Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...
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Realer Sozialismus und Nationalismus
UNTERDRÜCKTE ODER WAHRE, MISSBRAUCHTE
ODER EDELSTE VATERLANDSLIEBE
Die Thematisierung von Nationalismus im Ostblock dient grundsätz-
lich - egal in welcher ideologischen Variante - zur Entlarvung
der sozialistischen Staaten. Allerdings nicht deshalb, weil zwi-
schen Marxismus und Nationalismus, zwischen der Politik der
Volksdemokratien und dieser Art Staatsverehrung Gegensätze be-
stünden, schließlich haben ja sowohl die offizielle Staatsdoktrin
wie die Praxis der kommunistischen Parteien längst ihren Frieden
mit der Liebe zum Vaterland geschlossen. Das Ungehörige in diesem
Verhältnis entdeckt der westliche Spürsinn wie immer am Maßstab
seines Interesses.
Allerdings wird nicht einfach die Tatsache kritisiert, daß der
Sozialismus als eine andersartige Herrschaft einen Teil des Glo-
bus okkupiert, oder das Interesse d i e s e r Staaten angegrif-
fen. Vielmehr legen westliche Kritiker die Idealisierung ihrer
Herrschaftsform als Kriterium an den realen Sozialismus an: Wäh-
rend in der Demokratie Einigkeit im Verhältnis von Staat und Volk
bestehen soll, handelt es sich im Ostblock um lauter
u n t e r d r ü c k t e Völker und Nationalismus kann im realen
Sozialismus unmöglich als Form des Einverständnisses von Volk und
Staatsgewalt vorhanden sein. Wer aber daran glauben will, daß
eine für u n r e c h t m ä ß i g erklärte Herrschaft unmöglich
Z u s t i m m u n g von seiten ihres Volkes erhalten kann, muß
sich angesichts des im Osten sehr realen Nationalismus eigene
Konstruktionen zurechtlegen: Entweder wird er von oben
"unterdrückt", und der von unten ist ein einziges Aufbegehren,
oder er wird von oben "mißbraucht" und unglaubwürdig, weil künst-
lich in die Welt gesetzt. Begreiflich, daß der Ostblock von west-
licher Seite weder die Komplimente zu hören bekommt, die ihm
Liebhaber eines gepflegten Nationalbewußtseins eigentlich schul-
dig wären, noch die Kritik daran, daß ausgerechnet kommunistische
Staaten partout auch noch Vaterländer sein wollen.
Für den angestrebten Beweis taugt das a l l t ä g l i c h
p r a k t i z i e r t e Einverständnis der sozialistischen
Staatsbürger selbstverständlich nicht. Daß ein Sowjetbürger einen
Paß, eine Erziehung und eine Schulbildung bekommt, zur Arbeit
geht und sich eine Familie zulegt, sich mit Kino, Fernsehen und
Fußball unterhält, die Feiertage feiertäglich genießt und sich
schließlich mit seiner Rente zur Ruhe setzt - daran läßt sich
schließlich kaum Verwerfliches entdecken. Um am Innenverhältnis
von Staat und Bürgern die vorab feststehende Unmöglichkeit eines
anständigen Nationalismus auszumachen, kommt immer nur die Sphäre
in Betracht, in der Staat und Volk das
S e l b s t b e w u ß t s e i n der Zusammengehörigkeit vortra-
gen, das Einverständnis, wie es sich in Form von Ideologien oder
in Gestalt der Pflege nationaler Traditionen, des Volkstums etc.
äußert. (Als'ob dergleichen nicht überhaupt erst auf Grundlage
des im normalen Leben praktizierten Zusammenspiels von Staat und
Bürgern zustandekäme.) Der Kult nationaler Traditionen, die Feier
der eigenen Vergangenheit, Kulturleistungen und politischen Groß-
taten, das alles soll im Ostblock grundsätzlich nichts taugen.
"Kein echter, sondern ein künstlicher und alberner Nationalismus"
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"Die Kommunisten usurpieren nationale Traditionen..."
