Quelle: Archiv MG - NAHOST SYRIEN - Eine arabische Republik

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SYRIEN IM SCHUSSFELD

US-Außenminister Schultz hat den Nahen Osten bereist und in "zähen Verhandlungen" ein Abkommen zwischen Libanon und Israel zustandegebracht, das als großer Fortschritt zu einer "Friedensordnung für die Region" gelobt wird. Der Inhalt dieses Abkommens: Die USA richten eine libanesische Staatsgewalt ein, samt Armee und Machtmitteln und Kontrolle über das ganze Land. Hierfür zieht Israel seine Besatzungstruppen ab; durch eigene Militärpatrouillen in der Südhälfte des Landes be- hält es aber ein hohes Maß an Oberaufsicht; außerdem bekommen po- litische Kreaturen Israels entscheidende Posten in dem neuen li- banesischen Staatswesen. So weit eine "Friedensregelung" ganz nach westlichem Geschmack, mit der auch Israel einverstanden sein kann: An die Stelle des großen Palästinenser-Stützpunkts, den Is- rael im Sommer vorigen Jahres "ausradiert" hat, tritt eine Staatsgewalt, die keine andere Existenzgrundlage hat als den ame- rikanischen Auftrag, ein - "souveränes"! - Bollwerk westlicher Interessen zu sein. Genau hier kommt aber das "Interessante" an dem "Friedensabkom- men" des US-Außenministers. Es soll zwischen Israel und Libanon geschlossen werden, betrifft aber vor allem einen Staat, der weder Verhandlungspartner war noch Vertragspartner werden soll: S y r i e n. Der von der Sowjetunion unterstützte östliche "Nachbar" des Libanon muß, natürlich!, zuerst s e i n e Truppen aus dem Gebiet abziehen, über das die libanesischen Geschäfte des Herrn Schultz in Zukunft konkurrenzlos gebieten sollen; erst dann kann Israel "zugemutet" werden, sich mit einem amerikanischen Vasallenstaat an seiner Nordgrenze anstelle einer israelischen Besatzungszone "abzufinden". Eine Diplomatie von wirklich bemerkenswerter Frechheit: Die USA diktieren Israel und Libanon ein Abkommen zu Lasten des gar nicht erst befragten Syrien, das s e i n e Einflußsphäre im Libanon gegen eine Art zweites Israel mit der Hauptstadt Beirut eintauschen soll! Anschließend überbringt US-Minister Schultz das fertige Abkommen der betroffenen syrischen Regierung und setzt ihr eine 4-Monats- Frist, dem darin niedergelegten Räumungsbefehl nachzukommen. Daß Syrien sich darauf eigentlich nicht einlassen k a n n, ohne seine militärische Sicherheit und damit seine politische Selb- ständigkeit gegenüber Israel völlig preiszugeben, das ist jeder- mann klar; ein paar besserwisserische Journalisten sind sogar gleich auf den albernen Vorwurf verfallen, der US-Außenminister hätte glatt v e r g e s s e n, die Syrer in die Verhandlungen einzubeziehen. Von solcher Weltfremdheit kann natürlich keine Rede sein; im Gegenteil. Der diplomatische Angriff auf die syri- sche Position in der Gegend ist nach Form und Inhalt w o h l b e r e c h n e t. Sie sollen 'raus aus der Gegend, "die Syrer"; sie sollen jeden Anspruch auf Macht und Einfluß in der Region aufgeben; sie sollen ihre Sicherheit ganz in die Hände der USA und Israels legen; und das alles ohne jede Aussicht auf Ge- genleistung: Das ist die unmißverständliche Botschaft der selte- nen diplomatischen Beleidigung, daß Israel, die USA und ihr Ge- schöpf Libanon u n t e r s i c h darüber befinden, wie weit der Rückzug S y r i e n s zu gehen hat. Der "Friedensplan" des US-Außenministers kommt also einer ultima- tiven K a p i t u l a t i o n s a u f f o r d e r u n g gleich; und deswegen ist es auch gar kein Wunder, daß die gelungene, als "Schritt zum Frieden" gelobte Vereinbarung zuallererst d i e K r i e g s g e f a h r e r h ö h t. Um s e i n e r Sicher- heit willen, ja um überhaupt als respektable Macht zu überdauern, müßte die syrische Regierung nämlich das USA-israelische Ultima- tum glatt zurückweisen; das wissen die kriegserfahrenen amerika- nischen und israelischen Gewaltspezialisten am allerbesten. Ande- rerseits kann - e b e n d e s w e g e n! - aber kein Zweifel bestehen, und das wiederum wissen die syrischen Machthaber nach fünf Kriegen mit Israel auch sehr genau, daß das westliche Ulti- matum des freundlichen Herrn Schultz tödlich ernst gemeint ist. Mit seiner Ablehnung würde Syrien