Quelle: Archiv MG - NAHOST LIBANON - Eine abrufbare Weltkrise

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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 1, 09.11.1983
       
       Wochenschau
       

IM LIBANON

gibt es nach Auffassung der westlichen Öffentlichkeit eine "internationale Friedenstruppe", die israelische Armee und "Terroristen", die für eine "explosive Lage" sorgen, bzw. die "Lage eskalieren". Eine solche Lesart der Ereignisse ist von so unverfrorener Parteilichkeit, daß sich damit im Grunde die Frage erledigt, wie der demokratische Verstand bundesdeutscher Staats- bürger kriegsbereit zu machen sei: Wenn die USA und ihre NATO- Verbündeten ein paar Tausend Mann schwerbewaffnete Eliteeinheiten in Beirut anlanden, diese in Stellungen einrücken lassen, von denen sie die Batallione des Falange-Häuptlings Gemayel im inner- libanesischen Machtkampf wirkungsvoll unterstützen - dann gilt das als F r i e d e n s m i s s i o n, die von den Breitseiten der vor der Küste kreuzenden Kriegsflotte auf Drusendörfer unter- strichen wird. Wenn die israelische Armee den Süden des Landes okkupiert hält, aus der Bevölkerung die männlichen Palästinenser aussortiert und in Lagern in Israel konzentriert - dann ist dies ein S t a b i l i t ä t s f a k t o r. Wenn allerdings Gruppie- rungen des Landes, gegen die sieh die Präsenz der westlichen Kriegsmaschinerie richtet, die laufend verstärkten feindlichen Stützpunkte angreifen - dann handelt es sich bei den ohnmächtigen Attentaten nach übereinstimmender Auffassung einer empörten Freie-Welt-Meinung um "heimtückische, feige Anschläge", die den "Friedensprozeß" stören. Man erwartet einen "Vergeltungsschlag" der prompt vermehrten US-Marines und registriert als "logische Folge" den gewohnt raschen und harten Gegenschlag der Isrselis, natürlich gegen die Palästinenser, gegen wen denn sonst? Während die Toten in den amerikanischen, französischen und israelischen Hauptquartieren akribisch gezählt werden, läßt sich die Strecke der offenen und mutigen Bomberpiloten bzw. Schiffskanoniere zah- lenmäßig nicht erfassen. Macht auch nichts. Denn nicht nur im Na- hen Osten ist ein toter Amerikaner allemal für einen K r i e g s g r u n d gut, während die Leichen der Einheimi- schen, ihre zerstörten Häuser die unumgängliche Begleiterschei- nung der "Stabilisierung" "instabiler Verhältnisse" sind. Die wird g e f ö r d e r t durch 1600 aus Grenada nach Beirut verlegte Marines; "gefährdet" durch alles, was sich dem Plan ei- nes NATO-Protektorats "Freier Libanon" unter der Statthalter- schaft des Amin Gemayel noch in den Weg stellt: Syrer, Palästi- nenser, Drusen und die neuerdings entdeckten "proiranischen" Kräfte unter den Schiiten des Landes. Um des Friedens willen wird so noch sehr "hart zurückgeschlagen" werden müssen bis die "Friedenstruppen" ihre Mission erfolgreich erfüllt haben. * Nur noch als Fußnote gehandelt wird dagegen der Krieg zwischen Arafat und aufständischen Verbänden seiner Fatah: Weil die PLO militärisch von Israel f e r t i g g e m a c h t und politisch- diplomatisch von der westlichen Nahostpolitik ausmanövriert wor- den ist, melden die Medien hierzulande das Gemetzel nicht ohne Genugtuung: Die "Terroristen" massakrieren sich gegenseitig und mit dem verbleibenden Rest werden die "Friedenskräfte" im Nahen Osten um so leichter fertig werden. zurück