Quelle: Archiv MG - NAHOST LIBANON - Eine abrufbare Weltkrise


       zurück

       Israelische Geiselnahme,  schiitischer Geiselmord und US-amerika-
       nische Bombendrohungen  -  die  Weltöffentlichkeit  unterscheidet
       peinlich genau:
       

TERRORISMUS UND GEISELN VON ZWEIERLEI ART

Im Südlibanon wurde vor gut einer Woche ein islamischer Politiker entführt, der als der geistige Führer der dort ansässigen Schii- ten und ihrer Hisbollah-Milizen gilt. Er sitzt seither in den Verließen seiner Entführer, wird nach Kräften "verhört" und soll dabei "Geständnisse abgelegt" haben. Ein klarer Fall von Terro- rismus - allerdings nicht von seiten der israelischen Entführer. Der Entführte selbst ist der "Terror-Scheich" - so weiß es jeder ganz genau. Daß der israelische Geheimdienst den Scheich Obeid mitsamt zwei Verwandten entführt und dabei einen Nachbarn erschossen hat, hat den "Bild"-Kommentator jedenfalls nicht zu folgender Auskunft veranlaßt: "Geiseln sind Faustpfänder in der Hand mordbereiter Schacherer - und darauf weiß der zivilisierte Mensch keine Ant- wort." Gemeint ist die Hisbollah mit ihren Geiseln. Da ist sich die zivilisierte westliche Welt also einig: Entfüh- rung ist noch längst nicht gleich Entführung, Mord nicht gleich Mord, und Terroristen sind sowieso immer die anderen. Deshalb ist es auch kein Staats-Terrorismus, sondern gilt höchstens als "Problem", wenn Israel in seinen besetzten Gebieten regelmäßig Leute umbringt, einsperrt und verschleppt, ihre Häuser nieder- walzt und ihre Geschäfte ruiniert. Deshalb ist es auch kein Ter- rorismus, wenn die Israelis mit Mord und Totschlag und der ganzen Wucht ihres Militärs gegen die Bevölkerung vorgehen, die sich mit Steinen und ein paar Anschlägen ohnmächtig gegen die Besatzung zur Wehr setzt. Da macht man sich höchstens Sorgen, ob Israel so auf Dauer Ruhe und Ordnung gewährleisten kann. Es gilt auch nicht als Staats-Terrorismus, sondern als legitimes Sicherheitsinter- esse Israels, wenn es den Süden des Libanon mit einer verbündeten Miliz kontrolliert und wenn seine Armee regelmäßig zu Streifzügen über die Grenzen hinaus in den Libanon eindringt oder mal wieder die noch weiter entfernte Bekaa-Ebene bombardiert. Eher schon zeigt man offene oder heimliche Bewunderung für die Kaltschnäu- zigkeit der israelischen Armee- und Geheimdienstaktionen, mit der sie einen prominenten Vertreter der Gegenseite umbringen oder entführen und ihren Gegnern bis in deren Hinterland gezielte mi- litärische Schläge versetzen. Bei diesem sicheren Einverständnis mit der überlegenen Gewalt wird dann höchstens noch darüber spe- kuliert, welche weltpolitischen Folgerungen sich aus all dem er- geben könnten. Freiheit! - Für die Geiseln? ---------------------------- Mit der jüngsten Entführungsaktion ist "Bewegung" in den Nahen Osten gekommen. Der US-Präsident "erinnert" sich plötzlich wieder der "vergessenen Geiseln" im Libanon, und Israels Kommandounter- nehmen gilt seither unwidersprochen als "Beitrag zur Lösung des Geiseldramas". Diese Interpretation, die offenbar für jedermann als guter Grund für so einen Überfall gilt, hat Israels Regie- rungschef Schamir einige Tage nach der Entführung selbst in die Welt gesetzt: "Der einzige Zweck unserer Operation war, unsere Soldaten zu be- freien. Wir wären glücklich, wenn es uns gelingen sollte, Geiseln frei zu bekommen." (Süddeutsche Zeitung, 2. 