Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...

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       Korrespondenz
       
       Gegensätze im realen Sozialismus
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       Den Artikel  über die  Sowjetunion in  der letzten  MSZ  (Nr.  7-
       8/1985) habe  ich mit Interesse gelesen. Unklar ist meines Erach-
       tens allerdings  geblieben, was  Ihr mit  "den Gegensätzen - jen-
       seits  aller  Klassengegensätze  der  bürgerlichen  Gesellschaft"
       meint, die  im realen  Sozialismus existieren  sollen. Die Andeu-
       tungen "Gegensätze  zwischen Staat  und Volk,  Führung und Masse,
       Partei und  'schaffenden Werktätigen'" erhellen diesen Punkt auch
       nicht. Es fehlt die Angabe der Inhalte, die diese Gegensätze aus-
       machen. Sind  sie ökonomischer  oder politischer  Natur?  Ist  es
       nicht notwendig, daß im Sozialismus solche Gegensätze existieren?
       Muß man  die Sowjetunion  nicht dahingehend  kritisieren, daß sie
       diese falsch einschätzt und behandelt?
       
       B. S., Westberlin
       
       - von wegen notwendig
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       1.
       
       Zunächst einmal haben es Deine abschließenden Fragen in sich. Ih-
       nen liegt nämlich die Vorstellung zugrunde, daß es nun einmal Ge-
       gensätze gibt  im Sozialismus.  Und die  Konsequenz davon  formu-
       lierst Du ebenfalls gleich mit - der Umgang mit diesen ebenso ab-
       strakten wie  unvermeidlichen  Gegensätzen  der  Übergangsgesell-
       schaft könne kritisiert werden, sie selbst aber dürften niemandem
       zur Last gelegt werden.
       Richtig ist  an dieser  Vorstellung höchstens folgendes: Wenn ein
       Staat, kritisch  gegen die  bürgerliche Ordnung  angetreten,  die
       Wirtschaft zum  Nutzen der Produzenten des Reichtums organisiert,
       so ist   e i n  Widerspruch unübersehbar. Immerhin wird das Ziel,
       den Reichtum  nicht länger  auf Kosten der arbeitenden Menschheit
       produzieren   und    verteilen   zu   lassen,   mit   Hilfe   der
       S t a a t s m a c h t   verfolgt -  das "Wohl"  der sozialistisch
       bedienten Menschheit,  i h r  Interesse ist die Angelegenheit ei-
       ner öffentlichen  Gewalt, die  bestimmt, wo's langgeht. Diese Ge-
       walt setzt  mit Zwang all das durch, was dem Inhalt nach doch den
       Interessen der  Werktätigen entsprechen soll. Mit der Verstaatli-
       chung der  Produktionsmittel, die im Kapitalismus den besitzenden
       Klassen als  Mittel ihrer Herrschaft dienten, tritt der Arbeiter-
       und Bauernstaat  also höchstoffiziell als Kritik er von oben auf.
       Die Abschaffung  des Privateigentums  gilt ihm  als  Auftakt  und
       Handhabe zur Umwälzung der überkommenen Produktionsweise, der po-
       litischen Unarten,  der Erziehung,  der Sitten und Gebräuche, mit
       denen sich die Leute durch den Kapitalismus schlugen.
       
       2.
       