"Das lächerliche Bemühen der DDR, ihren Besitzanspruch auf Goethe
zu untermauern..." (passim)
Warum sollen eigentlich Marx, Engels, Kyrill und Method in einer
bulgarischen Demonstration unvereinbarer sein als das Tell-Zei-
chen und die schweizerische Kloschüssel, auf der es angebracht
ist, oder als Helmut Schmidt mit Kant und dem Kategorischen Impe-
rativ? Schließlich gefällt sich jede Herrschaft darin, Ge-
schichte, Kultur und Tradition ihrer Nation so zurechtzurücken,
daß ihr immerzu recht gegeben wird. Und die Konstruktionen, daß
die Mayflower-Besatzung ihren Nachkommen den verbindlichen Auf-
trag erteilt hätte, Unfreiheit jeder Art und ganz besonders die
Sowjetunion im 20. Jahrhundert zu bekämpfen, oder daß das Auftre-
ten Karl Martells gegen die Türkengefahr genauso wie Balzac und
Flaubert von jedem französischen Politiker die Verteidigung der
Zivilisation gegen die Barbarei verlangen würden, sind doch nicht
weniger verrückt, als die historische Einordnung der Schlacht auf
dem Schnepfenfeld als eine erste frühe Leistung russischer Frie-
denspolitik, die damals schon unter großen eigenen Opfern Europa
retten mußte.
Was die L ä c h e r l i c h k e i t solcher Veranstaltungen be-
trifft, so sind die Resultate zum Verwechseln ähnlich, ob nun de-
mokratische Wissenschaftler und Kulturapostel im freiwillig wahr-
genommenen Staatsauftrag das Licht der Geschichte auf "uns"
strahlen lassen oder ob dazu geprügelte und furchtbar zensierte
Akademien dasselbe tun.
Ob nun ein Spanier der erbitterten Auffassung ist, daß seine Na-
tion qua Christoph Kolumbus sehr viel für die Menschheit getan
hat, oder ob ein Bulgare mit Kyrill und Method dasselbe von sich
denkt, weil die den ganzen slawischen Völkern das Licht der
Schriftsprache gebracht haben; ob der nationalen Identität bis in
Völkerwanderungszeiten hinterhergeforscht wird und deutsche Kin-
der in der Schule lernen, daß die Germanen gegen die Römer gar
nicht schlecht ausgesehen haben, oder rumänische und bulgarische,
daß die Daker und Thraker auch nicht ohne waren; ob pausenlos Di-
mitroff, der große Sohn des bulgarischen Volkes, oder Kurtl Wald-
heim, die Mozartkugeln und der österreichische Schiedsrichter Er-
wähnung finden - die Frage der Würde, Berechtigung oder Qualität
solcher Nationalfeiern macht immer bloß ein Nationalist gegen
einen anderen auf. Welche Qualität soll das Zeug denn jemals ha-
ben als die, die in allen Staaten gleich bescheuert ist, dem
Standpunkt, daß das Dazugehören zu einer nationalen Gewalt etwas
Besonderes sei, Material für seinen Stolz zu verschaffen.
"Unterdrückter Nationalismus"
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Andererseits soll es angeblich ein Anliegen des realen Sozialis-
mus sein, nationale Eigentümlichkeiten zu bekämpfen und auszurot-
ten, eine Legende, die sich hartnäckig hält, obwohl ihr jeder Au-
genschein widerspricht.
Der "Leistungs"katalog der realsozialistischen Staaten in Sachen
kultiviertes Volkstum ist nämlich enorm.
Noch der winzigsten Minderheit in der großen Sowjetunion ist
durch den Einsatz russischer Sprachwissenschaftler zu einem eige-
nen Alphabet, eigenen Grammatiken und Sprachlehrbüchern verholfen
worden, so daß urtümliche Sippschaften, die nach der kapitalisti-
schen Methode längst ausgerottet oder eingemeindet wären, immer
noch wissen, daß sie z.B. Nenzen, Ewenken, Chanten oder Mansen
sind, sowie über alle Eigenarten und Vorzüge ihrer Nationalität
bestens Auskunft geben können. Die Deutsche Demokratische Repu-
blik trägt das sorbische Volkstum auf Händen und leistet sich den
bezeichnenden Irrtum zu glauben, mit dieser Tatsache Vertreter
des menschenrechtlichen Westens beeindrucken zu können. Nachdem
die SED extra ein Treffen von US-Neger-Bürgerrechtlern und Ver-
tretern des Bundes der Lausitzer Sorben "Domowina" angeleiert
hatte, mußte sie enttäuscht feststellen, daß sich das negative
Bild der DDR in der US-Presse nicht nachhaltig geändert hatte.
