Quelle: Archiv MG - NAHOST OELSTAATEN - Von den Petro-Dollars

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EIN GESCHÄFT ERSTER KLASSE

In der Ölfrage scheinen die Fronten klar: die Anbieterländer wol- len möglichst hohe Preise für ihr Zeug, die Nachfrager sind ge- willt, niedrige Preise auch mit Waffengewalt durchzusetzen. Zwi- schen beiden Parteien stehen die Ölmultis, die erstens über das Gerät verfügen, den Saft aus der Erde zu holen ("strategisches Gut" nennt man das und die amerikanische Regierung hat ein wach- sames Auge darauf, daß es nicht die falschen kriegen, gepaart mit einer freigiebigen Hand gegenüber den eigenen Ölmultis - und das sind von den 7 immerhin 6), zweitens über das Gerät, den Saft zu verschicken, drittens über die Kessel, worin er gegoren wird, und viertens über die Zapfsäulen. Angesichts dieser Stellung ist gleich klar, daß die Multis einerseits ins Feuer der Kritik gera- ten, ihnen das andererseits scheißegal sein kann: die amerikani- schen Ölgesellschaften, die ihre Macht der Förderung im eigenen Land verdanken (80% ihres Öls kaufen die Amerikaner bei sich zu Hause ein), wie auch BP mit ihrem Nordsee-Öl profitieren mit ih- rem eigenen Öl immer kräftig mit, wenn die OPEC-Staaten die Preise anziehen ("windfall-profits" nennt man dieses Naturphäno- men), was ihnen im Verein mit ihrer unverzichtbaren Vermittler- rolle zu "unanständig hohen Gewinnspannen" verhalf; in dem unan- ständig liegt die übliche staatsbürgerliche Kritik, ob denn nicht der Profit zugunsten des Allgemeinwohls ein bißchen niedriger sein könnte. Worauf die Multis noch jedesmal lässig antworten, daß ohne große Gewinne keine großen Investitionen zu machen seien, andererseits diese Investitionen die Menschheit bitter nö- tig habe - wo will sie denn sonst ihre Energie herbekommen? In der Gewißheit, über das Energiemonopol Nr. 1 in der Welt zu ver- fügen, prägen sie noch der hinterletzten Seele ihre Abhängigkeit von den großen Gesellschaften ein. Und kein Mensch regt sich auf, wenn auf die Ankündigung der OPEC-Staaten, den Preis pro Barrel um 2 Dollar zu erhöhen (= 2 Pfennig pro Liter), die Erdölgesell- schaften mit der Erklärung nachziehen, da müsse man den Benzin- preis wohl um 20 Pfennig anheben. Konkurrenten links, Konkurrenten rechts --------------------------------------- das Weltkind in der Mitten! --------------------------- Während die Ölgesellschaften behäbig in der Mitte sitzen, spielt sich zu ihrer Linken und Rechten einiges ab. Die Fronten der An- bieter- und Nachfrageländer sind nämlich keine einheitlichen Blöcke, sondern konkurrieren untereinander wieder um möglichst hohe bzw. niedrige Preise. Die N a c h f r a g e länder scharen sich notgedrungenermaßen um die USA, denn nur bei diesen liegt die tatsächliche Macht, das Öl mit Kanonengewalt aus der Erde zu holen. Wenn die US-Boys als Speerspitze die Last der Verfügbarmachung, sprich: militärischen Sicherung, übernehmen, haben sie dafür freilich einen anderen Grund als die, die auf sie hoffen: handeln die Bündnispartner der USA aus dem Zwang heraus, alle Maßnahmen ergreifen zu müssen, um einer plötzlichen ernsten Notlage zu entgehen, wofür sie alle Re- serven des eigenen Landes auszuschöpfen bemüht sind, so handeln die USA in der Gewißheit, für alle Ernstfälle genug Öl zu haben, es möglichst aber schonen und sich die Reserven der ganzen Welt stattdessen zugänglich machen zu wollen. Agenten dieser politi- schen Entscheidung, die sich einer mächtigen ökonomischen Basis verdankt, sind die amerikanischen Multis, die sich der Unterstüt- zung ihres Staates gewiß sein können, und zwar je mehr sie sich multinational ausbreiten. Für Fälle kleinerer Kollisionen, wo ihr Geschäftsinteresse nicht unmittelbar mit dem nationalen Interesse zusammenfallen will, behält sich der amerikanische Staat so harte Maßnahmen vor, wie: der Ölverknappungspolitik seiner großen Kin- der durch Subventionierung des Imports zu begegnen (wofür er seine Druckmaschine ein paar Grad schneller stellt), oder die "windfall-profits", die den Gesellschaften durch die Erhöhungen des OPEC-Preises unverhofft hereinschneien - sie müssen ja zwangsläufig mit den Preisen für ihr einheimisches Öl nachziehen! -, durch eine Sondersteuer wegzunehmen - um sie ihnen als Unter- stützung für ihre ausgedehnten Kernenergieprogramme wieder zukom- men zu lassen. In diesem souveränen Umgang der Amis mit der Ölfrage steckt zum einen der Konkurrenznachteil ihrer Bündnispartner, zum anderen deren Zwang, sich diesem Souverän anzuschließen. Zur Kompensation ihres Nachteils greifen die anderen kapitalistischen Staaten zum Mittel der freien Vereinbarung, d.h. sie versuchen direkte Abkom- men zwischen Staat und (Öl-)Staat herbeizuführen: die BRD ent- deckt in Libyen, einem Terroristenland mit den höchsten Preisen, einen