Quelle: Archiv MG - NAHOST IRAN - Von der islamischen Revolution
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UNSERE MEINUNG
Obwohl sich am Kurs der persischen Staats- und Revolutionsfüh-
rung, außer dem zeitweisen Hin und Her um die Zuständigkeit für
die Geiseln, nichts geändert hat, unterliegt die öffentliche Be-
urteilung der dortigen Gegebenheiten einigen Schwankungen. Späte-
stens seit dem Einmarsch der Russen in den Nachbarstaat wich die
Besprechung des dräuenden Mittelalters im Iran einer fast wohl-
wollenden Kommentierung der erhofften Normalisierung der Bezie-
hungen zwischen Persien und den USA. Weil also jeder der mehr
oder minder Beteiligten klarmacht, daß es bei der Abwicklung des
"Teheraner Geiseldramas" nicht um die Geiseln, sondern um die
Frage geht, was sich der Iran gegenüber dem Imperialismus nicht
herausnehmen kann, hat man als anständiger Bürger heute wieder
der Auffassung zu sein, im Iran hätten verrückte Mullahs das Sa-
gen.
Dabei gibt es in Persien nur eine Neuigkeit: Führung und Geführte
sind sich einig, bei der Durchsetzung ihres Religionsstaats einen
entscheidenden Sieg errungen zu haben. Im Iran demonstriert die
Nation ihre Begeisterung darüber, daß die USA ein totales Wirt-
schaftsembargo über das Land verhängen. Der religiöse Nationalis-
mus der Perser hält diese Aktion der Amis nämlich für einen Tri-
umph der eigenen Moral, den Vereinigten Staaten aufgezwungen zu
haben, endlich ihr wahres Gesicht zeigen zu müssen und sich vor
aller Welt ins Unrecht gesetzt zu haben. Als ob die Perser nicht
schon genug Elend am Hals hätten, feiern ihr eigenes Opfer und
freuen sich auf einen "heiligen Krieg" mit der Weltmacht, die sie
mitsamt ihrem Schah seinerzeit außer Landes befördert haben. Der
Iran erklärt sich zum Konkurrenten der USA und bietet begeistert
seine Opfer an - in der Gewißheit, daß es diese auch geben wird.
Die USA, die sich entschlossen haben, die Geiselnahme von fünfzig
Beamten des foreign office für eine Bedrohung ihrer nationalen
Interessen halten zu wollen, haben diesen Entschluß seit fünf Mo-
naten so für sich eingesetzt, daß sie sich vorbehalten haben,
durch Maßnahmen wie die Beschlagnahmung des iranischen Vermögens
in den USA und teilweise in Europa, den Iran an den Rand des
wirtschaftlichen Ruins zu bringen. Das augenblicklich vorberei-
tete Embargo (wobei die Frage, ob es mit oder ohne Seeblockade,
Bombardierung der Ölförderanlagen etc. durchgezogen wird, nur das
weitere Verfahren anzeigt) ist so die konsequente Fortsetzung
dieser Politik: den Iran vor die Entscheidung zu stellen" ob ihm
entweder durch die USA das Mittelalter bereitet wird, in dem man
Khomeini sowieso vermutet, also gewaltsam klargestellt wird, wie
sich Persien gegenüber der Weltmacht Nr. 1 aufzuführen hat, oder
ob sich die iranische Führung besinnt und von sich aus eine
"Normalisierung" gegenüber den Amis anstrebt. Für letzteres be-
darf es auch im Iran zuallererst einer politischen Gewalt, die
sich an der Nützlichkeit des eigenen Landes für auswärtige Inter-
essen orientiert und nicht an einer eingebildeten Souveränität
einer islamischen Nation, der am Baptisten Jimmy Carter v.a. des-
sen Pferdefuß und Hörner ins Auge stechen. Den von der iranischen
Führung angestrengten und von der Bevölkerung begeistert mitge-
tragenen Vergleich in Sachen Moral haben die USA durch ihr Vorge-
hen längst entschieden. Weil die Rationalität der amerikanischen
Politik, die das iranische Elend zur Folge hat, das Kriterium po-
litischer Normalität i s t, befindet sich die USA vor aller
Welt im Recht, denn es sind die Perser, die ihre Politik nicht an
den international geltendem Gepflogenheiten ausrichten, sondern
der Demonstration der moralischen Verkommenheit der Amis unter-
werfen. An den elenden Folgen dieser Demonstration trifft nithin
nicht diejenigen die Schuld, die sie bewerkstelligen, sondern
jene, denen sie bereitet werden.
Die Staaten des europäischen Westens und allen voran die BRD, die
sonst bei jeder Gelegenheit betonen, daß sie ihre politische
"Handlungsfähigkeit" durch die jeweils anderen Staaten der EG in
keiner Weise beeinträchtigt sehen möchten und entsprechend han-
deln, erklären sich momentan in Sachen USA - Iran ausschließlich
für gemeinsam "handlungsfähig". Dieses derzeitige Taktieren und
Zögern wird allerdings begleitet von eindeutigen Zusagen an die
USA, deren Entscheidungen mitzutragen, wenn es ernst wird, die
USA dies also wollen. Womit sie aussprechen, daß es ihnen zwar
lieber wäre, die Amis würden ohne jede Beeinträchtigung europäi-
scher Geschäftsinteressen im Mittleren Osten ihre Händel mit Per-
sien alleine abwickeln. Andererseits betonen sie auch immer ihr
Wissen darüber, daß ihre Geschäfte mit der ganzen Welt nur als
Alliierte der USA zu haben sind.
Die Tatsache, daß die Weltmacht Nr. 1 ihnen gegenüber die Krite-
rien setzt, die die Beteiligung der EG-Staaten am Imperialismus
zu einer recht einträglichen Sache macht, versuchen sie augen-
blicklich in der Pose des Opfers der USA gewinnbringend einzuset-
zen.
Wenn Helmut Schmidt also augenblicklich die Interessen der deut-
schen Nation im Mittleren Osten als besorgter Mahner weltfriedli-
chen Miteinanders bespricht, dabei eine gefährliche Ähnlichkeit
der heutigen Situation zu Sarajewo 1914 entdeckt, und sich als
hilfloses Objekt amerikanischen Zwangs bedauert, als das er an-
sonsten gerade seine Macherqualitäten in inniger Freundschaft mit
dem Weißen Haus entfaltet, so stellt dies die bundesdeutsche Va-
riante öffentlicher Heuchelei bei der allseits akzeptierten
Durchführung des "Geiseldramas" gegen den Iran dar.
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