Quelle: Archiv MG - NAHOST OELSTAATEN - Von den Petro-Dollars
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Zur politischen Ökonomie des Treibstoffs
ÖL - PREIS - PROFIT
Kaum fällt der Ölpreis, hat es jeder immer schon gewußt: Gegen
"die Marktkräfte" war dieser Preis nicht zu halten. Mit ziemlich
unverhohlener Begeisterung wird von den OPEC-Konferenzen berich-
tet, wo die Scheichs sich mal wieder nicht einigen können und ei-
nigermaßen fassungslos vor dem Preisverfall ihres staatslebens-
wichtigen Exportgutes sitzen. Übrigens dieselben Scheichs, die
vor noch nicht allzulanger Zeit "die Marktkräfte" dreist igno-
rierten und den Preis der sich jetzt vor ihren Augen selbständig
macht "künstlich" hochhielten. Das seit 13 Jahren aufgeführte
Bauernfängertheater "Die Macht der Scheichs" hat seinen Titel um
"... und Ohnmacht" erweitert. Der Bürger der westlichen Hemi-
sphäre darf sich daran ergötzen, wie "die Marktkräfte" die "wir"
immer dann gepachtet haben, wenn sie "uns" gut gefallen es denen
ordentlich gegeben haben: Die Bohrtürme wachsen auch nicht in den
Himmel...
Kapitalistische Ökonomie ist aber mit moralischer Erbauung nun
mal nicht zu verwechseln, auch wenn sie dafür ein solides Funda-
ment abgibt. Wenn die "politische Macht" der Ölscheichs den Preis
hochgesetzt haben soll, warum halten sie ihn dann nicht einfach
hoch? Wenn "die Marktkräfte" fürs Senken des Preises zuständig
sind, warum hielten sie sich dann 13 Jahre lang so bedeckt? Genau
so blödsinnig ist die Gleichsetzung von 'tief = brav' und 'hoch =
böse' oder "gut für Wirtschaft" und "schlecht für Wirtschaft". Da
muß schon sehr an eine Benzinmädchenrechnung appelliert werden,
wo man sich mit der Tankstellenerfahrung die kapitalistische Öko-
nomie erklären soll. Von 2 Dollar auf 35 ist der Barrel-Preis ge-
stiegen und jetzt auf etwa 10 Dollar heruntergesaust, und das
soll immer dasselbe gewesen sein wie "Wirtschaft rui-
niert/prosperiert"?
Wenn man wissen will, wer den Ölpreis m a c h t und wie er
w i r k t, muß man sich schon fragen, welche ökonomischen Inter-
essen hinter den "Marktkräften" stecken und worin der politische
Einfluß der Ölstaaten auf den Preis besteht.
Rohstoff mit Monopolpreis
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Zum Ölpreis kursiert die Behauptung, es handele sich um einen
"politischen Preis". Daran ist richtig, daß seine Festlegung
nicht denselben Gesetzmäßigkeiten folgt, die den Preis der Waren
bestimmen, mit denen Kapitalisten gegeneinander konkurrieren, und
daß zumindest die Berücksichtigung von Staatszwecken in ihn ein-
geht. Falsch ist jedoch die zugleich implizierte Behauptung, die-
ser Preis sei gänzlich unökonomisch bestimmt, verdanke sich dem
politischen Willen derer, die das politische Monopol auf die
Quellen haben. Der (theoretische) Volkszorn gegen die Ölscheichs
mag mittlerweile ein wenig in den Hintergrund getreten sein - er
beißt sich ja auch mit den blendenden Beziehungen, die "wir" zur
Zeit mit ihnen pflegen -, aber unausrottbar bleibt trotzdem die
Vorstellung, sie würden aus ihren Kalkulationen heraus (der Ver-
dacht der "Geldgier" ist altbekannt und pflegeleicht) den Ölpreis
festsetzen. Und nicht einmal durch die jetzige, hämisch kommen-
tierte "Festsetzung", bei der der Preis dauernd f ä l l t, läßt
sich diese Vorstellung beirren - lieber versteigt sie sich zu dem
kühnen Gedankenexperiment, die Scheichs würden den Preis jetzt
drücken - dann fahren "wir" erst recht aufs Öl ab, dann können
sie "uns" wieder mit einem hohen Preis...
Folgende Ausführungen aus MARXISTISCHE GRUPPE "Imperialismus 3,
Reihe Resultate" beschäftigen sich mit afrikanischen Rohstofflän-
dern. Ob der Rohstoff nun aber Holz, Sojaöl oder Magnesium heißt
- die Bestimmungen gelten auch für die Ölstaaten:
"In der Zahlungsbilanz, über die afrikanische Staaten ganz so wie
alle anderen modernen Souveräne verfügen und an der sie Mehrung
und Gefährdung des nationalen Reichtums ablesen, erscheinen die
Rohstoffe des Landes in der Regel zwei bis vier mit 90% aller Ak-
tiva - als Handelsgüter, als reguläre Waren mit bestimmten Prei-
sen. Dennoch unterscheiden sie sich nicht bloß stofflich von den
Waren, mit denen kapitalistische Nationen ihren Außenhandel be-
streiten. Deren Exportgüter entstammen nämlich einer Produktion
für ein im eigenen Lande vorhandenes zahlungsfähiges Bedürfnis;
ihr Verkauf ist ein Mittel, Gewinne zu machen; und aus diesem
Grunde wird ihre Erzeugung vermehrt und Ausschau nach günstigen
Produktions- und Verkaufsbedingungen gehalten. Der Produktions-
preis der nationalen Produkte wird mit dem ausländischer Produ-
zenten verglichen, und als exportierter Überschuß auf Grund eines
konkurrenzfähigen Produktionspreises sind diese Waren die
stofflichen Mittel einer nationalen Ökonomie, den Reichtum ande-
rer Nationen in den Fortgang ihrer Akkumulation als neue Bedin-
gung miteinzubeziehen.
Genau davon kann bei den Exportartikeln der afrikanischen Staaten
nicht die Rede sein.
Die Bodenschätze und landwirtschaftlichen Rohstoffe, mit denen
sie auf dem Weltmarkt auftreten, treffen im eigenen Land teils
auf überhaupt kein Bedürfnis, teils - soweit sie für die indivi-
duelle Konsumtion der Landesbewohner oder ihren Bedarf an Gerät-
schaften für ihre Produktionsweise in Frage kämen - auf keine
zahlungsfähige Nachfrage, sind also gar nicht die stofflichen
Mittel einer nationalen Zirkulation. Ihre Erschließung und Förde-
rung bzw. Kultivierung und Ernte geschieht ausschließlich für -
und ist daher auch in Gang gekommen durch - das Interesse einer
ausländischen Ökonomie, die darin Mittel für ihren Fortgang und
Fortschritt entdeckt hat und nutzen will. Auch sie stellen gewis-
sermaßen, ihre Ausfuhr beweist es, einen "nationalen Überschuß"
dar: aber eben nicht einen wirklichen Überschuß, der aus einer
nationalen Mehrwertproduktion entspringt, sondern einen
"Überfluß", den man nur in Anführungszeichen als solchen bezeich-
nen kann, weil er n e b e n - und dieses 'neben' heißt stets:
auf Kosten - jeglicher Produktion für die Bedürfnisse des einhei-
mischen Wirtschaftens zustandekommt. Folglich haben sie auch kei-
nen e i n h e i m i s c h e n W e r t: keinen Produktions-
preis, mit dem ihre Produzenten auf dem Weltmarkt auftreten könn-
ten und über den ihre Produktivität sich mit der ihrer Konkurren-
ten vergleichen würde; die Exportschlager der afrikanischen Staa-
ten s i n d n i c h t W a r e. Sie w e r d e n zur Ware und
nehmen die Preisform an erst dann und nur dadurch, daß sie und
wenn sie ihr Ursprungsland verlassen. Ihre W a r e n f o r m
verdankt sich dem W i l l e n d e s z u s t ä n d i g e n
S o u v e r ä n s, sich die Zulassung des Abtransports dieser
Güter bezahlen zu lassen, und der B e r e i t s c h a f t aus-
ländischer Inhaber von wirklichem Reichtum, d a f ü r zu zah-
len.
