Quelle: Archiv MG - REALSOZIALISMUS ALLGEMEIN - Als es noch den Ostblock gab...
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Antikommunismus
GRUNDWISSEN FÜR JUNG UND ALT
"Das Schlimmste im Leben ist der Krebs und der Kommunismus." Wenn
schon ein Franz Beckenbauer in seiner geistigen Schlichtheit ein
felsenfestes Urteil zustandebringt, ohne jemals einem leibhafti-
gen Kommunismus begegnet zu sein, sind die Wirkungen einer gründ-
lichen Staatsbürgerbildung kenntlich.
Während Meinungen über fremde Länder sonst ihre Konjunkturen ha-
ben, in Einzelfällen auch gar nicht vorhanden zu sein brauchen,
so daß die Weltkarte des Normalbürgers viele weiße Flecken auf-
weist die Meinung über den Ostblock ist, seitdem es ihn gibt,
dauerhaft und in sich unerschütterlich. So opportunistisch die
Einschätzung der Ölscheichs den unterschiedlichen politischen
Kalkulationen gefolgt ist, so dogmatisch verfährt sie gegenüber
dem zum Hauptfeind erklärten Ostblock. Auch die Zeiten der Ent-
spannung und sozialliberalen Ostpolitik haben den Grundkanon
nicht erschüttert: Die einmalige Sicherheit in der V e r-
urteilung einer bestimmten Sorte Politik kommt ohne jede
Kenntnis aus, läßt sich durch keine Tatsachen erschüttern. Die
laufend angestellten Vergleiche, mit denen die Überlegenheit des
westlichen Systems "bewiesen" wird, liefern kein einziges Argu-
ment, weder gegen "drüben" und schon gar nicht für hier; sie be-
bildern nur das Vorurteil, das mit der Fragestellung; welches ist
das bessere System? als Antwort längst feststeht. Denn ihre Ge-
wißheit beruht schließlich auf dem politischen Beschluß, der Exi-
stenzgrundlage und Programm der eigenen Regierung ausmacht: Die
erklärt die mangelnde Kapitulationsbereitschaft der sozialisti-
schen Staaten zu einer elementären B e d r o h u n g von dem,
was einem Bürger hier lieb und teuer ist. Ein Frontstaat, der
seine nationale Niederlage mit d i e s e r Mission kompensiert
und überkompensiert hat, kultiviert das Weltbild seiner Bürger
bezüglich der grundsätzlichen, Gefahr, die der Kommunismus dar-
stellt. Nicht d i e natürlich, die die speziell bundesrepubli-
kanische Inanspruchnahme der Staatsbürger für den Erfolg der NATO
mit sich bringt, sondern die Gefahr, die der Kommunismus als An-
griff auf unser System definitionsgemäß ist.
Die s c h l e c h t e Meinung, die ein Frontstaatsbewohner von
allem hinter der Mauer zu haben hat, ist logischerweise das ge-
treue Gegenbild der g u t e n Meinung über die eigene Staatsge-
walt und logischerweise genauso falsch. Zwei Kriterien besitzt
die Kommunismusverurteilung, W o h l s t a n d und F r e i-
h e i t, und das, womit der hiesige Staat seine Bürger segnen
soll, genau das soll der östliche Staat den seinen vorenthalten,
sie bestenfalls mit Wohlstand als dem schlechten Ersatz für den
Genuß der Freiheit bestechen, worin sich sein systemver-
gleichender Begriff erschöpft.
Wer aber die Lebensumstände, die die Benützung durch das Kapital
für die Normalbürger herstellt, zu Wohlstand, zu einer besonderen
L e i s t u n g des Staates für seine Bürger erklärt, wer die
Freiheit, die Methodik der Herrschaft, in lauter vom Staat ge-
schenkte Vorteile umdichtet, der führt die kläglichen Maßstäbe
vor, mit denen ein Systemvergleicher die Welt mißt. Daß er sich
nichts Schöneres vorzustellen vermag, als gerade so regiert zu
werden, wie er regiert wird, ist nämlich die Quintessenz der Ver-
anstaltung, in der sich der brave Staatsbürger in die Pose dessen
wirft, der zu wählen hat, der die "Systeme" daraufhin vergleicht,
wo es ihm besser behagen würde. Diese Freiheit, die er sich prak-
tisch gar nicht zu nehmen gedenkt, die Welt an seinem Behagen zu
messen, betätigt er denn auch theoretisch konsequent in der ver-
nichtenden Verurteilung des Systems, das ihn nicht regiert.
