Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...
zurück
MIT HEBELN GEPLANT
1. Die sozialistische Ware
--------------------------
Wie überall präsentiert sich auch in den Gesellschaften des re-
alen Sozialismus der Reichtum in Gestalt von Gebrauchswerten. Er
besteht aus Arbeitsprodukten, die je nach ihren Eigenschaften Be-
dürfnisse in der Konsumtion oder Produktion befriedigen. Daß es
mit diesem ebenso einfachen wie erfreulichen Sachverhalt nicht
sein Bewenden hat, verrät der Preis, den das Zeug auch noch hat.
Der sozialistische Staat, der die Produktion und Verteilung des
Reichtums lenkt, bestimmt den Preis der Waren. Damit gebietet er
Austauschrelationen zwischen den verschiedenen Warengattungen,
die er für nützlich und gerecht hält.
a) In Sachen Gerechtigkeit wird dieser Staat aktiv, weil er als
"die Wirtschaft lenkendes Subjekt" angetreten ist, um der arbei-
tenden Klasse das Recht widerfahren zu lassen, das ihr als Mittel
des Kapitals vorenthalten wird. Er besteht darauf, daß diejeni-
gen, die den Reichtum s c h a f f e n, bei der Bewältigung ih-
rer Lebensnotwendigkeiten nicht an einem Markt scheitern, auf dem
die Verfügung über Geld und die geschäftstüchtige Preisgestaltung
derer, die etwas zu verkaufen haben das Bestimmende sind. Dieser
Staat ist G e g n e r d e r P r i v a t m a c h t d e s
G e l d e s, die die Welt des Privateigentums kennzeichnet - und
Befürworter eines gesicherten Lebensunterhalts der Werktätigen,
deren Lohnhöhe er ebenso zu einer Frage seiner Entscheidung macht
wie, die Erschwinglichkeit der Gebrauchsartikel, die sie brau-
chen.
b) Daß es ihm überhaupt nützlich erscheint, den Resultaten der
unter seiner Herrschaft vonstatten gehenden Produktion eine
P r e i s f o r m anzuhängen, ist freilich angesichts dieser
Praxis seltsam. Die Lenker des Staates setzen einen M a r k t
ins Werk, um ihn zu planen. Sie w i s s e n von der Beschrän-
kung, welche im Preis der Verfügung über den Genuß von Gebrauchs-
werten aufgemacht wird; sie k e n n e n den Gegensatz von In-
teressen, der sich zwischen Käufer und Verkäufer allemal abspielt
(das Bedürfnis nach Gebrauchswerten widerspricht dem nach der An-
häufung von möglichst viel Geld, dem Äquivalent für jede belie-
bige Sorte Reichtum) - u n d sie führen dennoch die Unterordnung
des Gebrauchswerts unter den Tauschwert ein. Allerdings mit dem
Vorbehalt, daß der Austausch Ware-Geld den staatlich erwünschten
Verteilungsergebnissen entspricht. Insofern der sozialistische
Staat einen Markt ohne Konkurrenz einrichtet - die Veränderung
der Preise ist niemandem als sein ökonomisches Mittel gestattet -
und zugleich alles dem Maßstab des Geldes unterwirft, den e r
setzt, m o n o p o l i s i e r t e r d i e M a c h t d e s
G e l d e s.
c) Dieses Verfahren, das schließlich das ökonomische Programm ei-
ner nützlichen Herrschaft ankündigt, erklärt das Geld, das M a ß
d e s a b s t r a k t e n R e i c h t u m s zum ausgezeichne-
ten Mittel einer Planung. Diese Planung einer volksnützlichen
Produktion und Verteilung des Reichtums soll dadurch bewerkstel-
ligt werden, daß der Gebrauch des Geldes nur staatlichen Zielset-
zungen gemäß funktioniert. Dieser Staat schafft sich mit seinem
Gewaltmonopl ein eigenartiges ökonomisches Monopol, wenn er mit
seinem "planmäßigen Preissystem " erwünschte Zirkulationsergeb-
nisse praktisch definiert. E r mißt so die Erfolge seiner
"Wirtschaft" in Geld, um anhand von bilanzierten G e l d-
g r ö ß e n i m S t a a t s h a u s h a l t zu entscheiden,
was auf seiten der Produzenten an Reichtum und Leistung fällig
ist. Den Zweck der Geldvermehrung behält er allein sich vor, und
von seinem Gelingen macht er die Teilhabe aller am stofflichen
Reichtum abhängig. Um sich zur Durchführung seines sozial-
staatlichen Programms zu befähigen, diktiert er seiner Gesell-
schaft monetäre Dienste.