So schreibt der Souverän eines rohstoffexportierenden Landes, um
an seine Revenue heranzukommen, Listenpreise für seine Exportgü-
ter vor, die entweder direkt seinem Handelskontor, also der
Staatskasse zufließen oder als Berechnungsgrundlage für eine vom
Käufer zu entrichtende Ausfuhrabgabe dienen; er verpachtet sein
Land sowie Explorations- und Schürfrechte an ausländische Inter-
essenten; er beteiligt sich an deren Investitionen, und zwar
nicht mit wirklichem Reichtum, sondern mit der Verpflichtung sei-
nes ausländischen Geschäftspartners, die Fiktion einer staatli-
chen Kapitalbeteiligung zu akzeptieren und mit Gewinnanteilen zu
honorieren; und wenn er die Dependancen einer ausländischen Firma
verstaatlicht, dann findet weder Enteignung statt noch eine se-
riöse Finanztransaktion, sondern die Teilhabe des Fiskus an dem
Reichtum, der anderswo aus den Schätzen des Landes gemacht wird,
bekommt eine Rechtsform, mit der die Regierung sich explizit zu
ihrer Verantwortung dafür bekennt, daß das Geschäft des ausländi-
schen Investors kontinuierlich weiterläuft. In allen derartigen
Staatsaktionen, einschließlich sämtlicher politischer Bemühungen
um Absatz- und Erlösstabilisierungsabkommen mit den Käuferlän-
dern, betätigt sich der politische Wille, n i c h t: sich am
Außenhandel einer nationalen Ökonomie auch noch fiskalisch mitzu-
bereichern, s o n d e r n: die Verfügungsgewalt über das Land
zu Geld zu machen. Und damit beweisen alle ö k o n o m i-
s c h e n Aktivitäten der afrikanischen Staaten in Sachen
Außenhandel, daß sie das ökonomische S u b j e k t i h r e s
E x p o r t s ü b e r h a u p t n i c h t s i n d.
Denn die tatsächliche ökonomische Nutzung der bereitgestellten
Naturschätze: ihr Gebrauch als Mittel für die Produktion wirkli-
chen Reichtums und damit d i e Voraussetzung dafür, daß ihre
Deklaration als Ware nicht bloß ein frommer Wunsch der exportwil-
ligen Staatsgewalt bleibt, fällt ganz auf die Seite der ausländi-
schen Nachfrage. Nur dort findet die Akkumulation von Wert statt,
die es erlaubt, ihre aus Afrika importierten stofflichen Voraus-
setzungen überhaupt unter die Wertform zu subsumieren; und allein
gemäß der Kalkulation mit dem Kostpreis der Produktion, die die
konkurrierenden nationalen Kapitale dort einander aufherrschen,
setzt das Interesse an afrikanischen Rohstoffen sich in Zah-
lungs b e r e i t s c h a f t um. Die mit Hilfe sämtlicher
Ideale des Freihandels vorgebrachte Bettelei der afrikanischen
Staaten um die Erlaubnis, mit ihren Gütern auf dem westeuropäi-
schen Markt auftreten zu dürfen, bezeugt schlagend, daß hier
keine Konkurrenz um ein zahlungsfähiges Bedürfnis stattfindet,
sondern das Bemühen, den eigenen Artikeln überhaupt einen Preis
zu verschaffen - ein Bemühen, dessen Erfolg völlig von der Be-
reitschaft der kapitalistischen Nationen abhängt, die angebotenen
Güter als Bestandteil der K o s t e n ihrer nationalen Akkumu-
lation i n K a u f zu nehmen.
Praktischer Ausdruck und Verlaufsform dieser prinzipiell gegebe-
nen Bereitschaft sind die W a r e n b ö r s e n für Mineralien
und Naturprodukte, die nicht zufällig in New York, London und an-
deren kapitalistischen Metropolen zu Hause sind. Sie sind das
Mittel - nicht der Rohstoffexporteure, ihre Vorstellungen über
einen hinreichenden Preis ihrer Angebote zu realisieren, sondern
der kapitalistischen Käufer, das Zugeständnis eines Preises für
Rohstoffe gleich so zu gestalten, daß dessen Höhe sich genau nach
der tatsächlichen Profitträchtigkeit ihrer Verwendung, nämlich
nach dem aktuellen Stand der Konjunkturen kapitalistischer Akku-
mulation bemißt. In der Tat sind diese Börsen der einzige Ort in
der kapitalistischen Welt, wo wirklich Ernst gemacht wird mit der
bürgerlichen Ideologie, Gebrauchsgüter bekämen ihren Preis durch
das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage: Wo die Anbieter
keine Kalkulation mit Produktivität und Profit in die Waagschale
zu werfen haben, sondern bloß ihren Wunsch nach Geld, entscheidet
wirklich die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager darüber, was
daraus wird. An die Stelle des Wertes, den kapitalistisch produ-
zierte Waren in ihrem Produktionspreis h a b e n, tritt da die
freie B e w e r t u n g durch die Kundschaft..."
Für die (arabischen) Ölstaaten braucht es einen wesentlichen Zu-
satz, daß nämlich "die freie Bewertung durch die Käuferschaft"
von einem Kartell wahrgenommen wird: die "Großen Schwestern".
Diese Ölmultis - ein britischer und sechs amerikanische - sind
sozusagen die Warenbörse in Sachen Öl. Während aber an den mei-
sten Warenbörsen ein munteres Spekulieren, Unter- und Überbieten
der Käufer herrscht, diese also selbst noch einmal untereinander
konkurrieren, hat die Öl-"Warenbörse" die Konkurrenz um den Preis
a u s g e s c h a l t e t. Dadurch befindet sie sich in der be-
sonderen Lage, Verkäufern und Käufern als M o n o p o l i s t
gegenübertreten zu können, also Einkaufs- und Verkaufspreis zu
d i k t i e r e n.
Auf Grundlage dessen dreht sich die Konkurrenz der Ölgesellschaf-
ten um Vorkommen, Verkaufsmengen und Senkung der Produktionsko-
sten, was ihnen ein zwar unterschiedliches, allen aber ein ein-
trägliches Geschäft sichert.
Das Diktat gegenüber den Käufern ist freilich ziemlich witzlos,
wenn bei denen nur ein mäßiges Interesse am angebotenen Rohstoff
vorliegt; umgekehrt: So ein Monopol wird erst dann wirklich ge-
schäftstüchtig, wenn die staatlichen und kapitalistischen Käufer
auf Öl a n g e w i e s e n sind. Dieses Angewiesensein haben
die Ölgesellschaften hergestellt, sie haben sich die Nachfrage
g e s c h a f f e n. Das Mittel dazu war die Vereinbarung eines
k o n k u r r e n z l o s n i e d r i g e n P r e i s e s, die
absichtliche Schaffung eines Ü b e r a n g e b o t e s, wodurch
die Käufer zu "oil-addicts" werden sollten. So eine Kalkulation
geht allerdings nur, wenn sie dem Interesse des "addicts" - wie
bei anderen Formen der "Sucht" auch - zugutekommt: Der läßt sich
von anderen Arten der Energie ja nur abbringen und zu reichlichem
Verbrauch von Öl anhalten, weil dessen gesicherte und günstige
Zufuhr in s e i n e Kalkulationen paßt, auch und gerade in den
"konjunkturell schlechten Zeiten", in denen das Öl vorteilhaft
gegen seine Konkurrenten abstach. Eine Übervorteilung oder gar
einen Betrug sollte man in solchen Geschäftspraktiken nicht se-
hen; wenn sich ein Kapitalist leimen läßt, dann für gewöhnlich zu
seinem Vorteil.
Die Ölgesellschaften hantierten frei mit Preis und Menge, was
voraussetzte, daß sie in ihrem Preis nicht von den Gestehungsko-
sten abhängig waren und die Menge vorhanden war. Sie mußten es
sich l e i s t e n können, ihre Ware reichlich und mit einem
niedrigen Preis anbieten zu können. Um eine Spekulation auf künf-
tige Nachfrage unter Einschluß des Risikos des Ruins handelte es
sich bei dieser Veranstaltung sicher nicht, vielmehr war schon
ein Zustand erreicht, der den Kostpreis ins Reich des Unerhebli-
chen verwiesen hatte und die massenhafte Förderung zur Selbstver-
ständlichkeit hatte werden lassen.
Ihren historischen Ausgangspunkt hat diese Praxis im
h e i m i s c h e n Geschäft der US-Firmen. Die Ölindustrie ent-
wickelte sich dort als Bestandteil der kapitalistischen Akkumula-
tion. Ihr profitables Mitmischen befähigte sie zu einem Preis, zu
dem alle Welt gern das US-Öl kaufte und der die USA zum größten
Ö l e x p o r t e u r werden ließ. Bis zur Mitte des Jahrhun-
derts lautete die Preisformel "Golf plus Fracht": Nirgends sollte
Rohöl billiger zu haben sein, als es dem Gestehungspreis an der
Südküste der USA, zusätzlich der von dort aus theoretisch an-
fallenden Frachtspesen, entsprach. Ihre Überschüsse verwendeten
die US-Firmen zur Exploration der Ölvorkommen in allen Weltgegen-
den, die sich wegen niedrigerer Produktionskosten anboten.
