Quelle: Archiv MG - NAHOST TUERKEI - Frontstaat im Nahen Osten


       zurück

       Griechenland / Türkei:
       

EIN BEINAHE-KRIEG IN DER ÄGÄIS

Der NATO-Frieden, dem wir angeblich vierzig Jahre idyllischer Waffenruhe in Europa verdanken, erwies sich für drei Tage im März als der kriegsträchtige Zustand, der er ist. Dabei war der NATO- Hauptfeind im Osten gar nicht im Spiel. Zwei anerkannte Mitglie- der der westlichen Staatengemeinschaft, Griechenland und die Tür- kei, standen kurz davor, ihre nationalen NATO-Truppenkontingente gegeneinander einzusetzen. Nicht nur den gleichlautenden Schlag- zeilen der griechischen wie türkischen Presse à la "Schießt!" und "Hände am Abzug" ließ sich entnehmen, daß die gekünstelt naive Frage hiesiger Kommentatoren: "Wollten die Türken und Griechen wirklich aufeinander schießen?" (Handelsblatt, 30.3.) mit einem eindeutigen Ja zu beantworten war. Die türkische Regierung nahm das Auslaufen ihres Forschungs- schiffs "Sismik 1" in die Gewässer der von Griechenland bean- spruchten Ägäis nicht als wissenschaftliche Entdeckungsfahrt, auch nicht als Vorstufe der Prospektion von Ölvorkommen, sondern als Test auf den Rechtszustand in dieser Ecke des Mittelmeeres; entsprechend bestand der Flankenschutz nicht nur in markanten Sprüchen aus Ankara, das Schiff werde so lange in der Ägäis blei- ben, "bis unsere politischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse er- füllt sind" (Staatsminister Gözel), sondern aus Teilen der türki- schen Marine. Entsprechend nahm Athen die türkische Exkursion nicht einfach als Konkurrenzunternehmen, das griechische Ambitionen in Sachen Öl- forderung beeinträchtigen könnte, sondern als prinzipiellen An- griff auf seine Hoheitsrechte. Mit sicherem Gespür für imperiali- stische Verkehrsformen entdeckte die FAZ, "daß es beiden Seiten eher ums Prinzip als ums Öl geht." (FAZ, 30.3.) Der r e c h t l i c h e Kern der Auseinandersetzung, ob die griechischen Ägäis-Inseln, nur einige Kilometer vor dem türki- schen Festland liegend, über einen eigenen Festlandsockel verfü- gen - völkerrechtlich demnach zu Griechenland zu schlagen sind - oder nur Reste des kleinasiatischen Festlandssockels darstellen, folglich von der Türkei zu beanspruchen seien, mag hinsichtlich der jeweils verwandten Argumente albern sein. Sein Prinzip hat es in sich. Das R e c h t um die Ausdehnung ihrer M a c h t ma- chen beide gegeneinander geltend: "Geschichte und Recht liegen auf der griechischen, die Macht des Stärkeren auf der türkischen Seite." (FAZ, 31.3.) Daß die gewaltsame Lösung diesmal ausblieb, verdankt sich weder der nüchternen Vernunft der Kontrahenten noch ihrer Besinnung auf den westlichen Wertehimmel, sondern allein dem offengebliebenen Kalkül, auf wessen Seite im endgültigen Kriegsfall sich die NATO- Verbündeten, voran die USA, schlagen würden. Dabei werden die NATO-Häuptlinge den Streithähnen wohl kräftig vom Waffengang ab- geraten haben. Aber nicht, weil der Frieden ein so hohes Gut ist, sondern die westliche Aufrüstung der beiden Südstaaten für einen anderen Krieg, den gegen den Osten nämlich, vorgesehen ist. Mit- teleuropäer mögen den Streit in der Ägäis als kleinkariert und antiquiert abtun und den Zank um ein paar Inseln dem südländi- schen Naturell zuschlagen. Recht haben sie damit nicht. Ein G e b i e t s anspruch namens Wiedervereinigung wird auch von der "zivilisierten" BRD nach Kräften gepflegt. Und daß dieser Anspruch ihrer M a c h t R e c h t hat, wird dreimal täglich in der Hetze gegen das östliche Unrechtsregime beteuert. Derglei- chen blamiert sich allerdings nie als "kleinkariert" und "antiquiert" vor den Maßstäben der Öffentlichkeit. Erstens wird nämlich der Anspruch auf östliche Gebiete in einen weltumspannen- den Anspruch auf die Beseitigung eines ganzen S y s t e m s eingebettet - 'Freiheit und Menschenrechte weltweit' heißt das. Und zweitens hat dieser "Rechtsanspruch" im Unterschied zu Grie- chenland seine harte Glaubwürdigkeit darin, daß er die überlegene NATO-Macht mit sich führt. Also von wegen die "hitzigen Südlän- der"! Bild ansehen Landkarte Ägais zurück