Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...

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       Ökonomische "Reformen" zur Imitation
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       der einzig effizienten Wirtschaftsweise
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       Klüger geworden  sind die  vormaligen Realsozialisten  durch ihre
       Selbstkritik nicht. Sie wissen genausowenig wie vorher, worin ei-
       gentlich die  Ineffizienz und  Unterlegenheit ihres  ökonomischen
       Systems besteht  und wie  die kapitalistische Reichtumsproduktion
       funktioniert, die  sie sich  zum Vorbild  nehmen. Es  sind lauter
       Dummheiten, die  sie darüber  verbreiten,  wie  "Marktwirtschaft"
       geht, aber auch die lassen sich natürlich praktizieren.
       Das Ideal einer Wirtschaft, die endlich einmal ohne Anleitung von
       oben wie von selbst Reichtum produziert, das radikalisierte real-
       sozialistische Ideal automatischer Sachzwänge wollen sie per Auf-
       gabe der  Rolle des  Staats als  ökonomisches Subjekt realisieren
       und    werden     praktisch    darauf     gestoßen,    daß    die
       U n t e r l a s s u n g   planwirtschaftlicher Methoden,  die un-
       ablässige Beschwörung  betrieblicher "Selbständigkeit"  gar nicht
       identisch ist  damit, daß  sich kapitalistische Geschäftsmethoden
       und betriebliche Erfolge einstellen. Wenn sie die früheren staat-
       lichen Anweisungen streichen, die mit den finanziellen Verpflich-
       tungen auf  eine geregelte Versorgung gedrungen haben, statt des-
       sen die  Betriebe beauftragen,  sich nur mehr um Rentabilität und
       sonst nichts  zu kümmern,  setzen sie  nur den  Gegensatz von be-
       trieblicher Rechnung  und Versorgung frei und destruieren darüber
       die gesellschaftliche  Arbeitsteilung. Die  neue Freiheit, Preise
       festzusetzen, wird allgemein wahrgenommen und führt zu den Schön-
       heiten einer sozialistischen Inflation, so daß das sozialistische
       Rechnungswesen in  keiner Hinsicht  mehr aufgeht: verarmende Mas-
       sen, unrentable Betriebe, defizitärer Staatshaushalt.
       Diese Zersetzungsleistungen befestigen den Glauben an die Reform-
       bedürftigkeit des  eigenen Systems  immer mehr;  allerdings taugt
       die Radikalität  des entsprechenden  politischen Willens auch nur
       dazu, die alten Rechnungsweisen und sozialen Pflichten aufzulösen
       - die  Herstellung  der  tatsächlichen  Bedingungen  einer  neuen
       Reichtumsproduktion kann  er nicht  leisten. Echtes  Kapital wird
       zum nationalen  Bedürfnis - erstens wirkliches, d.h. universelles
       Geld, das  den Zugriff auf Reichtum überall garantiert, und zwei-
       tens ein  Produktionsverhältnis, das mit allseitigen Überschüssen
       auch den sachlichen Reichtum produziert, der einer Mehrproduktion
       an anderer  Stelle automatish zur Verfügung steht. Darüber werden
       Ungarn und Polen zu Bettlern, die den einzigen nationalen Weg zum
       Erfolg in  der Hilfe,  sprich: Übernahme  durch die imperialisti-
       schen Staaten sehen.
       
       Polen: Nationalkatholisches Verelendungsprogramm
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       als Fürbitte um harten Mammon
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       Je länger die polnischen Konkursverwalter mit der sogenannten Sa-
       nierung ihrer  Ökonomie befaßt  sind, desto entschiedener prokla-
       mieren sie die Einsicht, daß Polen  e i n e s  fehlt: die Autori-
       tät eines  Geldes, das Land und Leute zur Produktion eines natio-
       nal tauglichen  Reichtums zwingt.  Darin unterscheiden  sich  die
       heutigen katholischen  Erneuerer nicht  von den "kommunistischen"
       Regierungen Messner  und Rakowski, deren einschlägige Vorleistun-
       gen sie neben ihrer Hetze auch immer wieder einmal würdigen. Aber
       auch darin  unterscheiden sich die heutigen Regierenden nicht von
       ihren Vorgängern:  So apodiktisch,  wie sie  die Segnungen  eines
       funktionierenden Geldes beschwören, so hilf- und begriffslos ste-
       hen sie  der Tatsache  gegenüber, daß  ihre Versuche, ein solches
       Regiment einzuführen,  nur zu fortschreitendem Ruin führt und das
       nationale Geld immer weniger zu den Leistungen taugt, die von ihm
       erwartet werden.
       
       "Alle Veränderungen,  von denen  die Perspektiven  des Volkes und
       der Wohlstand der Bürger abhängen, werden heute von der Inflation
       und dem  Mangel an  wirtschaftlichem Gleichgewicht blockiert, die
       in der  schlechten Versorgung  und den Schlangen vor den Geschäf-
       ten, im  staatlichen Haushaltsdefizit und in der unausgeglichenen
       Handelsbilanz zum  Ausdruck kommen...  Bei einer  hohen Inflation
       kann von  der Schaffung von Bedingungen für eine effektive Arbeit
       des Volkes,  von der dessen materielle Existenz hauptsächlich ab-
       hängt, keine  Rede mehr sein. Die Regierung, die die absolute und
       dringende Notwendigkeit  verspürt, mit  der  Inflation  in  einen
       Wettlauf zu  treten, wird... auch die Erfahrungen internationaler
       Experten und  Finanzorganisationen heranziehen."  (Mazowiecki  in
       seiner Antrittsrede, Archiv der Gegenwart, 24.8.)
       
