Quelle: Archiv MG - NAHOST TUERKEI - Frontstaat im Nahen Osten

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 21, 16.10.1980
       

TÜRKEI: EIN MILITÄRPUTSCH ZUR RETTUNG DER DEMOKRATIE

Militärputsche in anderen Ländern finden in unserer demokrati- schen Öffentlichkeit in der Regel ein zwiespältiges Echo. Einer- seits mag sich niemand so ohne weiteres der Einsicht verschlie- ßen, daß ein bißchen Gewalt bei fremden Völkerschaften wohl bis- weilen unumgänglich ist - auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen wird schließlich notiert, wie positiv die Börsenkurse auf die "Wiederherstellung der Ordnung" reagiert haben! Andererseits muß man als Demokrat natürlich auch bezüglich abgelegener Weltregio- nen der Meinung bleiben, daß man die Schwierigkeiten, eine demo- kratische Ordnung aufrecht zu erhalten, zwar versteht, die Demo- kratie aber selbst unter der Bedingung extremer Armut für das Be- ste hält - vielleicht sogar für die Voraussetzung zur Beseitigung des Elends. In der ungemein spannenden Frage, ob der Akzent mehr auf das 'einerseits' oder auf das 'andererseits' gesetzt gehört, herrscht Freiheit, aber keine Willkür. Sind die neuen Machthaber den Anliegen des Westens gegenüber aufgeschlossen, dann gibt man sich Mühe, so zu tun, als glaubte man die Versicherung, der Putsch wäre bloß der Auftakt zu einer gründlich verschönerten De- mokratie, und setzt vor die Zahl der angefallenen Leichen ein "bloß" - umgekehrt umgekehrt. Anläßlich des Militärputsches neulich in der Türkei, mitten wäh- rend der NATO-Manöver am Schwarzen Meer, war hier ein Fortschritt zu verzeichnen: das 'andererseits' entfiel vollständig. Was hätte das für ein Wahlkampfgeschrei gegeben, wenn Strauß mit seinen Glückwünschen für die Tatkraft der türkischen Generäle allein geblieben wäre! Aber im Gegenteil: die Regierung war mit ihren Gratulationen noch schneller - schließlich war schon seit langem klar, daß die staatliche Herrichtung des türkischen Volkes für die edlen Zwecke der Freiheit zu wünschen übrig ließ; und über- dies hatten die Generäle ihre Aktion, wie es sich gehört, vorher bei ihren NATO-Verbündeten angemeldet. Das den Atlantik überspan- nende Freiheitsbündnis verfügt nun wieder über eine "stabile Süd- flanke", stabil gegen den undemokratischen Hauptfeind wie gegen die Gefahr, daß irgendwelche einheimischen Khomeinis das demokra- tisch noch so ungefestigte Volk der wahren Demokratie abspenstig machen könnten. Und das ist doch was! D e s w e g e n war der Tag des Putsches für die Macher der bundesdeutschen Öffentlich- keit "der friedlichste in der Türkei seit langem", der westdeut- sche Milliardenkredit an die Staatsführung nach wie vor sehr gut angelegt, vielleicht sogar besser denn je, und das überraschte türkische Volk in Wirklichkeit hochzufrieden. So einfach kann demokratische Prinzipientreue sich inzwischen mit den Widersprüchen einrichten, in die sie angesichts der von den großen Demokratien gemanagten Weltlage eigentlich immerzu geraten müßte. zurück