Quelle: Archiv MG - NAHOST LIBANON - Eine abrufbare Weltkrise
zurück
DIE BERSAGLIERI SIND IN BEIRUT...
Auf Befragen, was er im Libanon zu suchen habe, erklärte ein ita-
lienischer Soldat der Bersaglieri in Beirut:
"Ehrlich gesagt, ich weiß nicht genau, wer die Maroniten, die Mo-
rabitun, die Falangisten sind, in wieviel Fraktionen die PLO zer-
fällt." Israel? "Es ist ein bißchen wie mit den Deutschen: Bewun-
derung für ihre technischen Fähigkeiten, nicht mehr."
Eines weiß dieser nützliche Idiot seiner Regierung aber genau:
"Es geht darum, die Ehre Italiens hochzuhalten. Wir hatten 10
Tage zuvor die Weltmeisterschaft gewonnen. Der Weltpokal, ein
Land auf dem Weg zur Größe zurück, die Friedensmission im Liba-
non: All das auf einmal, verstehst du?!" (Panorama, 6.9.)
So hat die südliche Trikolore einen weiteren Aufschwung zu ver-
zeichnen, und man vergleicht die Ankunft der Italiener in Beirut
mit der der Amerikaner 1943 in Italien: Retter und Menschen-
freund. Verteidigungsminister Lagorios "Ausdruck einer berechtig-
ten Vaterlandsliebe" lautet so:
"Die Tatsache, daß Israeli, Palästinenser oder vor allem die ame-
rikanischen Vermittler so fort an Italien gedacht haben, als ei-
nes der wenigen Länder, die in der Lage sind, an einer Friedens-
truppe teilzunehmen, erfüllt uns mit Stolz und demonstriert, daß
unser Land ein entscheidender Gesprächspartner für eine Politik
der Entwicklung und Entspannung ist... Italien ist eine starke
Industrienation und auch ein zutiefst friedliebendes Land, be-
reit, diese doppelte Fähigkeit in den Dienst derjenigen Region zu
stellen, in der es sich befindet, nämlich der des Mittelmeeres."
(Lagorio, 24 ore, 22.8.)
Im Rahmen der Arbeitsteilung der NATO übernimmt Italien den
"Dienst" an der Mittelmeer-Region und "zeigt Flagge":
"Das könnte eine Gelegenheit sein, die Realisierung einer perma-
nenten task force für schnelle militärische und zivile Einsätze
anzugehen, wie sie vom Verteidigungsminister vor einiger Zeit an-
gekündigt worden war. Wenn - worauf alles hinweist - Italien
künftig für andere Aufgaben vom Typ Libanon oder Sinai bereit
sein muß, so ist es notwendig, sich so vorzubereiten, daß nicht
mehr improvisiert werden muß." (24 ore, 21.8.)
Mit einer solchen professionellen Eingreiftruppe will Italien auf
der Grundlage eines NATO-Auftrags seinen Imperialismus im Mittel-
meer verfolgen: Daß der Libanon und die PLO "nur ein Kapitel"
(Lagorio) in Nahost sind, ist klar, und im Massaker in den PLO-
Lagern hat man einen geeigneten Anlaß gefunden, den Libanon noch
länger mit der Anwesenheit italienischer Truppen zu beglücken.
Es gibt Konkurrenten um die Rolle der Ordnungsmacht im "Dienst"
an der Region: Den Franzosen wirft man vor, sie seien später ge-
kommen, früher gefahren und hätten die PLO weniger weit beglei-
tet. Die wohlberechnete diplomatische Distarierung zu
I s r a e l besteht darin, daß man Arafat einlädt und zu den
größten moralischen Wuchtbrummen schickt, über die man verfügt:
Woytila und Pertini. Dessen Bruder
"hat gemeinsam mit den Juden die Verfolgung und einen fürchterli-
chen Tod (im KZ) erlitten. Die Palästinenser sind heute zu dem
gleichen traurigen Exodus gezwungen, den vor Jahrhunderten das
Volk der Juden durchmachte." (Süddeutsche Zeitung 16.9.)