       "Mangel an  wirtschaftlichem Gleichgewicht" ist der verunklärende
       Name dafür,  daß die  polnische Ökonomie  die  Anforderungen  gar
       nicht erfüllen   k a n n,   die regierungsamtlich an sie gestellt
       werden: einen Export zustandezubringen, aus dem sowohl die Schul-
       denbedienung wie  die notwendigen Importe finanziert werden könn-
       ten, den inneren Bedarf zu bedienen und auch noch den Staatshaus-
       halt zu finanzieren.
       Kohle und Lebensmittel werden exportiert, rücksichtslos gegenüber
       dem nationalen  Bedarf -  die Industrieproduktion geht wegen sin-
       kender Kohle- und Energielieferungen zurück; die Lebensmittelpro-
       duktion, zu  großen Teilen unter den erbärmlichen Bedingungen der
       Parzellenwirtschaft der  polnischen Bauern mit Freiheitsdurst und
       christlicher Familien-Arbeitskraft  erwirtschaftet, genügt  nicht
       einmal der  gnädigen Nachfrage  westlicher Supermärkte; umso mehr
       werden polnische  Läden gar  nicht erst  beliefert. Es  wird auch
       rücksichtslos gegenüber sinkenden Erträgen exportiert was Export-
       betriebe unrentabel  macht, aber sein muß, weil es auf Devisener-
       träge überhaupt  ankommt. Weil die Devisenerträge in erster Linie
       zur Schuldenbedienung  da sind,  müssen die Importnotwendigkeiten
       zurückstehen; für  Ersatzteile und  Vorprodukte, ohne  die die in
       den 70er  Jahren im Westen in großem Maßstab gekauften Ausrüstun-
       gen und  Anlagen nicht funktionsfähig sind, und anderen Importbe-
       darf ist kein Geld da.
       "Mangel an  wirtschaftlichem Gleichgewicht"  ist also der ideali-
       stische Name für die Tatsache, daß die polnische Ökonomie, gemes-
       sen am Exportzwang und den Erfordernissen der inneren Versorgung,
       hoffnungslos zu  wenig produziert  und daß  unter den dadurch be-
       wirkten Störungen  die Produktion  immer mehr  leidet.  U n d  es
       ist zugleich die konsequente Weigerung, den ruinösen Außenhandel,
       das Diktat der westlichen Schuldenbedienung als  G r u n d  wahr-
       zunehmen. Der  unbedingte Wille der polnischen Staatsmacher, ihre
       Ökonomie unter Inanspruchnahme des Weltmarkts zu sanieren, behan-
       delt die  geltenden Ansprüche des Weltmarkts wie eine Sachgesetz-
       lichkeit, was ihnen nichts anderes übrig läßt als die zerstöreri-
       schen Wirkungen  auf ihre Ökonomie auf deren mangelnde Leistungs-
       fähigkeit zurückzuführen.   D a f ü r  erklären sie  s i c h  zu-
       ständig, durch   i h r e  Reformmaßnahmen soll die Leistungskraft
       der polnischen Produktion hergestellt werden.
       Dieser Standpunkt  hat einerseits  die Wahrheit  an sich, daß den
       Staatsmachern in Polen auch nur noch das politische Kommando über
       ihre Ökonomie  als "ökonomischer Hebel" zur Verfügung steht - was
       alles an  Reichtum produziert  wird, ist  ja auf unabsehbare Zeit
       für die  Schuldenbedienung verbucht.  Und eine  Kritik an  dieser
       Verpflichtung, der  Versuch, mit den Regeln des imperialistischen
       Weltmarkts zu brechen, ist das Letzte, was den polnischen Verant-
       wortungsträgern je  einfallen würde.  Mit jeder  Vorstellung  von
       Planwirtschaft haben  sie ja  so falsch  wie gründlich gebrochen.
       Andererseits legen  sie einen  bodenlosen Idealismus  an den Tag,
       was ihr  politisches Kommando  allein schon an Förderung von Pro-
       duktionsleistungen, Herstellung von Geschäftstauglichkeit zustan-
       debringen können  soll. Mit  pathetischen Volksaufrufen vom Typus
       "Jetzt wird  wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Brut-
       tosozialprodukt" haben  die katholischen  Erneuerer kein Problem.
       Mehr humanistisch  wie der  "tiefgläubige"  Regierungschef  Mazo-
       wiecki:
       
       "Es gab  und gibt jedoch Regierungen, die es vermochten, die öko-
       nomische Energie freizusetzen, die in begabten und fleißigen Men-
       schen schlummert.  Es ist  mein größter Wunsch, daß die gegenwär-
       tige Koalitionsregierung  den Polen die Möglichkeit eröffnet, das
       Land wirtschaftlich  auf eine  höhere Ebene zu stellen. Wir brau-
       chen Rechts-  und Wirtschaftsmechanismen, die Menschen mit Unter-
       nehmergeist das  Gefühl der  Sicherheit für  ihre Tätigkeit geben
       und es  allen erlauben,  den moralischen und materiellen Sinn der
       Arbeit wiederzufinden." Und erlöse uns von dem Übel, Amen.
       
       Oder mehr  modern-markwirtschaftlich, wie sein Harvard-gebildeter
       Finanzminister Balcerowicz:
       
       "Wir haben  die große  und nicht wiederholbare Chance, ein System
       einzuführen, das  sich auf  der ganzen  Welt als wirksam erwiesen
       hat. Die  Grundidee ist,  daß Polens  Wirtschaftskrise nur  durch
       schnelle Einführung  der Marktwirtschaft  gelöst werden kann. Die
       bisher angewandten Mittel wie Preiskontrollen, Lebensmittelmarken
       und zentrale  Verteilung verschärfen  die Probleme nur und verzö-
       gern die Heilung." (FR 7.10.)
       
       Geldfetisch 1: der Segen freier, "realer" Preise
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       "Die Herstellung  wirklich realer Preise, die die wirklichen Pro-
       duktionskosten, die  Knappheit eines  Produkts und das Verhältnis
       von Angebot  und Nachfrage  widerspiegeln..., die sowohl Betriebe
       wie Verbraucher dazu anhalten, mehr Rohmaterial, Energie und Fer-
       tigprodukte einzusparen,  und eine  Ausdehnung der Produktion be-
       wirken, die  profitabler sein kann..." (Gwiazda, Die neuen ökono-
       mischen Reformen und Änderungen der Wirtschaftspolitik, West-Ost-
       Journal 5/89) -
       
