Quelle: Archiv MG - NAHOST IRAN - Von der islamischen Revolution
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Die islamische Republik Iran und ihr Krieg:
MISSION UND OHNMACHT DES ISLAMISCHEN ANTI-IMPERIALISMUS
Die islamische Republik Iran schickt reichliche Massen ihrer Ju-
gend in den sicheren Tod an der irakischen Front, wann immer sie
eine Gelegenheit für eine erfolgversprechende Offensive sieht. So
ist das in einem Krieg. Deswegen machen die regierenden Geistli-
chen auch kein Geheimnis daraus. Sie wissen ja gute Gründe dafür
- mindestens so gute wie Alfred Dregger, der seinem an der Ost-
front gefallenen Bruder die Ehre erwiesen haben will, daß niemand
seinem Tod ein "sinnlos" nachruft; mindestens so gute wie Heiner
Geißler, der schon bei der Bewältigung ziviler Katastrophen Chri-
sten für die tauglicheren Bürger hält, weil die ihre wahre Heimat
im Himmel haben, wo es keine Umweltverschmutzung gibt.
Die Mullahs versprechen sogar einen deutlich höheren Lohn als den
"Dank des Vaterlands"' Wer fällt, gelangt als Märtyrer schnur-
stracks und ohne die langwierigen Verfahren, die der Koran der
Menschheit ansonsten in Aussicht stellt, ins Paradies. Schließ-
lich kennen die Gottesgelehrten den hohen Dienst, den ihr Kano-
nenfutter in Wahrheit leistet:
"Der Baum des Islam kann nur wachsen, wenn er ständig mit dem
Blut der Märtyrer getränkt wird." (Khomeini)
Die Logik ist die jedes Heldengedenkens und Volkstrauertags: Wer
für eine Sache in den Tod geht, bezeugt damit deren absoluten
Wert - im Fall der islamischen Republik Iran: deren unbedingtes
Recht als vorbildlich gläubige Nation. Und zwar gegen lauter
Feinde, die nun allerdings im Koran gar nicht vorkommen. Es
klingt wie ein Scherz, wenn z.B. der Staatsminister Nabavi vor
der Außenministerkonferenz der Blockfreien Staaten am 12.2.81 die
Sure 2,177 zitiert, um die "wirkliche Bedeutung der
'Blockfreiheit'" zu verdeutlichen:
"Das gute Handeln besteht nicht darin, daß ihr euch nach Osten
oder Westen wendet, es besteht vielmehr darin, daß man an Gott,
den Jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und den Propheten
glaubt."
Völlig ernstgemeint ist beides: d i e A b s a g e an den Impe-
rialismus der westlichen wie an die östliche "Supermacht" -
u n d der r e l i g i ö s e Rechtsstandpunkt, von dem aus
diese Absage erteilt wird.
Die schiitische Mission
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Für den Iran hat mit der Vertreibung des Schah jede Blockzugehö-
rigkeit aufgehört. Die Unterwerfung des Staates unter das Kom-
mando der Geistlichkeit ist keineswegs zum bloßen Austausch des
Führungspersonals geraten. Die Freie Welt - deren führende Mit-
glieder sich sonst sicher sind, dank der erpresserischen Wucht
ihrer Angebote zur "Zusammenarbeit" auch nach einem Umsturz un-
haltbar gewordener politischer Verhältnisse immer wieder ins po-
litische und ökonomische Geschäft zu kommen, und zwar zu ihren
Bedingungen - sieht sich einer nicht nachlassenden, wenn auch
nach Staaten unterschiedenen Feindseligkeit gegenüber. Und die
Sowjetunion, die die herrschende Mannschaft des Iran freigebig
mit revisionistischen Komplimenten bedacht hat -
"Auch in Anbetracht aller Komplikationen und Widersprüche ist die
iranische Revolution im wesentlichen eine antiimperialistische
Revolution, obgleich die innere und äußere Reaktion versucht, die
Substanz der Revolution zu ändern. Das iranische Volk sucht sei-
nen eigenen Weg zu Freiheit und Wohlstand. Wir wünschen ihm auf-
richtig Erfolg und sind bereit, mit dem Iran auf der Grundlage
der Gleichberechtigung und natürlich der Gegenseitigkeit gute Be-
ziehungen zu entwickeln." (Breschnew 1981) -,
wurde unversöhnlich abgeschmettert:
"Wir bekämpfen den internationalen Kommunismus im gleichen Maße
wie die westlichen Weltvernichter." (Khomeini)
Dem Kampf gegen den internationalen Kommunismus fiel u.a. die der
subversiven Agententätigkeit für Moskau beschuldigte Tudeh-Partei
des Iran zum Opfer, die den Aufstand gegen den Schah mitgetragen
hatte. Demgegenüber durften die westlichen Weltvernichter ihr di-
plomatisches Personal nach mehrmonatiger Festsetzung zwar ziem-
lich unbeschädigt abholen; doch mit dem absichtsvollen Bruch der
diplomatischen Verkehrsregeln im Umgang mit den USA - unter den
Gesichtspunkten des Menschenrechts ein sehr viel schlimmeres Ver-
gehen des "Staatsterrorismus" als die Massenhinrichtungen sowjet-
freundlicher Kommunisten - war die Absage an jedes Mittun bei der
amerikanischen Weltpolitik vollzogen, und die ist bis heute nicht
revidiert.
Ihren Grund dafür, die Blockfreiheit dermaßen radikal zu prakti-
zieren, erläutert das Oberhaupt der islamischen Republik mit
Phrasen der folgenden Art:
"Unsere Stimme ist die Stimme der Verarmten, der Notleidenden,
der Barfüßigen und der unterprivilegierten Massen, deren Produkte
aus harter täglicher Sklavenarbeit ausgebeutet werden von inter-
nationalen Banditen, die das Blut der armen Nationen, der Arbei-
ter und der Werktätigen im Namen des Kapitalismus, des Sozialis-
mus und des Kommunismus aussaugen, das Lebensblut der Weltwirt-
schaft zu sich befördert und die Weltbevölkerung daran hindern,
ihre verdienten Rechte zu erlangen."
