Quelle: Archiv MG - NAHOST OELSTAATEN - Von den Petro-Dollars
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VON DER "ÖLKRISE" ZUR "ÖLSCHWEMME"
Vor 10 oder 12 Jahren haben sich ein paar Ölförderländer doch
tatsächlich getraut, den Preis für ihre einzige Ware hochzuset-
zen. In der Zeit entstand der Beruf des "Ölscheichs", den man
sich als hinterhältige Figur mit Sonnenbrille und gierigen Fin-
gern vorzustellen hatte.
Worin bestand der Skandal? Die erdölfördernden Länder benahmen
sich wie ganz gewöhnliche Kapitalisten: Sie setzten den Preis für
ein vielgefragtes Produkt hoch, um ihre Einnahmen zu erhöhen.
Dieses ganz normale "marktwirtschaftliche" Verhalten sollte sich
aber gerade für die nicht gehören. In der allgemeinen Entrüstung
über "Unverschämtheit" und "Erpressung" wurde recht unverhüllt
ein Anspruch angemeldet: Diese Staaten mögen zwar auf Erdölquel-
len sitzen, aber deswegen gehört ihnen dieses Öl noch lange nicht
- sondern "uns"! Sie haben dafür zu sorgen, daß das Drumherum um
die Quellen einigermaßen organisiert wird, so daß das Öl - "unser
Öl" - ungestört und billig herüberfließen kann. Das Geschäft da-
mit steht den Ölkonzernen zu und den hiesigen Kapitalisten, die
diesen Rohstoff in der Produktion gebrauchen können. Über die
Herkunftsländer ist damit zugleich gesagt, daß sie mit dem Öl gar
nichts anfangen können, außer es zu verkaufen - im eigenen Land
haben sie dafür keine Verwendung. Eine Gebühr steht ihnen aller-
dings zu, schließlich haben sie eine Polizei und ein paar Straßen
unterhalten, und die einheimischen Potentaten dürfen sich darüber
natürlich bereichern.
Die "Frechheit", ihren Rohstoff wie ihr Eigentum zu betrachten,
führte im Westen sogar zu Überlegungen, ob man nicht mit schnel-
len Eingreiftruppen für die alte Ordnung sorgen sollte - so ein
kleiner Ölkrieg sei doch schnell gewonnen. Der Anspruch, daß es
sich um "unser" Öl handelt, ließ sich aber auch ganz "friedlich"
praktisch wahrmachen:
- Es kann gar nicht ausbleiben, daß die an die "Ölscheichs" aus-
gegebenen Dollars wieder z u r ü c k f l i e ß e n. Was sollen
jene denn anderes mit dem Geld tun, als es wieder in kapitalisti-
schen Ländern auszugeben? Sei es, daß sie sich am dortigen Reich-
tum beteiligen, also Aktiengesellschaften oder Staaten ihr Geld
zur Verfügung stellen, sei es, daß sie sich Industrieanlagen kau-
fen, also den Kapitalisten den Profit versilbern. Sehr schnell
waren die westlichen Banken mit dem "Recycling des Petrodollars"
beschäftigt; sprich: sie führten eine muntere Konkurrenz unter-
einander und gegen ihre ausländischen Kollegen auf, wer von dem
automatisch zurückfließenden Geld den größten Teil an sich ziehen
konnte. Spätestens zu dem Zeitpunkt durfte zwar noch hemmungslos
auf die "Scheichs" geschimpft werden, aber in den Vorstandsetagen
waren sie hochwillkommene Geschäftspartner.
- Zugleich machten sich Staat und Kapital an der Ö l e i n-
s p a r u n g zu schaffen. Die Kapitalisten legten sich energie-
sparende Einrichtungen zu und stiegen auf andere Energien um.
Außerdem begann mit dem Argument der furchtbaren Kosten, die die
Kapitalisten an den Rand des Ruins bringen würden, die glorreiche
Ära der Lohnsenkungsrunden - während die Kapitalisten mit
demselben Argument laufend ihre Preise anhoben. Das Volk wurde
angehalten, Öl zu sparen. Und zwar ganz praktisch "über den
Preis": Benzin, Heizöl, Strom wurden flott verteuert, womit zwei
Fliegen mit einer Klappe geschlagen waren - die Leute waren ge-
zwungen, "Energiesparer" zu werden, und Staat und Mineralölge-
sellschaften griffen ordentlich in die Geldbeutel der Lohnarbei-
ter.
Die steigenden Ölpreise hatten zwei Wirkungen: Der Ölverbrauch
stieg nicht weiter an, sondern ging sogar zurück; die Ölförderung
wurde sogar in schwer zugänglichen Lagerstätten wie der Nordsee
und Alaska r e n t a b e l. Das Ergebnis ist eine
"Ölschwemmme", die seit Jahren auf den Ölpreis drückt. Jetzt kon-
kurrieren nämlich die Ölproduzenten um Absatzmengen; und ihr ein-
ziges Mittel für diese Konkurrenz ist die Senkung der
R o h ö l p r e i s e. In den meisten Fällen sind ihre Öleinkom-
men längst kein v e r f ü g b a r e r R e i c h t u m mehr,
sondern größtenteils für den S c h u l d e n d i e n s t an die
Banken in den westlichen "Industriestaaten" verpfändet. Das
zwingt die Ölstaaten zur ständigen Steigerung ihrer Förderungs-
mengen. Das vermehrte Angebot drückt wiederum auf den Preis. Die
K o n k u r r e n z der Ölländer ist längst stärker als das
K a r t e l l der erdölexportierenden Staaten, die OPEC: Die ka-
pitalistischen Importeure kaufen so billig wie vor 20 Jahren.
Schon wieder ist es den Industriestaaten nicht recht. Deren Kapi-
talisten fürchten um die vielen schönen Geschäfte, die man mit
Hilfe des "Petrodollars" seit Jahren angeleiert hat. Die Banken
sorgen sich um ihre Kredite. Schon erheben sich die ersten Stim-
men, daß es d e s w e g e n zu einer schweren Krise kommen
könne. Der österreichische Autofahrer kann sich darüber freuen,
daß Benzin und Heizöl erstmal billiger geworden sind. Dazu muß er
sich gleich sagen lassen, daß der Staat solchen "Billigpreisen"
nicht tatenlos zusehen kann, weil sonst womöglich der Wille zum
Energiesparen erlahmt. Was immerhin bleibt, ist die Freude dar-
über, daß "wir die Ölscheichs kleingekriegt haben". Das wärmt.
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