       diese konkrete  Utopie wird  in Polen  seit einiger  Zeit wahrge-
       macht: Zum  1.8. hat  die Regierung  Rakowski als  ihren  letzten
       Staatsakt, gut  demokratisch mit  dem Mut zu "unpopulären Maßnah-
       men", die Preise für die meisten Lebensmittel freigegeben. Konti-
       nuierlich werden  die Preise  für Kohle  und Energie hochgesetzt,
       das letzte  Mal, zum 1.11. um 150%, was die Abnehmerbetriebe dazu
       stimuliert, wiederum  ihre Preise hochzusetzen. "Real" sind diese
       Preise zweifelsohne.  Ebenso wie  die  Aussichten  etlicher  pol-
       nischer Rentner und "sozial Schwacher" im kommenden Winter zu er-
       frieren, weil sie die Heizungs- und Stromkosten nicht zahlen kön-
       nen, oder  an ihren Krankheiten wegen Unterernährung und dem all-
       gemeinen Mangel  an Medikamenten  zu  sterben.  Was  aber  "reale
       Preise" alles  "widerspiegeln" und an erfreulichen Wirkungen nach
       sich ziehen sollen, gehört ins Reich des Glaubens.
       Die freien  Lebensmittelpreise "spiegeln"  erstens nichts anderes
       wider als den Wucher, den die Bauern auf den freien Lebensmittel-
       märkten deshalb treiben konnten und können, weil es in den staat-
       lichen Lebensmittelläden nicht genügend zu kaufen gibt; und zwei-
       tens den  staatlichen Unwillen,  mit Zahlungen  aus dem  Haushalt
       diesen Wucherpreisen hinterherrennen zu müssen, um überhaupt noch
       Produkte in  den staatlichen Handel zu locken - die vielgeschmäh-
       ten "Subventionen".  Die Aufgabe  dieser  Technik,  eine  gewisse
       Volksernährung zu  garantieren, entlastet den Staatshaushalt; die
       polnischen Massen  haben die Kosten zu tragen, denn die zur Frei-
       heit der  Preise gehörige  Erpressung, vornehm:  Inflation,  wird
       nunmehr ungehemmt  betrieben. Daß  diese schöne Freiheit der Ver-
       käufer auf  deren Seite  soviel Reichtum  ansammelt, daß  die er-
       wünschte Steigerung der Produktion einsetzt, ist aber eine fromme
       Lüge. Als  Einkäufer sind sie von der allgemeinen Preissteigerung
       ebenso betroffen,  und wenn auch etliche Zloty-Vermögen angehäuft
       werden, die  zur Erweiterung der Produktion notwendigen Produkti-
       onsmittel sind deshalb auch nicht vorhanden.
       Ob sich  der staatliche Beschluß, die Preise freizugeben bzw. auf
       eine "reale" Höhe zu steigern, mehr dem hebelökonomischen Glauben
       an die  segensreichen Wirkungen von "Marktmechanismen", den guten
       IWF-Sanierungsratschlägen oder  dem eigenständigen  Beschluß ver-
       dankt, den  Staatshaushaushalt von  Kosten zu entlasten - die be-
       haupteten nützlichen  Wirkungen sind  samt und sonders Ideologie.
       Die Entscheidung, anstelle von Preissubventionen und entsprechen-
       dem Haushaltsdefizit  die Preise freizugeben und nachträglich Zu-
       schüsse an  die Bevölkerung  zu zahlen,  die ein vielleicht etwas
       geringeres Haushaltsdefizit verursachen, bedeutet nur soviel, daß
       das ganze  interne Rechnungswesen  nicht mehr  aufgeht, der Staat
       aber im Nebeneinander von "unrentablen" Betrieben, Haushaltsdefi-
       zit   u n d   verarmten Konsumenten  auf   s e i n e   Finanzlage
       dringt. Wenn  er "Subventionen"  für die  Kohleförderung, für die
       Erschließung neuer  Gruben z.B.,  für  verteuerte  Energieimporte
       oder Lehensmittelpreisstützungen  streicht. wälzt  er  der  Sache
       nach nur  die Kosten  seines ruinösen  Außenhandels auf seine Ge-
       sellschaft ab.  Die Tatsache,  daß die gründlich geschädigte pol-
       nische Ökonomie  nicht dazu  in der  Lage ist, gleichzeitig ihren
       Verpflichtungen nach  außen nachzukommen   u n d   die Nation mit
       dem Notwendigsten  zu versorgen,  wird durch eine solche Trennung
       der staatlichen  von der betrieblichen Rechnung zwar nicht verän-
       dert. Wohl  aber bekommen alle, die etwas zu verkaufen haben, die
       Gelegenheit, die Versorgungslücken mit Wucherpreisen auszunützen,
       was insgesamt  auf ein allgemeines Preissteigerungskarussell hin-
       ausläuft, die sogenannte "Hyperinflation", zur Zeit in Annäherung
       an die  500%-Grenze begriffen. Die polnischen Marktwirtschaftsfa-
       natiker reagieren  auf die  Preisexplosion ebenso  verärgert  wie
       verständnislos "Werk von Bürokraten... auf keinen Fall der Preis,
       wie er  von einem freien Lebensmittelmarkt diktiert wird" (Gazeta
       Wyborcza, Zeitung der Solidarität, NZZ 6.10.) -, lassen sich aber
       ihren Glauben nicht nehmen.
       
       "Die neue  Regierung hat bereits beschlossen, Marktpreise für Le-
       bensmittel einzuführen  trotz der  Tatsache, daß ihr Anstieg nach
       der Preisneufestsetzung  vom 1. August alle Erwartungen übertrof-
       fen hat."  (Memorandum der  polnischen Regierung  für das Treffen
       der Gruppe der 24 Staaten in Brüssel am 26.9.89)
       
       Die idiotische  Vorstellung, mit  freien Preisen  würden sich die
       berühmten Knappheitsrelationen  und darüber  ein  Aufschwung  der
       Produktion herstellen, abstrahiert ein wenig vom Zustand des pol-
       nischen Produktionsapparats.  Mit dem  Streichen von  staatlichen
       Zuschüssen und  der Erlaubnis  zur weitgehend freien Preisgestal-
       tung werden  da zwar  die Eigenschaften des Geldes ein Stück weit
       von der  realsozialistischen Bevormundung  befreit. Alle  die ein
       Geld, einen  Preis verlangen  können, tun  das reichlich, um sich
       damit das  Zugriffsmittel zu  sichern -  das allerdings gegenüber
       einer Produktion  von Reichtum, die durch allseitige Versorgungs-
       mängel und  Produktionsstörungen gekennzeichnet  ist. Die Privat-
       macht des  Geldes taugt  unter den  Bedingungen zwar dazu, andere
       zum Zahlen  zu erpressen,  garantiert aber  nicht den Zugriff auf
       wirklichen Reichtum.  Der Versuch,  sich an  der Höhe  der Preise
       schadlos zu  halten, macht  das Zugriffsmittel selber fortschrei-
       tend untauglich.
       Die Wirkungen sind auch nicht weiter rätselhaft: Bauern beginnen,
       ihre Produktion in der Spekulation auf weiterhin rasant steigende
       Preise zurückzuhalten oder essen ihre Schweine lieber selber auf,
       weil das  Geld, das  sie dafür  erhalten, ihnen  auch nicht  viel
       nützt. Die polnischen Arbeiter setzen zwar immer wieder Lohnerhö-
       hungen durch, haben aber auch nicht viel davon. Die Betriebe wer-
       den erst recht unrentabel, stellen zu großen Teilen die Gewinnab-
       führungen an  den Staat  ein oder  besorgen sich Geldmittel durch
       Wechselreiterei...
       