Das Volk hat aber nicht nur ein Recht auf seine Sprache und seine
Volkstanzakademien - in dieser Abteilung höheren Blödsinns sind
die Realsozialisten nämlich sehr kriterienlos, was die Bewahrung
und Veredelung von "Werten" angeht -, sondern auch auf seine Mit-
wirkung im Staat, weshalb im ZK der KPdSU mindestens immer ein
Kalmücke etc. sein muß und die CSSR in sämtlichen Regierungsorga-
nen einen Proporz von Tschechen und Slowaken durchzieht, gegen
den die Verteilung von Flamen und Wallonen in Brüssel oder die
von CDU und SPDlern im ZDF unter Garantie völlig unausgewogen
sind.
Weder unterscheidet sich also die Pflege nationaler Traditionen
im Osten von der im Westen, noch zeichnet sich der reale Sozia-
lismus durch ein feindseliges Verhältnis zum Volkstum aus. Ver-
wunderlich ist vielmehr gerade das B e d ü r f n i s der sozia-
listischen Staatsmacherei nach solchen Veranstaltungen.
Die nationale Frage volksdemokratisch
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Die Tatsache, daß sich ein Volk durch die Staatsgewalt definiert,
die es kommandiert, wollen auch sie nicht wahrhaben. Wegen ihrer
p o l i t i s c h e n Kritik des Klassenverhältnisses, die nur-
mehr oben und unten kennen will, die schlechte, ungerechte
Staatsgewalt und herrschende Klasse, das gute, entrechtete Prole-
tariat und eigentliche Volk, verehren sie auch das Volk als unab-
hängig von seiner staatlichen Organisation mit vielen schätzens-
werten Eigenschaften und eigenen Interessen ausgestattetes Wesen.
Sie teilen folglich den bürgerlichen Idealismus, daß Völker bis-
lang o h n e Dazwischentreten einer Gewalt ihre Eigenarten ha-
ben, ausbilden und schätzen.
Da sie nun aber mit der revisionistischen Umgestaltung von Ökono-
mie und Herrschaft auch einige der Lebensgewohnheiten ihrer Völ-
ker verändern bzw. mit denen kollidieren eröffnen sie sich die
praktische Frage, wie der von ihnen propagierte Fortschritt mit
ihrer eigenen Wertschätzung der Volkseigenheiten zu
v e r e i n b a r e n geht. Auch da, wo der Sozialismus sich
z.B. nicht mit orientalischen Sitten verträgt, nach denen die Ar-
beit von den Frauen erledigt wird und den Männern die Produktiv-
kräfte ziemlich schnuppe sind, oder wo er es mit einem katholi-
schen Volksglauben zu tun bekommt, der das heilige Recht des Bau-
ern auf seine Scholle proklamiert, auch da wollen sie den
G e g e n s a t z nicht wahrhaben.
Wo bürgerliche Staaten Völkerschaften samt ihren Spezialitäten,
Sitten und Auffassungen unter Recht und Ordnung subsumieren und
ansonsten dem Geschäftsleben anheimstellen, in dem sie entweder
untergehen, sich ein paar Gebräuche bewahren oder entsprechend
"zivilisieren", machen sich die sozialistischen Staaten die Frage
der Duldung, Umerziehung oder Pflege als eigene
p o l i t i s c h e Entscheidung auf. Und diese Frage kann
ebenso seltsame V e r b o t e, wie angebliche V e r e i n-
b a r k e i t e n oder E r z i e h u n g s v e r a n s t a l-
t u n g e n nach sich ziehen.
