Quelle: Archiv MG - NAHOST LIBANON - Eine abrufbare Weltkrise
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Der Libanon
EINE ABRUFBARE WELTKRISE
Während Israel unter dem Titel "Eine Heimat für alle Juden!" den
Nahen Osten militärisch durchsortiert hat und dafür vom Westen
mit allen nötigen Mitteln ausgestattet wurde, war der Libanon
lange Zeit ein friedliches westliches Bollwerk in der Region.
Vom Land der Banken und Geschäfte...
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Dem Auftrag, getrennt von den politischen Konjunkturen der krie-
gerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten für reibungslose
und stabile Beziehungen zwischen westlichem Geschäftsinteresse
und arabischem Öl zu sorgen, sind die libanesischen Staatsmänner,
die sich aus ein paar führenden Familienclans rekrutieren, aus
eigenem Interesse nachgekommen. Der Erfolg inmitten einer Kriegs-
region war überzeugend: Der Libanon wurde das Land der Banken und
Geschäfte und verdiente sich den Namen "Schweiz des Orients". Die
dafür nötige politische Macht teilten sich dieselben Familien,
die das Geschäftsleben bestimmten, untereinander auf. Ein souver-
änes Staatswesen, wie sich das ein Demokrat hier so vorstellt,
ist Libanon nie gewesen. Ein Parlament gab und gibt es nominell
noch, genauso wie eine Regierung, an der alle Fraktionen nach ei-
nem festgelegten Proporz beteiligt sind. Für diesen parlamentari-
schen Umgang hatten die Gemayels und Dschumblatts ihre hauseige-
nen Parteien und für die daneben ab und zu fällige Konkurrenz
ihre Privatarmee. Was sich sonst noch vom libanesischen Boden
nährte, war keiner Rede wert.
Aus dem festen Geschäftsinteresse, das mit dem Interesse am Staat
und den führenden Familien zusammenfiel, ergab sich der überpar-
teiliche Standpunkt des Kriegsgewinnlers Libanon. Weder sahen
sich die libanesischen Staatsmänner zu einer Feindschaftserklä-
rung gegen Israel genötigt, noch hatten sie ein Interesse daran,
ein arabisches Bruderland zu werden. Weder eine von den Privatin-
teressen getrennte staatliche Souveränität, noch eine Parteinahme
im Nah-Ost-Konflikt wäre ohne die militärische Aufkündigung der
geschäftlichen und politischen Grundlagen des Libanon zu haben
gewesen; für diese Bereinigung fehlte den Führern des Libanon
sowohl die Macht als auch der Wille. Und als während der kurzen
Existenz der "Vereinigten Arabischen Republik" aus Ägypten und
Syrien sich der einvernehmliche innerlibanesische Streit um die
Formeln "pro-westlich" und "pro-arabisch" bereicherte, war das
den USA Grund genug, 5000 Marines vor Beirut an Land zu setzen
und dem Spuk ein Ende zu bereiten.
...zum "Krisenherd" Libanon
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Der Libanon ist "Krisenherd" geworden, seitdem Israel mit einigen
Kriegen die Befriedung des Nahen Ostens vollendet und das gesamte
Gebiet zu einer festen Zone der westlichen Sicherheit gemacht
hat. Aus den ihnen beigebrachten vernichtenden Niederlagen haben
die arabischen Staaten nicht nur gelernt, daß allein die Freund-
schaft mit der Schutzmacht Israels, den USA, ihnen einen beding-
ten Schutz vor weiteren Zugriffen des jüdischen Staates gewährt.
Ebenso schnell haben sie begriffen, daß die Anwesenheit der ver-
triebenen Palästinenser in ihren Ländern kein Druckmittel gegen
Israel, sondern ein Gefahrenpotential für den eigenen Staat ist.
Jordanien hat im "Schwarzen September" 1970 ein Massaker an den
Palästinensern im eigenen Land veranstaltet, wie es der jüdische
Staat nicht besser hätte ausrichten können.
