Quelle: Archiv MG - NAHOST IRAN - Von der islamischen Revolution
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 7, 05.12.1979
Iran Teach-In der MG:
"ES GIBT NOCH COKE IM IRAN" (Asta-Vertreter)
Die mit Abstand gelungenste Veranstaltung in der Woche des Leh-
rerstreiks, die mit der Aussetzung des Streiks begann, fand am
Montag, den 3.12. statt. Der Bibliothekssaal war von 16.00 bis
20.30 Uhr gefällt, obwohl die dort ablaufende Veranstaltung nicht
ins alternative Veranstaltungsverzeichnis des ASTA aufgenommen
worden war, und obendrein der notorische Streikbrecher, die MG,
dazu aufgerufen hatte. Gemeint ist das Teach-In über "USA und
Iran - Fortschritte in der Pflege von Krieg und Frieden."
Der ASTA hatte seinen Außenminister geschickt, der auch prompt in
die Debatte einstieg und mit packenden Schilderungen vom aktuel-
len Kampfgeschehen für die nötige Parteilichkeit in der ansonsten
streng am faden Wahrheitskriterium orientierten Veranstaltung
sorgte. Er kam nämlich frisch aus Persien, wo er etwas
"Revolutionsluft" geschnuppert hatte, was seinem AStA-Ressort si-
cherlich zugute kam, damit neben den ganz großen Sorgen, die der-
zeit den MSB und Konsorten bewegen, auch das Pflichtprogramm in
Sachen internationaler Solidarität noch mit erfüllt wird. Was
hatte der Weltreisende zu berichten? Entgegen der üblichen Propa-
ganda der MG, daß die persischen Mullahs etwas gegen die Inbe-
griffe amerikanischer Kultur wie Coke, Hot-Dogs und Pornos haben,
versicherte er glaubhaft, daß er selbst dort nicht nur leibhaftig
eine Coca-Cola getrunken, sondern sogar einen Untermullah in
Jeans gesehen habe. Die Antwort auf die spannende Frage, ob es
sich um eine US-Abfüllung oder um einen Exportartikel aus den
Niederlanden oder Japan gehandelt habe, blieb der AStA-Reisende
allerdings schuldig. Spannend ist die Frage deswegen, weil für
die Mullahs die Original-Jeans aus Texas ein Werk des Teufels
sind, dieselben Jeans aus der Hand flinker japanischer Näherinnen
freilich plötzlich ihren Schrecken für die Rechtgläubigen verlo-
ren haben.
Aber so genau wollte der Minister des AStA-Äußeren auch gar nicht
werden. Es kam ihm darauf an, den versammelten "Massen" einmal
pointiert vorzufahren, wie einfach es ist, sich zu einem klaren
parteilichen Standpunkt in Sachen Islamische Republik durchzurin-
gen, wenn man mit der nötigen Skrupellosigkeit an den Nahen Osten
herangeht. Sein Credo, in einem Satz zusammengefaßt, kam mit vier
Lügen über das, was gegenwärtig in und mit Persien passiert, aus:
"Die Islamische R e v o l u t i o n (Lüge 1) befindet sich der-
zeit in einer Phase von K l a s s e n k ä m p f e n (Lüge 2)
zwischen linken und rechten Kräften, in der über den richtigen
Kurs in Sachen A n t i i m p e r i a l i s m u s (Lüge 3) ent-
schieden wird, der den Massen dann die Einlösung ihrer
m a t e r i e l l e n I n t e r e s s e n (letzte Lüge) bringen
soll."
Wäre der Mann aus dem AStA geblieben, hätte er folgende Wahrhei-
ten über den Iran mitkriegen können:
1. Daß die R e s t a u r a t i o n einer Jahrtausende alten Re-
ligion als politische Macht etwas mit Revolution, d.h. mit einer
gesellschaftlichen Umwälzung zur Befreiung der Massen aus ihrem
Elend, zu tun haben soll, ist eine ebenso interessierte wie ge-
meine Erfindung studierter persischer Kreise. Die ideologische
Verklärung der Armut der Leute als Kismet (= unabänderliches, da
von Allah gewolltes Schicksal) ist eben nicht eine "F o r m"
für einen entgegengeretzten,nämlich auf materielle Verbesserung
zielenden I n h a l t, sondern die A b f i n d u n g mit dem
Elend.