Was
nationale Traditionspflege
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angeht, so stellen sich revisionistische Parteien z.B. die aparte
Frage, welche sie sich "aneignen" sollen, anstatt endlich einmal
mit dem Unfug aufzuräumen, daß ein Volk immerzu von sich etwas
halten will, sich also ideell für die Umstände entschädigen will,
die seinen Materialismus beschränken In der Untersuchung, worauf
eine s o z i a l i s t i s c h e Nation stolz sein darf, machen
sie eigene ideologische Fronten auf, in deren Handhabung sie al-
lerdings auch zunehmend kritikloser werden.
Für eine KP, die ihr Vaterland liebt, also auch dessen Jubiläen,
wie die polnische, besteht eine gewisse Schwierigkeit in der
Frage, welche polnischen Staatsgründungsakte gefeiert werden sol-
len. So hat der Marschall Pilsudski zweifelsohne dem polnischen
Volk zu einer eigenen Staatsmacht verholfen, sich leider aber
auch als faschistischer Diktator an den Feldzügen gegen die neu
gegründete Sowjetunion beteiligt. Die sowjetische Traditions-
pflege hat nach entschiedenen Atheismuskampagnen in der Frühzeit
und einer entsprechenden Mißachtung kirchlicher Denkmalspflege
sich schon seit längerem umentschlossen und läßt diese Kulturlei-
stungen des guten russischen Volkes liebevollst instandsetzen.
Und auch die DDR, die als g e t e i l t e Nation jahrelang die
größte Mühe darauf verwendet bat, die deutsche Geschichte in re-
aktionäre und fortschrittliche Elemente auseinanderzusortieren
und von den letzteren aus die notwendige Gründung der DDR abzu-
leiten, um mit der Erklärung, daß die SED die "Erbin alles Pro-
gressiven in der Geschichte" sei, ihren Bürgern klarzumachen, daß
sie als h a l b e die b e s s e r e Nation und deshalb dazu
berechtigt sei, für sich eine e i g e n e zu sein, auch die DDR
wird mit Zunahme ihres staatlichen Selbstbewußtseins immer an-
spruchsvoller oder liberaler, wie man will, was die Einverleibung
von Progressivem in der Geschichte betrifft. Nicht mehr nur Tho-
mas Müntzer gegen Luther, sondern beide, und auch Friedrich der
Große, der alte Militarist, hat auf der anderen Seite sehr zivi-
lisatorische Leistungen vorzuweisen.
Die
Sprachenfrage
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wird auch nicht ohne Einmischung revisionistischer Erziehungs-
ziele gelöst. Die für die Sowjetunion geltende Verpflichtung, die
russische Sprache zu lernen, gehorcht einerseits dem rationellen
Gesichtspunkt, daß der Verkehr in einem Vielvölkerstaat ohne all-
gemeine Kenntnis einer Sprache nicht abzuwickeln geht. (Im übri-
gen ist es auch einigermaßen absurd, ausgerechnet Sprachunter-
richt zu einer besonders perfiden Unterdrückungsmethode zu erklä-
ren.) Daneben aber bringt die "Russifizierung" in der Sowjetunion
durchaus auch ein ziemlich unsinniges Kriterium in Anschlag: daß
nämlich das Lernen der Sprache auch ein Prüfstein dafür sei, wie
sehr die anderen Völkerschaften die Russen schätzten, was sich
deswegen gehört, weil die ihnen den Fortschritt gebracht hätten.
Ohne ein so verdrechseltes Bekenntnis zum Fortschritt will der
Sozialismus nicht auskommen. Schließlich haben die üblen Arrange-
ments der diversen KPn mit ihren jeweiligen
Kirchen
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nicht einfach den Grund, daß sie sich im Kirchenkampf nicht
durchsetzen konnten. Obwohl sie gerade in dieser Sphäre am ehe-
sten mit einem oppositionellen Nationalismus zu tun hatten, ist
ihr zweischneidiger Friede mit der Kirche kein zähneknirschender
Waffenstillstand, sondern beruht auf dem Opportunismus, an der
Kirche gewisse gemeinsame humane Ziele zu entdecken - das sind
natürlich die der kirchlichen Knechtsmoral -, die ins sozialisti-
sche Menschenbild "passen", sofern man nur von allem Unpassendem
einfach mal absieht.