d) Die Etablierung einer solch eigenartigen "Ware-Geld-Bezie-
hung", die dann als Hebel ausgenutzt wird - da haben die Liebha-
ber des "Systems der Planung und Leitung" recht -, ist mit Kapi-
talismus nicht zu verwechseln. Das Kunststück, das sie von ihren
"Kommandohöhen der Wirtschaft" aus bewerkstelligen wollen, be-
steht ja nicht in der schlichten Unterwerfung des Gebrauchswerts
unter den Wert, der Erzeugung und Verteilung des stofflichen
Reichtums unter, den Z w e c k der Geldakkumulation. Für sie
ist die "Rechnungsführung", die mit Größen abstrakten Reichtums
operiert, ein ausgezeichnetes M i t t e l, um die Produktion
und Verteilung des wirklichen Reichtums zu "stimulieren" und zu
"kontrollieren". Eines allerdings kann ihnen hier schon gesagt
werden: Um eine P l a n u n g der Produktion handelt es sich
bei dieser umständlichen Befehlsform n i c h t. Ob eine Produk-
tion den Fortschritten der staatlich definierten Wertgrößen dient
oder mehr stofflichen Reichtum schafft, sind nämlich ganz ver-
schiedene Dinge - was die verschiedensten Kommissionen und Wis-
senschaftler auch bemerken, wenn sie die Schwierigkeiten bei der
B e-wertung beklagen und einem objektiven "Wert(gesetz) im Sozia-
lismus" ewig auf die Spur kommen wollen.
e) Eine andere Wahrheit läßt sich dem Widerspruch eines
"geplanten Marktes" auch schon entnehmen. So sehr sich die maß-
geblichen Anwälte der Arbeiter scheuen, die Arbeit nach Maßgabe
der natürlichen Bedingungen und zum Nutzen der Produzenten zu
planen (dazu wären technologische Kenntnisse wichtiger als das
Rätsel der "Vergleichbarkeit" von Arbeitern etc.), so ausgeprägt
ist ihr Bedürfnis, "Sachzwänge" einzurichten, denen sich so
leicht niemand entziehen kann. Einen begründeten Imperativ der
zweckmäßigen Produktion meiden sie - "Gesetze des Sozialismus"
setzen sie aber schon in Kraft.
2. Der sozialistische Gewinn
----------------------------
Für den erwünschten effektiven Gebrauch von Material und Arbeits-
mittel in den Betrieben hält der sozialistische Staat einen Maß-
stab bereit. Dieser stammt nicht aus der Eigenart der jeweiligen
Produktion, sondern aus dem Beschluß, den für sämtliche gute
Werke erforderlichen Reichtum erstens d e m S t a a t zur Ver-
fügung zu stellen und dies zweitens in Farm v o n G e l d-
g r ö ß e n zu tun, die drittens z u n e h m e n. Dieser
Maßstab heißt G e w i n n und stellt als ö k o n o m i s c h e
K e n n z i f f e r die Vorschrift dar, einen möglichst großen
Überschuß über die Kosten der Produktion zu erzielen. Da die
Einkaufspreise wie die Verkaufspreise "geplant" sind, stellt sich
die praktische Frage, wie diese Kennziffer aus dem traurigen
Dasein einer schlichten R e c h n u n g zum Status einer im
Interesse des Betriebes liegenden B e r e c h n u n g gelangt.
Und den Widerspruch der Frage tragen dann auch die "Antworten" in
sich. Der Hebel, der die Fortschritte in der Produktion des
Reichtums bewirken soll, "stimuliert" eine ganze Palette von
Unarten, über deren Resultate dann die Parteigänger der
kapitalistischen Ausbeutung sich so hämisch verbreiten können.