Die Empörung über den schäbigen Weltlauf und die moralische Par-
teinahme für die Erniedrigten und Beleidigten könnten insoweit
fast wörtlich einer antiimperialistischen Polemik aus der unarti-
gen Vergangenheit von "Sozialismus und Kommunismus" entnommen
sein; und auf die eine oder andere Weise kann jeder Führer eines
"Entwicklungslandes" Beschwerden über die Ungerechtigkeiten und
verheerenden Wirkungen der Weltwirtschaft hersagen, die auf das-
selbe Weltbild hinauslaufen. Das ist kein Wunder. So definieren
allemal Staaten, die i h r e Rolle im Weltgeschehen und
i h r e n Anteil am Weltgeschäft für weitaus zu geringfügig be-
finden, i h r e n Wunsch nach einem besseren Tabellenplatz als
das abgrundtiefe Recht der Opfer, über die sie zu herrschen haben
- an deren Herstellung sie selbst also nicht ganz unbeteiligt
sind. Mit diesem Beschwerdestandpunkt melden sie sich nämlich
nicht ab aus der "Völkerfamilie", sondern melden ihren Anspruch
an, erfolgreicher als bisher in der Konkurrenz der Nationen mit-
zutun. Die Hauptnutznießer der laufenden Konkurrenz als Missetä-
ter für die eigenen Mißerfolge haftbar zu machen, ist auch kein
besonders revolutionärer Einfall; mit Anklagen dieser Art nehmen
Regierungen bloß eine Anspruchshaltung gegenüber den Mächten ein,
von denen sie a b h ä n g e n und von denen sie wissen, daß das
die m a ß g e b l i c h e n Adressen sind. Deswegen folgt logi-
scherweise der Beschwörung des Jammers der Massen der Vorwurf,
die imperialistischen Staaten ließen die kleineren Souveräne z u
w e n i g zum Zuge kommen, und die Forderung an sich selbst und
seinesgleichen, S o u v e r ä n i t ä t zu beweisen - was nun
gar keinen ökonomischen Inhalt mehr hat. So auch Imam Khomeini im
Amschluß an die zitierte Beschwerde, referiert von seiner Bonner-
Botschaft:
"Er rief die islamischen Nationen auf, sich von der östlichen und
westlichen Abhängigkeit zu befreien, die Symptome des Imperialis-
mus in ihren Ländern zu beseitigen und sich zu bemühen, die öst-
lichen und westlichen Militärbasen in ihren Ländern zu schlie-
ßen."
Von dem Souveränitätsidealismus, mit dem noch jeder "Drittwelt"-
Führer, der auf sich und seine Nation etwas hält, seinen Einstand
in der imperialistischen Weltordnung selbständiger Staatsgebilde
feiert, unterscheidet sich dieser Aufruf nur durch seine Bezug-
nahme auf eine Religion, deren Geboten die angesprochenen Staaten
eine autonome Aufführung offenbar schuldig sein sollen. Bei den
Führern des Iran ist das nun allerdings etwas anderes als ein be-
rechnend gewählter Titel, der einen idealen Legitimationsanspruch
ausdrückt, so wie andere Vertreter einer neuen oder erneuerten
nationalen Unabhängigkeit sich etwa in den 60er Jahre mit Vor-
liebe auf den - z.B. "afrikanischen" - "Sozialismus" berufen ha-
ben. Hier predigt ein Geistlicher, der sich u m s e i n e r
S a c h e willen genötigt sieht, Politik zu machen, und der da-
bei das Netz guter Beziehungen, die der Imperialismus über die
Welt geknüpft hat, als Gegner kennengelernt hat.
Tatsächlich hatte ja die "Modernisierungs"-Politik des Pahlevi-
Schah die "schiitische Sache" durchaus in Gefahr gebracht: Mit
der Einsetzung weltlicher Gerichte und mit kaiserlichen Bildungs-
kampagnen wurde der Religionsdienerschaft ihre Existenz als
staatlich anerkanntes Rechts- und Unterrichtsorgan fürs Volk be-
stritten; die Ruinierung der herkömmlichen Produktionsweise auf
dem Land und die dadurch in Schwung gebrachte Landflucht zer-
setzte wie von selbst die Traditionen islamischer Sittlichkeit;
vom Kaiserhof gingen - für ganz andere Gesellschaftsschichten -
dieselben unfrommen Tendenzen aus und wurden als Modernisierung
gefördert - Brennpunkt war die "Tschador-Frage" -; die Kaiser-
Ideologie der Pahlevis sollte in Konkurrenz zu der islamischen
Lehre von Herrschaftsrechten und Untertanenpflichen treten...
Protest dagegen verstand sich für die Geistlichkeit von selbst.
Sie verwahrte sich gegen eine Entwicklung, die ihr vom Standpunkt
des Vorbetens und Predigens aus als atheistische Kulturrevolution
vorkam und, weil ihre Proteste wirkungslos blieben, als sündiger
Anschlag auf die große islamische Gemeinde:
"... daß Sie dem Rat der 'Olama keine Beachtung schenken und mei-
nen, gegen den heiligen Qor'an, die Verfassung und das allgemeine
Gefühl der Bevölkerung handeln zu können.... Die 'Olama erklärten
öffentlich, daß das Frauenwahlrecht und der Verzicht auf die Be-
dingung, nur als Moslem das aktive und passive Wahlrecht ausüben
zu dürfen, im Gegensatz zum Islam und zur Verfassung stehen. Wenn
Sie glauben, Sie könnten den heiligen Qor'an durch die Awest der
Zoroastrier, die Bibel oder sonstige fehlgeleitete Bücher erset-
zen, befinden Sie sich im Irrtum." (Khomeini 1962 in einem Brief
an den Schah)
Da bekam nun auf einmal die islamische Theologie vom Bösen und
von der Zweiteilung der Welt in die des Islam und die "des
Krieges" eine Wahlrechtsreform zum Inhalt, und außerdem Eigen-
tumsfragen des staatlichen Agrarbusiness usw. - Teufeleien, von
denen Mohammed sich nun wirklich nichts hatte träumen lassen. Die
theologische Fahndung nach den Schuldigen stieß auf zahlreiche
Figuren, die dem Koran auch noch nicht geläufig waren: ge-
schäftstüchtige Schah-Berater, Bankiers und Geldanleger, Militärs
und Öl-Multi-Vertreter aus dem Ausland, die teilweise von der na-
tionalen Gerichtsbarkeit ausgenommen waren; die Lehre von den Wi-
dersachern des gottgefälligen Lebens war um die Personnage des
Imperialismus zu erweitern. Eine Religion, die sich von ihrer Ob-
rigkeit so in die Defensive gedrängt sieht, muß sich eben über
alle möglichen Dinge sachkundig machen, die eine mit dem weltli-
chen Auftraggeber bruchlos einige Frömmigkeit gar nicht zu kennen
braucht - wobei die Sachkunde sich freilich darauf beschränkt,
eine neue Besetzung für die Rollen ihrer alten Legenden zu fin-
den.