       Geldfetisch 2: Inflationsbekämpfung per Geldverknappung
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       Was in  Polen als  Inflation bezeichnet  wird, ist nichts anderes
       als die  Ausübung der neuen Freiheit, die Preise zu steigern. Die
       polnischen Staatsmacher  betrachten die Wirkungen aber hartnäckig
       als ungenügende Unterwerfung ihrer Gesellschaft unter den heilsa-
       men   Zwang    der   Gelderwirtschaftung,    machen    für    die
       "Hyperinflation" ein  neues Ungleichgewicht  verantwortlich,  das
       zwischen Waren und Geld, und beschließen darüber, daß es nicht zu
       wenig Waren sondern  z u  v i e l  Geld gibt.
       
       "Der grundsätzliche Stolperstein für die Durchführung dieses Pro-
       gramms besteht in der galoppierenden Inflation. Deshalb plant die
       Regierung den  Zufluß leeren Geldes in die Ökonomie grundsätzlich
       zu unterbinden." (Memorandum)
       
       Die Frage  ist nur, was ist "leeres Geld" und welcher Zufluß soll
       da unterbunden  werden? Bezeichnenderweise entdecken die katholi-
       schen Geldpolitiker  als erstes  den bescheidenen  Inflationsaus-
       gleich für  die polnischen  Arbeiter, den  sie selber  am  Runden
       Tisch noch  mit ausgehandelt  hatten, als "Inflationsquelle " und
       kündigen an,  ihn schrittweise  zu streichen.  Die inkriminierten
       Subventionszahlungen für  die Betriebe  sind zumeist  auch nichts
       anderes als  die staatliche  Garantie für  Lohnzahlungen, die die
       Betriebe aus  ihren Gewinnen nicht mehr zustandebringen - ein un-
       angenehmes Relikt des verstaatlichten Eigentums.
       Der neue  Industrieminister verkündet  das neue Sparprogramm noch
       mit dem  kühnen Anspruch,  durch ein  großangelegtes  staatliches
       V e r k a u f s p r o g r a m m   Gewinn zu  machen:  "Das  Haus-
       haltsdefizit werde  bereits zum  Jahresende stark vermindert, die
       Währung stabilisiert  sein. Der  Staat wolle vieles abstoßen; die
       Gewinne aus  dem Verkauf  von Wohnungen und staatseigenen Betrie-
       ben, die Schließung unrentabler Unternehmen und Energieeinsparun-
       gen würden Gelder für Investitionen im Konsumbereich freisetzen."
       (SZ 31.  10.) Die  Idee ist  bestechend, daß die Normalpolen, die
       sich schon kein Pfund Fleisch im Monat mehr leisten können, ihrem
       Staat ausgerechnet  ihre Wohnung abkaufen sollen oder gleich noch
       ihre Betriebe.  Auch die neuen polnischen Dollarmillionäre werden
       mit ihrem  Geld etwas  anderes vorhaben, als unrentable Staatsbe-
       triebe aufzukaufen.  Was von diesem großspurigen Programm bleibt,
       ist das Zusammenstreichen von Haushaltsposten. Das aber, für sich
       genommen, stellt  in einem  sozialistischen Staat einen Gewaltakt
       ohnegleichen dar.  Einfach einmal den Standpunkt einer Geldzirku-
       lation einnehmen,  in der  der Staat "leere Geldzuflüsse" bremst,
       seinen Haushalt  energisch saniert, gegenüber einer Gesellschaft,
       deren Reproduktion  gar nicht  in einer  vom  Staat  unabhängigen
       Geldzirkulation abläuft,  streicht einfach Elemente der vom Staat
       allseitig abhängigen Reproduktion. Ein realsozialisticher Staats-
       haushalt hatte  ja immerzu über seine Finanzorganisation die Pro-
       duktion und Verteilung des Reichtums organisiert, dort wurden im-
       merhin die  Gewinne der  verstaatlichten Ökonomie  zentralisiert,
       aus denen dann wiederum alle gesellschaftlichen Erfordernisse be-
       stritten werden  sollten. Wenn  ein solcher Staat, der alles, was
       an Produktion  und Lebensunterhalt in seiner Gesellschaft gewähr-
       leistet  sein   soll,  von     s e i n e r     Entscheidung,  von
       s e i n e r   Ein- und  Umverteilung der  vergesellschafteten Ge-
       winne  a b h ä n g i g  g e m a c h t  hat, das "Sparen" anfängt,
       dann streicht  er erstens  lauter Rechtsansprüche  der ehemaligen
       Dienstleister am  nationalen Reichtum.  Das staatlich garantierte
       Recht auf  Einkommen, das Pendant zur Arbeitspflicht, wird gekün-
       digt, und  das ist etwas anderes als ein bißchen Sparen, weil mit
       Ausnahme derer,  die bislang schon als "private" tätig waren, die
       gesamte Nation  als Arbeitnehmer  im Staatsauftrag  fungiert hat.
       Zweitens werden  diejenigen, an denen gespart wird, nicht einfach
       in eine "freie", vom Staat getrennte "Wirtschaft" entlassen, weil
       es die  nun einmal nicht gibt. Dadurch, daß die polnischen Refor-
       mer die  übernommenen Verpflichtungen  jetzt als Haushaltsdefizit
       definieren und  das Sparen beschließen, entstehen auf der anderen
       Seite noch lange keine alternativen Möglichkeiten für die Massen,
       sich überhaupt  ein Einkommen  zu verdienen. Das ganze widerliche
       Geschwätz von  den "ökonomischen  Energien, die  in begabten  und
       fleißigen Menschen  schlummern", die  eine echt  fortschrittliche
       und menschenfreundliche  Regierung im  Unterschied zur Unterdrüc-
       kung  der   kommunistischen  Vorgänger   nur  "frei  setzen"  muß
       (Mazowiecki und  Co.), rahmt  eine Politik ein, die eine absolute
       Verarmung freisetzt und sonst nichts.
       Die behaupteten  nationalökonomischen Effekte  der  "Entmischung"
       von Staat  und Ökonomie  sind lauter  Milchmädchenrechnungen. Und
       das wissen  auch die  Veranstalter auf ihre Weise - Prognosen der
       Art, "die  Logik des  Programms wird zur vorübergehenden Krise am
       Geld-, Devisen-  und Arbeitsmarkt  wie auch  im  Haushaltsbereich
       führen" (Der  "kommunistische" Außenhandelsminister Swiecicki, HB
       9.11.) geben  sie  reichlich  ab.  Verkehrt  ist  daran  nur  das
       "vorübergehend". Aber  hinter dem  entschiedenen Standpunkt,  daß
       Polen zu  seiner "Rettung"  eine Politik  des  "gesunden  Geldes"
       braucht, auch  wenn dadurch  ein noch  viel größeres Desaster als
       jetzt schon  hergestellt wird, ist eine Berechnung, ein erbitter-
       ter Wille  erkennbar: Nämlich  der, die  Zloty zu  einem "harten"
       Geld, d.h.  zu einem Zahlungsmittel zu machen, das international,
       als Geschäftsmittel für auswärtige Interessenten taugt - egal, ob
       das mit den zur Zeit ausprobierten Methoden überhaupt geht.
       