Armut und Reichtum
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W a s h a t s i e a l l e s n i c h t oder nicht in genügen-
dem Maß, die Bevölkerung der DDR, im Unterschied zu uns, Kühl-
schränke, Fernseher, Telefone, PKWs usw. usf. So zahlreich die
Belege für eine menschenunwürdige Existenz jenseits der Mauer
auch ausfallen, so wenig ist bei dieser Begutachtung ein konse-
quent materialistischer Standpunkt am Werk. Das Kompliment an die
soziale Marktwirtschaft, sie sei eine Art Versorgungsinstitution,
abstrahiert nicht nur von den Bedingungen; unter denen man nur in
den Besitz solcher Güter gelangt - a r m muß man nämlich schon
sein, um sich den lebenslangen Verschleiß der eigenen Arbeits-
kraft wegen einer Waschmaschine und einem Auto diktieren zu las-
sen. Darüberhinaus werden ausgerechnet Güter, deren Nutzen in der
Funktionalität für die Reproduktion der Arbeitskraft aufgeht, zu
Genußmitteln erklärt. Wenn aber am Ausstattungsgrad ein Arbeit-
nehmerhaushalts mit den Mitteln, die aufs Zurechtkommen berechnet
sind, auf Transport, rationelle Erledigung der Existenznotwendig-
keiten usf., wenn sich d a r a n W o h l s t a n d bemessen
soll, dann ist der Vergleichsmaßstab die Dankbarkeit für das, was
den notorisch Armen immerhin zugestanden ist. Ein trostloser Be-
griff von Reichtum, auf die paar Sachen eingebildet zu sein, ohne
die ein hiesiger Arbeiter gar nicht dazu imstande wäre, jeden
Morgen halbwegs brauchbar an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen.
Wird das
Einkommen
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der Brüder und Schwestern begutachtet, das schon durch das Fehlen
einer ordentlichen Inflation, mal als DM genommen, so kümmerlich
aussieht, so steht per se fest, daß es sich um H u n g e r-
l ö h n e handelt, für die zu arbeiten sich n i c h t
l o h n t. Daher sind auch alle Formen der Arbeitsverweigerung
drüben total gerechtfertigt, andererseits "Beweis" für die
Unfähigkeit des Staates, der immer zuviel Arbeiter beschäftigt,
statt zu rationalisieren. Oder - wissenschaftlich ausgedrückt -
die östlichen Löhne sind kein "Anreiz", sie können nicht zu
solchen Leistungen "motivieren", wie sie bei uns ein so herr-
liches Wachstum zustandegebracht haben. Ganz als ob hierzulande
Angebote der Arbeitgeberseite eingereicht und daraufhin überprüft
würden, ob man sich durch sie auch genügend "angereizt" fühlt. In
einem Land, in dem der angebliche Maßstab noch nie praktisch be-
tätigt worden ist, in dem noch nie ein Lohn mit dem Argument zu-
rückgewiesen worden ist, daß sich dafür das Arbeiten nicht lohnt,
in dem umgekehrt immer bloß Arbeiter damit zurückgewiesen werden,
daß sich ihre Beschäftigung nicht lohnt, hat die Verurteilung von
Hungerlöhnen im Sozialismus denn auch nicht mehr zu besagen, als
daß die gelungene Erpressung der Arbeiterklasse hier gleich auch
noch zu dem Beweis benützt wird, daß ihr Einverständnis sichtbar
vorausgesetzt werden kann - es sind ja angeblich alle zufrieden -
und daß ihre Bedürfnisse dann wohl angemessen berücksichtigt wer-
den.