Die Gleichsetzung Israels mit Hitlerdeutschland ist dann oppor-
tun, wenn höhere nationale Zwecke gewisse Modifikationen der
Nachkriegsmoral anordnen. Die Gewerkschaften unterstützen den im-
perialistischen Regierungskurs, indem sie die israelische Regie-
rung verurteilen, den Rückzug von deren Truppen aus dem Libanon
verlangen - da gehören ja die italienischen Truppen hin! - und
ihre Mitglieder zu Demonstrationen und zum Boykott israelischer
Waren aufrufen:
"Die Föderation CGIL-CISL-UIL bringt die tiefe Abscheu der ita-
lienischen Arbeiter über die schrecklichen Massaker zum Aus-
druck..." usw.
D a f ü r ruft sie auch zu einem einstündigen Generalstreik auf,
nur zu dem Zweck, der Regierungspolitik den Rücken zu stärken!
Die Außenpolitik war ja seit jeher ein zentrales Feld des gewerk-
schaftlichen Kampfes. Und eine italienische Eingreiftruppe in
Nahost hat dem italienischen Arbeitsmann ja wirklich noch ge-
fehlt!
Die Fremdenlegionäre sind in Beirut
-----------------------------------
Die großmächtigen Ordnungsmacht-Töne scheinen dem französischen
Staatspräsidenten Mitterrand ("La- force tranquille") gänzlich
fremd zu sein. Nein, was seine Soldaten dort unten sollen, ist
"nur" sich für Frieden und Menschenwürde einzusetzen und sich da-
bei ganz brav dem libanesischen Staat unterordnen:
"Diese aus verschiedenen nationalen Abteilungen zusammengesetzte
multinationale Truppe, hat - im Auftrag der libanesischen Regie-
rung - ein Mandat auszuführen, das ihm von der libanesischen Re-
gierung übertragen wurde. Daran muß sie sich halten." (Mitterrand
in: Le Monde)
Immer und immer wieder betont er, daß die jetzt gültige Ordnungs-
macht in dieser Region der libanesische Staat sei - eine offen-
sichtlich erlogene Hochschätzung, von der sich denn auch die na-
tionale Begeisterung in Frankreich keinen Moment lang hat ankrän-
keln lassen.
Es handelt sich um eine sehr auskalkulierte "Bescheidenheit", de-
ren diplomatische Botschaft von ziemlicher Anmaßung zeugt. Die
absichtliche Nichterwähnung der Amerikaner und Italiener hebt die
besondere Rolle Frankreichs hervor - freilich nicht in der Art,
daß es nun der militärische Souverän im Nahen Osten zu sein hat.
Wie die wirklichen Verhältnisse dort unten sind, ist schließlich
auch einem Mitterrand bekannt. Dagegen setzt er nun nicht ein
"bomiertes" Einflußsphären-Denken (das ist für Afrika reser-
viert), sondern hebt die "weitblickendere" Rolle Frankreichs in
der Weltpolitik hervor. Wer hat sich denn schon immer für den
Ausgleich in der Region stark gemacht, wer hat denn schon immer
die Bedeutung der menschlichen Freiheit und Würde auch dort her-
vorgehoben, von wem schließlich stammt denn der Friedensplan und
wer hat die ersten Schritte zur Trennung der kämpfenden Parteien
unternommen? Er, Mitterrand, natürlich:
"Ist es nicht die Rolle Frankreichs, da zu sagen: 'Haltet ein!'
War es nicht immer seine Rolle, alles dafür zu unternehmen, daß
menschliche Leben und die Würde dieser Menschen gerettet werden
könne?... Ich war schon immer dafür, daß unter der Autorität der
libanesischen Regierung eine multinationale, neutrale Truppe auf-
gestellt wird... Ich habe von Anfang an gesagt und ich sage es
auch heute noch, seit meiner Pressekonferenz am 9.Juni, dem er-
sten Tag des libanesischen Krieges: Die fremden Armeen müssen aus
diesem Land verschwinden. Ich bleibe in logischer Übereinstimmung
mit mir selbst, und ich denke, daß Frankreich, das sich - so
glaube ich - das Vertrauen und den Respekt aller beteiligten Par-
teien dort erworben hat, sich sehr nutzbringend für den Abzug der
kriegführenden Palästinenser einsetzen könnte, und zwar, sofern
man uns darum bittet, bevor wir an einer endgültigen Regelung
teilnehmen."