Der endgültige "Durchbruch" des Öls und diese weltweite Explora-
tionstätigkeit gehen Hand in Hand: Mit jeder neu erschlossenen
Quelle erweiterte sich der Spielraum der Multis für eine Preis-
kalkulation gänzlich losgelöst von den eigenen Produktionskosten
- und um so nachdrücklicher machte sich die Wucht ihres Angebots
bei der Käuferschar bemerkbar. Am Preisdiktat, das aufgrund sei-
ner außerordentlichen Günstigkeit niemand auffallen wollte, än-
derte sich nur die Berechnungsweise: Weltweit maßgeblich wurde
der New Yorker cif-Importpreis, also ein den Transport nach New
York und die Versicherungskosten einschließender Preis, der so
berechnet war, daß das Geschäft der US-Gesellschaften mit ihrem
einheimischen Öl keiner Preiskonkurrenz durch Zufuhren von aus-
wärts ausgesetzt war.
Der V e r g l e i c h, den sie zwischen i h r e n Ölquellen
in aller Welt anstellten, durfte also nicht darauf hinauslaufen,
daß die Exxon-Ausland der Exxon-USA auf dem US-Markt Konkurrenz
machte, geschweige denn, daß sich irgendeine Nicht-US-Gesell-
schaft breitmachte. Der New Yorker M i n d e s t p r e i s si-
cherte die Rentabilität der US-Ölquellen und blieb trotzdem für
die ganze Welt ein N i e d r i g p r e i s; daß die darin-
steckenden Gewinnspannen immer größer wurden, machte gerade die
Schönheit aus. Die "Sonderleistung" an die nationale Ökonomie
dieses einzigen Ölstaates, der die Ölquellen (fast) der ganzen
Welt unter Kontrolle hat, weil er eben k e i n Ölstaat ist,
sondern die vorherrschende kapitalistische Volkswirtschaft, be-
steht in der U n a b h ä n g i g k e i t des amerikanischen Öl-
preises vom Weltmarkt. Die USA sind zum größten
Öl i m p o r t e u r geworden, ohne die heimischen Preise dem
Weltmarktniveau anzugleichen. Darüber wacht der Staat gesetzesmä-
ßig, indem er Höchstpreise vorschreibt. Der Schaden für die US-
Gesellschaften hält sich aber sehr in Grenzen, da ihnen einer-
seits ein stabiler, riesiger Binnenmarkt gesichert ist, der wie-
derum Basis ihres weltweiten Geschäfts ist; andererseits finden
sie auswärtige "Kompensation" genug vor.
Im Zweifelsfalle, wenn die Kluft zwischen US-Preis und Weltmarkt-
preis gar zu groß wird, subventioniert der Staat den heimischen
Niedrigpreis: So Präsident Carter auf dem Höhepunkt des OPEC-
Preises, als er den Konzernen Importsubventionen anbot, auf daß
Öl weiterhin billig und reichlich in die US-Wirtschaft einfloß.
Die erzürnte Klage seiner westlichen Freunde, er würde sich damit
nur als zusätzlicher Preistreiber aufführen, ließ ihn völlig un-
gerührt.
Die politische Grundrente: Unkosten der Multis
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In dem Maße, wie die "Großen Schwestern" die US-Produktion auf
die ganze Welt ausdehnten, wurden Staaten, in denen es Öl gab, zu
Ölstaaten. Ihr Einkommen verdanken sie dem, daß ihnen die Ölge-
sellschaften für das Schürfen des Öls aus dem Grund und Boden
dieser Staaten einen Tribut zahlen - der ist ein Posten in den
Bilanzen der Multis.
Dem Eigentümer einer Ölquelle in den USA - der kann der Multi
selbst sein - steht eine Grundrente für die Benutzung seines Bo-
dens zu. Das Eigentum über eine natürliche Produktionsbedingung,
die immobil und nicht künstlich zu ersetzen ist und von dem wegen
des Eigentumsrechts die anderen Kollegen Eigentümer ausgeschlos-
sen sind, berechtigen den Grundeigentümer wegen seines Monopols
über seinen Boden und ohne auch nur einen Handschlag Arbeit ein-
setzen zu müssen, vom Gewinn des Unternehmers, der seinen Boden
kapitalistisch nutzt, einen Teil einzustreichen. Die Höhe dieser
Grundrente hängt dann von der Konkurrenz der industriellen Kapi-
talisten um diese natürlichen Produktionsbedingungen ab und von
der Konkurrenz zwischen Kapitalist und Grundeigentümer. Je größer
die nachfragende Konkurrenz nach produktiver Nutzung seines Bo-
dens, desto mehr Rente kann der Monopolist für seinen Eigen-
tumstitel verlangen. Seine Schranke hat der Grundeigentümer aber
darin, daß für den industriellen Kapitalisten nach Abzug der
Rente vom Gewinn eine Differenz übrigbleiben muß; sonst bleibt
der Boden ungenutzt und trägt keine Rente.
Ein Bodenmonopol in einem Ölland gibt es im ö k o n o m i-
s c h e n Sinne aber nicht, da eine Gesellschaft von kapita-
listischen Grundeigentümern und industriellen Kapitalisten, die
Grundeigentum für ihr Geschäft nutzen wollen und mit den
Grundeigentümern um die Differenz zwischen Gewinn und Rente
konkurrieren, nicht existiert. Das Monopol liegt ausschließlich
in der s t a a t l i c h e n V e r f ü g u n g über das Terri-
torium und erhält ökonomische Geltung, wenn und w e i l sich
a u s l ä n d i s c h e s K a p i t a l i n t e r e s s e auf
den Boden richtet. Diese p o l i t i s c h e Grundrente ergibt
sich aus dem Vergleich des politischen Willens und des Kapitalin-
teresses und muß sich in V e r h a n d l u n g e n erst finden
lassen. Dabei hat sich das staatliche Monopol dadurch auszuzeich-
nen, daß es dem auswärtigen Interesse nicht störend in die Quere
kommt, nur so kann es um B e r ü c k s i c h t i g u n g nach-
kommen. Ein eigenes Interesse gegen die Interessenten geltend ma-
chen könnte der Staat nur, wenn er die ökonomischen Mittel zur
Verfügung hätte, den natürlichen Reichtum seines Territoriums
selbst zu Geld zu machen. Letztlich hat er also sein "Mittel" in
dem, daß die Ölgesellschaften gewillt sind, seinen Willen zu re-
spektieren. Ihr Monopol läßt jedoch keinen Zweifel daran, daß sie
- ein Ausgespieltwerden gegeneinander haben sie ausgeschlossen -
den Preis, die politische Grundrente, für die staatliche Verfü-
gung über den Boden diktieren, So ist endgültig klargestellt, daß
die Multis b e i d e Seiten des Verhältnisses von Angebot und
Nachfrage bestimmen, daß die S p a n n e von ihnen definiert
wird.
An der prinzipiellen Abhängigkeit hat sich auch dadurch nichts
geändert, daß die Ölstaaten in die Förderung mit eigenen nationa-
len Gesellschaften eingestiegen sind: Der Eintrittspreis war al-
lemal eine abgesicherte Beteiligung der Gesellschaften, die sie
aufgrund ihrer Marktmacht und ihrer technischen Unverzichtbarheit
- angefangen von ihrem Monopol auf wesentliches Bohrgerät, über
die Tankerflotte bis hin zu den Raffinerien - erzwingen können.
Andererseits ist ohne die Zustimmung der politischen Herrscher
aber auch nichts zu holen, und der Abwicklung des Geschäfts kön-
nen stabile, freundschaftliche Beziehungen nur zuträglich sein.
Der Antrag an die Ölländer beruht schließlich auf der berechneten
Gewißheit, daß das Ölschürfen dort ein ausgesprochen günstiges
Geschäft ist. So stellt sich regelmäßig Einvernehmen auch mit
solchen Staaten ein, die von sich behaupten - oder vom Westen mit
dem Verdacht belegt sind -, mit den Öleinnahmen "anti-imperiali-
stische", "sozialistische", "islamisch-revolutionäre" usw. Vorha-
ben verwirklichen zu wollen. Es soll auch vorgekommen sein, daß
die Multis in ihren Heimatländern als vaterlandslose Gesellen be-
schimpft wurden, die unverdrossen ihr Öl aus dem Boden eines Sou-
veräns pumpen, dem der Staat gerade ein paar Feindseligkeiten an-
trägt.