Wenn aus solchen Veranstaltungen dann wirklich Konflikte resul-
tieren, das Volk in Polen z.B. auf der Feier der unerlaubten Jah-
restage besteht, die polnische Kirche reell die Macht besitzt,
die Massen auf- oder abzuwiegeln, oder "großrussischer Chauvinis-
mus" seine Verachtung gegenüber Brudervölkern betätigt, sind das
Punkte, die sich die regierenden Sozialisten selbst zuzuschreiben
haben.
Erziehung zur Völkerfreundschaft
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Schließlich stoßen sie auch auf die Tatsache, daß ihre Völker im
Bündnis oder ihre nationaler Unterabteilungen nicht bloß freund-
schaftliche Gefühle gegeneinander hegen. Vom wirklichen Grund
dieser Gegensätze im Bereich der Volksmeinung, also von der
staatstreuen Klärung der Schuldfrage wollen sie nichts wissen und
schließen sich lieber der bürgerlichen Auffassung an, daß der Na-
tionalismus leicht in Vorurteile über andere umschlägt, daß er
dann leicht übertrieben wird und als "Chauvinismus" viel Unheil
anrichten kann. Daher halten sie dann ein regelrechtes Erzie-
hungsprogramm zur Erzeugung von Solidarität in der Nation und
Freundschaft zwischen ihren Völkern für angebracht, das weder
viel schadet noch nützt.
"Explosiver Nationalismus im Ostblock"
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Mit der Diagnose, daß Nationalismus im Osten bloß als unterdrück-
ter oder künstlich erzeugter vorkommt, jedenfalls der Herrschaft
dort nicht zusteht, bescheidet sich die westliche Kritik nicht.
Darüber hinaus will sie erfahren haben, daß der Nationalismus der
Sprengsatz ist, der dieses "System" unweigerlich erledigt.
"Sobald die Kommunistischen Parteien an der Macht waren, forcier-
ten sie eine umgekehrte Variante des Nationalismus, die sie mit
dem Decknamen 'Internationalismus' versahen und die im Grunde auf
der Unterordnung der jeweiligen nationalen Identitäten unter die
Sowjetunion beruhte..."
"Im Grunde ist es aber der Kommunistischen Revolution nicht ge-
lungen, eine völlige Umwertung aller Werte dahingehend zu errei-
chen, daß die einzelnen Menschen das Verhältnis zu ihrem politi-
schen Gemeinwesen und im internationalen Bereich primär von ihrem
Klassenstandpunkt aus bestimmt hätten." (George Schöpflin
"Kommunismus und Nationalismus in Osteuropa", Europäische Rund-
schau 1, 1981, S. 73)
Auflösung des sozialistischen Lagers
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"Jugoslawien und alle anderen Staaten Osteuropas haben ihren spe-
ziellen Charakter und eine eigene Dynamik. Bei unseren Beziehun-
gen zu den osteuropäischen Ländern des Warschauer Pakts versuchen
wir, einen evolutionären Wandel in Richtung auf größere Vielfalt
und nationale Unabhängigkeit zu ermutigen." (Lawrence Eaglebur-
ger),
in anderen Worten:
"die zentrifugalen Kräfte zu fördern und den Block aufzulösen."