       Geldfetisch 3: Privatisierung
       -----------------------------
       
       Neben der  kindlichen Verehrung westlichen Unternehmertums ist es
       diese Geld- und Haushaltspolitik, die das Bedürfnis nach Privati-
       sierung anfeuert, der Beschluß zur staatlichen Kostenentlastung.
       Auch das  ist eine reife Leistung des realen Sozialismus: Nachdem
       die polnische  Ökonomie  Außenhandelsverpflichtungen  unterworfen
       worden ist, denen sie nicht standgehalten hat, erscheinen die so-
       zialistischen Betriebe,  die ehemaligen  stolzen staatlichen Kom-
       mandohöhen, jetzt,  mit ihrem  Unvermögen runde  Gewinne abzulie-
       fern, als  Kostgänger, als  eine einzige unangenehme Last für den
       Staat. Der  Beschluß, diese  Last loszuwerden  und die  Staatsbe-
       triebe zu verselbständigen, steht, stößt aber auf gewisse Schran-
       ken. Mit  der Änderung der Eigentums f o r m  ist nämlich die ge-
       wünschte Eigentums f u n k t i o n  noch nicht garantiert:
       
       "Wir wollen  bald mit  öffentlichen Auktionen  beginnen, in denen
       das Staatsvermögen  versteigert wird.  Zuerst werden  wir kleine,
       dafür aber  gute Unternehmen  verkaufen. Die größeren werden all-
       mählich in  Aktiengesesellschaften umgestaltet." (Kuczynski, öko-
       nomischer Berater von Mazowiecki, HB 9.11.)
       
       Als Käufer  wird dabei  freundlicherweise an  die Arbeiter dieser
       Unternehmen gedacht:
       
       "Andererseits erhoffe  sich die polnische Regierung durch Ausgabe
       von Belegschaftsaktien eine Leistungsstimulanz. Hinter diese Ver-
       mutung möchte  Wiehn allerdings  ein dickes Fragezeichen setzen."
       (Vorsitzender des  Polen-Kreises im  Ost-Ausschuß  der  deutschen
       Wirtschaft, HB 9.11.)
       
       Im Zweifelsfall  denkt nämlich ein westlicher Kapitalist noch ra-
       tioneller als die Marktwirtschaftsfanatiker von drüben:
       
       "Um die  Industrialisierung  in  Polen  voranzutreiben,  ist  ein
       neues, wesentlich erweitertes Modell von Privatisierung erforder-
       lich. Und das wird nicht ohne erheblichen Kapitaleinsatz vom Aus-
       land verwirklicht werden können."
       
       Das Privateigentum  besitzt seine  ökonomische Wucht  nun  einmal
       nicht durch  den Idioten an der Spitze und auch nicht durch Moti-
       vierungstechniken für die Arbeiter, sondern durch seine wirkliche
       Macht, seine Erpressungsmittel, Produktionsmittel und schlagkräf-
       tiges Geld.
       Die polnischen  Reformer sind  aber wild  entschlossen, den Staat
       von der  Last seiner  Betriebe zu befreien; wenn nicht durch Ver-
       kauf, dann  durch Stillegung.  Und sie  wollen auch  die Folge in
       Kauf nehmen, daß mit der Schließung von unrentablen Betrieben der
       Staat zwar Kosten los ist, aber auch Teile der Produktion endgül-
       tig stillgelegt sind.
       
       "Der Übergang zur Marktwirtschaft könne mit dem Marktaustritt ei-
       nes Teils  der nicht  effizienten Produktion verbunden sein, also
       mit einer  weiteren Senkung  des Bruttosozialprodukts. Demzufolge
       brauche Polen Kredite für den unerläßlichen Import." (Kuczynski)
       
       Daß die  Verwirklichung dieser  Beschlüsse auf  sich warten läßt,
       liegt weniger  daran, daß  die Zuständigen dann doch Skrupel hät-
       ten, Fabriken  stillzulegen und  Arbeiter zu feuern. Sie erklären
       vielmehr, daß  es ihnen  einfach  unmöglich  sei,    f e s t z u-
       s t e l l e n,  o b  ein Betrieb unrentabel ist oder nicht.
       
       "Die Regierung  werde ein  Privatisierungsbüro einrichten. Es sei
       aber noch  zu früh,  detaillierte Pläne  vorzulegen. Er (der neue
       Industrieminister Syryczyk)  könne nicht  einmal den  Zustand der
       Wirtschaft richtig  einschätzen, da die Planwirtschaft der kommu-
       nistischen Vorgängerregierung  das Preissystem als Scherbenhaufen
       zurückgelassen habe..." (SZ 26.9.)
       
       "Janiszewski kündigte an, die von der Solidarität geführte Regie-
       rung werde  Wirtschaftsprüferfirmen im Westen bitten, bei der An-
       fang 1990  geplanten Privatisierung wichtiger Teile der Industrie
       zu helfen." (FR 21.9.)
       
       Eine schöne  Hinterlassenschaft der Sorte Planwirtschaft, die mit
       Geld planen  und leiten wollte: Die Nachlaßverwalter jammern dar-
       über, daß  das Geld als Funktion des staatlichen Bewertungswesens
       die Frage nach dem Vorhandensein von wirklichem Reichtum unlösbar
       macht, daß  sie ohne  Geld als Maß der Werte eigentlich gar nicht
       "sanieren" können,  und westliche  Wirtschaftsprüferfirmen werden
       händeringend als Ersatz ins Land gebeten.
       Das ist  denn auch  der Sache nach der einzige Hebel, auf den das
       polnische Reformprogramm  setzt, wenn es sich offen dazu bekennt,
       daß es  im Inneren mehr als die Destruktion der übernommenen Öko-
       nomie gar  nicht herstellen  kann und  will: die  gewußte und ge-
       wollte Abhängigkeit von der Gnade des Imperialismus.
       