Seitdem wurde der Libanon das bevorzugte Zufluchtsland für alle
im Zuge des Nah-Ost-Konflikts heimatlos Gemachten. Begeistert
wurden sie dort nicht aufgenommen - für die meisten hatte. sich
nur der Lagerort gewechselt -, aber der libanesische Staat ver-
fügte nicht über die Mittel, in gleich rigoroser Weise mit "dem
Staat im Staate" aufzuräumen und ihn unter Kontrolle zu halten.
Ganz im Gegenteil: An der Frage, wie mit den Palästinensern umzu-
gehen sei, ob sie als Machtfaktor und als Magnet für israelische
Feindseligkeiten zu dulden, zu unterstützen oder zu bekämpfen
seien - an dieser Frage zerstritten sich die staatstragenden
Clans.
Weniger die sich häufenden Überfälle an der israelischen Nord-
grenze als die Entdeckung, daß mit dem Libanon ein ganzer Staat
dem Auftrag nicht nachkam, auf seinem Gebiet für eine Israel ge-
nehme Ordnung zu sorgen, hat dem jüdischen Staat die Gewißheit
verschafft, daß hier noch eine Befriedungsaktion ausstand. Mit
Überfällen, Flugzeugbombardements, der Schaffung einer prois-
raelischen Christenmiliz im Südlibanon und zuletzt einem Blitz-
krieg bis Beirut, hat Israel die bisherigen Verhältnisse im Liba-
non grundlegend aufgemischt. Bloß auf die Vernichtung der Palä-
stinenser, ersatzweise ihre Vertreibung, die unter zustimmender
Überwachung einer NATO-"Friedenstruppe" stattfand, war der Liba-
nonkrieg nicht angelegt. Er war gleichzeitig eine Strafaktion ge-
gen die libanesischen Gruppen, die sich unfähig und unwillig er-
wiesen hatten, stellvertretend für die Verhältnisse zu sorgen,
die Israel bei seinem Nachbarn beansprucht. Seitdem ist von einem
Staat Libanon und dessen geschäftlicher Basis nichts mehr übrig
außer Milizen, die im gegenseitigen Kampf das Mittel sehen, bei
einer "Lösung" der Libanon"krise" - die von ihnen gar nicht ab-
hängt, weil sie längst in verantwortlicheren Händen ist -, Be-
rücksichtigung zu finden. Die tägliche Leichenration ist am Früh-
stückstisch nachzulesen.
Was "uns" das "Chaos" im Libanon angeht
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Tote, die anfallen, wenn Staaten ihre Sachnotwendigkeiten mit ei-
nigem Nachdruck untereinander und am eigenen wie am feindlichen
Menschenmaterial geltend machen, sind immer gut für eine Bot-
schaft. Die lautet im Fall Libanon schlicht und einfach:
"Sinnloses Morden!" Bebildert wird sie durch Fotos getöteter Men-
schen ("schrecklich"), verbrannter Autos und zerschossener Haus-
ruinen ("furchtbar"), wie durch Berichte über Selbstmordkommandos
und Entführungen ("verrückt"). Laufend Leichen - und kein ein-
leuchtender Zweck dahinter -, so erledigt sich von vornherein
jede Frage, worum es den Schiiten, Drusen, Christen, Sunniten und
Palästinensern geht, wenn sie in wechselnden Konstellationen auf-
einander schießen. Um so mehr kann dann über den "religiösen Fa-
natismus", jahrhundertealte "ethnische Gegensätze", persönliche
Feindschaften und den puren Machthunger der Gemayels, Berris und
Dschumblatts spekuliert werden.