       Von diesem  Gegensatz, der je nach politischem Standpunkt zur Be-
       oder Entschuldigung  des Sozialismus herangezogen wird, haben wir
       kein Aufheben  gemacht. Auf der einen Seite mögen wir uns den de-
       mokratiebegeisterte Bürgerseelen  nicht anschließen,  die  ausge-
       rechnet drüben  "die Gewalt"  entdecken, "Diktatur"  schreien und
       daran glauben, daß sich das Verhältnis von Volk und Staat in Form
       einer endlosen  Kette von  Vergewaltigungen abspielt.  An  diesen
       Zeitgenossen fällt  uns auf, daß sie die Allgegenwart der Staats-
       gewalt im  freien Westen  glatt übersehen, weil sie sie für unab-
       dingbar halten und in ihren opportunistischen Vor- und Nachteils-
       rechnungen akzeptieren. Auf der anderen Seite können wir die Rede
       von einer  "Notwendigkeit von  Gegensätzen" im  Sozialismus nicht
       leiden; und  zwar deswegen,  weil dabei die Übergangsgesellschaft
       eine abstrakte Eigenschaft zugeschrieben kriegt, die ihr jenseits
       des Willens  ihrer Macher  eignet. Schließlich  besteht das ganze
       Programm der an die Macht gelangten Partei doch erklärtermaßen in
       lauter Veränderungen,  für deren  Durchsetzung das  Gewaltmonopol
       des Staates benützt wird. Insofern halten wir nichts von der apo-
       logetischen Betrachtung  des Sozialismus  als einer "historischen
       Gesellschaftsformation", in  der gewisse "Gegensätze" eben (noch)
       am Werk sind - vielmehr bestehen wir darauf, daß sämtliche Gegen-
       sätze das   W e r k   d e r   P a r t e i  sind und vorurteilslos
       geprüft gehören.  Die Gefahr,  daß der  Partei Dinge  vorgeworfen
       werden, für  die sie  nichts kann - innere und äußere Feinde, die
       den Kapitalismus  wieder haben wollen, nicht vorhandener Reichtum
       etc. -  besteht dabei nicht. Im Gegenteil, gerade in der Zuflucht
       zum Argument  "Gegensätze" werden  die einschlägigen Unterschiede
       sehr konsequent verwischt.
       
       3.
       
       Besagte Prüfung haben wir in unseren Artikeln in der MSZ 7/8 1985
       vorgenommen. Dabei ist es uns nicht überflüssig vorgekommen, ein-
       mal -  an der  von Dir zitierten Stelle - darauf hinzuweisen, daß
       eine Verwechslung der staatlichen Zumutungen drüben mit denen der
       bürgerlichen Politik  bei unvoreingenommenem  Hinsehen nicht mög-
       lich ist. Dasselbe gilt für die Techniken des Mitmachens, die die
       Bürger des realen Sozialismus sich zulegen. Gedacht war dabei ei-
       nerseits an  die sehr verbreitete Manier, die Eigenart des jewei-
       ligen Systems zu erschlagen und in abwinkenden Phrasen, das ewig-
       menschliche Oben  und Unten,  Reich und  Arm, Befehl und Gehorsam
       betreffend, den  "Systemvergleich" so zu entscheiden, daß man das
       "Immergleiche" der  Weltenläufte eingesehen  haben will. Nach dem
       Motto: "Die  Kleinen sind  überall die  Dummen!" Dergleichen  ist
       nämlich alles  andere als   K r i t i k  a n  b e i d e n  Sorten
       Herrschaft - vielmehr das Bekenntnis dazu, daß man sich den Unar-
       ten der heimatlichen Ordnung weiterhin zu fügen gedenkt. Anderer-
       seits zielte  unser Hinweis auf das verständnisvolle Mißverständ-
       nis, die  staatstragenden Parteien  des Ostblocks hätten sich bei
       ihrer "Führung und Leitung" mit konkurrierenden Interessen herum-
       zuschlagen, wie  sie im  Kapitalismus zwischen  und innerhalb der
       Klassen auf  der Tagesordnung  stehen. Die  im Ostblock ins Leben
       gerufenen, anerkannten und gebremsten Interessen, die einschlägi-
       gen Rechte  und Pflichten - daran wollten wir erinnern - sind an-
       derer Natur als hierzulande.
       
       4.
       