8.) Freilich paßt diese nachgeschobene Begründung der Aktion mehr auf den Geschmack des westlichen Publikums als auf die Wahrheit. Von einem Gefangenenaustausch kann nämlich kaum mehr die Rede sein, wenn Israel erklärt, bei dieser Aktion durchaus mit dem Tod von Geiseln und Schlimmerem gerechnet zu haben. Das tatsächliche Anliegen der Geiselnahme lautete denn auch ganz anders: "Aus israelischen Militärkreisen verlautete, Obeid sei wegen An- stiftung zu Angriffen auf Israel verschleppt worden. In einem is- raelischen Militärkommuniqué hieß es, Obeid habe zum Kampf gegen Israel ermutigt und Terroraktionen angeordnet. Er habe Guerilla- Kämpfern Unterschlupf gewährt und Waffen weitergegeben." (Süddeutsche Zeitung, 29.7.) Israel pocht also auf das Recht, jeden Widerstand gegen den jüdi- schen Staat in den besetzten Gebieten und in den angrenzenden Ländern mit allen Mitteln der Gewalt niederzuschlagen. Und Israel hält es so nur für billig, daß die Hisbollah, die sich nicht ein- fach diesem israelischen Rechtsanspruch unterwirft, mit einer de- monstrativen Strafaktion bedacht wird. Und die israelischen Poli- tiker können ihre militärischen Schläge frei kalkulieren, weil sie über die überlegenen Gewaltmittel verfügen. Die Hisbollah hat nämlich außer ein paar Tausend aufopferungswilliger Milizionäre nichts als die Hoffnung auf ihrer Seite, daß sich der Westen - oder auch Israel - durch das Schicksal einiger gefangener Geiseln beeindrucken ließe. Die Todesultimaten der Hisbollah verfangen nur dann, wenn Israel oder den USA etwas am Leben der Gefangenen liegt. Doch beide Mächte haben in Wort und Tat unterstrichen, daß an ihrer Kompromißlosigkeit kein Zweifel besteht. Die Israelis werden nicht müde zu betonen, daß sie Scheich Obeid nur zu ihren Bedingungen freilassen, und wenn noch so viele Geiseln umgebracht werden. Und von ihrer Schutzmacht USA werden sie auch in keiner Weise gedrängt, etwas für das Leben der Geiseln zu tun. Wenn die westliche Welt ihre - zum Teil seit 1985 gefangenen - Geiseln ausgerechnet jetzt wiederentdeckt, dann zeigt das etwas anderes als ihre Sorge um Menschenleben. Umgekehrt: Der eine oder andere t o t e Higgins - übrigens zugegebenermaßen als US-Spion im Südlibanon eingesetzt - dient Israel wie den USA als Rechtsti- tel zuzuschlagen, wobei eine größere Anzahl von Leichen selbst- verständlich einkalkuliert ist. Die israelische und amerikanische Drohung mit militärischen "Vergeltungsschlägen" ist nämlich von anderem Kaliber als das Kidnapping der islamischen "Fanatiker". Freiheit - Für den Weltpolizisten! ---------------------------------- Höhere als menschliche Gesichtspunkte hat US-Präsident Bush wohl im Kopf gehabt, als er "betroffen" verkündete, "er treffe seine Entscheidungen in dem Geiseldrama mit schwerem Herzen" (SZ, 4.8.). Die Zeitung meldete ein paar Zeilen weiter: "Während Cicippio die Weltöffentlichkeit in einer auf Video auf- gezeichneten dramatischen Rede anflehte, sein Leben zu retten und Scheich Obeid freizulassen, bereiten sich die USA offenbar auf einen Vergeltungsschlag gegen die Fundamentalisten vor." (SZ, 4.8.) Das also ist die "ohnmächtige" Reaktion der USA auf die Heraus- forderung der Hisbollah. Sie setzen gleich eine ganze Region der Bombendrohung aus. Die zynischen Befürchtungen der westlichen Menschenfreunde, man täte sich schwer mit dem Aussuchen von Zie- len für das Bombardement, weil man nicht genau wüßte, wo die His- bollah-Kämpfer sitzen, konnten die US-Militärplaner mit ihren großzügigen Planungen zerstreuen: "Nach Angaben der Times sind die Militärplaner sicher, günstige Ziele bestimmt zu haben. Sie hätten sich aber beschwert, es man- gele an verläßlichen Informationen über die Standorte der