So wird mitgeteilt, daß die Regelung der Libanon"krise" denen
nicht überlassen werden darf, hinter deren Schlächtereien
"politische Vernunft" nicht zu entdecken ist. Daß dies kein from-
mer Wunsch ist, sondern daß sich längst anerkanntere zuständige
Instanzen an der Lösung des Falles Libanon zu schaffen machen und
darüber das Sterben in Beirut munter weitergeht, wird nicht ein-
mal verschwiegen man soll es nur anders sehen:
"Bisher ist jeder Versuch gescheitert, die Lage im Libanon von
außen unter Kontrolle zu bringen. Die USA und Frankreich mußten
diese bittere Erfahrung machen. Israels Libanonabenteuer endete
mit hastigem Rückzug, und auch Syrien trägt zumindest finanziell
schwer an den Machtgelüsten seiner Führungsschicht, ohne einer
Lösung näherzukommen" (Frankfurter Rundschau, 5.10.85)
Wie e n d g ü l t i g soll man sich die "Kontrolle" eigentlich
vorstellen, damit der israelische Libanonkrieg und die vor der
Küste Libanons versammelte US-Mittelmeerflotte gleich als leere
Drohgebärde und als "ohnmächtige Reaktion" auf einen
"Bürgerkriegswahnsinn" erscheint, an dem sich allen voran selbst
die Weltmacht Nr. 1 die Zähne ausgebissen haben soll? Am libane-
sischen "Sumpf" sollen alle die Mächte gescheitert sein, die den
Journalisten beim Libanon nicht ohne Grund einfallen. Die Lüge
vom "Scheitern" macht aus dem israelischen Blitzkrieg und
Vernichtungsfeldzug 1982 gleich auch noch eine leider mißglückte
"Friedenslösung". Für aufgeklärte Beobachter ist "Frieden für den
Libanon" offensichtlich dasselbe wie eine politische Regelung,
die mit allen störenden Elementen aufräumt - mit der Vernichtung
und der Verschickung der Palästinenser in ferne Exillager ist es
eben noch lange nicht getan. Daß diese End-Lösung noch aussteht,
dafür steht das bedauerte "Scheitern". Daß die für die Region zu-
ständigen westlichen Mächte sich die Bereinigung dieses Restpo-
stens einer Friedensregelung im Nahen Osten noch vorbehalten und
sie im Augenblick nicht aktiv betreiben - schließlich spricht der
Libanon dafür, wie weit der Erfolg des Westens im Nahen Osten ge-
diehen ist -, soll als "Ohnmacht" genommen werden.
Worum es im Libanon nicht geht
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Um die Familien, Frauen, Kinder und sonstigen "unschuldigen Zivi-
listen", die in Beirut und anderswo seit Jahren unter Kriegsbe-
dingungen dahinvegetieren, geht es schon gar nicht. Die mitleids-
vollen Berichte über die Lebensbedingungen und das Sterben der
libanesischen Bevölkerung vermelden immer nur eines: Eine
"unkontrollierbare Lage" schreit nach Kontrolle und Regelung.
Deshalb fängt das so richtig "sinnlose" Sterben auch erst dann
an, wenn Soldaten und Diplomaten einer der Mächte, die wegen
ihres Kontrollbedürfnisses vor Ort sind, umgelegt werden. Mit
solchen Toten wird die nationale Ehre einer ganzen Friedensmacht
verletzt, und der "Bürgerkriegswahnsinn" findet seinen schlagend-
sten Beweis darin, daß selbst ein Reagan nicht in der Lage sein
soll, die fällige Vergeltung an den Richtigen zu vollstrecken.
Die hämische Schadenfreude, daß jetzt auch die Russen dem libane-
sischen "Sumpf" Blutzoll entrichten müssen, dient einer anderen
Lehre: Was haben d i e eigentlich dort zu sichern?
Um einen Bürgerkrieg libanesischer Parteien um die politische
Macht im Staat geht es auch nicht. Die Christen- und Allah-Mili-
zen verfolgen gar nicht das Ziel der Wiederherstellung einer po-
litischen Einheit, wenn sie sich auf Leben und Tod bekämpfen. Daß
es im Libanon darum gehen sollte, ist allenfalls dann propagandi-
stisch verkündet worden, als Israel und eine NATO-
"Friedenstruppe" die für den Frieden überzähligen und deshalb
störenden Elemente im Libanon gekennzeichnet und als Feinde be-
handelt haben.