       Diese Erinnerung war für Dich keine, weil Du die "Inhalte" in den
       Artikeln offenbar  überlesen hast.  Wir können Dir diesen Vorwurf
       nicht ersparen,  da es bei unseren Ausführungen um gar nichts an-
       deres geht als um den Gegenstand Deiner Nachfrage.
       a) im Beitrag "Mit Hebeln geplant" hast Du eine kurze Analyse der
       Gegensätze vorliegen, die der sozialistische Staat in Sachen Öko-
       nomie den verschiedenen Abteilungen seiner Gesellschaft aufhalst.
       Dabei stiftet er z.B. die Notwendigkeit, sich mit Geld zu versor-
       gen, ohne  umgekehrt durch die Resultate der damit "stimulierten"
       Produktion dem  Geld die Leistung zu garantieren, die es im Kapi-
       talismus hat:  Zugang zu  jeder Sorte  Reichtum,  beschränkt  nur
       durch die  Quantität des verfügbaren Stoffes. Von dieser Form der
       Armut ist  uns in der bürgerlichen Klassengesellschaft nichts be-
       kannt -  ebensowenig von  der Verpflichtung  des Staates, das Le-
       bensnotwendige den  Arbeitern allemal zu garantieren. Das wahrge-
       machte Ideal des Sozialstaats enthält eine gehörige Portion Rück-
       sicht auf  die verstaatlichte  Lohnarbeit, die wiederum im Gegen-
       satz zum  Wachstum, dem Bilanzziel der Rechnungsführung des Staa-
       tes steht. Kennst Du diesen Gegensatz aus der BRD?
       b) Oder  ist Dir aus den Konkurrenztechniken kapitalistischer Be-
       triebe jener  Effekt bekannt, der sie aufgrund ihres kalkulatori-
       schen Prinzips  - das dem Maßstab des Geldes und sonst nichts ge-
       horcht -  in Gegensatz  ausgerechnet bei der wechselseitigen Ver-
       sorgung mit  Gpbrauchswerten bringt? Die Bedingungen, die mit dem
       staatlich in  Gang gesetzten  "sozialistischen Wettbewerb"  einen
       "Betriebsegoismus" in  Gang setzen,  erzeugen hier  den  Tag  und
       Nacht beschworenen  Gegensatz, daß  die Produktivität immerzu un-
       terbleibt, die  der Staat  als Hauptziel seiner Lenkungskriterien
       anpeilt!
       c) Schließlich  die Frage der  L e i s t u n g  im Betrieb. Schon
       mal von  der kapitalistischen  Organisation der Arbeit gehört, in
       der der Arbeitsplatz das Maß der Verausgabung des Arbeiters prak-
       tisch definiert  und den  Geschäftserfolg jenseits  aller morali-
       schen Bereitschaft  des Lohnarbeiters  zum einzigen Maßstab dafür
       macht, ob  und wieviel  er sich "erarbeiten" kann? Der Gegensatz,
       in dem  Arbeiter im Sozialismus zu ihrem "Arbeitgeber" Staat ste-
       hen, nimmt  sich da  doch etwas  anders  aus,  oder?  Von  seiner
       "sozialistischen Arbeitsmoral"  ist da manches abhängig, und ent-
       sprechend wird er traktiert!
       d) Andere Gegensätze kennzeichnen deshalb auch die Hierarchie der
       Berufe, der  Einkommen und das Erziehungswesen. Das demonstrative
       Einverständnis mit der gültig gemachten Staatsmoral, die sich M-L
       schimpft, ist  bekanntlich eine Erfolgsbedingung im realen Sozia-
       lismus, über  deren Zustandekommen  anders gewacht  wird als über
       die eintönigen  pluralistischen Lebensweisheiten der bürgerlichen
       Gesellschaft.
       e) So  daß das  p o l i t i s c h e  L e b e n,  die Maßstäbe des
       Wohlverhaltens, der  Kritik -  die es drüben nicht zu knapp, aber
       auch nicht  zu vernünftig  gibt - eine einzige Sammlung von Zeug-
       nissen darstellt;  dafür, wie der Staat die von ihm erzeugten Ge-
       gensätze um  den Zwang zur staatsnützlichen Harmonie ergänzt! Da-
       von handelt  der ganze  Artikel vom  Staat des  ganzen  Volkes  -
       kennst Du  eine der  dort dargestellten  Herrschaftstechniken aus
       dem Westen? Und wieso sollen  "s o l c h e  Gegensätze" im Sozia-
       lismus notwendig sein? Diese Nachsicht teilen wir nicht!
       

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