Quelle: Archiv MG - NAHOST ISRAEL - Ein Geschöpf des Imperialismus

       zurück

       Bremer Hochschulzeitung Nr. 59, 12.10.1982
       
       Durch Israels Libanon-Krieg zur Friedenslösung der NATO
       

FREIER WESTEN IM NAHEN OSTEN

West-Beirut und der Libanon sind aus den Schlagzeilen schon wie- der verdrängt. Die 5000 Leichen in den Palästinenserlagern in Beirut, die erst vor kurzem von den Milizen des neuen libanesi- schen Staatspräsidenten Gemayel und Israels Statthalter im Südli- banon, Major Haddad, produziert wurden, sind von der freien Mei- nung zu einem rein innerisraelischen "schweren innenpolitischen Problem" erklärt worden. Der befriedigten Meldung aus Beirut, die "Lage normalisiere sich", steht nichts im Weg. Die "Normalisierung" besteht nämlich in Folgendem. Reagan und seine westlichen Verbündeten sind ganz allein für die Friedenspolitik im Libanon zuständig; nicht umsonst hat der amerikanische Freund Israel den Libanon militärisch aufgeräumt und nicht umsonst an Syrien exekutiert, daß jede Sowjetpräsenz mit allen Mitteln zu- rückgeschlagen wird. Mit Genugtuung hat der Westen die diplomati- sche Kapitulation der Weltmacht Nr. 2 in dieser Region zur Kennt- nis genommen. Die amerikanischen Ordnungsvorstellungen für den Libanon und die strategische Planung für den Nahen Osten, ein- schließlich der Endlösung der Palästinenserfrage durch die Unter- stellung der Reste dieses Volkes unter jordanische Gewalt, finden zunehmend Zustimmung im arabischen Lager, spätestens, seit Israel militärisch an der PLO und Syrien exekutiert (hat), daß jedem in der Region tödliche Konsequenzen drohen, der nicht amerikanischer Freund wie Israel ist. Im neuen libanesischen Staatspräsidenten Amin Gemayel findet der Westen auf jeden Fall einen solchen Freund, wobei nicht nur nicht stört, daß seine Falange mitgemet- zelt hat. Seit Israel und die christlichen Faschisten jede andere Macht militärisch zerschlagen und jeder politischen Opposition mit der Vernichtung droht, ist dieser ge- lackte Faschist im schwarzen Anzug d e r Repräsentant des Liba- non. Zu all diesen offen als "positiv" für den Westen verbuchten "Entwicklungen" im Nahen Osten will niemand übel vermerken, hier treibe der freie Westen die politische Beute aus dem Krieg seines Verbündeten Israel ein. Und im Westen wird nicht verheimlicht, daß Israels Macht auf Geld und Waffen aus der Bundesrepublik, den USA und den anderen NATO-Mächten beruht. Warum auch? Bei der mo- ralischen Beurteilung des Krieges eines westlichen Lakaien ist der Imperialismus maßlos selbstgerecht: nie hat er den Krieg der Israelis freudig begrüßt - sondern dessen unabweisbare Notwendig- keit in Gestalt von einer Handvoll "Terroristen" beteuert. Und mit jedem verheerenden Kriegsresultat macht die westliche Diplo- matie ihre "p o l i t i s c h e Lösung" für den Nahen Osten so unverzichtbar und wünschenswert, daß sie ungeniert unter dem Ti- tel "Friedenslösung" den Nahen Osten der westlichen Neuordnung zuführt, der der Krieg der Israelis den Weg geebnet hat. Friedenspolitische Arbeitsteilung: Gewalt und Diplomatie -------------------------------------------------------- Wie eine exakt abgesprochene Arbeitsteilung hat diese Logik von militärischem Zuschlagen und "politischer Lösung" von Anbeginn des israelischen Einmarsches bis jetzt den NATO-Frieden dort un- ten vorangebracht. Kaum hatte Israel die Palästinenser auf West- Beirut zusammengedrängt, eingeschlossen und in die Alternative Vernichtung oder Kapitulation gebombt, "löste" der Westen das "Problem". Seine Diplomaten handelten die Kapitulation der PLO aus, während Israelis den diplomatischen Argumenten des Amis Ha- bib mit amerikanischen Splitterbomben Nachdruck verliehen. Und den Diplomaten des Weltpolizisten gelang auch der schöne Plan, die Zerschlagung der militärischen Kraft der Palästinenser damit zu verbinden, daß eine ganze Latte von Staaten sich von nun an als Terroristenhüter bewähren dürfen, oder - wie Syrien - jeder- zeit als Terroristennester behandelt werden können. Die Durchfüh- rung des Abzugs überwachten amerikanische, französische und ita- lienische Truppen, die zu Recht "internationale Friedenstruppe" genannt wurden. Das Ergebnis war die alleinige Präsenz der zioni- stischen Armee und ihrer christlichen Hilfstruppen in West- Beirut. M i l i t ä r i s c h ein überlegtes Kalkül: Israel wollte stets die Palästinenser überhaupt weghaben von der nahöst- lichen Landkarte. Was lag also näher, als zuerst die bewaffneten Männer loszuwerden, um dann kampflos zum Endsieg zu gelangen und mit den wehrlosen Teilen des Feindes fertig zu werden? Das be- sorgten die Milizen in den Lagern. Sofort war erneut ein Grund geschaffen, der die Rückkehr der westlichen Truppen nach Beirut "erforderte", um - ja wen eigentlich noch zu beschützen? Die "politische Lösung" natürlich! Massaker in Beirut: Israels Endlösung - der NATO zu wenig! ---------------------------------------------------------- Ohne Zweifel: Nachdem das x-fache an Leichen, die Israel während seines Einmarsches und der Belagerung Beiruts produziert hat, als Kriegstote für bedauerlich, aber selbstverständlich erklärt wur- den, haben Reagan höchstpersönlich und im Gefolge prompt die freie Meinung im Westen die letzten 5000 in den Palästinenserla- gern als "Massaker" verurteilt und sich von diesem Vorgehen di- stanziert. Das heißt keineswegs, daß der Westen den Preis schul- dig bleibt, der Israel für seine Flurbereinigung gebührt. Seine Waffenarsenale werden auch weiterhin aufgefüllt. Aber ebenso möchte der Westen betonen, daß Israels "Endlösung" der Palästi- nenserfrage - jetzt, wo sie vollzogen ist! - keineswegs sein End- zweck ist. Unstrittig war die Gemeinsamkeit, daß die bewaffneten Palästinenser aus dem Libanon zu verschwinden haben und jede an- dere als eine westliche Schutzmacht der gewünschten "Souveränität" des Libanon nur abträglich sei. Israel konnte sich nicht nur auf materielle Unterstützung, sondern auch auf diploma- tischen Flankenschutz z.B. in der UNO verlassen, wobei sich die Bundesrepublik auf dem letzten Feld besondere Meriten verdient hat. Nun aber wird der maßlose Nationalismus Israels, jeden in der Region und schon gar im eigenen, ständig gewachsenen Staats- wesen auszurotten, der seine "Sicherheit" gefährden könnte, vom Westen als "unvernünftig" bewertet, weil er seine Schuldigkeit weitgehend getan hat. Die Verurteilung des "Massakers" durch den Westen teilt der arabischen Staatenwelt diplomatisch mit, unter wessen Schutz man sich zu begeben hat, weil allein dieser seine Kreatur Israel zu mäßigen versteht. Daß die arabischen Führer längst einsichtig gemacht sind - sieht man von denen ab, die oh- nehin als "Terroristen" feststehen -, also keine weiteren Lektio- nen mehr brauchen, haben sie während des ganzen Vernichtungs- krieges im Libanon und schließlich auch auf ihrer Konferenz in Fez deutlich genug gemacht. Die Palästinenser wären ihnen kein Aufhebens wert, und das heißt, daß sie von keinem Araberdiploma- ten mehr für sonderlich nützlich gehalten werden, um auf einem "Unruheherd" im Nahen Osten zu bestehen. Der Frieden im Nahen Osten ist also ziemlich fertig. Folglich ist, die westliche Ver- urteilung der sogenannten "Mitschuld" Israels mehr als die Heu- chelei, die den Bündnispartner Israel davon reinwäscht, das K o m m a n d o über die Killertruppen in den Lagern ausgeübt zu haben. Mitschuldig soll sich Israel gemäß westlicher Deutung da- durch gemacht haben, daß es einer "Verantwortung" nicht nachge- kommen sei, die sich aus seiner Position als siegreicher Besat- zungsmacht ergeben hätte. Auf diese Weise ergeht das diplomati- sche Angebot an Israel, von nun an seinen zionistischen Nationa- lismus in einer hervorragenden Rolle in einem nach westlichen Vorstellungen neugeordneten Nahen Osten, und das heißt in erster Linie als strategischer Partner der USA an dieser Flanke des Ostens zu betätigen, dafür aber einige Ambitionen des Judenstaa- tes dieser Rolle unterzuordnen. Empörung über die Opfer des Massakers war es ebensowenig wie die Schuldfrage, die den Westen zu seinem Einwand bewegte. Deshalb nutzte es Israel wenig, daß es die diplomatische Technik des We- stens - man läßt den Bluthund von der Leine und schlägt ihn, nachdem er zugebissen hat - getreulich kopiert hat. Die Rechnung, als Schutzmacht gerufen oder zumindest anerkannt zu werden, wenn nicht selbst, sondern von den christlichen Hilfstruppen die Drecksarbeit machen läßt, ließ der Westen nicht aufgehen, obwohl Scharon seine Truppen demonstrativ eingreifen ließ. Bruchlos ging der Westen von der Kritik am "Massaker" zur Debatte über Israels Siedlungspolitik über und offenbarte, worum es ging. Strategi- scher Partner des Westens in einer Welt von arabischen Westfreun- den zu sein, verträgt sich nicht unbedingt damit, alle strategi- schen Punkte des israelischen Nationalismus zu halten. Jüdische Opposition: Israel soll leben! --------------------------------------- Seither hat Israel die "schwerste innenpolitische Krise seit sei- nem Bestehen". Wie es sich für den Judenstaat gehört, wird die Debatte von Regierungsseite wie von Regierungsgegnern mit einem Argument geführt: "Zerstört uns nicht diesen Staat, wir haben keinen anderen", sagte der Reservehauptmann Abraham Burg auf der 400.000 Mann-Demonstration der Regierungskritiker, die sich Sor- gen um die überseeische Basis ihres Staatswesens machen. Daß be- sagter Militär Sohn des amtierenden Innenministers ist, paßt ins Bild. Die Regierung hat nämlich dasselbe Anliegen, nur daß sie den territorialen Preis so gering wie möglich halten will. Was Israelis auf die Straße bringt, ist also nichts als härtester Na- tionalismus. Wenn diese Demonstration hierzulande als "Friedensbewegung" und Beweis der "moralischen Integrität und Kraft der Demokratie in Israel" goutiert wird, handelt es sich wohl kaum um einen Irrtum der hiesigen Öffentlichkeit. Sie wird schon wissen, womit sie sympathisiert. zurück