(passim)
Daß der "proletarische Internationalismus" eine "Umwertung der
Werte" angestrebt haben soll, widerlegt sich schon daran, daß der
sich 1. selbst schon längst als Treue zur Sowjetunion definiert,
2. die Treue von als solchen extra eingerichteten
N a t i o n a l s t a a t e n verlangt und deswegen 3. auch gar
nicht als bedingungslose Unterordnung und Ausnützung vonstatten
geht, sondern als eine sehr normal üble Staatenkonkurrenz unter
der Patronage einer Supermacht. Auf der einen Seite ist der
"g e r e c h t e n a t i o n a l e V o r t e i l" in diesem
Bündnis prinzipiell sehr anerkannt, und die dazugehörigen Zwei-
fel, ob die anderen im Bündnis den auch wirklich garantieren, un-
terscheiden sich von derselben Veranstaltung im westlichen Lager
auch nur in dem Punkt, daß die wechselseitige Benützung der Na-
tionen b l o ß politisch und nicht auch als die vom Staat ge-
trennte erfolgreiche Aktion der privaten Geschäftswelt stattfin-
det. Beschwerden über die mangelnde wechselseitige Tauglichkeit
für den jeweiligen nationalen Fortschott richten sich daher not-
wendigerweise an den Bruderstaat als den einzigen in Frage kom-
menden Adressaten.
Auf der anderen Seite stellt die Abteilung "p r o l e t a r i-
s c h e r I n t e r n a t i o n a l i s m u s" auch keinen
unversöhnlichen Gegensatz zum jeweiligen nationalen Interesse
dar: Das Interesse an der politischen Rückendeckung und den
ökonomischen Leistungen der Schutzmacht und die Gewißheit, daß
die eigene Staatsmacht darauf beruht, halten den RGW und
Warschauer Pakt zusammen.
Der Nationalismus im Bündnis und dessen besondere Verhandlung,
wieweit eigene Wege und Lösungen statthaft sind, hat zwar auf der
einen Seite entsprechend brutale Maßnahmen zur Herstellung von
Linientreue und auf der anderen Seite die schlechten Arrangements
mit "nationalen Besonderheiten" wie Kirche oder privaten Bauern-
stand zur Folge gehabt. Der Geschlossenheit des Bündnisblocks ab-
träglich war er aber erst dann und in dem Maße, wie der unzufrie-
dene Nationalismus der Oberen A n g e b o t e d e s
W e s t e n s, entgegengenommen hat. Die wegen ihres Nationalis-
mus abweichenden Linien in Rumänien, Polen und Ungarn haben auf
den Handel mit dem Westen als d a s Mittel gesetzt, ein im RGW
immer nicht genügendes nationales Wachstum zustandezubringen und
haben in dem Maß den Ruin ihrer Planwirtschäften herbeigeführt,
in Polen mit dem bekannten Resultat.
Aufstand der Völker
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Auch der Nationalismus von unten muß für die Zusammenbruchspro-
gnose herhalten:
"In der Sowjetunion werden immer mehr nationale Eliten in relativ
immer ärmeren Regionen des Landes ausgebildet - eine der klassi-
schen Voraussetzungen für nationale Spannungen."
Die m u ß es nämlich geben, auch wenn keiner von ihnen weiß und
als G r u n d dafür ein "Vakuum" herhalten muß:
"Als weiterer Verstärker für Nationalismus wirkt in der sowjeti-
schen Situation ein weitverbreitetes geistiges Vakuum, das hinter
der phrasenreichen Fassade der offiziellen Weltanschauung ent-
standen ist. Hinter dieser Fassade und auch unter ihrem Schutz
gehen geistige und bewußtseinsmäßige Veränderungen vor sich, die
wir nur teilweise kennen (!) und die auch die politische Führung
in ihrer selbstverschuldeten Isolierung von der Gesellschaft mög-
licherweise nicht einzuschätzen vermag. Aber mit Sicherheit (!)
strömen in dieses geistige Vakuum auch nationalistisches Ideengut
und Ressentiment ein." (Gerhard Simon, "Russen und Nichtrussen in
der sowjetischen Gesellschaft", S. 33)
Oder die usbekische Geburtenrate wird angeblich demnächst die
Russen an die Wand drücken und ihr Reich auflösen.
