Quelle: Archiv MG - NAHOST TUERKEI - Frontstaat im Nahen Osten

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 77, 07.06.1983
       
       Wochenschau
       

NACHRICHTEN AUS DER TÜRKEI

"Nichts bess'res weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg- und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen." (Goethe, Faust I) Wie so vieles ist auch dieser Klassikerspruch veraltet: Das Ein- schlagen der faschistischen Obrigkeit in Ankara auf oppositio- nelle Teile im Volk ist gerade kein Gesprächsthema unter demokra- tischen Beobachtern; und wenn eine größere Militäroperation, wie diejenige ins irakische Kurdistan, überhaupt auf die vorderen Seiten der Tagespresse dringt, so ist man kommentarlos d a f ü r. Ganz unerbaulich wird eben ein entscheidender Unter- schied in der politischen Kommentierung gemacht, wenn eine NATO- Armee mit Billigung des Nachbarstaats auf dessen Territorium die Ausrottung eines Volkes betreibt, für das die Weltpolitik in kei- nem Teil der Welt mehr eine Verwendung hat, oder wenn z.B. cuba- nische Truppen auf Ersuchen der Regierung Angolas verhindern, daß die Republik Südafrika ihren Nachbarn im Norden zu einem homeland macht. Tote Kurden in der Türkei gehen in Ordnung, weil dies zur stabilen NATO-Südflanke gehört; tote Kurden im Iran gingen in Ordnung, solange sie von Schah Reza Pahlevi umgebracht wurden; und tote Kurden im Iran Khomeinis und im Irak Sadam Husseins sind eine quantite negligeable - für den demokratischen Imperialismus allenfalls insoweit von Interesse, wie sie den letzten, noch nicht nahtlos eingeordneten Regierungen gewisse Schwierigkeiten bereiten. So ist das "Schicksal" eines ungarnstämmigen Dissi- denten in Rumänien allemal eine Nachricht wert, wenn ihm die menschenrechtswidrige Unbill widerfährt" nach Ungarn abgeschoben zu werden (AP vom 31. Mai); einer Presseerklärung exilierter Mit- glieder der türkischen Lehrergewerkschaft TÖB-DER, derzufolge ein fahrendes Mitglied dieser Organisation im türkischen Gefängnis zu Tode gefoltert wurde, ist hingegen ein Platz im Papierkorb der Weltpresse sicher: "Am 16. Mai, dem Tag, an dem die faschistische Junta den 'Übergang zur Demokratie' bekanntgab, führte sie gleichzeitig ein Massaker an wehrlosen Menschen in den Gefängnis- sen durch. Draußen begann sie eine neue Massenvernichtungskampa- gne unter dem Namen 'landesweite Operation'. Der Hauptkassier des TÖB-DER wurde im Zentralen Gefängnis von Ankara durch Juntakräfte ermordet." Maßnahmen dieser Art zählen auch für die "Süddeutsche Zeitung" vom 3. Juni, die in einem Leitartikel Wert auf die Fest- stellung legt, daß General Evren "kein Diktator" ist, zu den un- vermeidlichen, "um dem politischen Chaos vorzubeugen, das die Türkei vor dem Putsch von 1980 lahmgelegt hatte." zurück