Der notwendige nächste Schritt einer so aktualisierten Religion
besteht darin, daß sie sich ihre eigene Ohnmacht zum Problem
macht; auch das erst einmal theologisch. Denn grundsätzlich war
religiöses Gemecker über die schlechten Herrscher im Iran nichts
Neues, ohne daß sich die Geistlichkeit mit ihren Herren groß an-
gelegt hätte; im Gegenteil: Die schiitische Glaubenslehre verfügt
- genauso wie jede christliche Kasuistik - über eigene fromme Be-
weisführungen zur Unterordnung auch unter Obrigkeiten, die es an
islamischer Sittlichkeit fehlen lassen. Die Theologie trifft eben
ihre Vorkehrungen dafür, daß der Antimaterialismus der Religion
eine einseitige Sache bleibt, nämlich den Materialismus der Herr-
schenden auf sich beruhen läßt. Diese religiöse Indolenz spricht
auch sehr deutlich ausgerechnet aus der Polemik, die Khomeini als
Radikaler unter den Ayatollahs schon früh dagegen angestrengt hat
- bezeichnenderweise erregt ihn die Freundschaft des Schah mit
einer Macht, der er eigentlich nichts schlimmeres als die Hoheit
über Heiligtümer vorzuwerfen hat, die eigentlich seinem Allah ge-
hören:
"Wir haben vieles geduldet: den barbarischen Angriff auf den hei-
ligen Boden der theologischen Schule in Qom, die Einkerkerung,
Folter und Verfolgung unserer national und religiös gesinnten
Leute, den Angriff auf unsere Universitäten und andere Ausbil-
dungsstätten, die Unterdrückung aller öffentlichen und individu-
ellen Rechte und Freiheiten. Wir übersahen Bestechung, Korrup-
tion, Dekadenz und Verrat und den Brudermord in vielen Teilen un-
seres Landes. Doch wie können wir die Schande ertragen, daß unser
islamisches Land in einen Stützpunkt für Israel und den Zionismus
verwandelt wird?"
Aus dermaßen gerechter Empörung heraus kümmert sich Khomeini aus-
giebig um die theologische Ableitung des Grundsatzes, die islami-
sche Geistlichkeit dürfe das Feld der Politik nicht ihren Gegnern
überlassen und sich im Privaten einhausen:
"Eine Trennung von Politik und Religion sei dem Islam fremd. Der
Islam sei untrennbar mit allen Lebensbereichen verbunden. Die Un-
terscheidung zwischen dem Bereich des Säkularen und des Religiö-
sen sei nichts als ein verderblicher Versuch des Westens, die is-
lamische Welt zu verwirren und auszubeuten. Spöttisch fragt er,
ob denn zur Zeit des Propheten Religion und Politik zwei ver-
schiedene Dinge gewesen seien und ob es damals vielleicht auf ei-
ner Seite Ulama (Geistlichkeit), auf der anderen Seite Diplomaten
und Politiker gegeben habe. 'Was für eine lächerliche Idee!' ist
seine Antwort. Und jene, die eine solche Trennung befürworten,
suchten nur Mittel und Wege, um den Islam vom Volk zu trennen und
es wie eh und je mit der Politik des Divide et Impera auszubeu-
ten. 'Sie wollen, daß wir weiterhin nur beten, ohne einen Gedan-
ken an die Politik zu verschwenden, um so weiterhin unseren na-
tionalen Reichtum zu stehlen', behauptet er von den westlichen
Regierungen und von den pro-westlichen säkularen Führern des
Iran."
Das alles ist freilich selber - bloß Theologie, eine Doktrin über
den puren Idealismus der Einmischung von einem Standpunkt der
praktischen Ohnmacht aus; die Ähnlichkeit mit offiziell verworfe-
nen Sumpfblüten des Christentums wie der "Theologie der Befrei-
ung" ist kein Zufall. Daß der Protest, der so über seinen An-
spruch räsoniert, zur politischen Macht zu werden, tatsächlich
politisch wirksam und sogar zur herrschenden Staatsmacht geworden
ist, liegt weder an ihm noch an der Versicherung, Religion dürfe
keine bloß innerliche Sache sein und bleiben. Die iranischen
Volksmassen haben sich den geistlichen Auftrag, die islamische
Gemeinde zu retten, praktisch zu eigen gemacht; und dafür werden
sie schon den Grund gehabt haben, den sie nun wirklich unmißver-
ständlich zum Ausdruck gebracht haben: Sie waren die Schah-Regie-
rung leid.
