Quelle: Archiv MG - NAHOST LIBANON - Eine abrufbare Weltkrise
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Libanon '83:
SCHAUPLATZ EINER DEMOKRATISCHEN KRIEGSERÖFFNUNG
Wenn ein Staat einen militärischen Angriff auf eine feindliche
Macht plant: wird er das der Weltöffentlichkeit offenherzig mit-
teilen? Die Angriffspläne, die er mit seinen Verbündeten ausar-
beitet: wird er die bekanntgeben? Fangen Kriege überhaupt (noch)
so an, daß durch alle demokratischen und verwaltungsgerichtlichen
Instanzen hindurch eine förmliche Kriegserklärung geplant, aus-
diskutiert, beschlossen, verkündet und rechtskräftig gemacht
wird?
Eine absurde Vorstellung.
Eine zivilisierte Demokratie jedenfalls, die an die militärische
Beseitigung eines störenden Gegners herangeht, macht das so: Sie
schickt Truppen in das umstrittene Gebiet - das heißt spätestens
ab dann "Krisengebiet" und die entsandten Soldaten "Friedens-
truppe". Sie schafft sich vor Ort einen einheimischen Vasallen,
der kraft seiner Souveränität die demokratische Militärmacht
ruft, die ihn in den Sattel gehoben hat - das gewaltsame
Eingreifen heißt folglich "Unterstützung der legitimen Staatsge-
walt" und "Bekämpfung des Terrorismus". Sie verkündet die Entfer-
nung gegnerischer Macht aus den von ihr beanspruchten Regionen
als selbstverständliches Recht, dem der Gegner gehorchen müsse;
sie ignoriert sehr selbstsicher Truppen, Waffen und Hoheitsan-
sprüche des Feindstaates; und wenn der sich das nicht gefallen
läßt, womöglich sogar demokratisches Fluggerät abschießt, dann
wird es höchste Zeit für "Vergeltungsschläge", die dem Gegner die
demokratische Rechtslage anschaulich und fühlbar machen.
Eine zivilisierte Demokratie schließt mit ihrem Verbündeten in
der "Krisenregion" einen "strategischen Pakt", der gemeinsame Ma-
növer, die Abstimmung aller militärischen Operationspläne, mili-
tärische Vorratshaltung für im Bedarfsfall anrückende Armeen und
anderes umfaßt - und behauptet, unbekümmert um den Schein von
Glaubwürdigkeit, dieser Pakt richte sich im Grunde gegen niemand;
als würden US-Soldaten und Israelis gemeinsam Krieg spielen, weil
sie einander so heftig mögen. Eine zivilisierte Demokratie be-
nennt im nächsten Atemzug das Ärgernis, das sie unter Androhung
und mit den Mitteln militärischer Gewalt aus der Welt schaffen
will: die Tatsache, daß die Sowjetunion noch immer auf einen ara-
bischen Staat größeren Einfluß hat, nämlich auf Syrien - und be-
hauptet unbeirrt weiter, sie wolle mit ihrem "strategischen"
Paktsystem ja "nur" die Abwehrpositionen des Westens ein wenig
verbessern. Eine zivilisierte Demokratie liefert eigene Soldaten
ans Messer, setzt dem Gegner mit Luftangriffen zu - und beklagt
eine "besorgniserregende Zuspitzung der Lage". Sie sammelt über-
legene Kräfte vor Ort, führt mit Teilen davon Kriegsoperationen
durch - und nennt das nicht Krieg, sondern "chirurgische Ein-
griffe", weil ja gar nicht die gesamte Streitmacht in die
Schlacht geworfen ist. Sie strebt eine militärische "Bereinigung"
des "Nahost-Problems" an, weil kein denkbarer Kompromiß ihrem er-
klärten strategischen Zweck genügt - und fügt das platte Dementi
an: Ein Krieg gegen Syrien sei natürlich nicht geplant; sie über-
läßt es dem syrischen Außenminister festzustellen, sein Land be-
finde sich offenbar im Kriegszustand mit den USA.
Ohne völkischen Begeisterungstaumel; unter dem höchst sachlichen
Obertitel, da sei ein dringliches, krisenhaft zugespitztes, an-
ders nicht mehr zu bewältigendes P r o b l e m z u l ö s e n
- über die dabei anfallenden Leichen stellt die nationale Begei-
sterungswelle sich ganz von selbst ein! -: S o kommt eine zivi-
lisierte Demokratie in die Eröffnungsphase ihres dritten großen
Krieges hinein.
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