sich zum Friedenshindernis ma- chen und damit absehbarerweise erneut die Behandlung durch is- raelisches Militär riskieren, die der zionistische Frontstaat des Westens noch stets den Behinderern seiner "Friedensordnung" hat angedeihen lassen. Dem syrischen Staat wird zugemutet, sich o h n e K r i e g p r a k t i s c h f ü r b e s i e g t zu erklären; und dafür, daß diese Zumutung kein Scherz ist, steht eine israelische Armee ein, die erklärtermaßen lieber heute als morgen der syrischen Hauptstadt Damaskus dasselbe Schicksal be- reiten will wie neulich der libanesischen Hauptstadt Beirut. Ein perfekt inszeniertes militärisch-diplomatisches Erpressungs- manöver haben die USA und Israel da also gegen Syrien ins Werk gesetzt; und es ist kein Geheimnis, weshalb sie damit so sorgfäl- tiger Härte vorgehen. Syrien ist erst einmal der letzte Staat in der Region, der das westliche Interesse behindert, den Nahen Osten zu einem machtvollen "Bollwerk" gegen die "expansioni- stische Sowjetunion" zu machen - im Klartext: dem sowjetischen Feind eine neue strategische Front zu eröffnen. Noch ist das syrische Nationalinteresse per "Freundschaftsvertrag" verbündet mit den letzten Anstrengungen der Sowjetunion, sich die vom Westen geplante Bedrohung auch noch aus dieser Weltecke vom Leibe zu halten. Deswegen, damit Syrien als n i c h t-USA-hörige Macht standhalten kann, notfalls auch gegen einen neuen israelischen Blitzkrieg, hat die sowjetische Regierung ihren letzten Verbündeten diesmal mit den modernsten Luftabwehrraketen ausge- stattet und das Bedienungspersonal gleich mitgeliefert. Sie weiß eben, daß es hier um ihre l e t z t e Position geht. Genau das s c h r e c k t die USA und Israel aber nicht; oder wenn es sie schreckt, dann schreckt es sie jedenfalls nicht ab, sondern veranlaßt sie zu eben der o f f e n s i v e n "Antwort", die sie mit ihrem Rückzugs-Ultimatum an Syrien erteilt haben. Das Ultimatum ist e i n z u m L e t z t e n e n t s c h l o s s e n e r "T e s t" a u f d e n s o w j e t i s c h e n W i l l e n, sich und ihr Sicher- heitsinteresse in der Region zu behaupten. Nicht einmal mehr dem ideologischen Schein nach geht es noch irgendwie um die angebli- chen "Überlebensnöte" des "armen kleinen Israel", mit denen bis- lang noch jede israelische Schlächterei entschuldigt und gefeiert worden ist. Ganz offen legt der Westen dar, daß sein mit Israel geteiltes Interesse an alleiniger Hoheit über die Region die dort beheimatete "Kriegsgefahr" s c h a f f t, weil es jedem noch nicht vereinnahmten Staat und dessen Schutzmacht die Alternative: Kapitulation oder israelischer Blitzkrieg aufzwingt. Syrien und die Sowjetunion begegnen dieser westlich-israelischen D r o h u n g wieder einmal mit einer d e f e n s i v e n G e g e n"drohung": Mit dem Abzug von Angehörigen des sowjeti- schen Botschaftspersonals aus Libanon demonstrieren sie, daß sie die Kriegsbereitschaft des Westens zur Kenntnis genommen haben und sich darauf einstellen - mit hinhaltenden Antworten auf den Schultz-"Friedensplan" lassen sie ihre Angst vor einem Waffengang erkennen, nach imperialistischer Logik also ihre Er p r e ß b a r k e i t. Und geben damit der westlichen Strate- gie recht. Wegen Syrien wird die Sowjetunion den Weltkrieg kaum riskieren - also kann man ihr dort erfolgreich d a m i t d r o h e n und dem israelischen Verbündeten so für den Bedarfs- fall die Freiheit zu einem "kleinen" Krieg gegen Syrien eröffnen. Denn selbst das wird letzten Endes sehr frei zwischen Washington, Jerusalem und dem NATO-Hauptquartier entschieden, ob ein friedli- cher syrisch-sowjetischer Rückzug der Kapitulationsaufforderung des Westens schon Genüge tut. Oder ob die Sicherheit der Freiheit nicht doch bis Damaskus vorwärtsverteidigt werden muß. PS -- Nahost-Chefkommentator Konzelmann preist bereits ganz offen und öffentlich die denkbaren friedensfördernden Waffengangswirkungen des bevorstehenden letzten Waffengangs zwischen Israel und Sy- rien. "Man könnte es zynisch finden, aber..." - so funktioniert nun einmal "unser" Imperialismus, und deswegen soll man auch schon damit einverstanden sein. Das sind Fortschritte im öffent- lichen Vorkriegsbewußtsein! zurück