Materielle Gründe dafür hatten sie mehr als genug. Die "weiße Re-
volution" des Schah hatte mit ihren Geboten und Anstrengungen,
aus der dörflichen Landwirtschaft mehr oder überhaupt einen in
Geld existierenden Reichtum herauszuholen, die alte Produktions-
weise ersatzlos ruiniert und ein beträchtliches Massenelend ge-
schaffen. Die aus Ölgeldern finanzierte luxuriöse Staatsindustrie
hatte für die freigesetzte Landbevölkerung keine lohnende Verwen-
dung und für ihr Proletariat sehr wenig Lohn übrig. Grund zur Un-
zufriedenheit hatten auch die in allen Erzählungen über das isla-
mische Revolutionsgeschehen gewürdigten Bazarhändler: Durch die
vom Schah geförderte großkapitalistische Konkurrenz, auch aus dem
Ausland - die manchem Städter vielleicht sogar das Leben billiger
gemacht hätte -, sahen sie ihr Einkommen geschmälert und gefähr-
det. Für ihre materiellen Interessen sind aber allenfalls die
Letzteren in Opposition zum Schah gegangen; eine Minderheit hatte
sozialistische Alternativen im Sinn, wie immer die auch aussahen.
In der Hauptsache und im Endergebnis war der Sturz des Pahlevi-
Clans eine r e l i g i ö s e Aktion. Nicht Streiks waren ange-
sagt, die dem Regime seine Machtbasis entzogen hätten, und auch
nicht der bewaffnete Aufstand, sondern Massenaufmärsche, bei
denen sich Hunderttausende den Polizeitruppen des Schah entgegen-
stellten und ihre unbedingte Entschlossenheit kundtaten, sich
ohne weiteres erschießen zu lassen - im festen Vertrauen auf die
Zusicherung der Mullahs, es handle sich um reguläre Märtyrerpro-
zessionen und dabei anfallende Tote gelangten auf direktem Weg
ins Paradies.
Wer so handelt hat kein bürgerliches - pluralistisch-distanzier-
tes, aus psychologischen Sinnbedürfnissen heraus unterhaltenes -
Verhältnis zu seinem religiösen Wahn, sondern ein fanatisches -
ganz so, wie der zuständige Theoretiker es aus dem modernen Ge-
meinwesen ausgeschlossen wissen wollte:
"Das Feld der Religion ist die Innerlichkeit. Wenn nun die Reli-
giosität im Staate sich geltend machen wollte, wie sie gewohnt
ist auf ihrem Boden zu sein, so würde sie die Organisation des
Staates umwerfen. Wollte sie alle Beziehungen des Staates ergrei-
fen, so wäre sie Fanatismus." (Hegel, Rechtsphilosophie, Paragr.
270, Zusatz)
Wenn ein ganzes Volk so handelt, dann beweist es damit, daß es
von seiner modernisierungsbeflissenen Obrigkeit überhaupt nicht
in bürgerliche Lebensverhältnisse versetzt und an ein entspre-
chend heuchlerisch-tolerantes Verhältnis zu seinen Glaubensüber-
zeugungen gewöhnt worden ist. Der Schah hatte sein Volk aus sei-
nen vorkapitalistischen - Lebensbedingungen vertrieben, ohne es
in seiner Masse einer kapitalistischen Benutzung zuzuführen und
mit den entsprechenden weltlichen Sorgen zu beschäftigen. In die-
sem Volk eine Aktionseinheit gegen die Urheber des Massenelends
zu stiften, eine Aktionseinheit eben von Leuten ohne praktischen
gesellschaftlichen Zusammenhang und ohne materielle Machtmittel:
Darin war die islamische Religion im Iran konkurrenzlos gut, und
sie ist erfolgreich geblieben. Mit der Durchsetzung Khomeinis als
letzte politische Instanz i s t die religiöse Fiktion einer
Volksgemeinschaft Allahs zum geltenden Standpunkt der iranischen
Staatsmacht geworden.
Das allerdings ist ein Widerspruch. Denn keine Religion gibt eine
Politik, geschweige denn ein nationales Programm her, auch die
iranische Schia nicht. Die Fiktion einer frommen Gemeinde kann
zwar Aufstände bis zum erfolgreichen Ende beflügeln, aber weder
eine nationale Produktionsweise ersetzen noch der Nation einen
weltpolitischen Standpunkt verschaffen - noch nicht einmal in der
Theorie. Sie belehrt ja gar nicht über Bankgeschäfte, Ölexport,
nationale Souveränität oder Einkommensquellen. Es ist umgekehrt:
Was "die Religion rät" in politischen Fragen, wozu sie ihren ra-
dikalisierenden oder besänftigenden Senf hinzugibt, das muß sich
schon aus anderen Quellen ergeben.
Und in dieser Hinsicht ist den Mullahs kein, geschweige denn re-
volutionärer, Einfall gelungen.
Die schiitische Staatsreform: Die alte Scheiße mit neuem Überbau
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Bei der Besichtigung des schlecht behandelten und verelendenden
iranischen Volkes verfielen die politisierenden Gottesdiener auf
den noch jedem Weltverbesserer geläufigen "Schluß", das alles
müßte doch nicht sein. Nach der Logik der Moral, daß der gute
Wille alle Berge versetzen kann, erschien ihnen ihr altüberlie-
ferter Gerechtigkeitsidealismus glatt wie eine wirtschafts- und
sozialpolitische Alternative zu den Fakten, die der Schah als
Partner des Imperialismus geschaffen hatte:
"Die Gleichheit vor dem Gesetz, unabhängig vom sozialen Rang,
würde anständiges und rücksichtsvolles Verhalten fördern und Ge-
walttätigkeit vermeiden helfen. Die Gesellschaft wäre dann nicht
mehr zwischen Reich und Arm geteilt, zwischen denjenigen, die
aufgrund ihrer guten Verbindungen über dem Gesetz stehen und den-
jenigen, denen in ihrem Elend aus den Gesetzen keinerlei Recht
zukommt. Wenn die Macht von wahren Moslems ausgeübt werde, die
mit dem islamischen Recht vertraut sind und ihm völlig entspre-
chen, würden die Probleme des Staates verringert und verein-
facht."