       Geldfetisch 4: Zloty-Bewertung als Schritt zur Konvertibilität
       --------------------------------------------------------------
       
       Die sogenannte Inflationsbekämpfung gilt der polnischen Regierung
       auch deshalb als vorrangiges Ziel, weil sie ihrem nationalen Geld
       unbedingt eine weitere nützliche Eigenschaft verpassen will: Kon-
       vertibilität. Und  daran macht  sie sich zu schaffen, als ob sich
       diese interessante  Eigenschaft durch  die politische  Zurichtung
       eines nationalen  Geldes herstellen  ließe ohne  daß eine Neigung
       der internationalen  Geschäftswelt und  ihrer  Souveräne  gegeben
       wäre, das  Geld zu  benützen und  anzuerkennen, vielmehr  um eine
       solche Neigung zu erzeugen. Der "Wert" der Zloty im Verhältnis zu
       anderen Währungen  wird durch Beschlüsse der polnischen Staatsma-
       cher festgelegt  und sonst  nichts und  zwar mit Hilfe eines sehr
       besonderen Maßstabs,  nämlich des  legalisierten inneren Schwarz-
       marktkurses.
       Der Ruin  der polnischen  Ökonomie hat auf seiten der Bevölkerung
       den neuen  Geschäftszweig kreiert, durch Schwarzarbeit im Ausland
       und andere  halbseidene Geschäfte  ausländische Produkte ins Land
       zu schaffen  und die allseitigen Versorgungsmängel durch entspre-
       chende Preise  auszunützen - in hartem Geld, versteht sich. Über-
       haupt erst  der Beschluß  des polnischen  Staats, sich  Zugang zu
       d i e s e n   Deviseneinkünften zu verschaffen, dafür im Land ein
       Tauschgeschäft Zloty gegen Dollar und DM zuzulassen, hat in Polen
       einen Devisenhandel  entstehen lassen. Allerdings einen der merk-
       würdigsten Art.  Unter der Überschrift "So funktioniert der Devi-
       senmarkt -  private Wechselstuben  schießen wie Pilze aus dem Bo-
       den", würdigt das Handelsblatt diese neue freiheitliche Errungen-
       schaft:
       
       "Immer mehr  Leute verkaufen  harte Währungen  aus dem 'Strumpf'.
       Kunden bringen  in die Wechselstuben kleine Beträge von 10 bis 10
       Dollar. Wenn  eine ältere Dame ganze 1000 Dollar zum Verkauf bie-
       tet, kann  es zu  einer Kurskorrektur in der Wechselstube führen.
       So dünn ist der 'Markt'." (6.11.)
       
       Dieser "Markt"  speist sich  nämlich  nur  aus  der  erbärmlichen
       "kleinen Zirkulation",  in der  die  polnische  Bevölkerung  ihre
       Überlebenskünste abwickelt.  Aus einem "Angebot" von Dollars, die
       der Oma  von den  reichen oder weniger reichen Verwandten aus den
       USA zugesteckt werden. Und aus einer "Nachfrage" nach diesen Zet-
       teln, die  deswegen so unerschöpflich und bündelweise Zloty dafür
       abliefert, weil  alle möglichen  Güter überhaupt nur gegen Dollar
       erhältlich sind,  in den  staatlichen  Pewex-Läden  und  auf  dem
       "freien Markt".
       Zweitens hat  der Beschluß  des polnischen Staats, an seinem Geld
       so lange  herumzubasteln, bis die auswärtige Geschäftswelt es ih-
       rer Benützung  würdigt, die  Auffassung hervorgebracht,  daß  das
       Desinteresse eben dieser Geschäftswelt auf einem "unrealistischen
       Kurs" beruhen  würde und daß die Herstellung eines "realistischen
       Kurses" als   d i e  Geschäftsbedingung ihre Aufgabe zu sein hat.
       Seitdem werden  in rasanter  Folge Abwertungen vorgenommen, nicht
       als politischer  Nachvollzug der  Resultate eines  Devisenhandels
       mit den  Zloty, den  es gar nicht gibt. Sondern mit dem erklärten
       Ziel der Herstellung einer "inneren Konvertibilität". D.h.  d e r
       Preis, den  polnische Omas für 2 Dollar hinlegen müssen, wenn sie
       sich die  Seife kaufen  wollen, die es im Staatsladen nicht gibt,
       wird als  "echter Marktpreis"  bestaunt, auf  den die staatlichen
       Abwertungen hinsteuern sollen.
       
       "Innerhalb der  nächsten drei  bis sechs  Monate sollen sich nach
       offizieller Einschätzung  beide Wechselkurse  bei einem  Kurs von
       4000 bis 5000 Zloty treffen."(SZ 31.10.)
       
       Mit einem  Kurs, wie  er sich  im Währungsvergleich herausstellt,
       den die  kapitalistische Geschäftswelt  durch ihre  geschäftliche
       Benützung der  unterschiedlichen Gelder herstellt, hat dieses Re-
       chenkunststück nichts  zu tun; ob eine solche ständige staatliche
       Tieferbewertung des  nationalen Umlaufsmittels auf die praktizie-
       renden Kapitalisten Eindruck macht, ist sehr die Frage.
       
       Bitte um Kolonisierung
       ----------------------
       
       Der politische  Wille zur  marktwirtschaftlichen Umgestaltung mag
       von Regierungswechsel  zu Regierungswechsel  immer radikaler auf-
       treten -  er taugt auch  n u r  zur Auflösung der alten Produkti-
       onsweise, zur weiteren Zersetzung der gesellschaftlichen Arbeits-
       teilung und  absoluten Verarmung.  Je länger er sich betätigt, um
       so drastischer  fallen die  sogenannten Krisenerscheinungen  aus.
       Und um  so mehr  verwandelt sich die polnische Wirtschaftspolitik
       in einen  einzigen Antrag  an die  imperialistische Welt, die er-
       wünschte Sorte  von Reichtumsproduktion von außen zu stiften. Von
       ihrem Standpunkt  aus stellt  sich die polnische Ökonomie wie ein
       einziger Mangel  dar. Die  Liste, was  Polen an  Hilfe vom Westen
       dringlichst braucht,  wird immer  länger: ein  Schuldenmoratorium
       sowieso, darüber  hinaus ein  hartes Geld  Leute, die die vorhan-
       denen Produktionsfaktoren  erfolgreich benützen  können,  Manager
       und  ähnliche  Techniker  des  Kapitals  bzw.  eine  einschlägige
       "Ausbildung" für  den  eigenen  Funktionärsapparat,  "marketing",
       Werbung, "banking"  und andere kapitalistische Wunderwaffen, aber
       auch sämtliche  sachlichen Produktionsbedingungen, angefangen von
       einer Kanalisation über Industrieausrüstungen für so gut wie jede
       Branche, bis zu Medikamenten und Lebensmitteln, weil ein arbeits-
       fähiges Volk  ist ja  irgendwie auch  nötig. Solche Bedarfslisten
       liefern sie  dann bei  den westlichen  Gönnern ab. Einerseits ein
       krudes, ideologisches  Durcheinander, das  aber andererseits auch
       nicht mißzuverstehen  ist, nämlich als sehr reeller Antrag an die
       imperialistische Welt auf Übernahme zur Kolonisation.
       