Der Ölboykott: Korrektur des Monopolpreises
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Die OPEC wurde schon 1962 gegründet und blieb 10 Jahre lang so
gut wie unbemerkt. Aus dem Zusammenschluß ist der Wille erkenn-
bar, dem Nachfragemonopol einen geeinten staatlichen Willen ge-
genüberzusetzen - bloß ändert das nichts daran, in der
m a t e r i e l l e n Ausstattung der Staatsherrschaft weiterhin
von den Gesellschaften abhängig zu sein. Weltweite Aufmerksamkeit
erregten die OPEC-Staaten durch einen u n ökonomischen Gebrauch
ihres politischen Monopols, nämlich mit dem Ölboykott 1973. Sie
wollten das Öl als politische Waffe in ihrer Auseinandersetzung
mit Israel gebrauchen. Unökonomisch daran ist, daß sie - nicht um
der Erhöhung ihrer Einkünfte willen - quasi in einen Streik tra-
ten, mit der für einen Streik üblichen Konsequenz, auf Einkünfte
(vorläufig) zu verzichten. Daß daraus eine
P r e i s s t e i g e r u n g resultierte, verdankte sich den
Kalkulationen der Gesellschaften. Die Drohung der Ölstaaten hät-
ten sie ja leicht blamieren können, indem sie den Ölausfall durch
Einschleusen zusätzlichen Öls - das so schwierig aus den sonsti-
gen Ölfeldern herauszupumpen nicht gewesen wäre - ausgeglichen
hätten. Statt dessen zogen die Multis aus der Reaktion der Nach-
frager den Schluß, daß sich der jahrelang gehaltene Niedrigpreis
und das damit einhergehende Überangebot g e l o h n t hätten:
Der Markt war erobert und Öl als der Kraftstoff Nr. 1 kapitali-
stischer Volkswirtschaften etabliert. Die scharfe Reaktion der
Nachfrager deckte auf, daß zum ersten Mal die Ölnachfrage das An-
gebot tendenziell überstieg. Die Kalkulation mit Menge und Preis
war insofern aufgegangen, als die Nachfrage sich zu dem von den
Gesellschaften gesetzten Preis g e b i l d e t hatte, also auch
"preisanfällig" war. Ab sofort konnte das produzierte Bedürfnis
nach Öl mit einem höheren Preis ausgenutzt werden. Die allgegen-
wärtige Gleichung "Umsatz = Menge x Preis", bislang zielbewußt
entlang des ersten Faktors gewinnträchtig aufgeblasen, bot den
zweiten Faktor geradezu zur Ausnutzung an - und steckte in der
"alten" Betrachtungsweise noch der kleine Mangel, daß die Menge
sozusagen das Zugpferd sein und den zurückhaltenden Preis mitzie-
hen mußte, so waren nun beide Seiten bestens geregelt, da an ein
Absinken der Menge vorläufig ja nicht zu denken war, im Gegen-
teil. Das Hochsetzen des Monopolpreises - von einer sehr zögerli-
chen Auslieferungspolitik und einer öffentlichen Beteuerung knap-
per Kapazitäten unterstützt - vervielfachte nicht nur schlagartig
die Erträge der bestehenden Ölfelder; auch die ins Stocken gekom-
mene Exploration konnte wieder aufgenommen werden, da die bei dem
niedrigen Monopolpreis nicht kostengünstig aufzubohrenden Felder
nun in den Bereich der Rentabilität gerieten. Die paradiesischen
Geschäftszustände vor dem Ölboykott machten den Übergang in das
Dorado der "Ölknappheit", woran durchaus auch die Ölstaaten be-
teiligt wurden. Die Feststellung, daß der Marktpreis nicht mehr
mit dem tatsächlichen Verhältnis von Angebot und Nachfrage über-
einstimmte, wofür sie sich mit ihrer politischen Aktion verdient
gemacht hatten, und das Bedürfnis der Gesellschaften, rasch neue
Felder in Betrieb zu nehmen, bescherte ihnen deutlich wachsende
Einnahmen. Die stellten zwar auch wieder nur einen Bruchteil des
zusätzlichen Dollarbetrags pro barrel dar, wurden ihnen aber auch
ohne großes Hin und Her gewährt: Die Verhandlungsspanne hatte
sich für die Ölgesellschaften drastisch erhöht, und die
Marktstrategie einer sorgfältig geplanten Ausweitung der Ölzufuhr
- die den neuen, hohen Monopolpreis nicht gefährdete, sondern
ausnutzte - wurde in Angriff genommen.
Den Ölstaaten entstanden freilich moralische Unkosten ungeahnten
Ausmaßes. In den kapitalistischen Staaten gerieten sie in den Ruf
dreister Potentaten, die "unsere Abhängigkeit vom Öl" schamlos
ausnutzten, und ihr wachsender Staatsreichtum schien dafür jeder-
mann ein schlagender Beweis. Im Zusammenhang damit bekamen auch
die Multis ihr Fett ab, mußten sich ihre internationale Tätigkeit
als un-national vorhalten lassen. Eine s t a a t l i c h e
Feindschaft gegen die zwei Subjekte des Ölgeschäfts kam aber
nicht auf: Dafür wissen Staatsmänner zu gut, welch' herausragende
Stellung die Ölmultis in der kapitalistischen Reichtumsproduktion
einnehmen und welch' gute politische Freunde man in den Ölstaaten
- mit verschwindenden Ausnahmen - hat. Die Handhabung der
"nationalen Ölversorgung" wurde den Multis denn auch von den
Staaten nicht bestritten; sondern nur um den Zusatz erweitert,
daß ein Staat dazu verpflichtet sei, bei ihnen vermehrt mit ein-
zusteigen, um das gütliche Einvernehmen zwischen nationaler und
geschäftlicher Verwaltung der Ölzufuhr langfristig sicherzustel-
len.
Gegenüber den arabischen Ländern ließ die Einsicht nicht lange
auf sich warten, daß sich deren politisches Gewicht und ihre
ökonomische Bedeutung für den Westen vergrößert habe und deswegen
um so mehr zu benutzen sei. Insbesondere für Saudi-Arabien, die
Führungsmacht in der OPEC, bedeutete dies eine gehörige Aufwer-
tung: Das von den Kolonialmächten gestiftete reaktionäre König-
reich, von den Gesellschaften zum größten Öllager der Welt außer-
halb der USA ausgebaut, machte seinen "mäßigenden Einfluß" gegen-
über den arabischen Hitzköpfen geltend - immer eine ziemlich un-
verhüllte ökonomische Erpressung, die sich schon während des Öl-
boykotts insofern bemerkbar machte, als Saudi-Arabien Übertrei-
bungen mit dem Hinweis auf seine Kapazitäten abblockte - und sah
sich aufs schönste durch das Wohlwollen der imperialistischen
Mächte belohnt. Die Saudis dürfen mittlerweile nicht nur in den
Schaltzentralen der 3.-Welt-Betreuung mitmischen - und zahlen -,
sondern auch und erst recht in der militärischen Abteilung haben
sie rasant zugelegt. Man hat ihnen erlaubt, ihr Geld in modern-
stes Kriegsgerät zu stecken und sich zu einem Bollwerk gegen den
Iran und die südliche Sowjetunion aufzurüsten. So hat der Westen
mit den Saudis jetzt auch noch eine zuverlässige strategische
Einsatztruppe vor Ort, die Europa und den USA "ihre" Ölfelder si-
chert.
Der "Ölschock" und seine zweckmäßige Anwendung
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Hinsichtlich der internen Reaktion der kapitalistischen Staaten
auf den gestiegenen Ölpreis ist klassenmäßig zu unterscheiden.
Zwar wird von den obersten Instanzen eine unterschiedslose natio-
nale Betroffenheit ausgerufen, aber die Vorstellung, die
"Ölrechnung" müsse aus dem Einkommen "unserer Volkswirtschaft"
bezahlt werden, jenes würde also entsprechend geschmälert stimmt
nur für den Teil der Bevölkerung, für den das Öl k e i n Ge-
schäftsartikel ist - und das wird für diesen Bevölkerungsteil
auch immer wieder propagandistisch aufbereitet. Der Arbeiter, der
für jeden Liter Benzin oder Heizöl einiges mehr zahlen muß, wird
tatsächlich ärmer. Er beherrscht nämlich die einfache Kunst des
Überwälzens deswegen nicht, weil sie ökonomisches Vorrecht der
Kapitalisten ist: Zwar bestünde für ihn, bei eh schon knapper Le-
benshaltung, Grund genug, die Minderung seiner Kaufkraft auf der
Einkommensseite wieder einzufordern, und zwar ohne Rücksicht auf
das in den Betrieben eingerichtete Lohn/Leistungsverhältnis -
aber diese Übung ist eigentlich nie in Mode gekommen. Statt des-
sen herrscht hier die Kunst, den Gürtel enger zu schnallen bzw.
weniger einzuheizen. Die tröstliche Ideologie hierzu nennt sich
"Ölknappheit" und verwandelt die Preis kalkulationen der Anbie-
ter, die man schmerzlich zu spüren kriegt, in ein umfassendes Na-
turphänomen, dem die Menschheit ohne Ansehung der Klassen unter-
worfen ist. Diese Ideologie hat das Bewußtsein für die
"Endlichkeit der Welt" mächtig geschärft und außerdem für die
allgemeine Bescheidenheit angesichts der "natürlichen Beschränkt-
heit unserer Ressourcen" einiges geleistet. Zur D e m o n-
s t r a t i o n dessen taten autofreie Sonntage gute Dienste,
und niemand störte sich an der gleichzeitigen Verlautbarung, daß
die tatsächliche Benzinersparnis absolut läppisch war. Unzählige
Wissenschaftleridioten - allen voran ein gewisser "Club of Rome"
- haben in haarkleinen Studien abgeleitet, wann spätestens der
Ofen aus ist und die letzte Glühbirne abgeschaltet werden muß -
derweil die Multis fröhlich ihre Dollars scheffelten.