Nur zu offensichtlich geht den libanesischen Führern die Macht
ab, eine so weitgreifende Lösung der Libanon"krise" überhaupt ins
Auge zu fassen. Der Einfluß der verfeindeten Gruppen besteht al-
lein in den bewaffneten Verbänden, die sie aufbieten können, und
er reicht so weit, wie die Maschinengewehre treffen. Das sorgt
zwar dafür, daß das Schießen nicht aufhört, aber bei all den Ge-
fechten zwischen Schiiten und Palästinensern, zwischen sunniti-
schen Fundamentalisten und prosyrischen Truppen, all den Kämpfen
zwischen christlichen und moslemischen Häuserblocks in Beirut
kommt nie mehr zur Geltung als der Anspruch der jeweiligen Füh-
rer, sich als Machtfaktor zu behaupten; und dieser Anspruch fällt
mit dem politischen Überleben zusammen.
Es geht eben überhaupt nicht darum, wie sich Gemayel, Berri und
andere eine ihnen passende Lösung für den Libanon vorstellen. Von
wegen, die Schiiten, Christen, Drusen und Palästinenser würden
die Spielregeln der Libanon"krise" setzen! Ohne die fürsorgliche
Bewaffnung der diversen Milizen, für die aus aller Welt gesorgt
wird, wären dem "Bürgerkrieg" längst seine Mittel ausgegangen.
Besonders Israel hat sich hier sehr freigiebig gezeigt, und das
nicht nur gegen die mit ihm "befreundeten" Christenmilizen.
Daher fällt die politische Bedeutung der verschiedenen Fraktionen
schon längst mit ihrer Kennzeichnung als "pro--israelisch", "pro-
syrisch", "pro-libysch", "pro-ägyptisch", "proirakisch" und "pro-
iranisch" zusammen. Ihre Selbständigkeit - und das ist dasselbe
wie der Beweis, daß es sich für ausländische Interessenten am Li-
banon lohnt, auf sie zu setzen beweisen sie, indem sie sich auf
dem libanesischen Schlachtfeld gegen die Miliz von der Konkurrenz
behaupten. Ihre Entscheidung, die im Land anwesende Hilfstrupppe
einer der am Libanon interessierten Staaten zu sein, ist zwar in
den meisten Fällen weniger aus Überzeugung und mehr aus takti-
schen Überlegungen geboren, so daß des öfteren "überraschende"
Frontwechsel gemeldet werden, wie zuletzt der des Falangistenfüh-
rers Hobeika, der vom Schlächter der Palästinenserlager Sabra und
Shatila jetzt zum Freund Syriens geworden ist - obwohl es im Li-
banon doch nur um den richtigen Allah und um Jesus gehen soll!
Dennoch ist noch nicht einmal diese Entscheidung ein taugliches
politisches Mittel für sie: Was die Milizenführer als politischer
Machtfaktor taugen, erfahren sie allemal dann, wenn sie fallenge-
lassen werden, weil sich ihr bisheriger Unterstützer mehr von ei-
ner anderen Konstellation verspricht.
An den Anschlägen einiger Selbstmordkommandos auf amerikanische
und französische Soldatenquartiere, die für den Beweis herhalten
mußten, daß der Libanon die Heimstatt des "unerträglichsten Ver-
brechens an der Menschheit" namens "Internationaler Terrorismus"
ist, könnte man statt dessen durchaus bemerken, wie die Machtver-
hältnisse im Libanon längst klargestellt sind. Bei diesen Atten-
taten kürzt sich das Kampfprogramm der schiitischen Milizen auf
ihre tatsächliche Ohnmacht zusammen. Da wurde aus dem Wissen um
die politische Erfolglosigkeit der trostlose Beweis angetreten,
daß man dennoch einige der verhaßten Besatzerfiguren erwischen
kann mit dem letzten verbliebenen Mittel, der Aufopferung des ei-
genen Lebens.