a) Der Verdacht, die Planer und Leiter könnten sich bei der Ein-
führung ihrer Kennziffer am K a p i t a l i s m u s ein Bei-
spiel genommen haben, ist abwegig. Geschäftsleute machen Gewinne,
die i h r Vermögen vergrößern, und ihr ganzes Trachten im Um-
gang mit den "Produktionsfaktoren" gilt diesem Zweck, für den der
Markt das passende Mittel abgibt. Volkseigene Betriebe erlösen
nach getaner Arbeit einen Überschuß, der in Geld beziffert ist,
nur dann, wenn die Relation zwischen staatlich dekretierten Ein-
und Verkaufspreisen es gestattet. Die Techniken der Konkurrenz
gegenüber Ver- und Einkäufern stehen ihnen nicht offen, das er-
wirtschaftete Geld steht ihnen nicht als materialisierte Privat-
macht zur Verfügung, sondern bildet das Material für staatliche
Entscheidungen. Somit entfällt für eine Betriebsleitung erst ein-
mal jedes Motiv, die Produktion so zu gestalten, daß sie sich als
Mittel für auf dem Markt zu realisierende Geschäftserfolge be-
währt. Und genau deshalb erscheint die Optimierung des Verhält-
nisses Kosten : Überschuß als eine von Staats wegen fällige
"Stimulierung der Betriebe" zur beflissenen Nutzung der Produk-
tivkräfte. Die Bezeichnung "Hauptkennziffer der Planung" trifft
die Sache also nicht besser.
b) Die Initiative", die der Staat ins Leben ruft kommt aus den
genannten Gründen nur zustande, wenn der Staat den Betrieben mit-
samt der Kennziffer auch noch V o r t e i l e für den Fall zu-
kommen läßt, daß sie es ihm recht machen und Erfolgsbilanzen zu-
standebringen. Die Alternative, ihnen mit Sanktionen zu drohen,
ist aus Gründen nicht fällig, die zu den Prinzipien der realso-
zialistischen Wirtschaft gehören. Die E i n s t e l l u n g
d e r P r o d u k t i o n kommt schon gleich gar nicht in Frage
- um s i e und ihren unaufhaltsamen Fortschritt geht es ja. Die
"Wert"-Rechnungen sind ja nicht Zweck der ganzen Veranstaltung,
sondern die staatliche Handhabe, um die Produktivkräfte zur Ent-
faltung zu bringen. Und da der sozialistische Staat auf die Pro-
duktivkraft schlechthin, den Arbeiter, nichts kommen läßt und
"die Arbeit" für d i e Quelle allen Reichtums hält und - trotz
Marx' Bemerkung in der 'Kritik des Gothaer Programms' enorm
s c h ä t z t, gilt ihm die Entlassung von Arbeitern als Verbre-
chen: Recht auf Arbeit.
c) Die Vorteile, mit denen die Betriebe zur staatsbilanzwirksamen
Produktion veranlaßt werden, bestehen in der Zuteilung (oder
Überlassung) von Mitteln aus dem nationalen Haushalt. Teils für
die Betriebsführer, teils für die Belegschaft, teils für die Pro-
duktion werden Rechte und Geld zur Verfügung gestellt, die es
lohnend machen, daß sich das Kollektiv durch Gewinnerwirtschaf-
tung auszeichnet. Die Normalform dieser Stimulierung besteht in
Modifikationen des Verhältnisses zwischen an den Nationalhaushalt
abzuführenden und beim Betrieb verbleibenden Gewinnteilen. Letz-
tere tun ihre Wirkung über den L o h n f o n d s des Betriebs
ebenso wie über den Fonds, den er zur Erneuerung und Erweiterung
der Produktion ("Investition") verwenden kann. Daneben tritt ein
Prämienwesen, das seine Kriterien aus der Definition eines
S o l l s und seiner Er- sowie Übererfüllung bezieht.
d) Damit ist zwar der Anreiz zum Gewinnemachen vorhanden, aber
die Kalkulation des sozialistischen Staates noch lange nicht auf-
gegangen. Nicht deswegen, weil die Betriebe den Anreiz Anreiz
bleiben lassen und eine ruhige Kugel schieben; sondern weil sie
auf das Angebot e i n g e h e n. Die öffentlich breitdiskutier-
ten Methoden des Gewinnemachens und -steigerns werden konsequent
angewandt: Mehr in derselben Zeit produzieren, an Produktionsmit-
teln sparen! Bei der Möglichkeit einer Auswahl zwischen verschie-
denen Produkten das (verkaufs-)preisgünstigere herstellen und bei
anderen Zurückhaltung üben, auf der Grundlage von brauchbaren
Preisrelationen "Erfolge" erarbeiten, die die Anwendung neuer Ar-
beitsmittel überflüssig machen, weil diese - obgleich höhere Pro-
duktivität und bessere Produkte winken nicht zum Sparsamkeitsge-
bot passen. Und selbst dort, wo die in den betrieblichen Fonds
belassenen Mittel brav und rationell eingesetzt werden, bemerkt
das Planer- und Leitertum eine Konsequenz ganz eigentümlicher
Art: die "guten" Betriebe werden über die Befolgung seines Hebels
bisweilen besser - die schlechten bleiben mangels verdienter Zu-
wendung immer schlechter.