Das Kapital hingegen weiß, daß diese "Knappheit" sich in eine Ko-
stenkalkulation auflöst. Mit dem teureren Öl, das da in die Pro-
duktion eingeht, stellt sich zunächst einmal nur das Problem, wie
der e r h ö h t e K a p i t a l v o r s c h u ß a u f z u-
b r i n g e n ist und ob er sich r e a l i s i e r e n läßt.
Wenn ein Wertteil seiner Ware sich verteuert, denkt ein
Kapitalist deswegen noch lange nicht daran, auf einen
entsprechenden Teil seines Profits zu verzichten. Vielmehr
fordert er die erhöhten Kosten im Verkaufspreis wieder ein. Mag
das Öl auch eine wichtige Bedingung seiner Produktion sein, so
geht er doch mit ihr eben wie mit e i n e r Bedingung um -
seinen Produktionsprozeß wirft das nicht über den Haufen. Hier
tun sich U n t e r s c h i e d e zwischen en Kapitalisten auf.
Diejenigen, die sich des Öls besonders eifrig bedient haben, ha-
ben beim Aufbringen des vorzuschießenden Kapitals naturgemäß mehr
Schwierigkeiten als die, die diesen Stoff weniger benötigen. Da-
durch verändert sich aber nur das bis dahin bestehende Preisge-
füge zwischen den Sphären des Kapitals, was zwar zu bewegten Kla-
gen dieses der jenes Kapitalisten führt, für das Kapital insge-
samt aber nur bedeutet, daß sich mit den Produktionskosten auch
die Preise erhöhen. Eine absolute Schranke hat diese General-
preiserhöhung an der Armut des Proletariats, von dessen
Zahlungsfähigkeit ein Teil unwiderruflich und dauerhaft an die
Ölgesellschaften geht - aber die sind doch wohl auch eine Kapi-
talfraktion; dieser Teil macht sich zunächst bei der Konsum-
güterindustrie als ausleibende Nachfrage bemerkbar.
Was den Umgang mit dem verteuerten Kapitalvorschuß angeht, so än-
dert sich am üblichen Verfahren nichts, bloß weil das Ding Öl
heißt: Der Kapitalist betreibt eine Reform seiner Produktion ge-
gen die Konkurrenten und läßt das verteuerte Produktionsmittel in
seinem Wertanteil sinken - er ersetzt das Öl durch andere Ener-
gien und/oder senkt die Energiezufuhr absolut. Eine (Stück-)
Kosten s e n k u n g geht einher mit v e r m e h r t e m
Kapitalvorschuß zum Zwecke der Rationalisierung und Produktivi-
tätssteigerung, also mit dem anvisierten Ziel, den Kapitalvor-
schuß auf größere Warenmasse zu verteilen und zu Preissenkungen
o h n e Profiteinbuße imstande zu sein.
Das Resultat war eine S o r t i e r u n g der Kapitalistenwelt,
die sich den Namen "Ölkrise" zugezogen hat. Damit sollte be-
hauptet sein, die Frechheit der Ölscheichs habe unsere schöne
Volkswirtschaft geschädigt. Erstens aber kann eine von außen ver-
anlaßte Einschränkung der zahlungskräftigen Nachfrage beim Konsum
keine Krise verursachen. Dafür muß schon eine andere Vorausset-
zung gegeben sein, nämlich überschüssiges Kapital, das keine An-
lage mehr findet, heißt: hinter den erreichten Verwertungsstan-
dard zurückfällt; dies drückt sich darin aus, daß der Kredit zu-
nehmend für unproduktive Unternehmungen bzw. für reinen Zahlungs-
aufschub beansprucht wird, Schwierigkeiten bei der Realisierung
des Warenwerts und Zurückhaltung der Banken also zusammenkommen;
in einem Wort: Es herrschte Ü b e r a k k u m u l a t i o n,
die nicht zuletzt aufgrund der günstigen Ölzufuhr zustandekam -
in dieser Situation mag der gestiegene Ölpreis so etwas wie ein
letzter Schubser gewesen sein, mehr aber auch nicht. Zweitens um-
gibt das Gerede von der "Ölkrise" diese Krise mit einer Aura der
Außergewöhnlichkeit, die das ganz Gewöhnliche an ihr weglügen
möchte: daß nämlich hin und wieder Entwertung von Kapital an-
steht, damit dann auf um so höherer Stufenleiter weiterproduziert
wird.
Spätestens ab 1975 war "Energiesparen" der große Schlager. Dafür
verließ sich der Staat natürlich nicht auf den guten Willen und
auf Aufkleber ("Ich bin Energiesparer"), sondern zog systematisch
die Steuerschraube an. Der Verweis auf die eigentlich Schuldigen
im Nahen Osten war dabei so selbstverständlich unterstellt, daß
niemandem ein Widerspruch auffallen wollte, wenn der Staat
s e i n e Preiserhöhungen bei Strom, Gas, Wasser, Benzin usw.
mit durchaus eigenen Begründungen versah: Nicht die gestiegenen
Energiekosten wollte er damit finanzieren, sondern überhaupt -
"über den Preis" - den Energieverbrauch beschneiden. Um die ent-
sprechenden Prozente ärmer gemacht, blieb den Leuten gar nichts
anderes übrig, als sich entsprechend zu beschränken und anderer-
seits darauf zu hoffen, daß sich in den Betrieben mit verstärktem
Einsatz und Überstunden/Sonderschichten die eine oder andere Mark
wieder hereinholen lassen würde. Das paßte so nebenbei gut mit
dem zusammen, was ihre kapitalistischen Herren vorhatten.
Das eingenommene Geld brauchte der Staat fürs "Energiesparen",
und zwar so, daß er es und noch einiges darüber hinaus für
"alternative Energien" ausgab. Der für Atomkraft, neue Methoden
der Kohleförderung oder Kohleverwandlung u.a. aufzubringende Ka-
pitalaufwand übersteigt für gewöhnlich die Finanzkraft eines pri-
vaten Unternehmens und/oder ist ihm zu riskant. Mit staatlichen
Bürgschaften versehen, sieht sich die Sache freilich ganz anders
an, wird so zu einem äußerst profitablen Geschäftszweig, der
(siehe KWU) bald die schönsten Exporterfolge in Milliardenhöhe
pro Auftrag vorzuweisen hatte. Dabei kam eine kapitalistische
Schönheit zum Tragen: Durch die Erhöhung des Ölpreises werden die
neuen Energiegewinnungsverfahren erst einmal nicht im geringsten
billiger - dies ergibt sich frühestens und auch da nicht sicher
im Zuge der "Herstellung industrieller Reife", d.h. wenn sie in
größeren Serien aufgelegt werden -, dafür aber profitabel.
Schließlich werden im Kapitalismus P r e i s e verglichen, von
welchem Zufall, Naturumstand oder politischem Beschluß sie auch
immer beeinflußt sein mögen, und danach entscheidet sich die
N ü t z l i c h k e i t eines Produktionsverfahrens. Ob die
neuen Energien jemals billiger werden als das Öl, kann sehr be-
zweifelt werden; auf jeden Fall drosseln sie aber die Nachfrage
nach Öl, umgangssprachlich: die "Abhängigkeit", und geben so
einen ersten wichtigen Anstoß, daß es auch mal wieder billiger
wird. Die "Abhängigkeit vom Öl" vermindert man als Staat also da-
durch, daß man den Kapitalisten andere lukrative Möglichkeiten in
diesem Geschäftszweig erschließt. Staaten l e i s t e n sich
Zuschußbetriebe, weil sie sich von der Preispolitik der OPEC
nicht beeindrucken lassen möchten. Sie wollen keinem fremden po-
litischen Willen unterworfen sein, und zu diesem Zweck bauen sie
Atomkraftwerke, experimentieren mit Sonne, Wind und Maisstengeln,
importieren Öl, fördern den heimischen Kohlebergbau und importie-
ren billige(re) Kohle aus dem Ausland, machen sich also vom Ko-
stenargument nicht abhängig. Ein schlagender Beleg dafür ist die
Reaktion der BRD auf die gerade laufende Preissenkung. Den Vor-
schlag der SPD, durch eine Ölimportsteuer das alte Preisniveau
aufrechtzuerhalten, den "Energiesparwillen" nicht erlahmen zu
lassen und dem Staat zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, lehnt
die Regierung unter Berufung auf den "kleinen Mann" ab. Statt
dessen erhöht sie den "Kohlepfennig", holt sich also dieselben
Milliarden (mit 4 bis 5 wird gerechnet) beim Strompreis ab, und
verweist zugleich darauf, daß die heimische Kohlegewinnung und
-verwertung auf keinen Fall unter dem niedrigen Ölpreis leiden
dürfe. So ist auf verantwortungsvolle Weise dem "Konsumrausch"
ebenfalls ein Riegel vorgeschoben, die "freigesetzte Kaufkraft"
ist ohne Umwege von den richtigen Stellen einkassiert - und die
Scheichs brauchen sich nicht einzubilden, sie hätten "uns" nun
wieder am Haken. Das Umgekehrte ist der Fall, mögen sie auch in-
zwischen mit dem Verkauf ihres Öls einen beträchtlichen Batzen
Geld gemacht haben.