Wer die Maßstäbe des "Bürgerkriegs" setzt
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Die Lüge von der "undurchsichtigen und verworrenen Lage" im Liba-
non sollte man nicht glauben. Darüber, daß dort seit einigen Jah-
ren Krieg geführt wird, hat sich der Libanon sehr säuberlich sor-
tiert. Einmal in eine Bevölkerung, deren Lebensgrundlage zerstört
ist und die immer wieder zwischen feindliche Fronten und unter
Beschuß gerät - und in Milizen, die einzigen Libanesen, die noch
einen gesicherten Arbeitsplatz haben. Zum anderen in eine gültige
Ordnung, mit der Israel dem Land vorschreibt, welche Umtriebe in
ihm Konsequenzen haben - und in den Erfolg Syriens, als bedingte
Schutzmacht gegen Israel eine politische Position im Libanon be-
halten zu haben.
Laut gängigem Urteil westlicher Beobachter soll der Rückzug der
Israelis aus Beirut von einem "gescheiterten Abenteuer" künden,
bei dem sich der jüdische Staat übernommen habe. Bleibt nur die
Frage: w o r a n eigentlich gescheitert: An einer weltöffentli-
chen Verurteilung, die sich s o l c h e Gedanken macht, sicher
zuallerletzt - und an den Palästinensern und Schiiten vor Ort si-
cher auch nicht. Die sind mit wenig Federlesen und ohne großen
Aufwand fertig gemacht worden, wobei manche innerlibanesische
Mannschaft eine gewisse Kooperationsbereitschaft an sich entdeckt
und bewiesen hat. Eine Besitznahme des Libanon hatte Israel ohne-
hin nicht vor. Schon immer hat dieser Staat seinen einen An-
spruch, im Nahen Osten eine "Heimstatt für alle Juden" zu schaf-
fen - für den im Gefolge verschiedener "Selbstbehauptungskriege"
das Staatsgebiet Israels um einige Landstriche gewachsen ist -,
säuberlich getrennt von dem anderen, sehr viel ausgreifenderen
Anspruch: mit den vom Imperialismus gelieferten Waffen und ihrem
Blitzkriegeinsatz für einen westlichen Vorstellungen genügenden
Frieden im Nahen Osten = "Frieden für Galiläa" zu sorgen.
Der Libanonkrieg von 1982 war allerdings nicht bloß auf die Erle-
digung der von Israel aus ihrer Heimat vertriebenen Palästinenser
berechnet. Eine neue Friedensordnung im Libanon sollte schon bei
dem Ganzen herausschauen, und deshalb gerieten neben den Palästi-
nensern auch diverse andere Fraktionen unter Beschuß. Nach dem
Vorbild des von Israel ausgehaltenen christlichen Milizenführers
Haddad sollte die Protektoratslösung auf ganz Libanon übertragen
werden. Daß der dafür vorgesehene und unter UNO- und NATO-Frie-
densschutz gestellte Staatspräsident Gemayel nicht in der Lage
war, aus eigener Kraft dafür zu sorgen, alle Israel störenden
Fraktionen und Einflüsse in Schach zu halten, war Pech, aber
keine Niederlage, die Israel zum Rückzug g e z w u n g e n
hätte. Ohne Not und in der Gewißheit, daß die bewiesene Demon-
stration israelischer Handlungsfreiheit für die Klarstellung ge-
sorgt hat, daß alle Auseinandersetzungen im Libanon unter der
Kontrolle Israels stehen, zogen sich die israelischen Truppen aus
dem Libanon zurück. Den militärischen Aufwand und die Kosten, um
für und an Stelle von Gemayel das Befriedungswerk zu vollenden,
zu dem ihre Figur im Land nicht in der Lage war, hat sich Israel
(noch) gespart.
Dementsprechend vollzog sich der phasenweise Rückzug der israeli-
schen Truppen in diesem Frühjahr als Strafexpedition. Nach dem
Prinzip der 'Verbrannten Erde' hatte die zionistische Armee bei
ihrem Abzug noch allerhand zu säubern. Die Leichen bewiesen dann
allemal, daß es sich um Terroristen gehandelt haben mußte.