Die Behandlung desselben Themas in der sowjetischen Öffentlich-
keit belegt so ziemlich das Gegenteil. Neben rührseligen Auslas-
sungen über das sympathische kinderliebe Völkchen der Usbeken im
großen Kreis der sowjetischen Völkerfamilie werden sie - wie die
anderen Turk-Völker - wirklich auch als Problem behandelt, aber
als ein ganz anderes: Weil sie nämlich in ihrem Usbekistan viel
zu zufrieden vor sich hin leben und trotz ihrer enormen Geburten-
rate viel zu wenig Personal für die nationalen Projekte stellen,
weder daran denken, sich zu Hause als Industriearbeiter noch als
Arbeitskräfte in Sibirien für den nationalen Fortschritt zur Ver-
fügung zu stellen. Woraus zumindest soviel klar wird, daß es sich
bei diesem Volk wohl kaum um einen Sprengsatz innerhalb der So-
wjetunion handelt.
Anstatt am Nationalismus zugrundezugehen, regieren die KPs m i t
ihrem Nationalismus und sei es in der Form, daß ein eigentlich
nicht erlaubter Antisowjetismus das einigende Band zwischen Re-
gierung und Volk darstellt. Wie in Ungarn, wo die nationale Le-
gende darin besteht, der eigene Kadar könnte wegen der sowjeti-
schen Vorherrschaft nicht so, wie er wollte, hätte aber mit un-
glaublicher ungarischer Raffinesse das Bestmögliche daraus ge-
macht. In diesem frommen Glauben werden die Härten der sehr unab-
hängigen ungarischen Wirtschaftpolitik als unvermeidliches Übel
genommen und man beglückwünscht sich dazu, es immer noch besser
als im Rest-Ostblock zu haben.
Wie sollte auch ausgerechnet Nationalismus, die Unterwerfung un-
ter die jeweiligen per Staat entschiedenen Existenzbedingungen
und die daraus resultierende Betrachtungsweise der Gewalt als
Chance somit ihrer ganzen Anhänglichkeiten an heimische Erde und
Gebräuche einen eigenen Widerstandsgeist hervorrufen?
Von der staatsbürgerlichen Schafsnatur ihrer westlichen Klassen-
brüder unterscheiden sich die östlichen notwendigerweise eben nur
da, wo ihr Staat ihnen wegen seiner unterschiedlichen Anliegen
eine andere Charakterbildung zuteil werden läßt. Gerade wegen
seiner anderen Auffassung von dem, was er seinem Volk schuldig
sei, wegen der unmittelbar politischen Regelung der Ökonomie und
Entscheidung über die Lebensverhältnisse der Leute sind die Par-
tei und ihre Einrichtungen bei der Beantwortung der Schuldfrage
unweigerlich auch die einzigen Themen. Aber auch ein östlicher
Staatsbürger verfügt über zahlreiche s t a a t s t r e u e Me-
thoden, seine Unzufriedenheit zu betätigen, was die Normalität
des Staatslebens neben dem Stolz auf die vielen "Errungen-
schaften" ausmacht: Es gibt eben viele Funktionäre, die schlecht
oder korrupt sind, jedenfalls ihrer eigentlichen Pflicht nicht
nachkommen, oder Schlamperei und mangelnde Plandisziplin an
anderer Stelle oder eben schließlich andere Nationen im Bündnis,
von außerhalb an erster Stelle immer die Russen; die der eigenen
Nation die Früchte ihres Fleißes rauben, jetzt auch noch die Po-
len.
S c h w i e r i g k e i t e n mit dem Nationalismus ihrer Unter-
tanen bekommen die realsozialistischen Staaten erst da, wo der
sich auf den Verdacht verlegt, der eigene Staat sei überhaupt der
f a l s c h e. Und diese Auffassung, die weder die Gewalt kriti-
siert, der man unterworfen ist, noch sie in der gewöhnlichen
Weise am Ideal einer besseren mißt und ihr zugutehält, daß sie
der Absicht nach immer auf dem Weg dazu ist, sondern sie an die-
sem Ideal v e r u r t e i l t, diese Auffassung kommt ohne
einen V e r g l e i c h nicht zu ihrer Gewißheit.