"Recycling des Petro-Dollar": Lieferanten als Käufer
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Der Verwirklichung des Ideals eines nationalen Wirtschaftswachs-
tums scheinen zumindest die Ölstaaten, allen voran Saudi-Arabien,
ein gutes Stück nähergekommen zu sein. Doch auch die den kleinen
Geldbeutel beeindruckenden Summen können nicht darüber hinweghel-
fen, daß diese Staaten Rohstoffländer sind und bleiben. Ihre
prinzipiell unterschiedene Stellung im Vergleich zu den kapitali-
stischen Staaten wurde schon gleich zu Beginn des "Ölschocks"
deutlich: Sie beteiligten sich n i c h t an der Konkurrenz der
Nationalökonomien um die Wirkungen des Ölpreises, sondern wurden
mit ihrem frischgebackenen Reichtum dafür b e n u t z t. An der
Produktion kapitalistischer Waren sind Rohstoffländer als Lie-
feranten einer Bedingung beteiligt, die ihren Preis erst i n
der kapitalistischen Ökonomie erhält; von ihren Einnahmen kaufen
sie sich diese Waren und gehören damit zu denen, die einem Kapi-
talisten Profit realisieren. Die ganze Änderung der Macht der
Öl s t a a t e n bestand darin, daß sie quasi als
P r i v a t leute mit einem dicken Portefeuille interessant wer-
den, worum sich die Banken mit großer Aufmerksamkeit kümmern -
ein als "Recycling des Petro-Dollar" bekanntgewordener Vorgang.
Die fürs staatsbürgerliche Bewußtsein gepflegte Vorstellung, die
Scheichs würden sich Stücke des Bruttosozialprodukts heraus-
schneiden und in ihre Wüstenstädte tragen, mag für die Versamm-
lung der Massen hinter der Fahne des (Wirtschafts-) Nationalismus
gut sein - mit dem modernen Kreditwesen hat sie nichts zu schaf-
fen. Heutzutage werden nicht mehr Goldbarren verschifft, sondern
Guthaben eingeräumt: Wollen die Scheichs mit denen etwas anfan-
gen, müssen sie ihre Kaufkraft eben dort gebrauchen, wo sie sie
herhaben. Großzügig wird ihnen die Möglichkeit eröffnet, sich an
kapitalistischen Unternehmen oder Staatsanleihen zu beteiligen,
und gern gesehen ist auch, wenn sie sich mit ihren Milliarden
Dollar Bewässerungsanlagen, Schulen, Ingenieurskunst und Flieger
kaufen. Das "Recycling" ist also nichts anderes als ein Anschwel-
len des Kredits und damit der weltweiten zahlungskräftigen Nach-
frage, mit eindeutiger Rollenverteilung: Die Scheichs dürfen ihr
Geld ausgeben, die Kapitalisten konkurrieren um die gestiegene
zahlungskräftige Nachfrage. Das Resultat ist ebenso eindeutig:
Die kapitalistischen Ökonomien fabrizieren - wenn auch mit unter-
schiedlichem Erfolg - einen weltweiten Aufschwung auf Grundlage
des hohen Ölpreises; die Ölstaaten haben viel Zeug bei sich her-
umstehen und ziehen Zinsen und Dividenden aus der kapitalisti-
schen Akkumulation, die sie dann dort wieder anlegen.
Die diversen Industrien, die sie sich zur Freude tüchtiger Kapi-
talisten gekauft haben, werden hierzulande nicht ganz zu Unrecht
"Prestigeobjekte" genannt. Da kein innerer Markt, kein Proleta-
riat, in einem Wort: keine kapitalistische Akkumulation bei ihnen
vorfindlich ist, bleibt der einzige Nachfrager eben doch immer
wieder nur der Staat mit seinen Überschüssen. Es entstehen keine
Überschüsse aus Kapitalproduktion, mit denen der Weltmarkt zu be-
eindrucken wäre, und es gibt keine produktive Gesellschaft, die
in Im- und Export Reichtum schafft, dessen sich der Staat bedie-
nen könnte. "Prestigeobjekte" sind die Flughäfen, Hotels und
Meerentsalzungsanlagen also insofern, als der Staat einerseits
dem internationalen Geschäftsverkehr günstige Bedingungen bereit-
stellen will, andererseits auch in sozialer Manier seinen Leuten
nützliche Dinge zukommen lassen will (die hierzulande belächelt
werden, weil ein dem zu entlockender Ausbeutungserfolg nicht
sichtbar ist) - letztlich halt Wert darauf legt, ein "moderner"
Staat zu sein. Es gibt ein paar matte Versuche, die Ertragskraft
der einzig zählenden Reichtumsquelle zu steigern, indem - sind
manche Produktionskosten nicht besonders niedrig? - das Öl einer
Weiterverarbeitung unterzogen wird. Das ist aber eben auch nur
ein "Weiter" und ändert nichts an der Abhängigkeit von dieser
Reichtumsquelle.
Die sehr einseitigen Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage
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wirken recht einfach: Die Zufuhr steigt, die Nachfrage sinkt. Der
hohe Preis hat unter Anleitung und Kontrolle der Ölgesellschaften
neue Anbieter auf den Markt gerufen, von denen einigen das
"Monopol" herzlich gleichgültig ist, der hohe Preis aber sehr
recht; die OPEC selbst sah sich durch ihn zu einer Ausweitung der
Produktion angehalten. Die Käufer sahen sich zu Einsparung und
Substitution veranlaßt. Die Nachfrage nach Energie stieg zwar im
Zuge der kapitalistischen Akkumulation, aber die Nachfrage nach
Öl sank relativ (zum Teil sogar absolut) - es wird tendenziell zu
einem Überangebot.
