Quelle: Archiv MG - NAHOST LIBANON - Eine abrufbare Weltkrise
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 79, 25.10.1983
Bürgerkrieg und Waffenstillstand im Libanon
EIN SCHAUPLATZ IM KRIEG GEGEN DIE SOWJETUNION
Zwei "Selbstmordkommandos" sprengen sich, einige französische und
US-amerikanische Truppen in Beirut in die Luft. Der Westen nimmt
es wie eine bestellte Bestätigung seiner militärischen
"Befriedung des Libanon" (Ehmke). Erst recht gehört hier von
NATO-Truppen geschossen, "die um Waffenstillstand und Frieden be-
müht" (Kohl) sind. Die westliche Besatzungsmacht Israel bekräf-
tigt (un)gerührt, ihre Politik werde dadurch "in nichts geändert"
(Schamir). Und der Einsatz der US-Navy geht nun auch schon des-
halb in Ordnung: "Die vor Beirut ankernden Einheiten der 6. US-
Flotte unter Anführung des Flugzeugträgers Eisenhower und das
Schlachtschiff New Jersey näherten sich in den Mittagstunden der
Küste, um Verletzte aufzunehmen." (SZ) Einen W a f f e n-
s t i l l s t a n d i m l i b a n e s i s c h e n "B ü r-
g e r k r i e g" haben die USA erst neulich durchgesetzt.
Nicht zuletzt mit Hilfe ihres schußgewaltigen malerischen
Schlachtschiffs "New Jersey", das deswegen auch auf den Frontsei-
ten sämtlicher friedliebenden demokratischen Zeitungen aufkreuzen
durfte. Und zwar gegen die "linken" Drusen, die Palästinenser,
die Syrer - und vor allem gegen den Erzbösewicht Sowjetunion, der
natürlich hinter diesen drei Fraktionen steckt. Die USA - ein
Friedensstifter unter schwersten Bedingungen; unter eigenen Op-
fern, deswegen mit den allergerechtesten Kanonen: so heißt die
maßgebliche Deutung des Geschehens im Nahen Osten.
R e a l i s t i s c h ist sie schon weit weniger.
1.
Weshalb haben die Waffen denn geschossen, deren "Stillstand" die
USA mit ihren überlegenen Waffen - französische Kriegsmaschinerie
war auch beteiligt - erzwungen haben?
Ohne amerikanische Einwirkung aufs politische Geschehen im Liba-
non jedenfalls nicht! Die US-Regierung hat
- dem Staat Israel Waffen und "grünes Licht" dafür gegeben, die
organisierten Palästinenser und die Überreste libanesischer Sou-
veränität in einem Feldzug bis Beirut abzuräumen;
- eine Israel- und USA-freundliche christlich-faschistische Re-
gierung in Beirut eingesetzt und unter den Schutz einer NATO-
Truppe gestellt;
- die Privat-Soldateska des neuen Staatsoberhaupts zur libanesi-
schen Armee erklärt, bewaffnet und mit dem Auftrag losgeschickt,
alle konkurrierenden politischen Gruppen samt ihren Milizen der
"Zentralgewalt" zu unterwerfen; darunter genau die Trupps, die
sich vor einem Jahr beim Abschlachten unbewaffneter Palästinenser
in Beiruter Flüchtlingslagern ausgezeichnet haben;
- also den "Bürgerkrieg" arrangiert, den sie zugunsten ihrer po-
litischen Kreatur gewaltsam befrieden möchten.
Diese Befriedungsaktion selbst ist auch wieder gekonnt insze-
niert. M i l i t ä r i s c h: die friedliebenden NATO-Mächte
stellen ihre "Friedenstruppen" genau dorthin, wo die Truppen des
offiziellen Präsidenten Dschemeijil und die Milizen seiner Gegner
aufeinandertreffen; sie erteilen ihren Trupps den ganz friedlie-
benden Auftrag zur "Selbstverteidigung"; und sie nehmen sogar ein
paar tote eigene Soldaten in Kauf, um klarzustellen, daß diese
"Selbstverteidigung" nur mit Schiffsartillerie und Bombentep-
pichen zu bewerkstelligen ist. So fährt ein zivilisierter Staat
seine Interventions-Kriege! Und diplomatisch: Da ergreifen die
USA nicht einfach Partei für ihre Kreatur Dschemeijil, sondern
fordern eine "nationale Versöhnungskonferenz"; auf der sollen die
verfeindeten Konkurrenten im Libanon sich ganz freiwillig auf
eine "Ordnung" einigen, die den USA in den Kram paßt. Genau der
westliche Anspruch auf einen hörigen Libanon, an dem die politi-
schen Fraktionen des Landes sich entzweien, wird so als Stand-
punkt ihrer Versöhnung ins Spiel gebracht - umgekehrt garantiert
also auch nichts die Fortdauer des libanesischen Konflikts und
"Bürgerkrieges" so zuverlässig wie die Verpflichtung aller Frak-
tionen auf eine Einigung darüber, sich in einen amerikanisch-is-
raelischen Vasallenstaat einzufügen. Ein recht langfristiges po-
litisches Programm also, die "innerlibanesische Aussöhnung", der
die Reagan-Regierung samt Mitterrand und Craxi so selbstlos die-
nen möchten!