Ein Vergleich, der zuweilen sehr direkt zustandekommt, indem eine
a n d e r e Staatsmacht sich für z u s t ä n d i g erklärt:
wie der Staat Israel für die Juden, die BRD - für Wolga-Deutsche,
Polen-Deutsche, Banater Schwaben und - nicht unbescheiden - für
die ganze DDR. Der dadurch überhaupt als solcher erst richtig ge-
schaffene Verdacht, man habe es mit einer falschen Herrschaft zu
tun, macht ziemlich mittelalterliche Bauern oder schlichte Arbei-
ter aufsässig, läßt sie auf ihrem "Recht" bestehen bis hin zum
völligen Ruin ihrer realsozialistischen Existenz.
Oder die Abteilung, die der reale Sozialismus ganz eigens mit der
wissenschaftlichen und künstlerischen Pflege seiner Ideale beauf-
tragt hat, nimmt diesen Auftrag so bitterlich ernst, daß sie Ver-
stöße der Politik gegen die postulierten höheren Zwecke gar nicht
übersehen kann, und nimmt die Tatsache, daß dann doch nicht sie,
sondern die Partei der Sittenrichter ist, zum Anlaß, das westli-
che Interesse an ihren Gewissenskämpfen konsequent mißzuverstehen
und den freien Westen als das Eden eines ungetrübten Idealismus
und wirklich freien Geisteslebens zu betrachten.
Dann kritisieren idealistische Patrioten den Sozialismus damit,
daß er gar nicht wirklich Selbstlosigkeit und Opfersinn fördere,
sondern Materialismus und Egoismus. Oder sie werfen der Partei
einen ganz unrussischen Teufelsgeist vor und plädieren für die
"Heimführung der Romanovs", die Abschaffung des Benzin-Autos und
die "Erneuerung von Volkskampfspielen an Feiertagen, Faustkampf,
Wand gegen Wand, Einnahme des Schneestädtchens, Dschigitorka", um
den "Alkoholismus" zu bekämpfen. (Aus den "12 Prinzipien der rus-
sischen Sache. Brief an die russischen Patrioten" von Sergej Sol-
datov, den mittlerweile die "Gesellschaft für Menschenrechte" in
die BRD befreit hat, wo er nun auch ohne Monarchie, mit vielen
Benzinautos, Bundesliga statt Volkskampfspielen und viel Alkoho-
lismus leben muß.)
O p p o s i t i o n e l l wird schließlich der Nationalismus im
Ostblock dann, wenn sich die Herrschaft ganz grundsätzlich vor
ihren Untertanen ins Unrecht setzt, indem sie eingerichtete und
bewährte Existenzgarantien außer Kraft setzt und damit den schon
immer existenten Verdacht bestätigt, im Namen der Schutzmacht na-
tionalen Ausverkauf zu betreiben. Auch an diesem Übergang in Po-
len war aber der Westen maßgeblich beteiligt, nicht nur dadurch,
daß seine guten Handelsbeziehungen zur rapiden Verarmung der Be-
völkerung geführt haben, sondern ironischerweise vermittels der
Taktik der polnischen Regierung. Die ist den Forderungen ihres
unzufriedenen Volks ja gerade in der Spekulation entgegengekom-
men, für sich damit ein günstigeres Verhältnis zum Westen heraus-
schlagen zu können. Die 'Solidarität' und ihre Führer haben sich
dadurch nur um so mehr in ihr Recht gesetzt gefühlt und die
falsche Annahme zugelegt, Hindernis für ihre Machtübernahme sei
bloß die Rote Armee und ihr aufrichtigster Freund und Anwalt der
freie Westen.
Daß der angefeindete Kommunismus "von sich aus" zusammenbricht
und an seinem inneren Kampf mit dem Nationalismus der auseinan-
derstrebenden Staaten und der aufbegehrenden Völker zugrunde
geht, ist ein frommer Wunsch. Wahrheit hat er keine auf seiner
Seite - es sei denn die, daß der Nationalismus westlicher Politik
über Mittel verfügt, seinem Wunsch zur Durchsetzung zu verhelfen.
Die haben aber mit Sprache, Kultur, Volkstanz, Tradition und Ge-
burtenraten wenig zu tun. (Vgl. MSZ 6, 82: Systemvergleich theo-
retisch und praktisch)
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