Den Ölgesellschaften bleibt das natürlich nicht verborgen. Ihr
Schluß daraus ist, den hohen Ölpreis so lange wie möglich beizu-
behalten, da er ihnen K a p i t a l einkünfte verschafft, die in
mehrfacher Hinsicht verwendbar sind. Erstens amortisieren sich
mit dem hohen Preis die hohen Investitionen schneller; gerade die
teuren Anlagen pumpen mit Volldampf, um das Risiko einer mögli-
chen Stillegung - das vorgeschossene Kapital ist noch nicht wie-
der zurückgeflossen - zum Verschwinden zu bringen; das Verrotten
großer Tankerflotten in norwegischen Fjorden oder auf arabischen
Stränden ist ein Indiz dafür, wie gut das gelungen ist - die
Pötte haben sich g e l o h n t, der Schrottwert macht noch
einen kleinen Extraprofit. Zweitens k a p i t a l i s i e r e n
sie ihre Einkünfte vorausschauend, indem sie Konkurrenten aufkau-
fen. Sie betreiben Konzentration des Kapitals mit der Absicht,
eventuellen (vorübergehenden) Verschlechterungen des Marktes mit
gewachsener Kapitalgröße zu begegnen. Die sogenannte Fusionswelle
auf dem US-Mineralölsektor während der letzten zwei Jahre
("Elefantenhochzeiten") gibt Auskunft darüber, wie die Konzerne
mit einem verengten Markt rechnen - und ihn damit auch schon wie-
der im Griff haben. Da diese Fusionen aus strategischen Gründen
durchgeführt wurden und nicht als Aufkaufen maroder Konkurrenten
auf einem maroden Markt, ist es kein Wunder, daß es zu den soge-
nannten "Übernahmeschlachten" kam: Den Aufgekauften wäre es sehr
oft genau umgekehrt lieber gewesen. (Vgl. MSZ 1/86: Glücksritter,
edle Ritter und Pilotfische)
Der "Verfall des Ölpreises" ist so neu nicht, gibt es doch schon
seit Jahren einen offiziellen und einen Schatten-OPEC-Preis. We-
gen der Konkurrenz untereinander und wegen der Konkurrenz mit den
Außenseiterstaaten bedienen sich die Mitglieder des Kartells des
mehr oder minder offenen Betrugs: Sie verkaufen in gesonderten
Verträgen unter dem offiziellen Preis. Die Multis treten den An-
bietern als Agenten der gesunkenen Nachfrage gegenüber und wollen
durch Sonderangebote überzeugt werden, wenn der eine oder andere
Staat "bevorzugt" sein will. Dieser Betrug ist nicht strafbar, da
nur Verstoß gegen eine freiwillige Absprache. Garant dieser Ab-
sprache ist Saudi-Arabien, auch und erst recht, wenn immer mehr
Mitglieder eigene Wege gehen: Das Königreich sorgt durch Reduk-
tion seines Ausstoßes dafür, daß die Kluft zwischen dem offiziel-
len Preis und den vielen Einzelpreisen nicht zu groß wird, und
sieht dabei seine Einkünfte wie auch seine Reserven dahinschmel-
zen. Die Förderungsausfälle infolge des iranisch-irakischen
Kriegs und der Kursanstieg des Dollar kamen den Saudis zwar gele-
gen, konnten aber nicht verhindern, daß ihre jährlichen Über-
schüsse immer mehr zurückgingen. Dieser scheinbar selbstlose Ge-
brauch der Monopolstellung verdankte sich zum einen dem Interesse
der Ölgesellschaften - die Förderung von US- und Nordseeöl wurde
keinen Moment lang eingeschränkt, im Gegenteil laufend erweitert
-, zum anderen einer Abwägung der Saudis selbst: Wenn sie auf ei-
gene Kosten für den, wenn auch immer brüchigeren Zusammenhalt des
Kartells sorgen, sorgen sie auch für die Aufrechterhaltung ihrer
besonderen Stellung innerhalb dieses Kartells.
Wenn die Saudis nun ihre "Zurückhaltung" aufgeben, machen sie mit
einem Schlag das Überangebot zum bestimmenden Faktor auf dem
Markt - sie leiten mit voller Absicht den "freien Fall" des Öl-
preises ein. Auf den nicht aufzuhaltenden Fall des Preises und
die Verschlechterung ihrer Stellung im Lager der erdölexportie-
renden Staaten reagieren sie mit einer absichtsvollen Verschlech-
terung der ökonomischen Basis eben dieser Staaten - womit sie das
Gesetz des Handelns in diesem Zirkel wieder an sich gerissen hät-
ten. Sie nutzen ihre besondere Stellung dafür, allen anderen Mit-
gliedsländern die bislang geduldeten Formen der Preisfummelei ka-
puttzumachen, und machen ihrerseits den Multis ein besonderes
Sonderangebot: Kapazitäten, Qualität des Öls, niedrige Kosten und
immer noch vorhandene Zahlungsreserven erlauben ihnen, vorüberge-
hend so zu tun, als müßten sie auf ihre Einkünfte keine Rücksicht
nehmen - natürlich mit der Spekulation darauf, bei der Neuauftei-
lung des Marktes besonders berücksichtigt zu werden.
Die Rückversicherung bei den Gesellschaften datiert auf Sommer
letzten Jahres - seither gibt es nämlich die sogenannten "net-
back-Verträge". Die enthalten eine garantierte Gewinnspanne für
die Gesellschaften, unabhängig vom letztlich erzielten Verkaufs-
preis, belassen das Risiko des Preisfalls also gänzlich beim
Erstlieferanten. Das hat den Charakter einer Spekulationsabsiche-
rung: Solange die - absichtlich eingeleitete - Bewegung des Prei-
ses und seine Schwankungen anhalten, wollen sich die Ölgesell-
schaften davon einerseits nicht affizieren lassen, andererseits
bei der Neufestsetzung des Monopolpreises Zurückhaltung üben. Die
Zurückhaltung besteht darin, den Markt auf den neuen, "machbaren"
Preis auszutesten und dies den Lieferanten gegenüber geltend zu
machen - das Risiko einer Preisfestsetzung gehen sie nicht ein,
sondern halten sich an ihre gesicherte Ertragsspanne, bis die
Verhältnisse geklärt sind. Die mittelfristige Kalkulation der Öl-
gesellschaften geht darauf, daß eine Reihe unrentabel gewordener
Felder geschlossen wird, das Angebot "sich zurücknimmt", der
Preis wieder steigt, sich aber unterhalb des alten Niveaus stabi-
lisiert, und das Öl zugleich seine Rolle als Energieträger Nr. 1
wieder festigt. Die notwendige Konzentration in den eigenen Rei-
hen ist, wie erwähnt, schon eingeleitet. Dabei haben die Konzerne
eindeutig ihr Monopol im Auge, das fälschlicherweise immer den
OPECs angedichtet wird: Die Abhängigkeit der kapitalistischen Ge-
schäftemacherei vom wirtschaftlichen und politischen Interesse
der Förderländer wird es nie geben, sehr wohl aber die Abhängig-
keit vom Geschäftsinteresse der "Multis".
Nach der Legende vom "Ölschock" das Märchen vom "Wachstumsschub"
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Die ersten Kommentare zum Fall des Ölpreises ritten fröhlich auf
der guten Kunde herum, daß ein "kostenloses Beschäftigungspro-
gramm" hereingeschneit sei und jeder Tankstellenbenutzer einen
Batzen Kaufkraft wieder mit nach Hause nehmen könne. Nun ist dies
aber auch nur die komplementäre Ideologie zu der des "Ölschocks",
der "uns" so sehr geschadet haben soll, auch wenn sie sich mit
noch so vielen Beispielen der Konsumentenfreude bebildert. Unter-
schlagen wird die fast schon tautologische Schlußfolgerung, daß
ein Fall des Ölpreises schlicht und einfach eine ganze Abteilung
der Geschäftemacherei verunmöglicht, die auf dem hohen Ölpreis
aufgebaut ist. Und genau so wenig, wie letzterer eine Krise ver-
ursacht hat, genau so wenig produziert ein niedriger Preis Wirt-
schaftswachstum. Wenn ein Bangemann, ganz Knallbonbon des Opti-
mismuszeitalters, vom "Wachstumsschub" faselt, so zeugt das erst
einmal nur von der prahlerischen Selbstzufriedenheit eines BRD-
Staatsmannes, der sich sicher ist, daß sein Kapital mit der
Preisbewegung was anzustellen vermag - mit einer objektiven Aus-
sage über das Verhältnis von Preis und Akkumulation hat das
nichts zu tun. Bei den segensreichen Wirkungen des niedrigen
Preises wird bevorzugt der "Kaufkraftzuwachs" angeführt. Was die
Arbeiter angeht, kann man sich sicher sein, daß sich dieser
"Zuwachs" schnell in den Taschen des Staates versammelt und die
ganz gewöhnliche Pfennigfuchserei des proletarischen Haushalts
weitergeht - nicht zuletzt ein Verdienst der Gewerkschaften, die
diesen "Zuwachs" bei den Lohnverhandlungen gebührend zu berück-
sichtigen wissen werden. Für die Kapitalisten besteht die ver-
mehrte Kaufkraft zunächst nur in gesunkenen Einkaufspreisen, also
auch in einem entsprechend gesunkenen Bedürfnis nach
K r e d i t. Von der Seite der Kapitalrückflüsse her erzielen
sie aber auch eine Freisetzung von Kapital, da weniger Kapital in
den Ankauf des Rohstoffes rückgeführt werden muß. Ob sie deswegen
den gewohnten Kredit aufrechterhalten und m e h r kaufen, steht
noch in den Sternen. Noch mehr steht in den Sternen, ob sie wegen
des niedrigeren Einkaufspreises mehr verdienen: Sie können ja bei
gesunkenem Kostpreis den Verkaufspreis aufrechterhalten, aber ob
sie ihn aufrechterhalten können, ist eine ganz andere Frage. An
diesem Verkaufspreis macht sich erstens die Konkurrenz zu schaf-
fen - und die drückt, gerade weil sich die verbilligte Ölzufuhr
in allen Abteilungen der Akkumulation bemerkbar macht. Zweitens
müßte für den alten Verkaufspreis die entsprechende Nachfrage
vorhanden sein, was wiederum davon abhängt, ob der Kredit auf al-
tem Niveau aufrechterhalten bleibt.