e) Der geplant ins Leben gerufene "Betriebsegoismus" schafft sei-
nen Urhebern manches Problem. Sie kriegen die Quittung für ihr
Versäumnis, die gesellschaftliche Produktion zu planen; ihre
(be-)wert(-ungs)theoretisch fundierte Liebe zu Maßstab des
G e l d e s, der - brav eingehalten - die P r o d u k t i v-
k r ä f t e auf immer höhere Stufen emporheben sollte, zeitigt
Resultate, die selbst fanatische Ein- und Überholer des
Kapitalismus nicht mehr schätzen können. Deshalb gibt es
Bekenntnisse der folgenden Art:
"Der Gewinn als ökonomische Kennziffer widerspiegelt nicht die
gesamte Effektivität der Produktion. Unter bestimmten Bedingungen
- wie die Erfahrung bewiesen hat - kann die Erhöhung der Rentabi-
lität des Betriebes von einem Sinken der Produktion sowie von ei-
nem Ignorieren der Konsumtionsinteressen begleitet sein."
Solche Befunde zeugen allerdings weniger von Einsicht als von der
Absicht, so weiterzumachen und eine Verbesserung des "Systems der
Plankennziffern" zu inaugurieren. Die Phänomene, auf die da eine
Dame namens "Erfahrung " aufmerksam macht, sind eben nicht unter
"bestimmten" Bedingungen zustandgekommen, sondern unter
d e n e n, die die leitenden Politökonomen ihren Betrieben auf-
gemacht haben. Die Klage gilt nichts anderem als der zielstrebig
"stimulierten" Trennung des f i n a n z i e l l e n
E r f o l g s v o m m a t e r i e l l e n R e s u l t a t der
Produktion. Brauchbare Produkte und produktive Arbeit
m ü s s e n bei diesem Imperativ einen Mißerfolg in der Bilanz
darstellen; umgekehrt dürfen sich Ausschußwaren, mit überholten
Fertigungsmethoden erzeugt, stolz als Gewinn ausweisen lassen.
Wem freilich an seinem sozialistischen Dekret, die Betriebe möch-
ten Selbstkosten, Investitionen sparen, dabei aber lauter Gewinne
mit "hochwertigen Erzeugnissen im gewünschten Sortiment" machen,
kein Widerspruch auffällt, dem sind auch die Probleme mit der
"Proportionalität" der einzelnen Abteilungen seines Ladens ein
Geheimnis. Er meint, sie v o r z u f i n d e n - und wenn er
zehnmal dafür plädiert hat, daß das Prinzip der "Selbsterwirt-
schaftung der Mittel zur Erweiterung" gelten soll. Daß an manchen
Ecken diese Selbsterwirtschaftung nicht nur nicht stattfindet,
sondern geplant mit staatlichem Knapphalten von In-
vestitionsmitteln festgeschrieben wird, was als nicht lohnend
gilt, haben solche Anwälte des "Wertgesetzes im Sozialismus"
glatt übersehen. Deswegen widmen sie sich ein ums andere Mal ei-
ner "ökonomischen Reform" und tüfteln neue Preise und Kennzif-
fernsysteme als Korrektur aus...
f) Aufgrund der unübersehbaren "Verzögerung", welche die
"Entwicklung der Produktivkräfte" verzeichnet - die realen Sozia-
listen schätzen schließlich nach wie vor und aus gegebenem Anlaß
den Vergleich mit dem faulenden Kapitaliamus -, ist man drüben
auf eine Idee verfallen. Die geht streng un-ökonomisch und trägt
sich als Auftrag vor, der im Sozialismus im Grunde viel besser zu
erledigen geht als anderswo, deswegen aber auch unbedingt erle-
digt werden muß. Der Name dafür heißt "w i s s e n s c h a f t-
l i c h - t e c h n i s c h e R e v o l u t i o n", und das ist
eine Ideologie. Umschrieben wird damit ein Bedürfnis des
sozialistischen Staates, das ihm seine Betriebe trotz aller
Kennziffern, die dazu bestimmt sind, "die Interessen des
Betriebes mit den Interessen des Staates zu einem Ganzen
verschmelzen zu lassen", nicht erfüllen. Die Sorge gilt dem
"Zurückbleiben des technischen Niveaus der gesamten Wirtschaft",
was ziemlich bedenklich ist: "Der Fortschritt von Wissenschaft
und Technik ist Haupthebel für die Schaffung der materiell-
technischen Basis des Kommunisus."