"'Das islamische Wirtschaftssystem ist perfekt: Es ist bislang
nur nicht verwirklicht worden.' Wenn das islamische Steuersystem,
das unter anderem aus Zakat (5% der landwirtschaftlichen Produk-
tion), Khoms (20% des jährlichen Netto-Profits) und Jeziyah (von
Christen, Juden und Zoroastriern für staatlichen Schutz und
Dienstleistungen zu zahlende Kopfsteuer) besteht, getreulich ver-
wirklicht würde, dann wären Armut, Arbeitslosigkeit und Regie-
rungsschulden ein für allemal beseitigt. Wenn die Steuerzahler
den Nutzen ihrer an die Regierung geleisteten Abgaben zu spüren
bekämen, würden dem Staat sogar noch größere Steuerbeträge zukom-
men."
Wer allgemeinen Wohlstand durch gerechte Steuern will, der hat
keine Kritik an den Einkommensquellen, auf die die Gesellschaft
festgelegt ist, und will noch nicht einmal wahrhaben, daß es ge-
rade an Einkommensquellen, von denen sie leben könnten, den ira-
nischen Gotteskindern fehlt. Wer angesichts der unausbleiblichen
Konsequenzen Arm und Reich in religiösem Geist versöhnen möchte,
der hat noch nicht einmal etwas mit dem entwicklungspolitischen
Ideal im Sinn, die Armut für die Mehrung eines national nachge-
rechneten Reichtums nutzbar zu machen und dadurch "langfristig" -
abzuschaffen. Die Übernahme der im Lande verbliebenen Vermögens-
werte des Kaiserhofs durch eine dem Imam unterstellte "Stiftung
der Entrechteten" sollte überhaupt nie ein Stück nationaler Wirt-
schaft schaffen oder in Schwung bringen, sondern Mittel für ein
landesweites Almosenwesen bereitstellen, das erst einmal - wie zu
Zeiten des Schah, als es auch schon Ähnliches gab - seine Verwal-
ter bereichert; schließlich entzieht das religiöse Verbot der
Korruption diesem Erwerbszweig nicht den Boden, sondern bezieht
sich darauf als gesellschaftlichen Normalfall. Das verfassungs-
rechtliche Verbot von Grundbesitz und Firmengründungen durch Aus-
länder ist nichts als eine feindselige Reaktion darauf, daß unter
dem Schah Kapitalgesellschaften aus dem Ausland Reichtum aus dem
Land gezogen haben; als Absicherung eines Programms, diesen
Reichtum weiterhin zu schaffen, aber mit volksfreundlichen Metho-
den und Verwendungszwecken, ist es noch nicht einmal gemeint. Die
komplett verstaatlichten Banken wurden aufs islamische Zinsverbot
umgestellt; seit ein paar Jahren zahlen sie ihren Einlegern keine
Zinsen mehr, sondern eine Art Gewinnbeteiligung, nehmen auch von
ihren kommerziellen Kunden Rendite in Form eines Profitanteils
entgegen, verdienen an Privatkunden in der Weise, daß sie den zu
kreditierenden Artikel kaufen und auf Raten teurer verkaufen. Und
mit diesem Geschäftsgebaren, das auch nicht verrückter ist als
eine Hypothek oder ein "Genußschein", ist die umstürzlerische Ab-
sicht, in der die Geistlichkeit das Kommando über den Kreditsek-
tor übernommen hat, auch schon am Ziel: Lauter Umsätze mit fikti-
vem Kapital, die kein Prophet je vorhergesagt hat, sind mit dem
Buchstaben einer frommen Polemik gegen das Laster des Wuchers in
eine geradezu ironische Übereinstimmung gebracht. Die private Ge-
schäftswelt, die sich auf eine ebenfalls religiös verankerte Ei-
gentumsgarantie und ein zutiefst islamisches Sozialismusverbot -
auch das gibt der Koran her! - fest verlassen kann, entwickelt
ein paar neue Techniken, um in der Konkurrenz mit dem so reorga-
nisierten Kreditwesen gut wegzukommen. Die Geschäfte, die sie
treibt, sind ansonsten dieselben wie unter dem Schah, nur laufen
sie besser, weil die islamische Republik die Konkurrenz durch
kaiserliche oder ausländische Kapitalgesellschaften unterbunden
hat. Wie unter dem Schah läuft auch die staatliche Großindustrie
als Verlustgeschäft weiter, offenbar aber auf kleinerer Stufen-
leiter; die zur Fortführung nötigen Deviseneinnahmen müssen wich-
tigeren Zwecken dienen.
Und die eigentumslose Mehrheit, ununterbrochen vermehrt durch
Bauern, die auf ihren Äckern kein Auskommen mehr finden, läßt die
Slums um die iranischen Großstädte herum weiter wachsen; angeb-
lich ist allein Teheran seit dem Umsturz um 3 Millionen Zuzügler
größer geworden. Der höchst moralische Einfall der frommen Obrig-
keit, dieses Verelendungssymptom zu bekämpfen, indem den land-
flüchtigen Familien Unterkunft und Unterstützung in der Stadt
entzogen und ein 100-Marks-Kredit als Starthilfe für ein neues
Landleben in Aussicht gestellt wurde, hat den Fortgang der vom
Schah eingeleiteten Modernisierung des Landes an dieser Stelle
überhaupt nicht aufgehalten - von wegen "Rückkehr ins Mittelal-
ter"!
Die islamischen Republikaner führen den Iran ungefähr als das
weiter, als was sie ihn vom Schah übernommen haben: eine devisen-
bringende Ölquelle mit sehr viel Volk, das in jeder Hinsicht zu
zahlreich ist: für die Überreste einer agrarischen Subsistenz-
wirtschaft, für den Arbeitskräftebedarf des im Lande blühenden
Geschäftslebens, für die Bedienung der Ölexportwirtschaft. Berei-
chert haben die Mullahs an der Macht dieses imperialistische
Kunstprodukt um die Restauration eines Rechtswesens, das die
Leute verstümmelt, um ihnen Ärger im Paradies zu ersparen -
"Aber diejenigen, die es besser wissen und an die Bestrafung im
Jenseits glauben, sind davon zum Beispiel überzeugt, wenn die
Hand eines Mannes aufgrund eines Diebstahls abgeschlagen wird,
daß dies für ihn ein Segen ist, der im Jenseits sichtbar wird." -
,
sowie um die gewaltsame Renaissance religiöser Moden, die Sym-
ptome des vom Schah gepflegten Modernisierungswahns beseitigt und
einiges an Unterhaltung und Wissenschaft gleich dazu.