Wie das ausgeht, sollen die Kapitalisten entscheiden. Aber gerade
die Auskunft von der sinkenden Inflationsrate - versehen mit dem
hoffnungsvollen Hinweis "Eine niedrige Inflationsrate stärkt die
Gewinne" - spricht nicht allzusehr für Ausweitung der innerkapi-
talistischen Nachfrage: Wie soll denn eine gesunkene Inflations-
rate zustandekommen, wenn nicht durch g e s u n k e n e Ver-
kaufspreise? Wer dabei den Gewinn macht, wird sich noch heraus-
stellen - keinesfalls aber a l l e.
Im internen Kapitalkreislauf der Ölgesellschaften und der ihnen
verbundenen Unternehmen macht sich der neue Ölpreis so bemerkbar,
daß sich neben ihren Vorräten und ihrem fixen Kapital - sofern
nicht schon abgeschrieben - die Investitionen entwerten, die in
Erwartung eines d a u e r h a f t hohen Ölpreises getätigt wer-
den: Lizenzen und Optionen auf erst noch zu erschließende Vorkom-
men, Prospektionen und Probebohrungen, Entwicklung neuer techni-
scher Verfahren usw. usf. Konsequenterweise haben fast alle Ge-
sellschaften schon jetzt eine Kürzung ihrer Investitionsbudgets
zwischen 20 und 50 Prozent beschlossen, von den Ausrüstern nicht
zu sprechen. Die Kapitalisten, die ihr Geschäft mit Öleinsparung
und "alternativen Energien" machen, hüten sich natürlich auch vor
größeren Investitionen, solange die Entwicklung des Ölpreises un-
klar ist. Hinzu kommen die Nachfrageausfälle aus den Ölstaaten
selbst, aufgrund rückgängiger Einnahmen, und in diesem Falle kann
man auch einige Landstriche der USA hinzuzählen: In Texas und
Oklahoma machen die kleinen Ölfirmen ("stripper wells") reihen-
weise ihre Bohrlöcher zu, da sie mit vergleichsweise zu hohen
Produktionskosten operieren.
Entwertung von fixem und zirkulierendem Kapital und Nachfrageaus-
fälle gehen also Hand in Hand. Die Entwertung von Kredit kann
nicht ausbleiben, und die ersten sorgenvollen Kommentare werden
laut. (Titelbild "Time": Good News! Cheap Oil! - Bad News! Cheap
Oil!) Den US-Banken stehen bewegte Zeiten bevor: Die vertraute
"Schuldenkrise der 3. Welt" wird um einiges konkreter und heißt
mittlerweile nigerianische, mexikanische, arabische, venezolani-
sche usw. Schuldenkrise. Da gibt es Gewinner und Verlierer - und
das entscheidende Argument heißt wie immer: Kapitalgröße. Im in-
neramerikanischen Geschäft kriegt das eine große Zahl kleiner
Banken zu spüren, die sogenannten "energy banks", die relativ
kleine Summen in den Unterabteilungen des amerikanischen Ölge-
schäfts verwalten.
Die westlichen Staaten: Geht in Ordnung!
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Aufschlußreich ist die unterschiedliche Reaktion der Staaten. Die
BRD gibt sich sehr ungerührt und baut offensichtlich darauf, daß
ihr Kapital von den Entwertungen vergleichsweise wenig betroffen
ist - die alte neidvolle Begutachtung der Vorherrschaft der US-
Banken in der 3. Welt schlägt um in eine gewisse Schadenfreude,
und die Bankfritzen werden nicht müde zu beteuern, daß allfällige
Verluste schon durch vorweggenommene Abschreibungen abgedeckt
seien. Mehr Aufmerksamkeit findet die Tatsache, daß die So-
wjetunion mindestens ein Viertel ihrer Deviseneinnahmen veriiert,
worunter "unsere" besonders profitablen Geschäftsbeziehungen lei-
den könnten. Die optimistischen Berichte von der Leipziger Messe
und ähnlichen Vergnügungen des Verkaufsgesprächs scheinen sich
aber zu bewahrheiten: Die Sowjetunion ist aus produktionstechni-
schen und politischen Gründen so scharf auf die Lieferungen des
Westens, daß sie ihre Bestellungen nicht einfach zurückschraubt,
sondern den Devisenausfall durch Kredit kompensiert. Soeben ist
zur allgemeinen Zufriedenheit unter Führung eines deutschen Ban-
kenkonsortiums mal wieder eine Milliarde über den Tisch gegangen,
ohne daß der Sowjetunion besonders harte Bedingungen aufgemacht
worden wären. Wozu auch - die Fortsetzung des Geschäfts ist in
ihrer Einseitigkeit Ertrag genug.
Der US-Staat sieht sich hingegen zu "Hilfs"maßnahmen für sein Ka-
pital veranlaßt. Geld macht aber auch er nicht locker, er bedient
sich vielmehr seiner p o l i t i s c h e n G e w a l t. Für
die gefährdeten Kleinbanken - immerhin 4000 sollen es sein - ver-
fügt er eine gesetzliche Halbierung der bisher vorgeschriebenen
Eigenkapitalbildung. Diese Kapitalzuführung , per Federstrich
trägt auf den ersten Blick Züge (einer gewissen Leichtfertigkeit
an sich; wenn aber der amerikanische Staat sagt, genau so wären
ihm seine Banken recht, dann handelt es sich um "ordentliches"
Kapital und für alle Banken, die strengeren Bestimmungen unter-
liegen - in erster Linie die ausländischen - um einen Konkurrenz-
nachteil. Die souveräne Handhabung der Kreditgrundlagen setzt
sich nach außen fort bzw. ist schon abgewickelt: Mit dem Baker-
Plan (vgl. MSZ, 11/85, Dollar und "Weltschuldenkrise") ist die
gesamte imperialistische Gemeinschaft für die Absicherung der
großen Schuldenberge in die Pflicht genommen, also auch den
großen US-Banken eine Garantie erteilt worden. Der Grund dafür
ist nicht die besondere Sorge um die Profitabilität der einheimi-
schen Bankenmafia, sondern die Sorge um die Stabilität des
S t a a t s k r e d i t s, der durch größere Bankenkräche in
Mitleidenschaft gezogen würde. Das Fallieren der einen oder ande-
ren Bank ist also eingerechnet, aber Übernahmeaspiranten stehen
genügend an, so daß die Wirkung solcher Pleiten nur in einer wei-
teren Konzentration des Bankkapitals besteht - eine durchaus er-
wünschte Wirkung, wie sie schon die Ölgesellschaften vorexerziert
haben.
Die Reise des Vizepräsidenten Bush nach Saudi-Arabien ist auch
nicht mit einer besonderen Fürsorglichkeit für die (kleinen) Öl-
gesellschaften zu verwechseln. Zwar soll Bush vor einem weiteren
Verfall des Ölpreises gewarnt haben, zugleich hat er aber auch
betont, daß er sich in den Ölpreis nicht einmischen will. Die
Auflösung gab er selbst: Wie die heimische Ölindustrie mit dem
tiefen Preis fertig wird, ist allein ihre Sache; den US-Staat in-
teressiert der gebrauchswertmäßige Aspekt der Angelegenheit, daß
nämlich die "n a t i o n a l e Reserve" nicht beeinträchtigt
werden darf. Die Stillegungen auf den amerikanischen Ölfeldern
dürfen nicht so weit gehen, daß die je schon bestehende Unabhän-
gigkeit der USA von Ölimporten technisch untergraben wird. Ziem-
lich unverhüllt wird an den Kriegsfall erinnert... Gewünscht ist
also eine Stabilisierung des Ölpreises auf einem Niveau, das noch
genügend amerikanische Ölquellen in Gang hält, ohne daß der Staat
auf seine Gesellschaften direkt Einfluß nehmen müßte.
Ansonsten fällt den Amis auch nur ein - aber nicht nur ihnen -,
was ihnen immer einfällt: Gibt es Schwierigkeiten beim Aufrüsten
und schadet es den Russen? Die Pentagon-Ökonomen haben sich dar-
auf geeinigt, daß der Ölpreis auch die Inflation und die Zinsen
drückt, sich hinsichtlich der Staatsverschuldung eigentlich
nichts ändert, aber nur zum Besseren hin. Wahr und falsch ist da-
bei auch ziemlich egal. Der Schaden der Russen läßt sich hingegen
ziemlich genau messen:
"Das Weiße Haus war erfreut, als der Ölpreis (von 30 Dollar im
November auf etwa 10 Dollar im Februar) hinunterrutschte. Es sah
darin eine Veränderung, die die Inflation und die Zinsen herun-
terdrücken würde.
Der zusätzliche Druck eines niedrigeren Ölpreises auf die Devi-
seneinnahmen der Sowjetunion wurde darüberhinaus als strategi-
sches Plus betrachtet." (Financial Times, 3.4.)
"Es gibt viel zu tun. Packen wir's an." (Esso)
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Die Scheichs auf den Boden der Tatsachen...
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