Aus dem Land ist Israel deshalb noch lange nicht. Nicht nur, daß
seine Panzer und Truppeneinheiten weiterhin für Überra-
schungscoups sorgen; auch weiterhin ist der südliche Libanon eine
besondere Sicherheitszone, in der eine von Israel ausgerüstete
Christenimiliz für eine besondere Ordnung sorgt. Schon gar nicht
hat der jüdische Staat mit dieser Frontbegradigung politisch sei-
nen Abschied vom Libanon erklärt. Die Sicherheit, die Israel den
Bewohnern des Libanon verspricht, besteht in nichts anderem als
dem feierlichen Versprechen der israelischen Regierung, ordnend
in dieses Land zurückzukehren, wann immer es ihr geboten er-
scheint.
Was da vor allem einer Regelung bedarf, teilt Israel auf seine
Weise, militärisch nämlich, immer schon mit. Die Bombardierung
von Milizlagern und syrischen Raketenstellungen in der Bekaa-
Ebene ist da für zwei Botschaften gut: Auch ohne einen Krieg zu
führen, betrachtet Israel den Staat Syrien und dessen Einfluß im
Libanon für einen Kriegsgrund und demonstriert die Nichtanerken-
nung syrischer Souveränität durch die Beschießung von Gegenden,
in denen syrische Truppen stehen. Die andere Botschaft geht an
die Schiiten: Einen Schutz vor dem militärischen Willen Israels
sollen sie sich bei Syrien erst gar nicht versprechen können.
Was am Libanon stört
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Einen libanesischen Babrak Karmal hat noch niemand unter den Mi-
lizenführern Libanons entdeckt; daß Syrien ein ziemlich unbere-
chenbarer Bündnispartner der Sowjetunion ist, und daß die takti-
schen Bündnisse libanesischer Fraktionen keine Liebeserklärung an
Assad sind, weiß auch jeder. Dennoch entdecken alle besorgten Be-
gutachtungen der Libanon"krise" zielstrebig immer wieder eine
"Gefahr": Das libanesische Machtvakuum habe einen einzigen Gewin-
ner, den geschickten Assad, und darüber sei die Rolle der So-
wjetunion im Nahen Osten wieder beträchtlich gewachsen. Natürlich
mischt sich Syrien in die Kämpfe im Libanon ein, weil es darüber
seinen Einfluß in der Region vergrößern will. Nur ist nicht zu
übersehen, daß dieser Staat dabei ein Ziel verfolgt, das vom is-
raelischen Befriedungsprogramm sehr absticht. Spätestens seit dem
Sechs-Tage-Krieg, der mit dem Verlust der syrischen Golanhöhen an
Israel geendet hat, stellt Syrien seine Außenpolitik unter die
selbst auferlegte Beschränkung, dem übermächtigen Staat im Nahen
Osten keinen Anlaß für einen erneuten Blitzkrieg auf syrischem
Boden zu geben. Die Schutzmachtrolle Syriens im Libanon übt Assad
dadurch aus, daß er mit militärischer Macht auf eine innerlibane-
sische Vermittlung drängt. Auch das geht nicht ohne Gewalt. Geg-
ner müssen aus dem Weg geräumt werden, die Syriens Interesse,
sich so als Verhandlungspartner für den Fall Libanon aufzuwerten,
behindern. In letzter Zeit hat diese Präsenz Syriens im Libanon
einige Erfolge zu verzeichnen. Damaskus ist mittlerweile zur
ständigen Anlaufstelle aller libanesischen Politiker geworden,
die über Milizen befehlen, also noch etwas politisch zu melden
haben. Jetzt hat Syrien sämtliche bedeutenden, miteinander ver-
feindeten Fraktionen zu Friedensregelungen an den Verhandlungs-
tisch gebracht.