2.
Bei all dem geht es selbstverständlich nicht bloß um das Fleck-
chen Land zwischen dem israelisch besetzten Südlibanon und dein
Norden des Landes, in den einst die syrische Armee einmarschiert
ist, ausgerechnet um die christlich-faschistischen Clans gegen
die PLO und ihre innerlibanesischen Bundesgenossen zu unter-
stützen. Der Bürgerkrieg, dessen Fronten die USA mit ihren
Interventionen hergestellt haben, zielt auf die Bündnispartner
Syriens, damit auf die syrischen Ansprüche, über den Libanon
mitzuentscheiden - und auch das ist nicht das eigentliche Ziel.
Präsident Reagan jedenfalls sieht die Lage so:
"Der Fraktionenkampf, der im Libanon stattfindet, wird unter-
stützt und ungeheizt von den Syrern; und die stehen dabei ganz
eindeutig unter dem Einfluß der sowjetischen Kräfte, die derzeit
in ihrem Land stehen..."
Wie gut oder schlecht auch immer Syriens Präsident Assad mit den
Sowjets auskommt, sein Land gilt als "Klient Moskaus"; tatsäch-
lich ist es ja auch der letzte arabische Staat der Region, der
die israelische Vorherrschaft nicht anerkennt, sich mit russi-
scher Unterstützung dagegen behauptet und somit umgekehrt einen
Rest sowjetischen Einflusses auf die politischen Fortschritte des
Nahen Ostens garantiert. Syrien, mit seiner von der SU gewährlei-
steten Autonomie und seinen nationalen Interessen im Gegensatz zu
den israelischen, ist also das letzte Hindernis für die prowest-
liche Gleichschaltung ganz Arabiens vom NATO-Partner Türkei bis
zum Indischen Ozean - kein Wunder, daß der sowjetischen Regierung
so viel daran liegt, sich diesen ihren letzten Bündnispartner in
der Region zu erhalten. Die Rechnung dafür bekommt das Land von
den USA präsentiert - nicht bloß durch Streichung der letzten
fest zugesagten "Entwicklungshilfe" für die syrische Landwirt-
schaft. Mit der Stärkung der libanesischen "Nationalarmee", ihrer
Ermunterung zum Abschlachten aller Milizen, die mit Syrien sympa-
thisieren, und dem genau dosierten amerikanischen Feuerschutz ge-
stalten die USA für Syrien die Aufrechterhaltung einer autonomen
regionalen Macht zu einem immer gefährlicheren Abenteuer und ar-
beiten auf eine endgültige "Bereinigung" der Lage hin - so oder
so: durch einen friedlichen oder einen kriegerisch erzwungenen
Rückzug Syriens aus allen seinen politischen Positionen. Deswegen
heben sich die amerikanischen Truppen und Schlachtschiffe gleich
selber vor Ort aufgestellt, drohen den Syrern mit der ganzen Waf-
fengewalt der amerikanischen Weltmacht, demonstrieren mit ihrem
Beschuß feindlicher Stellungen die Ernsthaftigkeit ihrer Drohung
und stellen Syrien samt Sowjetunion vor eine harte Alternative:
Entweder ihr haltet euch zurück oder ihr riskiert einen richtigen
Krieg. Denn so oder so soll Arabien zur Fortsetzung der NATO und
zum Aufmarschgebiet gegen die Sowjetunion werden - rund herum um
ein Gebiet von "lebenswichtigem Interesse" für die verbündeten
Westmächte.
3.
Für die betroffene Menschheit ist es eben allemal ein Pech und
kein Glück, wenn die "freie Welt" an einer Weltgegend Interesse
nimmt und sie für würdig befindet, auch von dort aus der
"sowjetischen Expansion" entgegenzutreten. Für die engagierten
Gewalthaber vor Ort gibt es das allerdings allemal einige Chancen
auszunutzen, Konkurrenten auszuschalten, deren Menschenmaterial
abzuschlachten, selber politisch bedeutsam zu werden. Das ist das
ganze "unergründliche Geheimnis" des libanesischen "Bürgerkrie-
ges", der so malerisch die Fernsehnachrichten in den interes-
sierten Führungsmächten der westlichen Welt fällt. Und so sieht
die "Gefahr" aus, die USA könnten "in einen größeren Konflikt
hineinschlittern", die von den öffentlichen Freunden der
"amerikanischen Schutzmacht" so besorgt beschworen wird.
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