Quelle: Archiv MG - NAHOST OELSTAATEN - Von den Petro-Dollars
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WOZU SICH INTELLEKTUELLE VOM ÖLPREIS INSPIRIEREN LASSEN
Der Nahe Osten - eine islamische Revolution, ein Gaddafi, der
sich in französische Einflußsphären in Afrika einmischt, ein Kar-
tell von Ölscheichs, das europäische Zahlungsbilanzen ruiniert -
eine solche Region ist für den zuständigen Auslandskorresponden-
ten eine einzige Herausforderung zu zeigen, daß mehr in ihm
steckt, als die Statements, die er normalerweise vor Ort von sich
gibt.
Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung
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Nicht, daß sich nicht mittlerweile herumgesprochen hätte, daß
nicht die Scheichs, sondern die 7 Schwestern die Hauptverdiener
im Ölgeschäft sind, daß auch Gaddafi die Regeln dieses Geschäfts
respektiert und auch in seinen außenpolitischen Extratouren ge-
wisse Grenzen einhält, daß schließlich die iranische Revolution
die USA keineswegs in die Knie gezwungen hat, sondern der Religi-
onsstaat dem Staatsbankrott entgegengeht - h i n t e r den Um-
trieben dieser Ölstaaten, über die mit ihrem Namen schon alles
gesagt ist, d a h i n t e r muß Höheres und Tieferes walten.
Unter einer epochalen Gefahr, unter eben einer "islamischen Her-
ausforderung", ist es da nicht getan:
"Die USA und die westliche Zivilisation sehen sich von den isla-
mischen Ländern herausgefordert. Khomeini droht mit dem 'Heiligen
Krieg'. Welche Kräfte werden hier freigesetzt? Warum steht der
Westen dem Geschehen so hilflos gegenüber?" (Antwort, bitte eine
Antwort!) "Konzelmann liefert den Schlüssel zum Verständnis eines
Dramas, das für das Abendland einen Wendepunkt seiner Geschichte
bedeuten kann." (Klappentext)
So hätte das niemand gesehen: Hinter den politischen Ärgernissen
im Nahen Osten lauert der mögliche Untergang des Abendlandes. Wer
aus politischen Turbulenzen in irgendeiner Weltgegend ein Rätsel
machen will, um dann die ungeheure Last von dessen Aufschlüsse-
lung auf sich zu nehmen, muß schon einiges an Gefahr für "uns"
zusammenkonstruieren, um seiner Leistung das gehörige Gewicht zu
verleihen, bevor er mit einer erzbürgerlichen Mystifikation als
"Schlüssel" herausrückt:
"Für den Moslem bilden Religion und Politik eine feste Einheit",
und davor soll man sich fürchten, wozu man sich nur 300 Jahre zu-
rückerinnern muß:
"Angst zu haben vor dem 'Heiligen Krieg' der Moslems, das haben
die Menschen der christlichen Länder verlernt. Daß die Kriegsdro-
hung ernst gemeint sein könnte, daran glauben sie nicht. Verges-
sen sind die Erfahrungen, die, unsere Vorfahren gemacht haben. In
den drei Jahrhunderten, die seit dem letzten gewaltigen Ansturm
des Islam vergangen sind, verblaßte die Erinnerung an die Kämpfer
des Islam, die Wien und Zentraleuropa bedroht hatten, die überle-
gen genug waren, vom kaiserlichen Haus Habsburg Tribut fordern zu
können."
Also die Einheit von Religion und Politik soll es bringen: Das
bürgerliche Ideal eines ganz festen Zusammenschlusses der Massen
mit ihrem Staat, so enorm fest, weil ganz tief, nämlich im Glau-
ben verankert, eine solche gläubige bruchlose Identität mit dem
zuständigen Gewaltapparat soll diesen stark und schlagkräftig ma-
chen. Gemessen an diesem Kriterium findet ein freiheitlicher
Journalist auch finsteren Fanatismus ganz schön beeindruckend.
Ein solchermaßen den islamischen Staaten angedichteter gemein-
schaftsbildender Idealismus in der Nachfolge des Propheten läßt
sich auch durch Fakten nicht beirren. So werfen sich zwar die von
Konzelmann angeführten 300 Mitglieder der Islamischen Konferenz
einträchtig nieder zum Gebet gen Mekka, was sie aber keinesfalls
daran hindert, im Namen Allahs und ihrer nationalen Interessen
bis zum offenen Krieg gegeneinander zu konkurrieren. Die ägypti-
sche Israelpolitik und der Krieg zwischen Iran und dem Irak zeu-
gen nicht gerade von einer Stärke durch Einheit des Islam. Kon-
zelmann gefällt jedoch sein Schlüssel viel zu gut, um deswegen
davon abzulassen, seine Platitüde bürgerlicher Ideologie auszu-
walzen und ordentlich vorzuführen.
Methode Nr. 1
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Zur Bebilderung des dummen Gedankens, der die Ideologie der isla-
mischen Staaten für deren Realität nehmen will, muß die gesamte
Geschichte herhalten.
"Verfolgt man die Geschichte..., so fallen Parallelen auf..."
- S c h o n i m m e r!