       Das ungarische Staatsideal: mitteleuropäisches Hongkong,
       --------------------------------------------------------
       Südkorea und Nassau/Bahamas in einem
       ------------------------------------
       
       Die ungarischen  Politiker haben  schon recht, wenn sie beleidigt
       feststellen, daß sie schon lange vor dem Genossen Gorbatschow für
       den Fortschritt  waren, wie  er sich  heutzutage so ansehnlich im
       ganzen Ostblock  breitmacht. Aber daß hauptsächlich der die Palme
       davonträgt und  nicht seine  magyarischen Vorläufer, das ist eben
       so ein Unrecht, wie es "kleinen Nationen" gerne widerfährt. Dafür
       haben sie  objektiv die  längste Erfahrung  in Sachen Herstellung
       einer weltmarktfähigen  Nation und  Einübung  in  Marktwirtschaft
       (nachzulesen  in  MSZ  7/8/86,  Internationale  Heimatkunde:  Die
       Volksrepublik Ungarn),  die höchste Pro-Kopf-Verschuldung im Ost-
       block und viel positive Öffentlichkeit im Westen auf ihrer Seite.
       Das ungarische Reformdenken hat Tradition; daß gerade für "kleine
       Nationen" der RGW eine Fessel, der Weltmarkt dagegen eine einzige
       Chance ist,  haben die  ungarischen Staatslenker  irgendwie schon
       seit den  50er Jahren  gespürt und  kontinuierlich Ideen  auspro-
       biert, wie  sich diese Chance eröffnen läßt. Vom einfachen Schul-
       denmachen durch Einkaufen zur Gewißheit, daß die nationale Ökono-
       mie sich  an dieser Institution zu "orientieren" hätte. Von einer
       "Orientierung", die
       
       Weltmarktpreise
       ---------------
       
       den eigenen  Betrieben als nützlichen Maßstab vorgeschrieben hat,
       zu der  Erfahrung, daß  eine solche  Orientierung zwar preismäßig
       einiges durcheinanderbringt  im eigenen  Laden, aber keine Außen-
       handelserfolge stiftet,  so daß  den Betrieben dazu auch noch ein
       echt marktwirtschaftliches Gebaren beigebracht werden sollte. Für
       die einschlägige  Umerziehung der  ungarischen Betriebe  hat  man
       sich in bunter Reihenfolge solche Sachen einfallen lassen wie
       
       "Flexibilität"
       --------------
       
       die vor  allem "kleine Betriebe" auszeichnen soll, wozu die unga-
       rische Industrie  heftig "entflochten" worden ist, die Klage über
       "monopolistische   Strukturen"    ist    allerdings    geblieben.
       "Monopolismus" ist z.B., wenn Betriebe die Gelegenheit zur Preis-
       gestaltung mit Preissteigerungen ausnützen, anstatt billig, fort-
       schrittlich und effizient wie die Teufel zu produzieren.
       
       "Freier Fluß des Geldes"
       ------------------------
       
       gehört nach  der Einsicht  der Reformer auch zu einer effizienten
       Wirtschaft. Deshalb  haben sie  ihre  Reformen  unter  den  Titel
       "Monetarisierung" gestellt,  die Hebelökonomie  etwas falsch  als
       mittelalterliche Naturalwirtschaft  beschimpft, in ihren Gesetzen
       den gesamten  westlichen Kreditüberbau mit Börse und Aktiengeset-
       zen etc. abgekupfert und sich anschließend darüber gewundert, daß
       auch das nicht der direkte Weg zum Aufschwung der nationalen Öko-
       nomie war.  Obwohl doch  der geballte Sachverstand des Budapester
       Instituts für  Finanzforschung entdeckt hatte, daß der Trick, wie
       man schnell richtig reich wird, in der Gründung von
       
       "neuen Untemehmensformen"  besteht, "die nur mit Wertpapieren an-
       derer Firmen  handeln,... von  der Last  produktiven Wirkens  be-
       freit, einzig und allein auf der Basis ihres langfristigen Inter-
       esses an  der Vermehrung  von Kapital  arbeiten  könnten."  (Zeit
       13.5.88)
       
       Daß ein  Staat, der  seinen Erfolg  nur noch in Geld messen will,
       seinen Betrieben  nicht immerzu  ihren Gewinn zur Umverteilung im
       Sinne einer  nationalen Entwicklung  oder für Sozialprogramme ab-
       knöpfen darf,  hat man  in Ungarn  auch schon längst mitbekommen.
       Seit Anfang 88 gilt ein neues
       
       Steuerrecht
       -----------
       
       dessen Fortschrittlichkeit  darin besteht,  "die Steuerlasten der
       Unternehmen zu mildern. Die dadurch ausfallenden staatlichen Ein-
       nahmen wurden  auf die  Bevölkerung teils  indirekt, teils direkt
       umgelegt. "  (Finanzminister Kollarik,  Budapester Rundschau  88)
       Aber auch  die Ansammlung  von mehr  Forint bei den Betrieben hat
       ihnen nicht  die erwünschte Weltmarkttauglichkeit beschert, eben-
       sowenig wie  die  konsequente  Beseitigung  sämtlicher  planwirt-
       schaftlich-bürokratischer Vorschriften  bezüglich Sortiment, Qua-
       lität, Preis  der Produkte  etc. Man hat es zwar in Ungarn im Un-
       terschied zum  restlichen Ostblock  wirklich geschafft, den Geld-
       überhang auf  seiten der  Bevölkerung und die häßlichen Schlangen
       vor den  Geschäften durch  eine gesunde  Preis- und Steuerpolitik
       zum Verschwinden  zu bringen, aber auch dieser heilsame Zwang des
       Marktes hat die Betriebe nicht zum Erfolg gezwungen, sondern eher
       unrentabel gemacht.  Deshalb lamentieren die ungarischen Reformer
       gerne darüber, daß  s i e  zwar die "bürokratischen Planmethoden"
       abgeschafft hätten,  ihre Betriebe  aber "bürokratisch" geblieben
       wären. Jetzt dürfte man ihnen als Staat nichts mehr vorschreiben,
       und das  Resultat sei ihm Grunde eine Erpressung des Staats durch
       seine Betriebe.  So verrückt  läßt sich  die Tatsache ausdrücken,
       daß die  ungarischen Betriebe  gar nicht  die Mittel haben, um in
       dem Konkurrenzvergleich  mit schlagkräftigem EG-Kapital zu beste-
       hen, dem ihr Staat sie ausgesetzt hat.
       