2. Die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Fraktionen von
mehr oder weniger gläubigen Moslems darüber, wie nun eigentlich
die Islamische Republik ins Werk zu setzen ist (im Koran stehts
nämlich nicht!), hat nichts mit Klassenkämpfen zu tun. Wenn z.B.
die Botschaftsbesetzer von der Regierung einen konsequenteren
Kurs gegen die USA fordern, sich ansonsten dem Befehl Khomeinis
sofort unterwerfen, muß man schon zu abenteuerlichen Konstruktio-
nen greifen, um darin die Austragung eines Gegensatzes von Klas-
sen ausfindig zu machen. Meinungsverschiedenheiten kommen halt in
den besten (Religions-)Familien vor.
3. Die Verwechslung eines Anti-A m e r i k a n i s m u s mit
Anti-I m p e r i a l i s m u s gelingt nur dem, der an der Geg-
nerschaft der Perser gegen die Amis deren Inhalt rausstreicht:
Wenn an den Amis ihr H e l d e n t u m ausgemacht wird, und
Carter zum "Teufel" avanciert, dann werden die Zerstörungen, die
der Imperialismus dem Iran beigebracht hat, dem U n g l a u-
b e n der Amis angelastet. Im übrigen könnte sogar einem
Spartaken auffallen, daß es mit einem Anti-Imperialismus, der in
Massendemos Blumensträuße zu Botschaften anderer Imperialisten
(Frankreich, BRD) trägt, nicht weit her sein kann. Dem anwesenden
Spartaken wollte es nicht auffallen, weil er an Ayatollah
Khomeini eine große Wende ("Ausdruck von festgestellt hatte, weil
er angeblich neuerdings von "Supermächten" redet und anfängt, auf
die SU zu setzen.
4. Die Sache mit den materiellen Interessen, welche gegenwärtig
das persische Volk bewegen sollen, widerlegt sich nicht nur da-
durch, daß die Massenaufmärsche in Teheran nichts als Huldigungen
an den greisen geistlichen Führer sind, keineswegs aber die Auf-
forderung beinhalten, es möge jetzt alles zur Sicherung ihrer ma-
teriellen Existenz getan werden. Eine noch klarere Sprache spre-
chen die p o s i t i v e n Forderungen und Parolen, denen sich
die Moslems im Iran verschrieben haben: Die lautstark verkündete
Bereitschaft, notfalls für den Bestand der Islamischen Republik
zu krepieren, hält den Religionsstaat keineswegs für ein Mittel
zur Erhaltung und Sicherung der eigenen E x i s t e n z, son-
dern sieht umgekehrt in der A u s l ö s c h u n g der eigenen
Existenz ein Mittel, den Religionsstaat zu erhalten. (1)
Aber wahrscheinlich ist diese Kritik, die im Teach-In geführt
wurde, nur ein Ausdruck bornierter westlicher Mentalität, der es
nicht gelingt, sich in die Seele des persischen Volkes zu verset-
zen. So wenigstens lautete das Argument eines anwesenden Persers.
Der Einwand war gelungen. Denn was die anwesenden persischen Kom-
militonen im Verlauf des Teach-Ins unter Beweis stellten, war nur
eines: mit der Mentalität hiesigen Denkens und Herrschens sind
sie so intim vertraut, daß sie sich gegenseitig übertrafen an
Vorstellungen und Modellen darüber, wie Demokratie in Persien zu
machen sei. Weshalb der Vorwurf mangelnden Einfühlungsvermögens
sich auch schnell in die Kritik auflöst, der Veranstalter der Te-
ach-Ins liefere keine Alternative für den zukünftigen persischen
Weg.
Stimmt! Daß nämlich den persischen Massen eine Herrschaftsform
abgehe, zudem noch die demokratische, die in der zivilisierten
Welt zuhause ist, die in Persien zuschlägt, ist außer einer Zumu-
tung für die Perser da unten nicht einmal eine Alternative - für
solche Weltgegenden hat der Imperialismus andere Formen seiner
Herrschaft vorgesehen.
(1) Warum das eine so falsch ist wie das andere, war der Nachweis
des Teach-Ins. Die ausführliche Begründung ist nachzulesen in RE-
SULTATE Nr. 4 und 5, auf die wir in dieser Zeitung gesondert hin-
weisen.
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