Wie immer das ausgeht - entgegen früherer Hysterie betrachtet der
Westen den jetzigen Aufstieg Syriens zur Regelungsmacht im Liba-
non mit fast desinteressierter Gelassenheit -, solche Regelungen
haben nur eine sehr bedingte Geltung. Was sich da beide Seiten
voneinander versprechen, ist nämlich sehr gegensätzlich. Die Un-
terstützung, die Syrien seinen libanesischen Verbündeten ver-
spricht, zielt auf die Errichtung eines einigermaßen stabilen
status quo im Libanon und ist gar nicht auf die Durchsetzung be-
rechnet, die jede libanesische Mannschaft sich aus der syrischen
Unterstützung für sich verspricht. Umgekehrt verschafft sich Sy-
rien darüber auch nur bedingte "Freundschaften", die so lange
gelten, als Israel und der Westen keine neuen Regelungsansprüche
an den Libanon stellen.
Über sein Engagement im Libanon ist Syrien dahin gelangt, seine
eigenen Sicherheitsinteressen in Abhängigkeit von israelischen
und westlichen Positionen wahrzunehmen. Darüber ist dieses Land
für die Gegenseite sehr berechenbar geworden. Bei der Entführung
eines TWA-Flugzeuges war es Reagan ganz selbstverständlich, die
Ordnungsrolle Syriens als Dienst an den USA einzufordern. Der
Dank für die geleistete Hilfestellung im Kampf gegen den Terro-
rismus hat nebenbei auch noch den "Beweis" erbracht, daß letzt-
lich Assad "hinter dem Terrorismus im Nahen Osten" steckt. Auch
wenn inzwischen Syrien der "Achille Lauro" das Anlaufen eines sy-
rischen Hafens verboten und die Leiche des erschossenen Klinghof-
fer pflichtschuldigst den USA überstellt hat - das steht unver-
brüchlich fest: Syrien ist ein Regelungsfaktor z u v i e l in
dieser Region.
Genauso wenig kann der Westen dem Interesse der UdSSR, die am Li-
banon überhaupt nur über Syrien beteiligt ist und die mittler-
weile auf diplomatische Beziehungen zu Israel gesteigerten Wert
legt, abgewinnen. Wieso sollte ausgerechnet im Nahen Osten noch
eine Zone geduldet werden, die als Aufmarschgebiet des Westens
prekär ist, weil die Machtverhältnisse noch nicht eindeutig ent-
schieden sind?
Wenn sich die Sowjetunion ausrechnet, über eine gemeinsame Zu-
ständigkeit in Sachen "friedliche Nah-Ost-Regelung" noch verhan-
deln zu können, so hat sie sich verrechnet. Entscheidungen in
dieser Region werden vom Militär vorgegeben, und Verhandlungen
sind die Kodifizierungen von Niederlagen der anderen Seite: Dies
ist die von Israel jüngst wieder an Tunis ergangene und von Rea-
gan gebilligte Botschaft für den Nahen Osten. Die ausgemalte neue
Situation: "Bei Verhandlungen über den Frieden im Nahen Osten
wird man jetzt kaum um die Russen herumkommen!", ist dasselbe wie
die Aussage: "Verhandlungsbedarf besteht keiner, denn sonst müßte
man ja mit den Russen verhandeln." Sonstigen Handlungsbedarf ent-
decken der Westen und Israel, sein entschiedenster Vorposten in
dieser Region, auch keinen. Die Berichterstattung über den Liba-
non ist daher sehr 'normal' geworden. Gestorben wird zwar immer
noch in ausreichender Menge, aber eine aktuelle Lösungsnotwendig-
keit ist augenblicklich nicht aufzufinden.
Der Libanon ist eben ein Restposten in einem tendenziell befrie-
deten Nahen Osten; und zur Zeit sind die Friedensmächte schwer
damit beschäftigt, Panzer und Flugzeuge als immer neue Stabili-
tätsgarantien in die Region zu schaffen. Auch der Bundesregierung
gehen ihre "moralischen Bedenklichkeiten" aus. Prognosen darüber,
welche "Krisen" den Ordnungskräften der Weltpolitik aus dem Hin
und Her im und um den Libanon erwachsen, sind jedenfalls nicht
angebracht.
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