       Der "direkte Kontakt" der Betriebe zum Weltmarkt
       ------------------------------------------------
       
       ist auch ein unverzichtbarer "Impuls", weshalb es in Ungarn schon
       lange kein  staatliches Außenhandels-Monopol  mehr gibt  und  das
       Auseinandertreten von  Geschäftsinteressen und  nationaler Bilanz
       schon weit  gediehen ist.  Daß die  ungarischen Unternehmen einen
       ausgeprägt höheren  Importbedarf als  Exporterfolge aufweisen und
       die nationale Devisenbilanz über Jahre negativ bleibt, ist ärger-
       lich, darf  aber keinesfalls zum Rückfall in den alten Zentralis-
       mus führen. Eher pocht man auf die Beibehaltung dieser Freizügig-
       keit als eine menschenrechtliche Errungenschaft, die der IWF doch
       eigentlich mit Stand-by-Krediten zu honorieren hätte.
       Auch die gesetzlichen Regelungen, was Privateigentümer alles dür-
       fen, worauf  sie nicht  Rücksicht nehmen  zu brauchen, stehen der
       besten westlichen  Bananenrepublik in  nichts nach.  Die Republik
       Ungarn laboriert immerzu nur an einem Problem: daß ihre Versuche,
       marktwirtschaftliches Gebaren  und kapitalistische  Gesetzeswerke
       zu kopieren,  zwar alles  mögliche aber keine Kapitalakkumulation
       im Land  bewirken. Die  Versuche, die  eigenen Betriebe in diesem
       Sinn umzuerziehen,  haben nur  dazu geführt,  daß die  ungarische
       Führung endgültig  davon überzeugt  ist, daß ihr Leute mit Unter-
       nehmungsgeist fehlen  und daß  die einfach importiert werden müs-
       sen.
       
       Bitte um Würdigung als Anlagesphäre
       -----------------------------------
       
       Seitdem konzentriert  sich die  ungarische Wirtschaftspolitik nur
       noch auf  die Aufgabe,  wirkliches Kapital  ins Land zu holen und
       die Nation  als einziges  Angebot an auswärtige Interessen herzu-
       richten. Sämtliche Gesetze sind daraufhin durchforstet worden, ob
       sie eventuell  hinderlich sein  könnten, die  nötigen neuen  sind
       verabschiedet, lauter  Sonderangebote wie  Steuerbefreiung, Zoll-
       freizonen winken.  Die ungarische  Regierung bietet 51 ungarische
       Unternehmen, darunter  die erfolgreichsten  des Landes wie Ikarus
       und Tungsram,  zum Verkauf  an und  kümmert sich  auch noch um so
       reizende eingebildete  Probleme, ihnen  vorher eine korrekte ver-
       trauenstiftende Eigentumsform zu verpassen:
       
       "Wenn wir jemanden überzeugen wollen, daß er sich in eine ungari-
       sche Firma  einkaufen sollte,  sagt er  zunächst ja,  fragt  aber
       gleich danach,  mit wem er verhandeln kann und wer der Eigentümer
       ist. Diese  Frage können  wir nicht  beantworten. Die zuständigen
       Ministerien, also die Vertreter des Staates sagen: Wir führen nur
       die Aufsicht.  Die Direktoren  sind nur  Angestellte, und den Be-
       triebsrat nimmt  sowieso keiner ernst... Die Vorlage eines Geset-
       zes, das  die Umwandlung von Staatsfirmen in Aktiengesellschaften
       regeln soll, wird ein erster Schritt sein..." (SZ 26.5.)
       
       Es ist  nicht so, daß die westlichen Geschäftspartner desinteres-
       siert wären,  die Anzahl der neugegründeten Joint Ventures steigt
       beständig, bis Anfang November 650 Stück.
       
       "Das ist  eine schöne  Anzahl, aber  der Kapital-Anteil dabei ist
       gering, lediglich  ein Volumen  von 400  bis  500  Mio.  Dollar."
       (Handelsminister Beck, SZ, 8.11.)
       
       Bei einer  Verschuldung von  allein 18 Milliarden Dollar aufgrund
       von staatlichen  Krediten, ohne Bankschulden, bei einer regulären
       Schuldendienstquote von  40%, einem Exportüberschuß 88 in Devisen
       von 0,8 Mrd Dollar, bei der Verpflichtung, bis 1995 25 Milliarden
       Dollar an  Zinsen und Tilgung zu zahlen, ist die ungarische Unzu-
       friedenheit mit  dem privaten  Kapitalzufluß verständlich.  Daher
       sehen die Verantwortlichen ihre einzige Hoffnung in der regulären
       Übernahme durch  die westliche  Welt, mindestens  durch die  EFTA
       (die schon  abgelehnt hat),  besser noch gleich durch die EG. Der
       Weltmarkt ist  weniger denn  je eine Chance für die Nation, viel-
       mehr eine  Notwendigkeit, von  der aus  beurteilt sich  die  alte
       K.u.K.-Zugehörigkeit wie  eine goldene Vergangenheit ausnimmt. Um
       in den  heutigen erfolgversprechenden Verband aufgenommen zu wer-
       den, hat  Ungarn jetzt  wirklich lange  schon unser Bestes getan.
       Von der  Hilfeleistung für  die deutsche Wiedervereinigung bis zu
       Alleingängen auf  der Abrüstung-Konferenz  in Wien,  wo man jetzt
       den Separatantrag gestellt hat; daß unabhängig vom sonstigen Aus-
       gang der Abzug der Russen aus Ungarn unbedingt in das Schlußdoku-
       ment gehört.
       

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