Sein großartiges Gerede von Frieden und Freiheit in aller Welt
und von seiner Vorreiterrolle für die Gültigkeit aller höchsten
Werte, so will er andeuten, hat natürlich einen harten Kern: Mit
Sprüchen beeindruckt man niemanden, drum schreibt er sich selbst
eine wichtige aktive Rolle bei der Lösung des "palästinensischen
Dramas" zu - wer will, darf herauslesen, daß ohne seine langan-
haltenden Bemühungen um Ausgleich die amerikanischen Schritte
doch wohl eher gescheitert, zumindest bedeutend erschwert worden
wären. Der französische Unter-Imperialismus - so wenig er auf
martialische Töne und die Begeisterung über die Teilnahme an im-
perialistischen Großtaten verzichtet - interpretiert im Gegensatz
zu Italien s e i n e Libanon-Mission in alter "Bescheidenheit"
als gleichsam naturgemäßen Ausdruck seiner viel weitergehenderen
Aufgaben als einer Weltfriedensmacht überhaupt. Für diese an-
spruchsvolle Rolle ist es s e l b s t v e r s t ä n d l i c h,
daß die Fremdenlegionäre hinuntergeschickt werden, aber eine
allzu große Betonung dessen würde Frankreich doch auf einen mehr
kleinkrämerischen Standpunkt herunterbringen.
Die Panzergrenadiere bleiben daheim
-----------------------------------
Während die "Bildzeitung" die Legionäre aus Frankreich auf der
Titelseite brachte, um ihrem Publikum zu zeigen, wie Sendboten
der zivilisierten NATO-Menschheit da unten für Ruhe sorgen, be-
nutzte der "Spiegel" die Gelegenheit, um über den Nationalismus
der a n d e r e n herzuziehen: Jetzt dürfen sie ein paar hun-
dert Soldaten runterschicken und schon bricht der Nationalismus
bei ihnen voll durch! Den Franzosen galt eine ziemlich lange Ge-
schichte: "Überall leben die Söhne der Revolution" (35/82), worin
er den Libanon-Einsatz der Fremdenlegion zum Anlaß nahm, mal
grundsätzlich über Frankreich herzuziehen. Der Titel der Ge-
schichte war natürlich gleich ironisch gemeint: Haha, die und Re-
volution! Ja, so ein "Spiegel"-Redakteur wär' schon schwer dafür
zu haben, wenn die Franzosen einen knackigen anti-imperialisti-
schen Kampf aufziehen und, insbesondere nach Deutschland, den
Kommunismus exportieren würden. Was muß er aber stattdessen fest-
stellen? "Das Streben der französischen Linken nach nationaler
Größe". Enttäuschend!
Die sattsam bekannte Tour, den Kritisierten an seinen
(angeblichen) eigenen Idealen scheitern zu lassen, spiegelt dies-
mal auf gelungene Weise die Konkurrenz zweier imperialistischer
Untermächte um Rang zwei wieder. Über den eigenen Nationalismus
braucht kein Wort verloren zu werden, ist er doch auf jeden Fall
affirmiert, wenn der Nationalismus des Konkurrenten lächerlich
genug gemacht ist. Der Vorwurf des Magazins ist nicht: Nicht ihr
seid die Größten, sondern wir! - der Schreiber pocht gerade auf
die Z w e i t r a n g i g k e i t b e i d e r. Dieselbe Zei-
tung, die des öfteren flammende Artikel gegen den "amerikanischen
Größenwahn" losläßt, beruft sich nun ohne ein einziges kritisches
Wort auf die pure Faktizität amerikanischer Vorherrschaft:
"Für Francois Mitterrand ist dieser Dienst (im Libanon) eine
Selbstverständlichkeit. Im Fernsehen feierte er die 'reiche,
große Geschichte' und die daraus angeblich resultierenden
'besonderen Verpflichtungen'. Den amerikanischen Unterhändler
Philip Habib, der den Einsatz der Franzosen in ihrer Ex-Kolonie"
(kleine Gehässigkeit am Rande) "erst ermöglichte, erwähnte Mit-
terrand mit keinem Wort."