Was ist der Ölpreis anderes als eine Neuauflage des "Tributs, den
einst das Haus Habsburg den Kalifen zahlen mußte", und der
Staatsbesuch Gaddafis auf Malta anderes als die Wiederholung des
Angriffs von Sultan Soliman auf die Festung der Malteserritter
1565? Zwar belegen die ebenso historischen Niederlagen der Sul-
tane und der Niedergang ihrer Reiche nicht gerade Konzelmanns
Schlüssel, die für den Islam typisch sein sollende Einheit von
Religion, Staat und dessen Erfolg. Aber das Problem erledigt Kon-
zelmann mit der einfachen Geschichtsweisheit, daß auf jede Blüte
ein Verfall folgt, auf jedes Auf ein Ab und aus jedem Niedergang
Stärke erwächst...
Methode Nr. 2
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"Als breiter Gürtel umspannen die islamischen Staaten den Welt-
ball... Der Islam rückt in Afrika von Norden nach Süden vor...
die Neger der USA auf dem Weg zum Islam... Moslems in Europa, in
der Bundesrepublik Deutschland..."
- Ü b e r a l l lauert der Islam. In Weltsphären, in denen er
doch wahrhaftig nichts zu suchen hätte, im Machtbereich des We-
stens selbst gärt die islamische Herausforderung. Und wenn auch
das amerikanische Lumpenproletariat, andalusische Separatisten
und türkische Gastarbeiter nicht gerade die überzeugendsten Argu-
mente für eine islamische Gefahr darstellen, der wahrhaft er-
schlagende Sachverhalt, daß sich allerorten Anhänger dieser Reli-
gion finden lassen, spricht doch für sich selbst.
Methode Nr. 3
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Angefangen von der Katalognummer M 1456. 64 - 640. 157 B.u., die
das umstrittene Testament des Barnabas in der österreichischen
Nationalbibliothek besitzt, über Prinz Eugens päpstlichen Sieger-
hut - "mit Hermelin gefüttert und einer weißen Taube, den heili-
gen Geist darstellend", wohingegen "Kemal Atatürk einen Panamahut
trug" - bis zum Messingteller im Büro der "Andalusischen Partei",
der von Gaddafi stammt = k e n n t d e r M a n n s i c h
a u s! Und hat sogar eine ganz eigene Schreibweise für Gaddafi!
Wenn auch die Subsumtion der Weltgeschichte unter Konzelmanns
Universalschlüssel, die Deuterei darauf, wo alles Moslems sich
herumtreiben, und schließlich die Ausstaffierung dieses Durch-
gangs durch Raum und Zeit mit tausenderlei Anekdötchen und De-
tails nichts an Erklärung für das aufgetischte Rätsel der
"islamischen Herausforderung" leistet, für eines sind diese Ver-
anstaltungen schon gut: Die "islamische Herausforderung" ist äu-
ßerst groß und Konzelmann ist ihr Prophet. Schließlich bringt er
auf den 383 Seiten - und das ist nur das letzte seiner 8 Bücher,
mit denen er jetzt schon seit 6 Jahren diese Marktlücke besetzt
hält - auch nichts anderes zu Papier als viel Tiefblick, viel Ge-
lehrsamkeit usw., kurz die auslandskorrespondentenmäßige Eitel-
keit, auch über Hintergrund zu verfügen. Und angesichts der
großen Gefahr, die er entdeckt hat, gerät der gute Konzelmann so
sehr in Fahrt, daß er sich zuguterletzt selbst noch großen Gefah-
ren aussetzt:
"Wer die Herausforderung im Zentrum lokalisiert, läuft Gefahr,
als Unruhestifter zwischen Gastarbeitergemeiiiden und den Bewoh-
nern des Gastlandes verkannt, zu werden..."
Aber die Verantwortung, die ein Warner vor eigens erfundenen Ge-
fahren trägt, die will er auch noch ganz allein tragen!
Konzelmanns Stories leisten also nicht mehr als die Bestätigung
der allgemeinen Ansicht, daß da unten nicht immer alles nach
"unserer" Zufriedenheit geht. Eine solche Betrachtungsweise, die
schon im Versuch der Völker anderer Weltgegenden, ein Wörtchen
auf dem Globus mitreden zu dürfen, eine Anmaßung sieht, die zu
tiefschürfenden Rätseleien Anlaß gibt, paart sich bestens mit der
praktischen Politik der westlichen Staaten in Nahost. Sie voll-
zieht damit nämlich auf ihre Weise das imperialistische Urteil,
daß diese Kameltreiber eigentlich nichts zu melden haben und al-
lein zu unserer Disposition zu stehen hätten. Und obschon diese
Disposition zur Zeit gerade "Verteidigung der lebenswichtigen In-
teressen des Westens in der Golf-Region" heißt, von "islamischer
Herausforderung" also wohl kaum die Rede sein kann, wenn die Re-
gion Zug um Zug der westlichen strategischen Planung einverleibt
wird - die kulturimperialistische Besprechung, die die Bedeutsam-
keit dieser Staatenwelt für "u n s" als einzigen Maßstab kennt
und sich demgemäß mit hochgestapeltem intellektuellem Blödsinn
wichtig macht, bildet die passende Begleitmusik zur praktischen
Subsumtion der Ölstaaten unter die vom Westen beschlossenen Maß-
stäbe.
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