In dieser Kulturrevolution mit Tschador und Musikverbot liegt
eine gewisse Ironie: Sie stellt das Ölgeschäft mit dem Ausland,
die Geschäftemacherei mit Lebensmitteln und Importartikeln, die
Verelendung der Massen, ohne daran materiell etwas zu verändern,
unter das Vorzeichen einer wiedergewonnenen islamischen
E i g e n s t ä n d i g k e i t. Es ist, als wollten die Mullahs
beweisen, daß ein Volk den religiösen Adel als auserwählte Got-
tesmannschaft dann am allerbesten gebrauchen könnte, wenn die im-
perialistische Zurichtung des Landes ihr Werk getan und das
geehrte Volk zu ökonomischer Überflüssigkeit verurteilt hat.
Und damit mögen sie sogar Recht haben. Subjekt seiner eigenen Ge-
schichte ist ein solches Volk nämlich allemal bloß in seiner Ein-
bildung. Seine Einheit existiert als Fiktion, seine Macht als ge-
glaubtes Jenseits. Um so mehr bedarf es, um politisch überhaupt
zu zählen, der dauernden Bekräftigung seines schlagkräftigen Das-
eins durch das öffentliche Schauspiel gläubiger Einigkeit und
durch einen Auftrag, der seine moralische Einheit verlangt. Die-
ser Auftrag hieß zunächst: Beseitigung des Schah.
Inzwischen hat er einen neuen Inhalt, der genausowenig aus den
religiösen Fiktionen deduziert worden ist und schon gar nicht aus
einem materiellen Anliegen der iranischen Gesellschaft. Es gilt,
einen Krieg zu gewinnen - für die meisten Iraner das erste und
letzte Angebot in ihrem Leben, sich nützlich zu machen.
Die Triumphe des schiitischen 'Dritten Wegs' zwischen Ost und
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West und ihre Vorraussetzungen: Allah lenkt - der Imperialismus
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denkt
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In ihrem Feldzug gegen die am Kaiserhof versammelten Feinde der
schiitischen Sache haben die neuen Führer des Iran auch das ame-
rikanische Militär und dessen Stützpunkte aus dem Land geworfen;
ohne Rücksicht auf die eigene waffentechnische Abhängigkeit von
den USA, ohne weitere weltpolitische Berechnung - außer der auf
die Vorbildlichkeit ihres Befreiungsakts -, und ohne sich auf die
andere Seite der westöstlichen Front zu schlagen. Damit waren
ihre antiimperialistischen Taten auch schon so ziemlich vorbei.
Seither helfen die Mullahs ihren Glaubensgenossen in Afghanistan
und ignorieren souverän, daß sie damit zwar vielleicht Allah,
ganz bestimmt aber ein wichtiges Unteranliegen der amerikanischen
Weltpolitik fördern. Außerdem haben sie den Krieg der Fraktionen
und Stellvertreter größerer Mächte im Libanon um eine Miliz be-
reichert, die auf sie hört, die mit ihrem Einsatz aber alles an-
dere macht als dem ins Visier genommenen Zionismus Schwierigkei-
ten. Ansonsten ist dem polemisch auftrumpfenden Antiimperialismus
der Republik Khomeinis kein Inhalt zu entnehmen.
Schon gar kein ökonomischer. Das Ölgeschäft mit den kapitalisti-
schen Interessenten läuft dank Preisnachlässen wie in den alten
Zeiten, als Khomeini noch die Einflußlosigkeit der Religion am
Kaiserhof für die Aussaugung dieses edlen Saftes durch das Aus-
land haftbar machte. Die dabei eingenommenen Dollar machen Iran
zu einem nach wie vor höchst "interessanten Markt", um den nach
dem Ausscheiden der Amerikaner deutsche und japanische Firmen um
so erfolgreicher konkurrieren. Die Mullahs werden schon wissen,
weshalb sie die engsten weltpolitischen Verbündeten der USA von
ihrer Absage an jenen allergrößten Satan ausnehmen.
Wahrscheinlich halten sie ihren Ölexport und ihre Importbeziehun-
gen zu kapitalistischen Staaten für ihr Mittel zur Förderung des
weltweiten Einflusses des Islam - und haben damit noch nicht ein-
mal zur Hälfte recht. Denn erstens gilt für den Iran nach wie vor
und wie für alle "Rohstoffländer", daß sein "natürlicher Reich-
tum" ein Dreck ist, solange sich nicht auswärtige Abnehmer dafür
interessieren und ihn mit Vorteil zu ihrem Geschäftsartikel ma-
chen; Abnehmer, die über Reichtum in seiner weltwirtschaftlich
einzig gültigen, gar nicht "natürlichen", nämlich in Devisenform
verfügen, weil das Kreditgeld ihrer Länder zur allgemein gefrag-
ten Währung geworden ist. Dieser wirkliche Reichtum steht Staa-
ten, die eine Laune der Natur auf ihrem Gelände ausverkaufen, um
einen Anteil daran zu kriegen, nicht als Mittel zur Verfügung; er
funktioniert nach seinen eigenen Gesetzen und Konjunkturen als
eine Macht, von der solche Staaten, die nach ihrem Zulieferdienst
heißen, abhängig sind.