Ebenso bescheiden fallen die übrigen Beweise für ö s t l i c h e
A r m u t und w e s t l i c h e n R e i c h t u m aus. Der
Stolz auf die Tüchtigkeit der eigenen Wirtschaft, mit dem den ar-
men Verwandten die Schaufenster der
Kaufhäuser
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vorgeführt werden, zeugt davon, wie selbstverständlich die Tren-
nung des eigenen Reichtums von dem der Geschäftswelt gehandhabt
wird. Ganz als ob der Preis der ausgestellten Kostbarkeiten nicht
auch hierzulande dafür sorgen würde, daß keiner übermütig wird,
figuriert der käufliche Reichtum als einer von "uns allen". Und
dieser Vergleich klappt immer, auch in Zeiten, in denen es drüben
zunehmend mehr Dinge nicht zu kaufen gibt, in denen es hierzu-
lande zum Privileg erklärt wird, überhaupt arbeiten und sich Mit-
tel zum Kaufen beschaffen zu dürfen. Wer zu der Tatsache beglück-
wünscht wird, daß er etwas kaufen kann, soll von den Härten
nichts wissen, die ihn die Beschaffung von Geld kosten, und noch
viel abwegiger soll ihm der Verdacht sein, das eigene System sei
auch an der Verarmung der Leute im Osten beteiligt.
Ebenso lässig, wie sich der hiesige Bürger für glücklich erklärt
angesichts der Reichtümer, die er kaufen k ö n n t e, wenn er
Geld hätte, gilt ihm die Armut im Osten bewiesen durch die im
Vergleich zu hier so schäbig ausfallenden Mittel der
staatlichen Repräsentation
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Daß Autobahnen und historische Gemäuer angeblich verkommen, wäh-
rend bei uns nicht nur Denkmäler gepflegt, sondern bei gleichzei-
tigem Sparprogramm ein Kulturpalast nach dem anderen gebaut wird,
das sagt doch wohl alles darüber, welches Volk zu bemitleiden
ist. Andererseits entdeckt man an den "monumentalen" Volkspalä-
sten im Osten mühelos das heimtückische Ansinnen der Herrschen-
den, mit verschwenderischem Aufwand das Volk zu "indoktrinieren"
oder gar Westberlin die Rolle als Haupt- und Kulturstadt deut-
scher Nation streitig zu machen.
Der Systemvergleich mit Hilfe des e r s t e n K r i t e-
r i u m s fällt also äußerst devot aus: Wohlstand gibt es hier
in Hülle und Fülle. Wenn er den Leuten nicht gehört, macht das
gar nichts, da erklären sie sich zu ideellen Miteigentümern,
während umgekehrt der knapp bemessene eigene Anteil zum Optimum
dessen erklärt wird, was man sich auf der Welt nur wünschen kann.
Es wird also ganz grundsätzlich Zufriedenheit mit den hiesigen
und Unzufriedenheit mit den östlichen Verhältnissen verordnet,
eine objektive Prüfung unterschiedlicher proletarischer Lebens-
umstände ist nicht gefragt. Ergibt sich nämlich einmal das
umgekehrte Verhältnis, daß z.B., was Krankenversorgung, Kinder-
gärten oder Mieten betrifft, der Bürger im Osten b e s s e r
dasteht, hat das auch nichts zu bedeuten. Entweder wird es unter
die Rubrik von Großzügigkeiten subsumiert, die sich die Staaten
drüben eigentlich gar nicht leisten können, da gilt das Dogma,
daß eine solche Rücksichtnahme auf die Arbeiterexistenz eine öko-
nomische Todsünde sein und sich bitter rächen m u ß. Oder - mit
einem zwanglosen Übergang zum zweiten Kriterium - diese Leistun-
gen taugen deshalb nichts, weil sie 1. bloß zur Bestechung oder
2. als Mittel staatlicher Kontrolle eingesetzt werden, also der
Menschheit drüben bloß ein viel höheres Gut, die Freiheit, vor-
enthalten.