"Die drei Atom-U-Boote... reichen völlig, in der Bevölkerung die
Illusion zu nähren, daß Frankreich in Sachen Verteidigung von den
Amerikanern unabhängig sei..."
"Musterhaft für den permanenten Selbstbetrug ist die Rolle der
Franzosen im westlichen Verteidigungssystem... In der öffentli-
chen Meinung schlichtweg verdrängt wird die Tatsache, daß ohne
amerikanische Aufklärungssatelliten und ohne das Frühwarnsystem
der NATO die französische Atomstreitmacht 'praktisch blind'
wäre..."
Das wird wohl selbst ein "Spiegel" -Redakteur wissen, daß die
französisch en Politiker sich nicht selbst betrügen und mit wel-
cher imperialistischen Absicht sich die französische Außenpolitik
der geschwollenen Sprüche von der "gloire" und der "selbständigen
Rolle Frankreichs" bedient.
Aus der Kenntnis seiner eigenen Schleimernatur dürfte ihm auch
klar sein, daß seine französischen Kollegen nicht auf die Sprüche
der Politiker reinfallen, sondern sie ganz absichtlich und in
vollster Übereinstimmung ausmalen - weil es ihm aber zu seinem
nationalistischen Vorhaben jetzt taugt, wirft er doch ausgerech-
net den Franzosen mal seine alltägliche Geisteshaltung vor, ver-
kleidet in den Vorwurf der Selbsttäuschung. Das Pochen auf impe-
rialistische Wahrheiten, um dem Konkurrenten ein unberechtiytes
Anspruchsdenken nachzuweisen, führt zur offenherzigen Darlegung
von ein paar kleinen Sauereien des gewöhnlichen imperialistischen
Staates - bauend auf die staatsbürgerliche Erziehung des lesenden
Bürgers, der zwischen I n n e n und A u ß e n säuberlich zu
unterscheiden versteht:
- Die nach Weltgeltung strebende Staatsmacht besorgt sich als er-
stes die dafür notwendigen Mittel:
"Die Linksregierung beweist durch unzweideutige Leistungen, daß
sie in Sachen Militär den rechten Amtsvorgängern nicht nachsteht.
326000 Beschäftigte zählt heute die französische Rüstungsindu-
strie - 8,7% mehr als im letzten Amtsjahr der Konservativen."
- Die französische Militärmacht ist schon in einigen Weltgegenden
leibhaftig präsent doch wohl mit Billigung des Bündnisses, über
das sich die Franzosen so sehr täuschen:
"Französische Soldaten stehen bereits in vier afrikanischen Staa-
ten, dienen in der Friedenstruppe der Vereinigten Nationen im Li-
banon (1300 Mann) und bald wahrscheinlich auch im Sinai."
- Zur brutalen imperialistischen Gewalt gehört die moralische
Phrase:
"Sozusagen als dritte Macht, gleich hinter den beiden ganz
Großen, fühlt Frankreich sich berufen, in den Staaten der Dritten
Welt aufzutreten und sich als 'progressiv' darzustellen."
- Der staatliche Anspruch tut den Massen gar nicht gut:
"Prestigeobjekte... Preis- und Lohnstopp, Außenhandelsdefizit und
Inflation, Verlust an Realeinkommen und, damit verbunden, ver-
kürzte Ferien..."
Es ist schon lustig, wenn der eine Nationalismus den anderen ma-
dig machen will: Da werden die Parteigänger stabiler Herrschaft,
einer eigenständigen nationalen Rolle im Bündnis und auf der
Welt, die Freunde der ungehinderten Akkumulation des Kapitals;
die Enttabuisierer des sozialen Netzes und die geistigen Advoka-
ten des Gürtel-enger-Schnallens zu bissigen Ideologiekritikern,
Entlarvern des falschen = fremden (Hurra-) Patriotismus. Warten
wir's ab, was sie schreiben, wenn die Panzergrenadiere wirklich
mal dürfen - wie einst GSG 9 nach Mogadischu!
zurück