So bleibt nur zu hoffen, daß sich die Betreffenden gelegentlich
darauf besinnen, wie sehr sich bisweilen Produktivkräfte und Pro-
duktionsverhältnisse in die Quere kommen können. Dann können sie
sich auch die Phrasen über den "Prozeß des Kampfes des Neuen mit
dem Alten, des Fortschrittlichen mit dem Konservativen" sparen.
Die sind nämlich für nichts und niemanden ein Hebel.
3. Der Lohn des Sozialismus
---------------------------
Als Nutznießer des geplanten Marktes sind die Werktätigen vorge-
sehen. Deshalb wurde im Rechnungswesen des Staates und der Be-
triebe ein Lohnfonds eingerichtet. Seine Höhe entscheidet dar-
über, was die arbeitenden Menschen vom Leben haben. Und das soll
mit wachsenden Planerfolgen immer mehr sein.
Die Bedingung dafür stellt der Erfolg dar, den der sozialistische
Staat mit seinem Rechnungswesen erzielt. Und da auf diesem Feld
manches im Argen liegt, besteht ein "Gegensatz zwischen Akkumula-
tion und Konsumtion" und das Bedürfnis nach einer
L e i s t u n g ganz eigentümlicher Art: Die Werktätigen sollen
nicht nur schaffen, sondern sich so um die Produktion verdient
machen, daß die beklagten Mißstände verschwinden. So wird aus dem
L o h n e i n H e b e l und aus der "Planung und Leitung" eine
m o r a l i s c h e K a m p a g n e.
a) Daß im realen Sozialismus der L o h n a l s
K o s t e n g r ö ß e auftaucht, die im Verhältnis zu den für
die planmäßige Entwicklung... vorgesehenen Mittel des Natio-
naleinkommens niedrig zu sein hat, ist ein Witz. Der rührt aus
ökonomischen Vorstellungen von einem Topf, aus dem "Akkumulation"
und "Konsum" bestritten werden müssen, so daß die Entscheidung
fürs erste im Namen künftiger Genüsse schweren Herzens und plan-
mäßig fällig ist. Daß z u e r s t die Produktivität und
d a n n der Lohn zu steigen hat, ist auch ein schönes "Gesetz",
an das sich die Planer halten können, die es erfunden haben. Die
Umkehrung hat ja im übrigen niemand verlangt, und das so polit-
ökonomisch hochgelehrt besprochene Phänomen besteht schlicht
darin, daß immer mehr Werktätige immer mehr Reichtum schaffen,
ohne daß sie darüber spürbar mehr vom Leben haben; darüber hinaus
ist dieser Reichtum nicht einmal geeignet, seine Verwalter zu-
frieden zu stimmen.
Vom Standpunkt der Werktätigen aus wird der Witz noch um einiges
gravierender. Angesichts der geplanten Preise für das Lebensnot-
wendige erfahren sie ihre Beschränkung gar nicht erst wie die
Lohnabhängigen im Westen. Sie leiden nicht unter einem von einem
Warenangebot überforderten Geldbeutel, sondern haben Sparbücher
und das Problem, woher und wann sie einmal etwas Gescheites krie-
gen. Daß die Mieten und Lebensmittelpreise niedrig sind, daß die
paar Fetzen zum Anziehen erschwinglich gehandelt werden, nützt ja
herzlich wenig, solange das Zeug rar ist und nichts taugt. Im üb-
rigen sind diese Bemerkungen keine westliche Hetze, die gleich
wieder die "Privatinitiative" vermißt, sondern quasi Zitate aus
Debatten, die im Ostblock offiziell geführt werden, in den Kom-
missionen, Fachzeitschriften und Zeitungen.