Und zweitens ist es eben eine Lüge, daß die Politik, f ü r die
die islamische Republik sich mit Ölverkäufen Dollars beschafft,
den Kampf gegen den Imperialismus, den sie b e a b s i c h-
t i g t, auch z u m I n h a l t hätte. Die regierenden
Mullahs haben getan, was allein in ihrer Macht liegt, nämlich ihr
Land den strategischen Interessen der "Supermächte" e n t z o-
g e n; w e l c h e strategischen Interessen diese Mächte an
ihrem Land hatten und weiter haben und wie sie sie durchsetzen,
das bleibt deren Sache. Auch als islamische Republik ist der Iran
das Objekt weltmachtmäßiger Kalkulationen, denen es allenfalls
statt Angeboten keine machen kann, und nur in der religiösen
Phantasie ihrer Führer ein Subjekt, das solche Kalkulationen
anstellt und mit dem amerikanischen "Papiertiger" spielt. Sogar
diese Verwechslung und der Anspruch, als autonome Kraft in der
Weltpolitik respektiert zu werden, haben ihre Grundlage nicht in
eigenen moralischen Wunderwaffen, sondern in der relativ wich-
tigen Rolle, die die amerikanische Weltherrschaft dem Iran beige-
legt hat, in dem Interesse, das deswegen auch die sicherheitsemp-
findliche Sowjetunion an diesem Staat nimmt, und in den Schran-
ken, die dieses sowjetische Sicherheitsinteresse und keine isla-
mische Großtuerei - der westlichen Weltmacht gesetzt hat, als die
sich Aufräumarbeiten der massiveren Art überlegte. Der Glaube der
Mullahs an die antiimperialistische Qualität und Wucht ihres
Standpunkts ist nur so "wahr", wie der Schah es fertiggebracht
hat und wie sie es heute noch fertigbringen, das Interesse der
Imperialisten sowie ihrer sowjetische Gegenspieler auf sich zu
lenken was durch ein bißchen Krieg am sichersten zu erreichen
ist.
Es wird schon so sein, daß das religiöse Oberkommando diese äu-
ßerst imperialismus-konforme Berechnung s o n i c h t an-
stellt. Es ist bei seiner Fahndung nach auswärtigen Feinden der
schiitischen Sache und ihres Erfolgs ganz von selbst erst einmal
auf die anderen islamischen Staaten gestoßen, die es an gläubigem
Einsatz fehlen lassen und die sich deswegen den Vorwurf des Got-
tesverrats machen lassen müssen; einen Vorwand, dessen moderate
Variante die Bonner Botschaft der islamischen Republik so zi-
tiert:
"Er appellierte an die Muslime der Welt, den käuflichen Führern
einiger Länder, die über sie herrschen, gegenüberzutreten und sie
durch Rat und Tat aus ihrem tiefen Schlaf zu wecken."
Einer der ausgemachten Verräter, Iraks Saddam Hussein, ist sogar
selber initiativ geworden und hat alle frommen Überlegungen der
iranischen Führung, wo der Satan zuerst zu bekämpfen sei, höchst
wirkungsvoll abgekürzt. Ihr antiimperialistischer - Standpunkt
hat seither einen materiellen Stoff: Die Republik führt Krieg,
und zwar in der Überzeugung, mit dem höchsten Recht Allahs im
Rücken in Saddam Hussein einen Stellvertreter des US-Imperialis-
mus bestrafen zu müssen und damit den US-Imperialismus selbst zu
treffen.
Allerdings stimmt noch nicht einmal das - so schön die darin
enthaltene Ironie der Weltgeschichte auch wäre.- Ihr Krieg hat
einen Haken, der auch einem Gottesmann auffallen könnte, wenn der
sich bloß mal kurz von seinem Koran losreißen und statt der
R e c h t f e r t i g u n g des Kriegführens -
"Wenn wir uns heute für den Krieg gegen Saddam und seine Verbün-
deten engagieren und wenn heute unsere Jugend ruft 'Krieg bis zum
Sieg', so widerspricht das nicht dem Koran. In der Tat ist das,
was sie sagen, nur ein Bruchteil dessen, was der Koran besagt.
Das, was wir sagen, liegt innerhalb der Grenzen unserer Möglich-
keiten. Aber Gott, der Allmächtige, weil er die Welt in Einheit
sieht, sagt: 'Krieg bis zur Auslöschung von Fitnah vom Antlitz
der Erde'." (Khomeini) -
dem w i r k l i c h e n N u t z e f f e k t der Schlächterei
seine Aufmerksamkeit widmen würde. Auch im Iran ist ja keineswegs
unbekannt, daß der Krieg die Interessen des Imperialismus zwar
heftig b e r ü h r t, aber nicht s c h ä d i g t, sondern
selbst Objekt imperialistischer Nutzenkalkulationen ist. Der Irak
ist angetreten, um in einer von den westlichen Mächten definier-
ten und kontrollierten Interessenssphäre und f ü r diese Inter-
essen wichtiger zu werden; und so bezieht sich der Westen auch
auf ihn: als Faktor, mit dem man rechnet; nicht als Partei, mit
der man sich bedingungslos identifiziert, so daß deren Niederlage
die eigene wäre. Überdies wird die Führung des Iran selbst am be-
sten wissen, daß und wie ihre eigene Kriegführung ganz genau die-
selbe Aufmerksamkeit und Anteilnahme findet. 'Selbst mit ihren
Erfolgen setzt sie keine eigenen politischen Interessen und stra-
tegischen Kalkulationen als die maßgebliche "Lage" für die
Golfregion durch, sondern sie modifiziert bloß, und zwar keines-
wegs notwendigerweise gegen imperialistische Interessen, ein paar
Größen in der Rechnung, die mit den Golfstaaten; ihrer Konkurrenz
und ihrem politischen und militärischen Kräfteverhältnis ange-
stellt w i r d. So verbucht der Westen beispielsweise den Wan-
del des Irak vom "radikalen" Problemfall der Region zum tief ver-
schuldeten Söldner der islamischen Partner Amerikas als schöne
Gratisgabe der hartnäckigen gottgefälligen Schlachten, die die
Iraner liefern. Daß gleich drei NATO-Mächte sich mit Schiffsge-
schwadern und Truppen am und im Golf eingenistet haben, ist auch
kein schlechter Effekt und zeigt neben er, wer dort wirklich in
letzter Instanz "Herr im Haus" ist. Und da die iranische Seite
diese Demonstration - bislang jedenfalls - respektiert, ist sie
auch keineswegs hoffnungslos als Feind abgeschrieben; zumal ein
Überlaufen ins Lager des weltpolitischen Gegners von der Staats-
führung dauernd mit einer Betonung als undenkbar zurückgewiesen
wird, die der imperialistischen Diplomatie natürlich zu denken
und zu mauscheln gibt. Nicht ganz zufällig sind die Generäle des
Ayatollah immerhin noch ans nötigste amerikanische Kriegsgerät
gekommen.
