Quelle: Archiv MG - NAHOST IRAN - Von der islamischen Revolution


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       MSZ Schule, Dezember 1980
       
       Diskussion zum Thema
       

USA UND IRAN - FORTSCHRITTE IN SACHEN KRIEG UND FRIEDEN

Ob ein Schüler ein "guter Deutscher" ist, entscheidet sich nicht erst dann, wenn er nach erlangter Wahlreife zum ersten Mal in seinem Leben in der Wahlkabine sein Kreuzchen malt. Es gibt auch vorher genügend Gelegenheiten, seine politische Reife unter Be- weis zu stellen. Zum Beispiel, wenn er über die Geiselaffäre in Teheran oder die Maßnahmen der Amis folgendes Urteil abgibt: "WAS BEDEUTET DENN DAS, WAS DA IM IRAN PASSIERT, FÜR UNS?" Daß damit nicht etwa eine völlig harmlose Frage, sondern bereits ein handfestes Urteil ausgesprochen ist, verrät das kleine Wört- chen "uns". Die genannte Frage unterscheidet sich nämlich ganz gewaltig von der Überlegung, was der Konflikt zwischen den USA und dem Iran für ihn, den Schüler XY bedeutet. Für "uns" heißt es, daß die USA vom BRD-Staat Solidarität verlangen, daß der BRD- Staat aber nicht allzu forsch gegen den Iran auftreten darf, wenn er nicht noch mehr in den Konflikt hineingezogen werden will, daß der "freie Westen" herausgefordert ist und sich dieser Herausfor- derung stellen muß, daß der BRD-Staat die nachlassenden Ge- schäftsbeziehungen zwischen Amis und Persern natürlich für sich ausnutzt. Für ihn, den Schüler heißt es all das erst einmal n i c h t. Für ihn ist es ein Thema in der Tagesschau, vielleicht auch im Sozialkundeunterricht und bei dem einen oder anderen ist es auch Diskussionsthema zu Hause. Das ist zunächst alles. Wenn der Kon- flikt weiter eskalieren sollte, dann kann er allerdings noch in anderer Weise betroffen sein: als Zuschauer bei der Verprügelung von Persern (bereits jetzt ein Volkssport bei den Amis) oder bei der Beschimpfung von westdeutschen Demonstranten, die gegen eine militärische Intervention der USA protestieren! Fragt sich also, wie ein Schüler dazu kommt und was ein Schüler davon hat, seine eigene Betroffenheit als Betroffenheit des BRD-Staates zu formu- lieren. Sicher ist eines: Ein "guter Deutscher" ist derjenige al- lemal, der alles, was in der Welt passiert, nicht daraufhin beur- teilt, was es für, i h n sondern was es für D e u t s c h- l a n d bedeutet. Stichwort Ö l! Natürlich fällt jedem jetzt das Öl ein, egal ob er selbst nur Fahrradfahrer ist und zuhause eine Gasheizung hat oder nicht: "ABER WIR SIND DOCH VOM ÖL DER PERSER ABHÄNGIG?" lautet das nächste, genauso staatsmännische Urteil, das sich al- lerdings von dem der professionellen Staatsmänner in einem unter- scheidet: Schmidt, Genscher, Lambsdorff, Carter usw. zeigen, daß das Gegenteil der Fall ist. Es paßt irgendwie schlecht in das Bild von den armen erpreßten Amis, wenn diese von sich aus sagen, wir n e h m e n das persische Öl nicht mehr. Wenn den Persern das Zeug niemand mehr abnimmt, wenn die e i n z i g e Quelle von Reichtum, über die sie verfügen, nicht mehr sprudelt, weil sie mit ihrem Öl nur solange etwas anfangen können, wie die großen Industrienationen ihnen das Öl abkaufen, dann ist es nicht mehr länger eine Frage, wer hier