engen Verbündeten, den die Italiener schon längst haben, was sie aber nicht daran hindert, durch etwas peinliche Beste- chungsmanöver das saudische Öl zu sich umzuleiten, die Japaner erschließen den ostasiatischen Rohstoffmarkt ganz neu, die Eng- länder besorgen sich ihr Öl ungerechterweise aus den eigenen Ho- heitsgewässern und denken nicht im Traum daran, es freigiebig zu verteilen... An den Beispielen fällt auf, daß an erster Stelle der staatlichen Erwägungen die Sicherung genügend großer M e n g e n steht und daß das P r e i s problem sich erst im Gefolge dessen stellt. Diese Begierlichkeit der kapitalistischen Staaten, die manchmal zu häßlichen Tönen untereinander führt, muß den A n b i e- t e r ländern natürlich ins Auge stechen: bereitwillig bieten sie freie Kontraktierung an und wollen aus der Konkurrenz der Nachfrager größtmöglichen Vorteil schlagen. Doch infolge ihrer zumindest technischen Unverzichtbarkeit haben die Ölgesell- schaften noch jedesmal den Daumen drauf und ihr Geschäft gesi- chert, womit der ganze Fortschritt für die Nachfrageländer in der Hoffnung besteht, die bestehenden komplizierten Vertragswerke um- gehen und zu günstigeren Bedingungen hinsichtlich der zu liefern- den Mengen kommen zu können; zum anderen richtet sich dabei auch eine Konkurrenz zwischen den Anbietern ein, eine Konkurrenz, bei der schließlich die Stärkeren das Marktgeschehen diktieren. Good News From the OPEC! ------------------------ Die zuletzt in Venezuela erfolgte Auflösung des OPEC-Kartells, also auch des einheitlichen Preises, ist nichts anderes als der E n d p u n k t einer Entwicklung, in der die einzelnen Ölstaa- ten durch Loslösung vom gemeinsamen Preis mehr für sich her- auszuholen versuchten, wie auch A n f a n g s p u n k t einer Entwicklung, in der die größten Öllieferanten manch anderen ein böses Erwachen bescheren, indem sie ihre größeren Mengen in die Waagschale werfen. Wenn der saudische Ölminister Yamani in Vene- zuela aus der Konferenztür tritt, und den westlichen Journalisten die zeitweilige Auflösung des Kartells mit den Worten "Good news!" mitteilt, dann ist die Interpretation nicht schwierig: Saudi-Arabien und Venezuela, die größten Öllieferanten, wissen, daß das Öl eine politische Waffe ist und auch einen politischen Preis hat; die ihnen daraus zugute kommenden Wirkungen, nämlich ihre luxuriöse politische und materielle Stellung im westlichen Lager - was selbstverständlich nur für die gilt, die vom Öl le- ben, und nicht von denen, die Kamele durch die Wüste oder Lamas durch die Hochebenen treiben und die Bohrtürme als modernes Teu- felswerk bestaunen -, wollen sie keinesfalls gefährden. Von daher ist in ihrer Ölkalkulation nicht nur der simple Gedanke des maxi- malen Erlöses maßgebend, sondern der "Erlös" bestimmt sich auch hinsichtlich der langfristigen politischen Absicherung und der von den Westmächten wohlwollend betrachteten - Durchsetzung gegen die Scharfmacher des Ölmarktes. Wenn diese, auf die rege Nach- frage der kapitalistischen Länder spekulierend, immer höhere Preise fordern und mit Mengenverknappung drohen wollen (wobei es sich beim Iran und dessen laufender Mengenreduzierung zweifellos nicht um freien Willen handelt - die Anlagen verrotten eben und finden keinen Reparateur), so werden sie sich plötzlich auf dem von ihnen so herbeigewünschten freien Markt, ohne Fessel des Kar- tellpreises, in Gesellschaft einiger Anbieter sehen, die nicht nur mehr auf den Markt zu werfen haben als sie, sondern auch zu kleineren Preissenkungen bereit sind - keine großen, aber ausrei- chend, um die, die so dringend auf ihr Öl angewiesen sind und sonst keinerlei Zuwendungen erhalten, ganz schön an die Wand zu drücken: "Der saudiarabische Ölminster Yamani hat in einem Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in Riad seine Auf- fassung bekräftigt, daß es im Verlauf des Jahres vorübergehend zu einer neuen Ölschwemme und damit wieder zu sinkenden Ölpreisen kommen könnte." (9. Jan.) Der Krisenbeschwörung zweiter Teil gewinnt also auch hier einen versöhnlichen Ausblick: zwar mögen die momentan hohen Erdölpreise gar manche Volkswirtschaft zwacken, doch Erleichterung, auf jeden Fall geordnete Bahnen sind in Sicht. Ebenfalls in Sicht ist, daß die Durchsetzung der Nationalstaaten gegeneinander in der kommen- den Krise sich zu einem Gutteil ihrem Geschick im Umgang mit der Ölfrage verdanken wird, weswegen so manches fleißige Staatseich- hörnchen jetzt schon von Bohrturm zu Bohrturm hüpft. Im Unter- schied zum gewöhnlichen Eichhörnchen wird es jedoch nicht nur darauf achten, für sich selbst genug zu günstigen Preisen anzu- sammeln, sondern obendrein versuchen, die anderen Eichhörnchen in die mißliche Lage zu bringen, letzte schäbige Reste zu horrenden Preisen aufkaufen zu müssen. zurück