Ausnahme eben der Kriegsproduktion und der für die Versorgung unmittelbar not- wendigen Produktionszweige, und für die komplementäre Aufforde- rung an die Massen, fehlende Investitionsmittel durch besonders große Einsatzfreude etc. zu "ersetzen" - das sind die ökonomi- schen Konsequenzen, die die sowjetische Politik aus der amerika- nischen Ansage des Totrüstens gezogen hat - für diese Direktiven müssen V o r w ä n d e als Begründung herhalten wie der abnehn- hende Zuwachs an Arbeitskräften und die Erschließung Sibiriens. Und das ganze Programm tritt immer noch an unter dem Titel: Alles zur "Hebung des Lebensniveaus der Bevölkerung"! Das Verhältnis wird sogar auf den Kopf gestellt, indem zur Wider- legung "imperialistischer Legenden" den USA ökonomische Kalamitä- ten angedichtet weiden, während sich die Friedensliebe der SU in ihrem Wohnungsbau niederschlägt: "Betreibt man eine Außenpolitik der Aggression und des Säbelge- rassels, so muß unweigerlich im Innern des Landes Kurs darauf ge- nommen werden, den Gürtel enger zu schnallen. In den USA plant man bereits für das im kommenden Herbst beginnende Finanzjahr, die staatlichen Ausgaben vorwiegend auf Kosten der Sozialpro- gramme zu kürzen. Einen ganz anderen Charakter tragen die Pläne im Sowjetstaat. Man kann sich schwer vorstellen, daß ein Land 'militärische Überle- genheit anstrebt' und zugleich fast 4 Fünftel des Nationaleinkom- mens für Zwecke verwendet, die dem Wohlstand der Bevölkerung die- nen; daß ein Land 'zum großen Krieg rüstet' und zugleich in den 70er Jahren Wohnungen gebaut hat, die in ihrer Gesamtfläche den ganzen Wohnraumfonds der 60er Jahre übertreffen. Die Sowjetunion folgt in ihrer gesamten Aufbauarbeit, besonders in der Wirt- schaftsstrategie, der Devise: 'Alles um des Menschen willen, al- les zum Wohle des Menschen!'" D e s h a l b aber stellt sich in der Großen Sowjetunion k e i n Optimismus ein, das wäre zu billig. Die positive Grund- haltung des Sowjetmenschen speist sich aus seinem bewährten Op- fermut: "Sein Optimismus aber ist nicht die Selbstsicherheit, vom Erfolg verwöhnt zu sein. Unser Volk weiß: Alles, was es besitzt, wurde durch die eigene Kraft geschaffen, mit dem eigenen Blut vertei- digt..." Auch eine Perspektive! zurück