An diesem Kunststück zeigt sich am deutlichsten, wie scheinhaft
der Standpunkt der Absage an den Imperialismus in materieller
Hinsicht ist, den die islamische Republik in ihrer Staatsideolo-
gie so kompromißlos einnimmt. Ihren Krieg für die schiitische Sa-
che, gegen die Verräter und Feinde der Religion, führt sie mit
Mitteln, die sie sich nicht per Koran, sondern aus der imperiali-
stisch konkurrierenden bzw. eingeordneten Staatenwelt beschafft.
Sie zehrt von der Ausstattung, die der große Satan dem gestürzten
Schah noch hat zukommen lassen und verlangt auch immer noch die
Lieferung des bereits bezahlten Rests -, von der ungebrochenen
Ertragskraft des Ölgeschäfts, das sie nur durch Billigpreise gün-
stig beeinflussen kann, und von einem internationalen Waffen-
markt, auf dem für viel Geld viel zu schieben ist.
Das einzige Machtinstrument, das sie sich tatsächlich selbst ge-
schaffen hat, ist das religiöse Ethos, mit dem ihre Massen sich
als gottgefällige antiimperialistische Volksaktion aufführen.
Tauglich ist dieses Machtmittel allerdings auch nur für Erfolge
auf dem Felde der Moral. Entsprechend wird es eingesetzt; insbe-
sondere bei massenhaften Demonstrationen, die die Überlegenheit
der eigenen Sache machtvoll f i n g i e r e n. Der Wunsch, die
Muslime in aller Welt möchten sich diesen moralischen Smbolhand-
lungen anschließen, die im Kampf gegen den Schah ihre Wirkung ge-
habt haben, hat zu dem Einfall geführt, gleich eine ganze Massen-
demo nach Mekka, an den heiligsten Ort der islamischen Weltge-
meinde, zu exportieren. Daß die saudischen Polizeikräfte den Auf-
trag zu einer noch machtvolleren Gegendemonstration bekamen - des
Inhalts, daß die arabischen Herrscher einem frommen Volksaufstand
keine Chance lassen werden -, kann nach Auffassung der obersten
Einsatzleitung in Teheran die Symbolkraft und damit den beabsich-
tigten moralischen Effekt der Veranstaltung nur steigern. Das De-
monstrieren geht da über die Techniken der Kriegführung aus der
Position der Ohnmacht heraus: mit todesbereiten Terrorkommandos.
Die haben andernorts schon Schaden an militärischen Außenposten
der westlichen Mächte angerichtet; sie lassen sich natürlich auch
gegen amerikanische Kriegsschiffe vor der iranischen Küste los-
schicken - sofern die fromme Regierung es sogar noch darauf an-
kommen lassen will, ihre militärische Auslöschung durch die hei-
ligen Waffen der Demokratie zu riskieren. Einstweilen dürfen be-
trächtliche Massen von begeisterten Freiwilligen an der Irak-
Front das Schauspiel eines richtigen Glaubenskriegs vorführen -
neben dem profesionellen Schlachten. Der demonstrative Todesmut
von kaum bewaffneten Heerscharen, die durch Minenfelder auf
feindliche Stellungen zulaufen, um in den Himmel zu kommen, soll
den Feind demoralisieren - eine sehr religiöse Umkehrung des üb-
lichen militärischen Rezepts, die Moral des Gegners durch Terror
und Vernichtung g e g e n i h n brechen! - und endgültig mobi-
lisierend auf unterdrückte Glaubensgenossen wirken. Die Sache mit
dem Martyrium wird da ernst genommen: das Demonstriere zum Krieg
ausgestaltet und der Krieg als Demonstration durchexerziert. Der
erklärte Kriegszweck paßt dazu: Es geht um die Absetzung des Teu-
fels Saddam. Hussein als weithin sichtbares Zeichen für die Unbe-
siegbarkeit des Glaubens.
Diese blutige Sinnstiftung, die die Macht der Mullahs dem gläubi-
gen Volk zu bieten hat, haben Khomeinis- Kriegstheologen sich aus
dem Koran zurechtgelegt. Dabei steht in dem wirklich nichts davon
geschrieben, was für Aufträge ein auf wahre Autonomie bedachter
Souverän für sich in einer Staatenwelt entdeckt, die voll unter
dem Regime der Weltwirtschaft des Kapitals und ihrer großen stra-
tegischen Aufsichtsbehörde mit antisowjetischer Hauptfront steht,
und auch nichts von den Interessen, denen ein militantes Unabhän-
gigkeitsbemühen sich andienen muß und denen es nützt. Mit welchen
Mitteln und welchem Nutzen fromm regiert und als Märtyrer gestor-
ben wird das geht - von wegen "Rückkehr ins Mittelalter" - immer
noch nach den Drehbüchern des demokratischen Imperialismus.
*
Die Zitate sind aus:
Iran und die Islamische Republik, Heft 8, April 1981, hrsg. von
der Botschaft der Islamischen Republik Iran, Bonn; S. 23
Botschaft des Führers der islamischen Revolution Imam Khomeini an
die Muslime der Welt, Zeitungsanzeige der Botschaft der Islami-
schen Republik Iran, Bonn, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
vom 18.8.1987
Religion und Politik im Iran, Jahrbuch zur Geschichte und Gesell-
schaft des Mittleren Orients, hrsg. vom Berliner Institut für
Vergleichende Sozialforschung, Frankfurt/Main 1981; S. 129, 134,
318, 322
Iran - Irak / 'Bis die Gottlosen vernichtet sind', rororo aktu-
ell, hrsg. - von A. Malanowski/M.Stern, Hamburg 1987; S. 51, 52,
130.
Das theoretische Organ der Marxistischen Gruppe RESULTATE Nr. 6 -
Imperialismus 3 behandelt ausführlich den Iran: - Ölquelle mit
Volk
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