Freiheit und Unterdrückung
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Freiheit ist, was man hier alles und drüben nicht d a r f. Hö-
here politologische Exkurse über den Nutzen der vielen freiheit-
lichen Institutionen sind nicht notwendig, der Systemvergleich
des einfachen Mannes kommt sehr zweckmäßig mit den ihm zustehen-
den Freiheiten aus: W ä h l e n und eine eigene M e i n u n g
haben darf man hier. Daß es sehr darauf ankommen täte, will er
auch gar nicht behaupten, die Lobreden auf die Souveränität des
Wählers und die Kontrollfunktion seiner Meinung gehen ihn nichts
an. Die in der Form des S t o l z e s geäußerte B e-
s c h e i d e n h e i t, Zufriedenheit über die eigene Staats-
gewalt zu äußern, die einem etwas e r l a u b t - die Verpflich-
tungen, die die sogenannten Erlaubnisse mit sich bringen, kommen
natürlich nicht vor -, befaßt sich denn auch weniger mit der
Schilderung der V o r z ü g e dieser Freiheiten. Ausführlich
wird sie in der Beschwörung der Unerträglichkeit eines Staates,
der diese Freiheiten nicht gewährt, und faßt sich als erstes in
das überzeugend konkrete Urteil zusammen, daß drüben alles grau
und eintönig sei.
Selten hat eine Farbe so sehr ein Urteil ersetzt wie dieses
Grau,
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auf das kein Bericht verzichtet. Erweitert nur durch das Rot der
Parteitransparente und Fahnen, das die aggressive Staatsgewalt
sinnfällig macht. Sonst aber ist alles uni und öde, nicht weil
die Ostreisenden plötzliche Farbenblindheit überkommen hätte,
sondern weil die Reklame für ein so immaterielles Gut wie die
Freiheit gewisser Bebilderung dem Moment zu gewärtigen hat, von
Ge- Zum zweiten will die Vorstellung von einem Staat, der mit der
Freiheit jede menschliche Regung unterbindet, an diesem Staat
keinen anderen Zweck entdecken als den des Verbots und malt sich
die östliche Herrschaft demgemäß als einziges
großes Gefängnis
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bzw. als P o l i z e i s t a a t aus. Die Frage nach Sinn und
Grund einer solchen Herrschaft, der Zwang pur ein Anliegen sein
soll, stellt sich da nicht, an deren Stelle tritt die
V o r s t e l l u n g einer bedrückenden Atmosphäre, in der je-
dem ständig ein Polizist über die Schulter schaut, sich die Fami-
lien auch in ihrem Wohnzimmer bloß flüstern trauen, jeder jeden
Moment gegenwärtigen muß, von Geheimdienstlern gegriffen und in
ein KZ oder Gulag verschleppt zu werden. Spiegelbildlich, als Ge-
genüber eines Staates, der allein auf Unterdrückung aus ist, ge-
rät das V o l k zu lauter Staatsfeinden und heimlichen
W i d e r s t ä n d l e r n. Es macht nicht mit, nämlich genauso
wie hier, sondern bloß unter beständigem Zwang, im Gegensatz zu
hier. E i g e n t l i c h ist es ein Volk von Freiheitskämp-
fern, was außerhalb Polens mangels anderer Beweise die Witze über
die Obrigkeit belegen. Oder der nicht stattfindende Freiheits-
kampf läßt einwandfrei auf die hinterhältige Manipulationskunst
der Partei schließen, die es mit Gehirnwäsche oder materiellen
Bestechungen geschafft hat, das Volk von seinem unbeugsamen Frei-
heitswillen abzubringen.
Die Politiker sind folgerichtig charakterlich
Gefängniswächter
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oder Sadisten, die voller Bosheit und Freude Armut und Unfreiheit
verordnen, während unsere schwer an ihrer Verantwortung tragen,
wenn sie sich zu unpopulären Maßnahmen bekennen. Die drüben ge-
nießen selber all das, was sie ihrem Volk vorenthalten. Deshalb
haben sie es auch nötig, ihr Privatleben zu verbergen und ihrem
Volk sogar noch den Genuß zu verunmöglichen, den demokratische
Politiker gewähren: die Befriedigung, festzustellen, daß sie
a u c h Menschen sind. Oder sie tun das ganz einfach deshalb,
weil sie k e i n e M e n s c h e n sind, sondern seelenlose
kalte Funktionäre.