wen erpreßt. Ist vom Öl nicht mehr die Rede, dann fällt den "guten Deutschen" todsicher die "Sicherheit" und der "Frieden auf der Welt" ein: "STEHEN NICHT SICHERHEIT UND FRIEDEN IN DER WELT AUF DEM SPIEL, WENN DIE USA SICH DIESE GEISELNAHME GEFALLEN LASSEN?" Alle Anzeichen sprechen dafür, daß umgekehrt ein Schuh daraus wird. Es ist schon eine gemeine und verhängnisvolle Logik, die den Einmarsch der Amis im Iran, das heißt den offenen Krieg und die Abschlachtung von Persern für eine Maßnahme der Friedenssi- cherung hält. Diesem Standpunkt kann sich nur anbequemen, wer mit der Blutspur der Amerikaner auf dem Globus (Weltkriegsteilnahme, Korea, Vietnam, CIA-Einsätze...) nur das eine Problem hat, näm- lich ob es sich für den amerikanischen Staat auch lohnt. (Uns fällt übrigens dazu der SPD-Parteitag ein, der als Motto "Sicherheit für die 80er Jahre" verkündet und mit Sicherheit Be- schlüsse über den Ausbau der Kernenergie und die verstärkte Auf- rüstung der NATO auf westdeutschem Boden bringen wird, zwei aus- gesprochen friedliche und sichere Maßnahmen für die 80er Jahre. Die Anwendung dieser Sicherheitsinstrumente fordert derzeit die amerikanische Öffentlichkeit. Ihre Parolen lauten: "Blood is thicker than Oil!" (Blut ist dicker als Öl!) und "Nuke Iran!" (Zerstört Iran atomar!). Es ist also noch gar nicht sicher, ob nicht bereits die Sicherheit im Jahre 1979 den nächsten weltwei- ten Waffengang bringt. Dann allerdings wird von jedem "guten Deutschen" etwas mehr verlangt, dann darf man für die 'Ehre der Nation' den Abgang machen.) Mit Sicherheit kein "guter Deutscher" ist derjenige Schüler, der sich zu dem Kommentar durchringt: "ENDLICH ZEIGT ES DEN AMIS MAL JEMAND!" Allerdings liegt dieses mit den Persern sympathisierende Urteil ebenfalls völlig daneben. Was "zeigen" die Iraner eigentlich den Amis anderes, als daß sie nicht mehr der imperialistischen Welt- macht Nr. 1 bedingungslos zur Verfügung stehen w o l l e n. Eine Willenserklärung ist es, die die Perser bis heute bereits teuer bezahlen mußten: Mit der Sperrung ihrer Auslandsguthaben, so daß sie auf dem Weltmarkt kaum noch kaufen können, mit dem ständig drohenden Stop der Lebensmitteleinfuhren, mit dem US- Ölembargo, mit der Abschiebung von Iranern aus den USA - und ei- nige Flugzeugträger bewegen sich in Richtung Persischer Golf, na- türlich nur zu Manöverzwecken! Die Willenserklärung von Khomeini, die amerikanischen "Heiden" in einem "Heiligen Krieg" zu bekämp- fen, macht im übrigen selbst klar, daß den Iranern im Ernstfall nichts anderes bleibt, als sich selbst zu opfern. 34 Mio Perser seien bereit, für die Islamische Republik zu sterben, verkündete der Ajatollah jüngst. Man muß also schon an solchen Opfergängen ein ziemliches Gefallen haben, wenn man an der islamischen "Revolution" irgendetwas sym- pathisch findet. Auf der Diskussionsveranstaltung wird Gelegenheit sein, über diese Kritik zu diskutieren. Natürlich steht auch die Frage an: Was soll man denn tun? Wenn noch Zeit bleibt, können auch andere in unseren Flugblättern behandelte Themen diskutiert werden. PS.: Zum Thema 'Iran' findet sich auch ein Artikel in der neuen Ausgabe der MARXISTISCHEN STUDENTENZEITUNG zurück