b) Zur Behebung der systematisch erhebelten "Mißerfolge", die al-
lesamt mit der Trennung des rechnerisch-staatlichen und des mate-
riellen Produktionsergebnisses zu tun haben, ist den maßgeblichen
Planern schon frühzeitig eine Sorte "Initiative des Individuums"
eingefallen, die sie anstacheln möchten. Diesem Einfall und sei-
ner kundigen Ausarbeitung in lauter Sonderfälle verdanken die
russischen Werktätigen ein flottes Prämienwesen und einen dauern-
den sozialistischen Wettbewerb. Die Werktätigen werden über ihre
Betriebsleitung und von ihr ständig dazu "stimuliert", sich durch
besondere Leistungen ein paar Kreuzer oder Rechte extra zu ver-
dienen. Wer den "geplanten" Leerlauf, den allfälligen Ausschuß
etc. durch eigene Anstrengungen bekämpft, am besten als Brigade,
darf sich des Lobs und einiger Entschädigungen sicher sein. Daß
sich auf diese Weise neben nach wie vor üblichem "Schlendrian"
ein System von Prämien-, Akkordlöhnen und Sondereinsätzen verall-
gemeinert hat, in dem sich Drohung und Werbung die Waage halten,
garantiert freilich nicht den staatlich beabsichtigten Erfolg.
Auf diesem Gebiet läßt sich der erwähnte "Betriebsegoismus" mit
den bewußt gewollten opportunistischen Berechnungen der Werktäti-
gen gut verbinden. Jahrzehnte emsiger Bemühungen, eine
H i e r a r c h i e d e r L ö h n e minutiös zu rechtfertigen
und geltend zu machen; hundertfach erneuerte und normierte,
"materielle Anreize" haben nicht das erhoffte Wunder bewirkt: daß
die Arbeiter durch "verantwortungsvollen Einsatz" bei kleinen
Vorteilen all das k o m p e n s i e r e n, was die Hebelwirt-
schaft systematisch anrichtet. Auch ein paar vorbildliche Aktivi-
sten, die dann in die Zeitung kommen, schaffen das nicht.
c) Daraus, daß sich der Lohn als Hebel wenig eignet, solange die
bescheidene, gerade durch staatliche Garantien ermöglichte Exi-
stenz gesichert ist, andererseits viel mehr immer nicht in Aus-
sicht steht, haben die Männer und Frauen der Partei bezeichnende
Schlüsse gezogen. Erstens wollten sie dasselbe immer noch ent-
schlossener und genauer machen, weswegen es "Bewegungen" aller
Art weiterhin gibt. Eine für "Neuerer", die sich nicht scheuen,
mal was Neues auszuprobieren und den gewohnten, eingespielten
Trott zu lassen. Andere unter Losungen wie "Einbeziehung der
Werktätigen in den Kampf um die Senkung des Produktionsaufwands".
Und die gewohnten Sondereinsätze am Jubiläum auch.
Zweitens sind Stimmen laut geworden, von der W e r b u n g mit
Anreizen abzugehen und mehr von der D r o h u n g Gebrauch zu
machen, auch von der Drohung, den Arbeitsplatz zu verlieren. Der-
gleichen hat aber bei den Führern des mächtigsten Arbeiter- und
Bauernstaats kein Gehör gefunden. Wenngleich für ordnungsstif-
tende Sanktionen durchaus zu haben, wenn die friedlichen soziali-
stischen Sitten durch Säufer, Krawallbrüder oder gar Abweichler
gestört werden, halten sie doch fest an d e r "Errungenschaft",
die sie für jeden sichtbar vom Kapitalismus unterscheidet: Das
Recht auf Arbeit, also auch die garantierte bescheidene Existenz
bleibt!
Drittens fällt ihnen ganz im Sinne der überkommenen Lehre vom
guten Arbeiter ein, daß womöglich die gelegentliche
m o r a l i s c h e U n r e i f e den Haken darstellen könnte,
an dem ihr Fortschritt krankt. Der Weg öffentlicher Beschuldi-
gung, die Anklage gegenüber den Werktätigen, es mangele ihnen an
D i s z i p l i n - von der Rede des ersten Mannes im Kreml bis
zum Spruchband im Betrieb -: dieser Weg, die "Produktivkräfte"
anzuspannen, wird zur Zeit begangen. Auch das ein sicheres Indiz
dafür, daß es sich weder um Planung noch um Kapitalismus handelt.
Bild ansehen
Sozialistische Warenproduktion:
'Die Arbeit als Quelle allen Reichtums'
Bild ansehen
Jährliches Wachstum der Industrieproduktion in %
zurück