Terro- risten-Gruppen ... Im Golf seien außerdem Zerstörer und Fregatten stationiert, die die iranische Küste unter Feuer nehmen könnten. - Tausende von Libanesen sind in den Tagen der derzeitigen Gei- selkrise aus Angst vor einem amerikanischen Vergeltungsschlag in die von Israel beanspruchte Sicherheitszone im Südlibanon ge- flüchtet." (SZ, 4.8.) Während das Weltgewissen also noch befürchtete, die USA würden sich nicht trauen, einfach Bomben auf den Libanon oder gar den Iran zu hauen, war die ansässige Bevölkerung realistischer. Die USA sehen das "Geiseldrama" offensichtlich weniger als sol- ches und kümmern sich auch nicht um die kleinliche Frage, ob man auch die Richtigen trifft. Für sie ist es von vorneherein eine weltpolitische Angelegenheit. Die Geiseln und deren bedrohtes Le- ben dienen als Anlaß und Rechtsgrund, sich als Weltpolizist und Ordnungsmacht auch für den Nahen Osten herausgefordert zu sehen durch die Hisbollah und ihre vom Westen ausgemachten Drahtzieher. Jeder weiß, daß die Bombendrohungen Bushs auf den Iran abzielen. "Washington setzt in diesen Tagen auf den gerade gewählten irani- schen Präsidenten Rafsandschani. Alternativ wurden militärische Aktionen vorbereitet, die sich nicht gegen den zerklüfteten See- räuber-Hafen Libanon, sondern gegen das Hauptquartier Teheran richten würden. Die Konsequenzen wären weitreichend." (Welt am Sonntag, 6.8.) Darum geht es, und dafür sind auch weder ein paar tote Geiseln noch die sogenannte Zivilbevölkerung ein Hindernis: Die neue Re- gierung des Iran wird dem Test unterzogen, wie sie es mit den anti-israelischen und anti-westlichen Kräften im Libanon hält, die vom Iran aufgebaut und unterstützt worden sind. Dieser Test wird mit der öffentlichen Zurschaustellung der eigenen Unnach- giebigkeit und der demonstrativen Androhung militärischer Gewalt veranstaltet. So soll der Iran wieder ein Stück weit auf westli- chen Kurs gezwungen und die Gegner westlicher Ansprüche im Li- banon geschwächt werden. Dafür wird mit einem breitgestreuten Bombenhagel auf den Libanon oder den Iran gedroht. Und gleichzei- tig werden Syrien und der Iran diplomatisch aufgefordert, die Hisbollah zur Ordnung zu rufen, damit die westliche Drohung nicht wahr werden muß. "In dieser Situation darf man auf keine Option verzichten." (Ein Präsidenten-Berater) Die Weltmacht nimmt sich also alle Freiheiten heraus. *** Bild informiert: Der gute und der böse Fanatismus ------------------------------------------------- Angesichts des israelischen Schlags gegen den Hisbollah-Führer hat "Bild" die interessante Frage aufgeworfen: "Warum sind die Schiiten so fanatisch?" Diese Frage beantwortet die Zeitung wie immer "unabhängig, über- parteilich": "Mord an einem 'Ungläubigen' ist für Hisbollah-Fanatiker eine gute Tat." Diesen Fanatismus kann "Bild" gut nachfühlen. Sie rüstet ihre Le- ser geistig auf, damit sie die "guten Taten" unserer Freunde aus Amerika und Israel zu würdigen wissen: "Man lernt, diese Entführer aus tiefster Seele zu hassen." Damit kann die zweite Frage: "Was kann die US-Flotte erreichen?" ohne falsche Skrupel beantwortet werden: "Ihre Kampfflugzeuge können Stützpunkte der Hisbollah im Südliba- non bombardieren, Landungskommandos der Marine-Truppe können bei Überraschungsangriffen Gefangene machen. Aber Hisbollah und an- dere Milizen sind alarmiert." Ärgerlich, daß diese Fanatiker von der Hisbollah sich auch noch gegen "Entführung, Geiselnahme und Mord" zur Wehr setzen können, statt daß die USA sie heimlich und völlig überraschend aus dem Hinterhalt erwischen. zurück