Daß die Demonstration, wie schrecklich Verhältnisse ohne Freiheit
sind, ohne solche Dummheiten nicht auskommt, daß ein Mitglied des
Bundestages im Deutschen Fernsehen die Auffassung vertreten kann,
der normale Besuch einer Kneipe sei in der DDR ein Ding der Un-
möglichkeit, wirft ein schlechtes Licht auf die Freiheit. Es ist
nämlich wirklich schwierig, daran Vorzüge für den einfachen Men-
schen darzustellen, ohne daß es albern wird. Schließlich unter-
scheidet sich das Leben eines Normalbürgers (Ost) von dem eines
Bürgers (West) grundsätzlich gar nicht: Arbeiten, Sparen, Kaufen,
Haushalten, von Zeit zu Zeit Urlaub, und das soll ohne demokrati-
sche Freiheitsrechte unerträglich oder unmöglich sein.
Die N a c h t e i l e eines Lebens ohne Freiheit müssen den
ganzen Unterschied demonstrieren und sind daher auf viel Phanta-
sie angewiesen. Und diese Art Bebilderung des Kommunismus verrät
gerade durch ihre Unsinnigkeit - eine Gewalt ohne jeden Zweck,
die nur ans Knechten denkt -, die U n t e r w ü r f i g k e i t
des Maßstabs: Mit einem guten Grund und höheren staatlichen Sinn
versehen, ist doch noch jedes Gefängnis und Arbeitslager woanders
eine sehr vernünftige Einrichtung.
Ein schlechtes Licht auf die Freiheit wirft schließlich auch die
letzte Abteilung Systemvergleich, die beide Kriterien kombiniert
und im Bereich der Mode- und Geschmacksartikel endlich das rundum
anschauliche Bild einer unerträglich tristen Herrschaft liefert.
In diesem Bereich bietet der Sozialismus nämlich nicht die ganze
Fülle der Genüsse der westlichen Welt, sei es, weil die soziali-
stische Industrie die Geschmacksprinzipien der kapitalistischen
immer erst in einigem Abstand kopiert, sei es, weil die Kultur-
prinzipien der Partei immer erst nach einiger Zeit entdecken, was
alles an höherem Blödsinn mit dem sozialistischen Menschen ver-
einbar ist. Und das hält das systemvergleichende Individuum für
ganz schrecklich.
Keine Jeans, keine Rockmusik,
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das hat jahrelang den Ostblock erledigt und erledigt ihn auch mit
seinen trostlosen Modernisierungsanstrengungen immer noch.
Egal, ob die östliche Menschheit sich nun gerade mit diesen Be-
dürfnissen als ihren wichtigsten herumschlägt - von hier aus als
verweigerte vorgestellt, muß das Leben drüben unerträglich sein.
Das bleibt nun von der Freiheit als das Größte übrig: Ausgerech-
net die Sphäre des Geschmacks, in der es der Menschheit gestattet
ist, jenseits all der Umstände, die über sie entscheiden, die
ihre Lebensbedingungen diktieren, zu demonstrieren, daß es auf
ihre Individualität ziemlich ankommt. D i e s e r Maßstab soll
die Verurteilung des Ostblocks perfekt machen. Und wenn sie dann
die nicht gerade geringfügige Jeans-Produktion im Osten
"entdecken", dann fällt ihnen zu dieser Sorte "Gulaschkommunis-
mus" ziemlich genau dieselbe miefige Kritik ein, die sie den
Herrschern drüben immer unterstellen. Da reißt westliches
Konsumdenken ein und niederer Egoismus - und das im Unterschied
zu hier auch noch staatlich geduldet und gefördert. In der
Verurteilung der östlichen Kopien westlichen "Wohlstands" legen
sie ein verpflichtendes Bekenntnis zur Freiheit ab: Sie ist die
T u g e n d des Dienstes an der Allgemeinheit und deshalb der
b e s c h e i d e n e n Zufriedenheit mit den eigenen Umständen.
Die Aufforderung, bleibe im Lande und nähre dich redlich, wird
deswegen auch des öfteren gegen all diejenigen ins Feld geführt,
die den Anschein erwecken, daß sie die Botschaft des Systemver-
gleichs nicht selbstverständlich praktizieren. Noch ohne daß ir-
gendjemand eines der Urteile über das falsche System in Zweifel
zieht - wenn er sich h i e r zuviel an Freiheit der
K r i t i k herausnimmt, dann ist er schnell als Parteigänger
des Systems der Unfreiheit dingfest gemacht und bekommt das ein-
zige positive Urteil über den Ostblock zu hören, das dieser sich
im bürgerlichen Lager verdient hat: Geh' doch nach drüben! Ihr
V o r u r t e i l, daß drüben eine Ordnung herrscht, die jeden
uniformiert, fällt noch allen Freiheitsfans bei der passenden Ge-
legenheit ein, womit ein letztes Mal die Reden über die Vorteil-
haftigkeit der Freiheit auf den Begriff gebracht werden.
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Wohlstand - Freiheit
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Drüben: Wohlstand = Unfreiheit
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Die Süddeutsche Zeitung berichtet von den Schwierigkeiten der
Tschechen, so wie die Polen zu sein, und deren Widerstandspoten-
tial in einem konsumorientierten, demoralisierten, verplanten So-
wjetsatelliten:
"Die so oft diagnostizierte Demoralisierung in der heutigen
Tschechoslowakei ist in Wirklichkeit nichts anderes als die
Frucht jener durch Konsumorientierung hervorgerufenen Spaltung
des Bewußtseins...
Die Macht ist konsolidiert, die Masse kann sich ungeachtet aller
Engpässe immer noch sattessen, sie besitzt ihre Skodas, Wo-
chenendhäuser, Schrebergärten..."
Aber, Gott sei Dank:
"Die ökonomische Krise hat auch Husaks Land längst eingeholt."
Wo bleibt der nationale Widerstand? Aha, da ist er im Widerstand
der Unternationen.
"Es sind Zellen der Menschlichkeit, klein, introvertiert und
still, die in der heutigen Tschechoslowakei überall existieren...
Es wird gerade in diesem Milieu, in dem die Fähigen und Kulti-
vierten Zuflucht gefunden haben und das sich der Kontrolle der
Machthaber immer wieder entzieht, um die Identität der beiden
mitteleuropäischen Nationen - Tschechen und Slowaken - gerungen:
mit dem Regime, mit dem sowjetisierten System, aber auch mit der
Konsum-Mentalität. Unter der Müllhalde des Nichtgeschehens ge-
schieht also in der heutigen Tschechoslowakei recht Interessan-
tes, ja Fesselndes." (Werner Paul: Wohin treibt die Tschechoslo-
wakei, Süddeutsche Zeitung, 13.11.82)
Jetzt müssen deutsche Feuilleton-Redakteure schon in Müllhalden
die Kultur als den eigentlichen Widerstand entdecken wie früher
in Polen, als es noch nichts Besseres gab. Aber auch die Tsche-
chen sind noch nicht verloren: Der Widerstand lebt, menschlich,
national, geistig, kurz: in den Köpfen tschechischer Feuilleto-
nisten. Da lebt das bessere Volkstum, solange und weil sich das
Volk nur den Bauch vollschlägt. Gegen den Internationalismus des
Konsumterrors - Kulturnationalisten aller Länder, vereinigt Euch!
Die Bild-Zeitung verteidigt unsere Freiheit gegen jeden möglichen
Widerstand mit der umgekehrten Gleichung:
Hüben: Freiheit = Wohlstand
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"Nur in der Marktwirtschaft gibt es echtes 'Geld'. Unsere Münzen,
unsere Scheine: damit kann man sich kaufen, was man will - im In-
land und im Ausland. In der 'DDR' heißt die Währung auch 'Mark'.
Doch für das 'DDR'-Geld kriegen Sie keine Autowaschanlage, keinen
100-Gramm-Barren Gold, kein Flugticket mit PanAmerica nach New
York... Über die freien Preise der Marktwirtschaft hat jeder ein-
zelne Verbraucher letztlich die ganze Wirtschaft in der Hand.
Alle Unternehmer, und seien es angeblich noch so 'mächtige'
Bosse, müssen nach der Pfeife der kleinen Hausfrau tanzen...
Darum: Pflegen wir unsere Marktwirtschaft! Sie ist ein Grundstein
unserer Freiheit!" (Bild am Sonntag, 6.11.82)
So geht Journalismus in Freiheit und Wohlstand!
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